Assoziationen

Nach dem ersten Gedicht (> AUFENTHALT, ANDÄCHT’GER) folgten bald weitere Schreibversuche. Der schlechte Schüler (> AUSREICHEND) entdeckte, wie er sich selbst zu entdecken begann. Er staunte, welche Wörter aus seinem Inneren kamen und auf das Papier wollten, welche Formulierungen, welche kleinen Absurditäten, welche Gedanken, außerhalb der üblichen Logik und des nüchternen Schulverstandes. Erst Jahre später merkte er, dass das kleine verbale Widerstandsübungen waren, Widerspruch gegen die Formeln und Normen von Ruhe, Ordnung, Sicherheit, Macht, Glaube, Gewissheit, Ideologie. Die Zeilen, die ihm einfielen, wollten bewertet, erhalten oder gestrichen sein, suchten eine Form, die Form des Gedichts, und um dafür Kriterien zu entwickeln, musste er sich mit Literatur beschäftigen, vor allem mit zeitgenössischer Lyrik. Lesen und Schreiben beschleunigten einander. Stundenlang saß der schlechte Schüler am Schreibtisch und schrieb heimlich und tat so, als mache er seine Schulaufgaben. Das heimliche Tun war das wahre Tun. Sein Bruder beäugte ihn misstrauisch, seine

Gegen Weltschmerz und Einsamkeit gab es für ihn ein Rezept – kreative Tätigkeiten. Das Gedichtschreiben reichte ihm nicht. Da er in Korbach, trotz der Tanzstunde, keine Freundin fand, suchte er sich Brieffreundinnen, schrieb jeder mindestens einen längeren Brief pro Woche und freute sich über die Antworten. Er korrespondierte mit seinem Freund in Berlin (> ANNELIESE) und einem seiner alten Schule, es ging, jünglingshaft unbeholfen, um literarische und philosophische Fragen. Bei der Internationalen Korbacher Laienspielwoche schaute er sich so viele Aufführungen wie möglich an. Busfahrten ins Kasseler Staatstheater nutzte er, so oft er konnte und so oft er es bezahlen konnte. Für die Schule tat er nicht mehr als nötig war, um versetzt zu werden. Es zog ihn zur Sprache – und, auf dem Weg über das Radio, zur Musik, zur klassischen, zum Jazz, zu Elvis Presley, ohne zu einem hundertfünfzigprozentigen Fan zu werden. Alle Energie war auf das leere Blatt Papier gerichtet. Das Radio trug viel zu seiner Bildung bei. Dann fügte es sich, dass ein älterer Schüler eine neue, frischere, frechere Schülerzeitung gründen wollte, «der neue schülerruf» – sofort war er dabei, bekam einen ersten Einblick in die damaligen Techniken des Druckens und beteiligte sich zuerst als Fotograf.

Er lernte zu verstehen, dass ein Gedicht nicht zu steuern und zu planen ist. Nach der ersten Zeile entschied es selbst, wie es weiterging, wo es hinwollte, was es mitteilen oder gerade nicht mitteilen wollte. Einfälle pendelten zwischen Zufällen und versteckter Logik. Wörter jagten durch die Kopffilter, und man wusste vorher nicht, welche in welchen Zehntelsekunden aufgefangen wurden und in einer Zeile landeten. Es kam auf eine Gabe an, die er noch nicht hatte und noch nicht zu benennen wusste, aber beharrlich und ehrgeizig anstrebte: poetisches Gespür. Die seltsame Fähigkeit, wach in die Welt zu schauen und gleichzeitig in sich selbst hineinzuhören und gleichzeitig die Assoziationen treiben zu lassen und gleichzeitig zu phantasieren und den gerade sich zur inneren Hörbarkeit entwickelnden Zeilen eine Melodie oder wenigstens einen Rhythmus zu geben, gleichzeitig in Bildern und Tönen und Wörtern zu denken.

So poetisierte er sich die Welt. So veränderte er die Welt. So schuf er seine eigene Welt. Zuerst verfremdete er die Sprache, die ihn bedrückt hatte und weiter bedrückte, die Sprache der Gebote und Verbote, die Sprache der Gewissheiten und Allgemeinplätze. Die Gewissheiten der Macht, der Lehrer, der Väter. Sein Vater lag im Sterben, als er die «expeditionen» entdeckte und sich selbst in unbekanntes Gelände vorwagte.

Doch das Verfremden und Ironisieren war nur der eine Vorteil, der ihm half, sich gegen die Vatersprache zu wehren und an der Vatersprache zu rächen. Der zweite Vorteil war das Versteckspiel, bei dem er selbst die Regeln bestimmte. Mit der Sprache der Gedichte konnte er sich

Ein anderes Ergebnis zählte: Mit seinen angelesenen poetischen Weisheiten und mit seinen lyrischen Expeditionen versuchte er, sich aus dem Käfig des Stotterers und Stummen zu befreien. Die Befreiung gelang. Mit der neu entdeckten Sprache konnte er sich über andere erheben. Mit dem, was er schrieb, produzierte er seinen inneren Aufschwung selbst, seine Hochgefühle. In solchem Hochschwung blühte die Arroganz: Der Dichter weiß mehr