Atelier

Noch heute erstaunt mich die Chuzpe des Neunzehnjährigen. Statt für sein Abitur zu lernen, liest er im Dezember 1962 jede Seite des Katalogs der Neuerscheinungen der Fischer Bücherei und sieht am Ende die Liste der Titel, die bis zum Herbst 1963 erscheinen sollen. Ganz am Ende, im Oktober, ist eine Anthologie zeitgenössischer Lyrik vorgesehen, «Das Atelier 2». Vermutlich ist die Arbeit an solch einer Sammlung noch nicht abgeschlossen, denkt er, und sofort ist die Idee da, fünf oder sechs Gedichte an den Herausgeber zu schicken – nicht mehr. Drei Ablehnungen seiner Gedichtmanuskripte hat er bereits von größeren Verlagen erhalten. Jetzt, denkt er, werden die wenigen Gedichte, wenn sie direkt auf dem Schreibtisch des Herausgebers landen, hoffentlich genauer gelesen. Er kauft das Vorgängerbuch «Das Atelier» mit zeitgenössischer Prosa, findet die Texte gut, sucht fünf Gedichte aus, die er für seine besten hält, und schickt sie im Januar nach Frankfurt. Schon nach etwa drei Wochen schreibt ihm Klaus Wagenbach, er wolle zwei Gedichte in «Das Atelier 2» aufnehmen, «Geburtstag» (> ANGST) und «Gedicht für Katzen». Als das Buch im Herbst 1963 erscheint, stellt der nun Zwanzigjährige fest, dass er der Allerjüngste ist und der Unbekannteste

So begann mein langes Leben mit Klaus Wagenbach. In den ersten Semesterferien als sein Lektoratsassistent bei S. Fischer in Frankfurt, dann in Berlin als jüngster Autor seines neugegründeten Verlages, hin und wieder als Gutachter, schließlich sein erster Lektor für Literatur (> ANSPRACHEN), Mitkollektivist, jüngerer Freund bis zur Spaltung Wagenbach/Rotbuch, der am Ende als Feind herhalten musste («Als die Bücher noch geholfen haben»). Trotz allen Streits und Gefuchtels in unseren mittleren Jahren, die Dankbarkeit für meinen wichtigsten Förderer und Literaturmeister vom «Atelier» 1963 bis zum Siemens-Prozess 1973 (> ABS, > ATOMBOMBE) und der Respekt für seine Lebensleistung ist, wie man früher sagte, unverbrüchlich.