Apparate

Bei dem von den Freunden Hans Christoph Buch (> ARTMANN), Anna Jonas, Hans Joachim Schädlich und Peter Schneider (> ANSPRACHEN) organisierten, vom Berliner Senat finanzierten, von György Konráds «Mitteleuropa»-Konzept angeregten großen Schriftstellerkongress «Ein Traum von Europa» im Mai 1988 kamen rund vierzig Autorinnen und Autoren in der Berliner Kongresshalle zusammen. Einige aus der ČSSR, der Sowjetunion und der DDR durften nicht ausreisen. Die Spaltung Europas und die Einheit Europas waren die Themen, anderthalb Jahre

Auch ich sollte ein Statement zur Debatte stellen, aber was konnte ich dazu beitragen? Das Naheliegende – Jalta, Europäismus, Dissidenz – sollte es nicht sein. Da ich mich gerade mit Vilém Flusser beschäftigt hatte, sagte ich unter anderem dies:

«Wir befinden uns mitten in einer stummen Kulturrevolution, in einer neuen Mutationsphase des Menschen. Träger dieser Kulturrevolution sind die technischen Bilder. Das mag in den USA und in Japan deutlicher sein als in Europa. Weil diese Revolution nicht von den Intellektuellen ausgeht, haben gerade die europäischen Schriftsteller (Ausnahmen Italo Calvino und Hans Magnus Enzensberger) noch die größten Schwierigkeiten zu verstehen, was um sie herum, gegen sie, mit ihnen stattfindet. Vilém Flusser schreibt:

‹Wir sind daran, eine Bewusstseinsebene zu erklimmen, auf welcher das Erforschen der tieferen Zusammenhänge, das Erklären, Aufzählen, Erzählen, Berechnen, kurz das historische, wissenschaftliche und textuell lineare Denken verdrängt wird – Alle Erkenntnistheorie, Ethik und Ästhetik, und vor allem das Lebensgefühl als solches, sind im Umbruch begriffen. Wir leben in einer eingebildeten Welt der technischen Bilder, und wir erleben, erkennen, werten und handeln immer häufiger in Funktion dieser Bilder.›

Ich begrüße diese Mutation nicht, aber ich will versuchen,

Ob Schriftsteller dabei noch mitreden wollen und können, weiß ich nicht. Ob sie mehr zu bieten haben als die Antworten ihrer Bücher, weiß ich auch nicht. Aber ich wünsche mir, dass sie hin und wieder die Kraft und den Spaß aufbringen, diesen Debatten Zunder zu geben und nicht immer nur hinterherzuhinken.

Ich schlage vor, in folgende Richtungen zu denken. Die Kulturrevolution in ihrer ganzen Wucht und Tiefe erkennen und zur Rede stellen, das heißt zum Thema machen. Die Computerkultur als eine nicht nur potentiell, sondern prinzipiell demokratische Kultur verstehen. Technische Fragen auch zu politischen machen, also auch zu literarischen. ‹Die Technik ist gegenwärtig eine viel zu ernste Sache, um Technikern überlassen werden zu können.› (Flusser) In Konkurrenz zu den Bildern, im Kampf mit den Bildern (nicht gegen sie) das Potential der Phantasie der Worte neu entfalten. Das Verhältnis Mensch-Apparat neu bestimmen helfen, nicht gegen die Apparate, jedenfalls nicht gegen alle. Den

Genau darin sind wir ja, ohne uns dessen immer bewusst zu sein, Experten. Weil die Literatur nicht teilt, nicht angleicht, sondern ein klassisches Medium des Dialogs ist. Sie hält, in den Worten von Elias Canetti, ‹die Zugänge zwischen den Menschen offen›. Die künftigen Gesellschaften, wenn sie demokratische sein sollen, brauchen massenhaft genau das Element, das unter anderem der Literatur in winzigen, weil individuellen Einheiten ihre winzige, dennoch ungeheure Sprengkraft gibt.»

Susan Sontag neben mir auf dem Podium zeigte sich trotz oder wegen der Übersetzung ungeduldig. Eine Diskussion fand nicht statt. Das Thema war zu komplex für diese Veranstaltung, Mai 1988.