Bei dem von den Freunden Hans Christoph Buch (> ARTMANN), Anna Jonas, Hans Joachim Schädlich und Peter Schneider (> ANSPRACHEN) organisierten, vom Berliner Senat finanzierten, von György Konráds «Mitteleuropa»-Konzept angeregten großen Schriftstellerkongress «Ein Traum von Europa» im Mai 1988 kamen rund vierzig Autorinnen und Autoren in der Berliner Kongresshalle zusammen. Einige aus der ČSSR, der Sowjetunion und der DDR durften nicht ausreisen. Die Spaltung Europas und die Einheit Europas waren die Themen, anderthalb Jahre vor dem Sturz der Mauer. Von Aharon Appelfeld, Peter Bichsel, Efim Etkind, Jiří Gruša, Ágnes Heller, György Konrád, Maria Antonietta Macciocchi, Claudio Magris, Libuše Moníková (> ATOMBOMBE), Harry Mulisch (> ATTENTAT), Adolf Muschg und so weiter bis Susan Sontag, Andrzej Szczypiorski (> ARM) und Tzvetan Todorov war alles vertreten, was Rang und Namen hatte.
Auch ich sollte ein Statement zur Debatte stellen, aber was konnte ich dazu beitragen? Das Naheliegende – Jalta, Europäismus, Dissidenz – sollte es nicht sein. Da ich mich gerade mit Vilém Flusser beschäftigt hatte, sagte ich unter anderem dies:
«Wir befinden uns mitten in einer stummen Kulturrevolution, in einer neuen Mutationsphase des Menschen. Träger dieser Kulturrevolution sind die technischen Bilder. Das mag in den USA und in Japan deutlicher sein als in Europa. Weil diese Revolution nicht von den Intellektuellen ausgeht, haben gerade die europäischen Schriftsteller (Ausnahmen Italo Calvino und Hans Magnus Enzensberger) noch die größten Schwierigkeiten zu verstehen, was um sie herum, gegen sie, mit ihnen stattfindet. Vilém Flusser schreibt:
‹Wir sind daran, eine Bewusstseinsebene zu erklimmen, auf welcher das Erforschen der tieferen Zusammenhänge, das Erklären, Aufzählen, Erzählen, Berechnen, kurz das historische, wissenschaftliche und textuell lineare Denken verdrängt wird – Alle Erkenntnistheorie, Ethik und Ästhetik, und vor allem das Lebensgefühl als solches, sind im Umbruch begriffen. Wir leben in einer eingebildeten Welt der technischen Bilder, und wir erleben, erkennen, werten und handeln immer häufiger in Funktion dieser Bilder.›
Ich begrüße diese Mutation nicht, aber ich will versuchen, sie nicht länger zu ignorieren. Denn sie wird nicht abwendbar sein. Sie wird jeden Menschen in jedem Winkel Europas erreichen – Denn die Sehnsucht nach dem ‹glücklichen Dämmerzustand›, der von den technischen Bildern kommt, geht über alle Grenzen hinweg. ‹Menschliche Erleichterungen› sind das, die alle Europäer zu erwarten haben. Wenn es eine Konvergenz geben wird, dann die der bildreichen Leere und Zerstreuung, die im einträchtigen Interesse der kapitalistischen und der sozialistischen Nomenklatura liegt. Kurz, auf die Zerstörungen aus ideologischen Motiven (Folge der Teilung Europas, Folge von Jalta, Folge von Hitler und so weiter) folgen die Zerstörungen unideologischer, nämlich technischer Art. Und das erfordert ein neues Niveau der ideologisch-intellektuellen Debatten.
Ob Schriftsteller dabei noch mitreden wollen und können, weiß ich nicht. Ob sie mehr zu bieten haben als die Antworten ihrer Bücher, weiß ich auch nicht. Aber ich wünsche mir, dass sie hin und wieder die Kraft und den Spaß aufbringen, diesen Debatten Zunder zu geben und nicht immer nur hinterherzuhinken.
Ich schlage vor, in folgende Richtungen zu denken. Die Kulturrevolution in ihrer ganzen Wucht und Tiefe erkennen und zur Rede stellen, das heißt zum Thema machen. Die Computerkultur als eine nicht nur potentiell, sondern prinzipiell demokratische Kultur verstehen. Technische Fragen auch zu politischen machen, also auch zu literarischen. ‹Die Technik ist gegenwärtig eine viel zu ernste Sache, um Technikern überlassen werden zu können.› (Flusser) In Konkurrenz zu den Bildern, im Kampf mit den Bildern (nicht gegen sie) das Potential der Phantasie der Worte neu entfalten. Das Verhältnis Mensch-Apparat neu bestimmen helfen, nicht gegen die Apparate, jedenfalls nicht gegen alle. Den Versuch einer Allianz Technik – Intellektuelle (die Nichttechniker), um gegen die Bilder- und Informationshierarchien die ‹dialogischen Fäden› (Flusser) zu ziehen.
Genau darin sind wir ja, ohne uns dessen immer bewusst zu sein, Experten. Weil die Literatur nicht teilt, nicht angleicht, sondern ein klassisches Medium des Dialogs ist. Sie hält, in den Worten von Elias Canetti, ‹die Zugänge zwischen den Menschen offen›. Die künftigen Gesellschaften, wenn sie demokratische sein sollen, brauchen massenhaft genau das Element, das unter anderem der Literatur in winzigen, weil individuellen Einheiten ihre winzige, dennoch ungeheure Sprengkraft gibt.»
Susan Sontag neben mir auf dem Podium zeigte sich trotz oder wegen der Übersetzung ungeduldig. Eine Diskussion fand nicht statt. Das Thema war zu komplex für diese Veranstaltung, Mai 1988.