Schlimmster Fehler in den Jugendjahren, die Arroganz nach allen Seiten. Laut Tilmann Mosers «Gottesvergiftung» ein Ergebnis christlicher Erziehung: «Weil du (Gott) ein ewiger Nörgler an mir warst, wurde ich zum Nörgler an den anderen.» Als gäbe es ein Gebot, wenig Respekt zu zeigen, selten zu loben, nie zu schwärmen. Gerade anerkannte Größen fanden wenig Gnade. In den Londoner Notizen zum Beispiel am 4.11.66: «Gestern Marlene Dietrich. Über das Stöckelschuhalter hinaus. Eigentlich alles Schund. Nur wenn sie tief singt oder krächzt oder mit dem Mikrofon Dialog führt, wirds etwas lustig. Ganz schön, wenn sie am Schluss, beim Beifall, mit dem Vorhang spielt.» Als wäre die Dietrich eine peinliche alte Tante auf einer Provinzbühne. Dass sie in Golders Green auftrat, dem Viertel mit vielen Emigranten und Juden, und die Nähe zu ihrem Publikum und die allgemeine Erleichterung spüren ließ, die Nazis und die Nazijahre schlecht und recht überstanden und weitere zwanzig Jahre überlebt zu haben, das habe ich durchaus bemerkt. Aber nicht hingeschrieben, weil diese Stimmung nicht leicht zu beschreiben war und ich immer nur hastige Notizen machte. Auch wenn ich noch nichts wusste von der Hetze vieler Deutscher nach dem Krieg gegen die Dietrich, unverzeihlich ist mir heute die völlige Respektlosigkeit vor ihrer künstlerischen Leistung, ihrem Antinazismus und ihrer Stärke als eigenwillige, selbstbewusste Frau. Null Empathie für oder Rührung über die schöne alte Diva, die würdig gealterte Ikone der Erotik. Dazu noch die herzlose Verweigerung von Sympathie für das eine oder andere Lied – obwohl bei «Sag mir, wo die Blumen sind» auch meine Seele leise flennte. Selbst für einen Dreiundzwanzigjährigen ein bisschen viel an Ignoranz und Arroganz.