Arbeitgeberpräsident

Mit Arbeitern habe ich mich wenig beschäftigt, dafür umso mehr mit denen, die Arbeitgeber genannt werden

Seine Entführung 1977 setzte ihn in ein neues Licht und offenbarte zugleich den Skandal deutscher Geschichtsflucht. Es galt nicht nur die Devise des Krisenstabs: hinhalten, nicht erpressen lassen, befreien, Leben retten. In den Medien galt gleichzeitig die Parole, die noch weniger ausgesprochen wurde: die Vergangenheit Schleyers herunterspielen oder nicht erwähnen, weil sie nicht zum Argument für die Terroristen werden dürfe. Die Angst, zu viel Wahrheit könne nur dem Gegner nützen, verband sich mit der üblichen Weigerung der Mehrheit der Deutschen, ihre Nazigeschichte als das Verbrechen zu sehen, das sie war. Schleyer ist schließlich ein sehr tüchtiger Nazi gewesen, dazu SS-Mann, wie man weiß, nicht von der «harmlosen» Sorte. Der Zusammenhang deutscher Geschichten war plötzlich aufs Peinlichste hergestellt und musste tabuisiert

Das sichtbare Leiden des gefangenen Arbeitgeberpräsidenten war für sich schon ergreifend. Irritierender noch war die Ahnung, dass die Polaroidfotos doppelt belichtet schienen. Das zweite Bild dahinter, über das nicht gesprochen wurde, war das heimliche, vielleicht das eigentliche Skandalon des Jahres 1977: Nie zuvor hatte man in Deutschland einen SS-Mann leiden sehen.