Im Sommer 1964 wurden etwa zehn junge Kritikerinnen und Kritiker zu einem vierwöchigen Seminar in Walter Höllerers Literarisches Colloquium geladen, und da ich als Student hin und wieder mal eine Rezension veröffentlichte, hatte man auch an mich gedacht. Aus Göttingen kamen drei, Heinz Ludwig Arnold, Lothar Baier, Wolf Wondratschek. Oft war ich der Vierte in deren Runde, meist in der Paris Bar in der Kantstraße, 1964 ein Lokal für Studenten und arme Künstler, wo man für weniger als fünf Mark ein «Steak minute» mit Pommes frites und einem Glas Rotwein bekam. Wondratschek belächelten wir schon damals, weil er überall immer gleich der Größte und Beste sein wollte. Baiers ruhige Klugheit imponierte mir am meisten (er wurde einer der besten literarischen Kritiker und Essayisten, wollte sich aber dem flotten Feuilletonbetrieb nie anpassen, wurde 1978 beinah mein Nachfolger als Lektor bei Rotbuch – und verzweifelte am Ende in Montreal). An Lutz Arnold gefiel mir, dass sich bei ihm literarische Begeisterung und Begeisterung für gutes Essen und gute Weine stets die Waage hielten. Er war gern im Mittelpunkt, aber bei ihm störte das nicht. Aus dieser Anfangssympathie wurde eine lebenslange Freundschaft, Lutz stets als Ermunterer, Anreger, eigensinniger Kritiker. Das Seminar übrigens war nützlich: Ich wurde für meine Kritiker-Arroganz in einer Lyrikrezension heftig kritisiert (> ATABAY) und lernte vom Schweizer Werner Weber den Satz fürs Leben: «Provinz ist eine persönliche Angelegenheit.»
In den achtziger Jahren organisierte Arnold, längst war sein Lebenswerk, das KLG, das Kritische Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, etabliert, in seinem Göttinger Haus Ost-West-Autorentreffen, zehn Leute höchstens, die neue Texte vorlasen und sich gegenseitig kritisierten und sich nur bei der Qualität des Rotweins einig waren. Später überredete er die Stadt Göttingen, mit ihrer polnischen Partnerstadt Thorn einen Literaturpreis zu stiften, der gleichzeitig zwei Preisträgerinnen oder Preisträger haben soll, je eine oder einen aus Polen und aus dem deutschen Sprachraum, den Samuel-Bogumil-Linde-Preis, 2002 war ich der Glückliche, mit Andrzej Stasiuk.