Nach dem ersten Gedicht (> AUFENTHALT, ANDÄCHT’GER) folgten bald weitere Schreibversuche. Der schlechte Schüler (> AUSREICHEND) entdeckte, wie er sich selbst zu entdecken begann. Er staunte, welche Wörter aus seinem Inneren kamen und auf das Papier wollten, welche Formulierungen, welche kleinen Absurditäten, welche Gedanken, außerhalb der üblichen Logik und des nüchternen Schulverstandes. Erst Jahre später merkte er, dass das kleine verbale Widerstandsübungen waren, Widerspruch gegen die Formeln und Normen von Ruhe, Ordnung, Sicherheit, Macht, Glaube, Gewissheit, Ideologie. Die Zeilen, die ihm einfielen, wollten bewertet, erhalten oder gestrichen sein, suchten eine Form, die Form des Gedichts, und um dafür Kriterien zu entwickeln, musste er sich mit Literatur beschäftigen, vor allem mit zeitgenössischer Lyrik. Lesen und Schreiben beschleunigten einander. Stundenlang saß der schlechte Schüler am Schreibtisch und schrieb heimlich und tat so, als mache er seine Schulaufgaben. Das heimliche Tun war das wahre Tun. Sein Bruder beäugte ihn misstrauisch, seine Eltern bemerkten nichts davon, sein Vater wurde ohnehin immer kränker und war mit der Gemeinde und seiner schlechten Gesundheit beschäftigt. Nur der Deutschlehrer, ein alter, strenger, intellektueller Pädagoge, spürte, dass sich der schlechte Schüler von innen her veränderte und plötzlich ganz andere Aufsätze schrieb. Der Lehrer stand direkt vor der Pensionierung, das erleichterte dem Sechzehnjährigen oder Siebzehnjährigen das Geständnis: Ich schreibe Gedichte. Der Lohn war Ermutigung.
Gegen Weltschmerz und Einsamkeit gab es für ihn ein Rezept – kreative Tätigkeiten. Das Gedichtschreiben reichte ihm nicht. Da er in Korbach, trotz der Tanzstunde, keine Freundin fand, suchte er sich Brieffreundinnen, schrieb jeder mindestens einen längeren Brief pro Woche und freute sich über die Antworten. Er korrespondierte mit seinem Freund in Berlin (> ANNELIESE) und einem seiner alten Schule, es ging, jünglingshaft unbeholfen, um literarische und philosophische Fragen. Bei der Internationalen Korbacher Laienspielwoche schaute er sich so viele Aufführungen wie möglich an. Busfahrten ins Kasseler Staatstheater nutzte er, so oft er konnte und so oft er es bezahlen konnte. Für die Schule tat er nicht mehr als nötig war, um versetzt zu werden. Es zog ihn zur Sprache – und, auf dem Weg über das Radio, zur Musik, zur klassischen, zum Jazz, zu Elvis Presley, ohne zu einem hundertfünfzigprozentigen Fan zu werden. Alle Energie war auf das leere Blatt Papier gerichtet. Das Radio trug viel zu seiner Bildung bei. Dann fügte es sich, dass ein älterer Schüler eine neue, frischere, frechere Schülerzeitung gründen wollte, «der neue schülerruf» – sofort war er dabei, bekam einen ersten Einblick in die damaligen Techniken des Druckens und beteiligte sich zuerst als Fotograf.
In der Buchhandlung leuchtete ihm im November 1960 ein Buch mit knallgelbem Umschlag entgegen, «expeditionen deutsche lyrik seit 1945», in der List Bücherei von Wolfgang Weyrauch herausgegeben. Zwei Mark zwanzig vom Taschengeld waren nicht zu viel für die Expeditionen zu sechzig oder mehr Autoren. Der Gedichtschreiber hatte ohne Vorbilder angefangen zu schreiben, es sollte nur anders als Eichendorff sein, nun las er zum ersten Mal Gedichte von Bachmann und Enzensberger, machte Entdeckungen bei Rühmkorf, Höllerer, Gomringer und Nelly Sachs, ließ sich auf Huchel und Heißenbüttel ein und bestaunte das Talent der jüngsten, die Christoph Meckel und Peter Hamm hießen. Alles war neu für ihn. Was in der Schule alle abschreckte, moderne Lyrik, gefiel ihm, gerade weil sie abschreckte. Er mochte das Pathos der französischen Moderne nicht, noch weniger das neoromantische Gesäusel à la Hesse, auch Rilke nicht, er suchte die Stimmen der Untertreibung und der Lakonie, der sprachlichen Frechheit und Überraschung und fand sie in den «expeditionen». Fast allen fühlte er sich nah, von fast allen ließ er sich anregen. Alle, so bildete er sich ein, ermunterten ihn. Keiner verstörte oder erschütterte ihn mit überlegenem lyrischen Können, von keinem hörte er die stille Aufforderung: Gib’s auf, Junge. Im Gegenteil, der Siebzehnjährige las lauter Einladungen, weiterzumachen und den eigenen Ton zu suchen. Er musste nur herausfinden, wie man von anderen lernte, ohne sie zu imitieren oder ohne dass es auffiel. Das gelang oft nicht, aber das war fürs Erste nicht wichtig. Wichtig waren die Inspirationen. Das gelbe Buch lag immer griffbereit, wenn er zu eigenen lyrischen Expeditionen ansetzte. Und wenn er nicht weiterwusste, schlug er irgendeine Seite auf und fand den Anstoß für eine neue Formulierung, eine Silbe, ein Wort, einen Gestus, die ihn seinen Silben, Wörtern oder seinem Gestus wieder näherbrachten.
Er lernte zu verstehen, dass ein Gedicht nicht zu steuern und zu planen ist. Nach der ersten Zeile entschied es selbst, wie es weiterging, wo es hinwollte, was es mitteilen oder gerade nicht mitteilen wollte. Einfälle pendelten zwischen Zufällen und versteckter Logik. Wörter jagten durch die Kopffilter, und man wusste vorher nicht, welche in welchen Zehntelsekunden aufgefangen wurden und in einer Zeile landeten. Es kam auf eine Gabe an, die er noch nicht hatte und noch nicht zu benennen wusste, aber beharrlich und ehrgeizig anstrebte: poetisches Gespür. Die seltsame Fähigkeit, wach in die Welt zu schauen und gleichzeitig in sich selbst hineinzuhören und gleichzeitig die Assoziationen treiben zu lassen und gleichzeitig zu phantasieren und den gerade sich zur inneren Hörbarkeit entwickelnden Zeilen eine Melodie oder wenigstens einen Rhythmus zu geben, gleichzeitig in Bildern und Tönen und Wörtern zu denken.
So poetisierte er sich die Welt. So veränderte er die Welt. So schuf er seine eigene Welt. Zuerst verfremdete er die Sprache, die ihn bedrückt hatte und weiter bedrückte, die Sprache der Gebote und Verbote, die Sprache der Gewissheiten und Allgemeinplätze. Die Gewissheiten der Macht, der Lehrer, der Väter. Sein Vater lag im Sterben, als er die «expeditionen» entdeckte und sich selbst in unbekanntes Gelände vorwagte.
Doch das Verfremden und Ironisieren war nur der eine Vorteil, der ihm half, sich gegen die Vatersprache zu wehren und an der Vatersprache zu rächen. Der zweite Vorteil war das Versteckspiel, bei dem er selbst die Regeln bestimmte. Mit der Sprache der Gedichte konnte er sich maskieren, verstellen und neue Rollen ausprobieren. Das Ich des Gedichts konnte ein anderes sein als das Ich des Autors, welche Lust, das zu entdecken! Und er konnte noch mehr, die Vorteile hörten nicht auf. Er konnte sein Ich mit seiner geschriebenen Sprache schützen und, wenn es sein musste, Schutzmauern um sich herum aufrichten. Mit den ihm selbst nicht immer verständlichen Gedichten sagte er den andern: Denkt bloß nicht, dass ihr mich versteht. Ich will euch ein Rätsel sein, jeder ist dem andern ein Rätsel. Wer ich bin, bestimme ich allein, nicht ihr. Auch in ungeschickten, unbefriedigenden Versen gab es die Freude an Paradoxen, Rätseln, Widerhaken und Widersprüchen gegen das Glatte, Eingängige, Normale, Normierte, Verständliche, Gereimte. Nach und nach wuchs ihm auf diese Weise Selbstbewusstsein zu, und in seinem zweiten oder dritten Schreibjahr verkündete er, wenn er ein Mädchen gewinnen oder einen Freund von seiner Klugheit überzeugen wollte, die (von Peter Härtling übernommene) These, ein Gedicht sei immer nur die eine Hälfte eines Dialogs, der andere Teil des Gesprächs dürfe oder müsse von der Leserin oder dem Leser beigetragen werden. Damit lud er ein, sich ihm zu nähern, verschaffte sich den Vorteil des ersten Worts und bestand darauf, das letzte Wort zu haben. Erfolg hatte er auch damit nicht.
Ein anderes Ergebnis zählte: Mit seinen angelesenen poetischen Weisheiten und mit seinen lyrischen Expeditionen versuchte er, sich aus dem Käfig des Stotterers und Stummen zu befreien. Die Befreiung gelang. Mit der neu entdeckten Sprache konnte er sich über andere erheben. Mit dem, was er schrieb, produzierte er seinen inneren Aufschwung selbst, seine Hochgefühle. In solchem Hochschwung blühte die Arroganz: Der Dichter weiß mehr als die anderen. Er ist der wahre Kommunikator. Der Siebzehnjährige und der Achtzehnjährige, der immer der Stumme und Stille war, hielt sich plötzlich für einen Meister des Dialogs, des einzig wahren Dialogs. Als der Vater gestorben war, reklamierte er sogleich dessen Wanderer-Schreibmaschine für sich. Mit den eigenen oder eingebildet eigenen Wörtern hob er sich hinaus aus der Trauerfamilie, hinaus aus der Schule, hinaus aus der Stadt der stummen Mutter und des toten Vaters. Die Welt stand offen, jedenfalls dann, wenn sie poetisiert, metaphorisch aufgeladen, umschwärmt werden durfte.