Um zwei Uhr nachts stürmten wir das Haus
des namhaften Kritikers. Der saß noch bei der Arbeit,
sprang sofort erleichtert auf und
nahm die Arme hoch. Sah zu, zufrieden
spielte er Entrüstung, als wir seine Bücher
in die Wäschekörbe packten, fasste aber nicht
mit an. Wir dachten an seinen bekannten
Enthusiasmus für «La Chinoise», ließen ihm also
Majakowskij und Brecht. Schon holte er Wein
aus dem Keller. Als wir die Schallplatten
wegnahmen, sagte er bloß, er wolle von Beethoven
sowieso nichts mehr wissen, bestand aber plötzlich
auf Albert Ayler. Wir stimmten ab, ja der
sollte ihm bleiben. Wir tanzten mit seiner Frau.
Sie lud uns in die Küche, manierlich aßen wir
die Delikatessen auf. Er wollte uns dann
mit Whisky halten. Es wurde hell, wir schleppten
das Zeug endlich raus, da bot er uns das Du an.
Das, fanden wir, ging zu weit.
Da haben wir also doch wieder einen Fehler gemacht.
«Armes Schwein» erschien zuerst 1968 im berüchtigten «Kursbuch 15», das angeblich der Abschaffung, in Wirklichkeit aber der Verteidigung der Literatur und Überlegungen zu ihrer Nützlichkeit gewidmet war. Das Gedicht ist von vorn bis hinten Fiktion, solche Aktionen hat es nie gegeben, und wenn, wäre sein Autor der Letzte gewesen, der sich daran beteiligt hätte, a) aus Angst, b) aus Prinzip. (Der Anlass übrigens war eine Party bei dem Literaturkritiker Reinhard Baumgart, der sich in der Tat mit dem Satz gebrüstet hatte, er wolle von Beethoven sowieso nichts mehr wissen.) Der Witz des Gedichts liegt, eindeutiger geht es nicht, in der Anbiederung, in der Unterwerfung, in der Zustimmung des Kritikers mit denen, die ihm Bücher und Platten wegnehmen. Natürlich kokettiert das Gedicht, beziehungsweise sein Autor, mit dem Vergnügen an der Gewalt eines solchen Überfalls, und deshalb ist mir heute, wenn ich es lese, ein wenig unbehaglich. Aufgespießt aber wird der Opportunismus des Kritikers, eine damals offenbar verbreitete Haltung, wie die Texte aus diesem «Kursbuch» von Karl Markus Michel, Walter Boehlich und Hans Magnus Enzensberger belegen.
Diesen Witz, diese Volte haben viele nicht verstanden, das machte Skandal, weckte heftige Empörung, zum Beispiel bei Joachim Kaiser (> ANMUT) und Alfred > ANDERSCH, der mit Enzensberger brach, weil er so etwas SA-Verdächtiges überhaupt druckte.