«Ein verrückter Wind eines Tages / wirbelte den Schnurrbart eines Türken, / und der Türke rannte hinter seinem Schnurrbart / her und fand sich in der Naunynstraße.»
Diese vier Zeilen auf den ersten Seiten eines Poems, sie wirbelten einen damals noch so genannten Gastarbeiter Niyazi Gümüşciliç in die Poesie, dessen Erfinder Aras Ören in seinen ersten Verlag und in die deutsche Literaturlandschaft.
Ich sehe ihn genau vor mir, den großen, starken, gut dreißigjährigen Mann mit dem Schnurrbart und den «Koteletten bis unter die Ohren» wie Niyazi, mit seinem und meinem Freund Johannes Schenk, beide aus Kreuzberg in die Jenaer Straße in Wilmersdorf in den Verlag Klaus Wagenbach gekommen, um dem Lektor Delius ein Manuskript anzubieten. 1970, ein Jahr zuvor, waren wir uns zum ersten Mal begegnet, Schenk stellte mir Ören als türkischen Dichter vor, und ich war so forsch, ihm zu sagen: «Schreiben Sie doch über Ihre Landsleute hier in Berlin, wir wissen gar nichts über sie.» Und er: «Bin schon dabei» – am Anfang von «Was will Niyazi in der Naunynstraße» arbeitete er bereits, fühlte sich ermutigt und brachte nun eine vielfach korrigierte Übersetzung.
Ein Poem? Diese Form war auch einem studierten Vielleser nicht vertraut. Doch die vier wirbelnden Zeilen und die weitere Beschreibung der Anfänge des türkischen Lebens in Kreuzberg waren stark genug, um den skeptischen Lektor zu überzeugen, denn auch der Stil war von einem frischen, lyrisch erzählenden, einem «verrückten Wind» getragen. Wer so loslegt, voll Poesie und Schwung und Witz, der hat noch mehr drauf: eine neue literarische Perspektive, den überraschenden poetisch-präzisen Blick eines Türken aus der bis dahin schweigenden Mehrheit der ersten Generation der Gastarbeiter auf Berliner und deutsche Realitäten, multiperspektivisch, klassenkämpferisch getönt und doch tagträumerisch, mit bunt gemischtem Personal. Nicht Schablonen traten hier auf, wie es in der damaligen Arbeiterliteratur üblich war, sondern Individuen mit all ihren Schwächen, Illusionen, Sehnsüchten: Türken und Deutsche, türkische Frauen und deutsche Witwen, Arbeiterinnen, Arbeiter und Arbeitslose, Schläger, Gewerkschafter, Messerstecher, Schlitzohren, Säufer, Anpasser und beste Freunde, alle versammelt, mal nebeneinander, mal gegeneinander, mal miteinander, ohne Multikulti-Folklore. Dazwischen die Brücken der Erinnerungen von Berlin nach Istanbul und Anatolien und unter dem Pflaster und hinter den Fassaden Kreuzbergs die Schichten der deutschen Geschichte. Der Bosporus und der Mariannenplatz, vereint im Gedicht.
An der Übersetzung musste noch viel getan werden, das Buch erschien dann im Herbst 1973 im ersten Programm des neuen Rotbuch Verlags, dem Verlag der ehemaligen Wagenbach-Mitarbeiter, als literarischer Titel Nummer 1, unter anderem neben Peter Schneiders «Lenz». Und wurde das, was man heute einen Klassiker nennt und was Ludwig Fels damals schon in einer Rezension einen «geheimen Bestseller» nannte: «Wer diesen Band liest, für den wird nichts mehr beim Alten bleiben.»
Mit diesem Poem, das mit den folgenden «Der kurze Traum aus Kagithane» und «Die Fremde ist auch ein Haus» zur Berlin-Trilogie wuchs, und einem Dutzend weiterer übersetzter Bücher, Romane, Erzählungen, Gedichte hatte Aras Ören jahrelang ein Alleinstellungsmerkmal, wurde der erste Träger des > ADELBERT-VON-CHAMISSO-PREISES. Als 1995 der Roman «Berlin Savignyplatz» erschien, ein melancholisch-ironischer Blick auf türkische und deutsche Westberliner, für die sich nach dem Mauerfall das Leben von einem Tag auf den andern geändert hatte, war Ören bereits zum Erzvater der türkisch-deutschen oder deutsch-türkischen Autoren, ja der deutschsprachigen Migrantenliteratur geworden.
Da ich das Wurzelgerede und Hintergrundstempeln nie mochte, nannte und nenne ich ihn, obwohl er nach wie vor auf Türkisch schreibt, den am besten türkisch sprechenden deutschen Autor.