Auf dem Kapitol vor der Kirche Santa Maria in Aracoeli an einem Sommerabend auf der obersten Stufe der langen, breiten Marmortreppe sitzen. Unter der Kirche Reste eines Junotempels, menschlichen Blicken für immer entzogen. Links unten Marc Aurel, der Germanenschlächter und Philosoph, auf dem Ross, rechts an der Ecke die Piazza Venezia. Im Rücken die Kirche, aus der Rossinis «Stabat Mater» heranweht, die Religion ist zur Oper geworden. Abendblick über die scharfen Lichtkonturen des alten, des uralten, des gegenwärtigen Rom. Autolärm, die Kulissen mit dem halben Mond darüber. Die Selbstverständlichkeit, die Aufgeräumtheit der Ruinen im Scheinwerferlicht scheint niemanden zu irritieren. Cäsar, die Vandalen, Päpste und Könige und Staatspräsidenten, alle Figuren, die ich mir vorstelle, wandern einträchtig über den Platz, den erst Michelangelo so perfektioniert hat. Hier oben hält man sich gern für unverletzlich, meint sogar, der Welt da unten etwas Wichtiges mitteilen zu sollen – und schweigt umso mehr. Von dieser Treppe sprach Cola di Rienzo, Volksheld und Tyrann, zu den Römern hinunter. Ansonsten wurden auf den Stufen jahrhundertelang Geschäfte gemacht. Im hinteren Konservatorenpalast zur Linken neben dem Rathaus die Neugründung Europas mit den «Römischen Verträgen». Dort hielt ich bei einem internationalen Schriftstellerkongress den Vortrag über den Reichtum Europas. Im vorderen Palast das Standesamt, wo wir beiden Deutschen italienisch geheiratet haben.
Lass die Blicke, die Erinnerungen schweifen, raffe diese Szenen, sauf die Musik und schätze dich glücklich, Edeltourist, du weißt gar nichts!