Mit Arbeitern habe ich mich wenig beschäftigt, dafür umso mehr mit denen, die Arbeitgeber genannt werden (beginnend mit «Wir Unternehmer», 1966), und ihren Präsidenten. Am meisten mit Hanns Martin Schleyer, von dem vieles in die Figur Büttinger in «Ein Held der inneren Sicherheit» eingeflossen ist. Entführt und ermordet von der RAF, ist Schleyer das prominenteste Opfer und eine Leidensgestalt und damit sakrosankt geworden. Das macht ihn trotzdem nicht zum Vorbild, daran muss man heute manchmal erinnern, nicht nur wegen seiner Nazivergangenheit, auch wegen seiner prägenden, teilweise reaktionären Macht in der Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre. Sein Beitrag für die Klimadebatte und Klimapolitik der Bundesrepublik ist von historischer Idiotie. Noch Mitte der siebziger Jahre, nach den Studien des Club of Rome und den Büchern von > AMERY und anderen, verkündete der Arbeitgeberpräsident: «Wir brauchen keinen Umweltschutz. Was wir brauchen, ist geistiger Umweltschutz vor diesen Leuten, die solchen Unsinn verbreiten.»
Seine Entführung 1977 setzte ihn in ein neues Licht und offenbarte zugleich den Skandal deutscher Geschichtsflucht. Es galt nicht nur die Devise des Krisenstabs: hinhalten, nicht erpressen lassen, befreien, Leben retten. In den Medien galt gleichzeitig die Parole, die noch weniger ausgesprochen wurde: die Vergangenheit Schleyers herunterspielen oder nicht erwähnen, weil sie nicht zum Argument für die Terroristen werden dürfe. Die Angst, zu viel Wahrheit könne nur dem Gegner nützen, verband sich mit der üblichen Weigerung der Mehrheit der Deutschen, ihre Nazigeschichte als das Verbrechen zu sehen, das sie war. Schleyer ist schließlich ein sehr tüchtiger Nazi gewesen, dazu SS-Mann, wie man weiß, nicht von der «harmlosen» Sorte. Der Zusammenhang deutscher Geschichten war plötzlich aufs Peinlichste hergestellt und musste tabuisiert werden: das ehemalige Mitglied einer kriminellen Vereinigung, gefangen von Mitgliedern einer neuen kriminellen Vereinigung.
Das sichtbare Leiden des gefangenen Arbeitgeberpräsidenten war für sich schon ergreifend. Irritierender noch war die Ahnung, dass die Polaroidfotos doppelt belichtet schienen. Das zweite Bild dahinter, über das nicht gesprochen wurde, war das heimliche, vielleicht das eigentliche Skandalon des Jahres 1977: Nie zuvor hatte man in Deutschland einen SS-Mann leiden sehen.