«Leser kann man nicht genug betrügen», dieser fröhliche Satz von Jean Paul ist mir im dritten Semester zugeflogen, bei der Lektüre seines Romans «Hesperus». Obwohl ich damals erst ein paar pointensüchtige Gedichte geschrieben hatte und an Romane und anderes noch lange nicht zu denken war, kam mir der Satz wie ein Motto vor, ein Arbeitsmotto für mutige formbewusste und selbstbewusste Schriftsteller.
Jean Paul sagt aus gutem Grund nicht: belügen, sondern mit Augenzwinkern: betrügen. Und natürlich rechnet er mit Leserinnen und Lesern, die wissen, dass sie «betrogen» werden, ja betrogen werden wollen, wenn sie einen Roman lesen, wenn sie sich auf Fiktion einlassen, wenn sie in das Reich der Phantasie einsteigen, wenn sie sich in Neuland wagen. Es ist ein selbstbewusster Appell, die Stärke der Fiktion zu rühmen und die Leser in das Reich der Erfindungen zu locken und dort mit Spannung gefangen zu halten. Vollständig lautet der Satz: «Leser kann man nicht genug betrügen, und ein gescheuter Autor wird sie gern an seinem Arm in Mardereisen, Wolfsgruben und Prellgarne geleiten.» Das Wort Prellgarn, ich habe das auch nicht gewusst, kommt aus der Jägersprache und meint eine spezielle Falle für Füchse. Man beachte trotz dieses rüden Vergleichs bitte die Höflichkeit der Formulierungen: «ein gescheuter Autor wird sie», die Leserinnen und Leser, «gern an seinem Arm geleiten.» Eine charmantere Einladung, sich auf Fiktion einzulassen, ist mir selten begegnet.
Der alte Satz hilft nebenbei den literaturvertrauten Menschen, der gegenwärtigen Hysterie um Wahrheit, Lüge, Fakten, Fiktion und so fort gelassener entgegenzutreten.