«Stücklohn» von Miklós Haraszti, die radikalste dissidentische Analyse eines «Arbeiterstaates», lag 1974 eines Tages in einer Rohübersetzung auf meinem Schreibtisch im Verlag. Hans Magnus Enzensberger, der Suhrkamp beriet, war das Manuskript des 1945 geborenen ungarischen Lyrikers zugespielt worden. Wegen einer Demonstration gegen den Krieg in Vietnam, die nicht von der Partei gelenkt war, hatte man ihn von der Universität relegiert, daraufhin verfasste er eine Satire auf die Bürokratie, die ihm den Vorwurf eintrug, für «uferlose Demokratie» und «revolutionären Asketismus» einzutreten. Man stellte ihn unter Polizeiaufsicht, nur durch «Bewährung» in der Produktion konnte er sich davon befreien.
Haraszti ging also in die Fabrik, ein Jahr arbeitete er im Traktorenwerk Roter Stern in Budapest und hielt seine Erfahrungen in «Stücklohn» akribisch fest. Der Text bewies uns moderaten Linken, wie blauäugig die waren, die den osteuropäischen Sozialismus damit verteidigten, dass die Produktionsmittel in der Hand des «Volkes» oder der «Arbeiter» statt in der von «Ausbeutern» waren. Gut hundert Seiten nüchterner Beschreibung der Arbeitswelt – das zielte direkt auf den angeblich guten Kern des Sozialismus, Produktion ohne Ausbeutung. Mitte der siebziger Jahre trösteten sich noch manche kritische Westler damit, dass in den von der Sowjetunion beherrschten Ländern zwar vieles, eigentlich fast alles im Argen liege, aber der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit sei aufgehoben. Haraszti raubte diese letzte Illusion. Er zeigte sehr genau, wie die Arbeiter den Arbeiterstaat betrügen, ja betrügen müssen, weil der Arbeiterstaat sie auf neue Art ausbeutet. Er protokollierte, wie gesellschaftliche Verlogenheit entsteht und warum es sozialistischen Gemeinsinn nur noch als Notwehr, als Sabotage, als Widerstand gegen die Funktionäre gibt. Und das im Jahr 1972. Ein Text, der im Untergrund kursierte und eine Weile brauchte, bis er in den Westen geschmuggelt, rohübersetzt und in Enzensbergers Hände gelangt war.
Ein Wallraff aus Ungarn, aber literarisch weit besser und dichter, politisch radikaler und bitterer – da kniff der Suhrkamp Verlag, das war politisch zu brisant, man fürchtete offenbar um die anderen Geschäfte mit Ungarn. Enzensberger vertraute das Manuskript dem Rotbuch Verlag an, und auch wir, auch ich, holten erst einmal tief Luft, ehe wir uns für die Publikation entschieden. Es war der schärfste, der konkreteste Angriff auf den sogenannten realen Sozialismus, den man sich damals, Jahre vor Solidarność, vorstellen konnte. Ich steckte mitten im Siemens-Prozess, da galt erst recht das Verlagsprinzip: denen die literarische Freiheit zu geben, die sie brauchen und bei uns wollen, ungeachtet aller Risiken – auch uns hätte die DDR mit Reiseverboten und dem Stopp der Heiner-Müller-Ausgabe und so weiter strafen können.
Besonders vorsichtig mussten wir mit den Beteiligten aus Ungarn sein. Der Übersetzer, sonst für belletristische Texte bekannt, wollte und sollte anonym bleiben. Der Autor, zu dem wir nur über Mittelsleute umständlich Kontakt hatten, musste geschützt werden. Am besten durch den Segen eines Nobelpreisträgers. Also fuhr ich zu Heinrich Böll nach Köln, erklärte ihm den Fall und ließ ihn die Übersetzung lesen. Er zögerte nicht, ein Vorwort zu schreiben. Das Buch erschien 1975 – und der Name Böll genügte, um Haraszti vor einem Prozess und dem Zuchthaus zu bewahren. Die Brisanz des Buches wurde in der Bundesrepublik kaum erkannt, dafür in Frankreich umso mehr – und bei oppositionellen Leuten in der DDR. (Dreißig Jahre später wurde Haraszti unter anderem Beauftragter der OSZE für die Freiheit der Medien.)