Auf die Malerin Artemisia Gentileschi (1593–1654) in den neunziger Jahren aufmerksam geworden, aber nur wenige Bilder von ihr in Italien gefunden. Dann im März 2004 im Saint Louis Art Museum (> AMERICA), mitten in einem Park und nur eine Viertelstunde Spaziergang vom Universitätsapartment entfernt, die Überraschung: das poetische, laszive, selbstbewusste Bild «Danaë». So viel Erotik bei einer neunzehnjährigen, bei ihrem Vater noch lernenden Malerin? Die schöne Danaë ist eingesperrt in ihrem Zimmer, damit sie nicht schwanger wird. Weil dem Vater orakelt wurde, ihr Sohn, sein Enkel, werde ihn umbringen. Der verliebte Jupiter aber befruchtet sie mit Goldstaub, und da liegt sie nun, hingegeben im Orgasmus des Goldstaubs. Sie wird Perseus gebären, die Geschichte nimmt ihren Lauf, den das Orakel will. Und wir glotzen noch vierhundert Jahre danach in einem puritanischen Land auf so viel Mythos, so viel Lust am Mythos, so viel Lust auf einundvierzig mal dreiundfünfzig Zentimetern.
Erst zwölf Jahre später in Rom bei der großen Artemisia-Gentileschi-Ausstellung habe ich erfahren, dass die junge Malerin vergewaltigt wurde. Nun sehe ich in vielen Varianten ihre Judiths, Kleopatras, Lucretias und ihren Marsyas mit anderen Augen, auch das «Danaë»-Bild. Eine Frida Kahlo des 17. Jahrhunderts?