Im Winter 1970/71 kamen Nicolas Born, Hans Christoph Buch, Yaak Karsunke, Martin Kurbjuhn, Gert Loschütz und ich, zeitweise auch Sarah Haffner und Hartmut Lange, alle zwei, drei Wochen bei Johannes Schenk und Natascha Ungeheuer in deren Kreuzberger Wohnung zusammen, um unsere Ansichten über das auszutauschen, was wir schrieben und schreiben wollten. Im Zuge der Studentenbewegung strebten auch wir danach, «das Bewusstsein zu schärfen» und bessere, im weitesten Sinne nützliche Literatur zu produzieren. Mit politisch aktiven Studenten, das hatten H. C. und ich versucht, war darüber nicht zu reden, die wollten nichts als revolutionär sein oder sich dem täppischen Realismus der Arbeiterliteratur anbiedern. Wir waren da weiter, Praktiker, die schrieben und publizierten, Gedichte, Prosa, Stücke, Dokumentarisches. Einer las einen neuen Text vor, dann wurde viel gestritten. Wer auf den Scherz kam, unser Grüppchen ArSch zu nennen, Arbeitskreis revolutionärer Schriftsteller, weiß ich nicht mehr, vermutlich Karsunke, aber die Abkürzung zeigt, dass unsere Lust am Unernst nicht unterzukriegen war auch in der Hochzeit politischer Dogmatisierungen um uns herum.
An einem Nachmittag, den ich ausnahmsweise ausführlich im Notizbuch skizziert habe, stellte Born die Frage, wie viel man an den eigenen Texten feilen solle, und plädierte dafür, eine gewisse Sprödigkeit, auch Füllwörter zu erhalten, er bewunderte die Lässigkeit amerikanischer Autoren, die auf Verbesserungsvorschläge einfach nur «Why?» sagten. Wir diskutierten, wie spontan man beim Schreiben zu sein habe oder sein könne. Karsunke hielt dagegen: In unserer Situation müssten wir genau reflektieren, was wir machen, die sogenannte Spontaneität sei eine von Akademikern, die Ballast loswerden wollten, Spontaneität schließe gesellschaftskritische Inhalte aus. Born bestritt das. Loschütz versuchte zu vermitteln: Mal sei das Gedicht so, mal wieder anders angelegt. (Lange fehlte bei diesem Treffen, er hätte alle unsere Schwächen damit begründet, dass wir Hegel nicht gelesen hätten.)
Buch setzte neu an: Amerikanische Gedichte seien demokratische Gedichte, offen, weil jeder ähnlich schreibe und jeder Student und Hippie sie verstehe. Die Autoren seien «prächtige Kerle mit langen Haaren», die eben Uni-Stellen hätten, weil das in den USA so üblich sei. Dort würde er auch gegen diese Autoren polemisieren, weil ihnen historisch-kritisches Bewusstsein fehle, aber uns könne deren offene Schreibweise nur guttun. Karsunke witterte in dem Argument die Weigerung jungbürgerlicher Autoren, ihre Lage gründlich zu reflektieren und bestimmte literarische und politische Ziele zu verfolgen. Soll das heißen, fragte Kurbjuhn, dass jeder Text vorder- oder hintergründig politisch sein muss? Nein, meinte Karsunke, wir müssen nur unsere Bürgerlichkeit durchdenken!
Born mahnte zur Bescheidenheit und warnte vor großen Worten. Buch sagte: Es gibt politische Texte und schöne Texte, beide hätten ihre Berechtigung, den einen fehle die Subjektivität, den anderen die Objektivität. Karsunke, in scharfem Ton gegen Buch: Das Einerseits-Andererseits sei genau die bürgerliche Trennung, genau das müssten wir bekämpfen, eigentlich müssten wir dich bekämpfen! Buch: Ich bekämpf mich selber schon genug!
Endlich ein Lachen in der Runde, aber Karsunkes Angriff, das spürten wir, war von persönlicher Aversion getragen. Ich bot einen Kompromiss an: Das «Politische» hier und das «Schöne» da bringe nicht weiter, es komme auf die Vermittlung an, zum Beispiel durch das historisch-kritische Bewusstsein des Autors, ein «schöner» Text eines kritisch-bewussten Autors, sagte ich weiter, sei anders als der eines Naiven. Schenk: Das Gedicht zeige doch vor allem das Ich des Schreibers, der versuche, sich so genau wie möglich zu artikulieren. Auch Loschütz wollte zur Entschärfung beitragen: Das durchreflektierte Formulieren hängt von der Art der Texte ab, die ich mache.
Wir drehten uns im Kreis und bemerkten die Komik unserer Debatten nicht. Wir waren verkrampft in der Furcht vor den Spannungen zwischen Buch und Karsunke, dessen Argumente oft mit Verletzungen gespickt waren. Beide wollten Wortführer sein, beide waren schnell mit Patentrezepten zur Hand, bei jeder Debatte gerieten sie heftig aneinander. Schon bei einem der ersten Treffen hatten sie sich im Streit verbissen, wer der bedeutendere, vorbildlichere Autor sei, der «bürgerliche» Flaubert oder der «realistische» Zola. Karsunke hatte Zola gepriesen als das unbeholfene Neue, Buch Flaubert als das tief blickende Alte. Karsunke: Das Auto ist mir lieber als die Kutsche! Buch: Besser eine gute Kutsche als ein schlechtes Auto! Immerhin waren sich beide über die Qualität von Solschenizyns «Iwan Denissowitsch» einig.
Doch acht Wochen später endete alles mit einer Prügelei. Karsunke warf Buch ständiges Ausweichen, floskelhafte Argumente und Nicht-Reflektieren der eigenen Situation vor. Buch zu Karsunke: Er sei ein Narziss, mache andere nur nieder, dulde keine anderen Meinungen und wolle immer das letzte Wort haben. Nach kurzem Wortgefecht warf Buch einen Holzaschenbecher auf Karsunke und wollte ihn vermöbeln, erste Treffer auf beiden Seiten, wir rissen die beiden auseinander. Buch wollte sich auf dem Hof weiterdreschen, «das ist die einzige Sprache, die du verstehst». Dazu kam es nicht, wohl aber zum Ende des «ArSch» und zur Erkenntnis: In der Gruppe werden Autoren nicht besser, sondern wenn sie auf Gemeinsamkeit aus sind, schlechter.