«Das Attentat» war das einzige Buch von Harry Mulisch, das ich von ihm gelesen hatte, bevor wir uns auf einem Rheinschiff trafen, circa 1987. Etwa dreißig Autorinnen und Autoren aus Frankreich, den Niederlanden, Luxemburg und Deutschland waren auf ein Schiff geladen, um zwischen Basel und Rotterdam mittels Literatur den europäischen Gedanken zu vertiefen, gesponsert von der EU und begleitet vom ZDF. In größeren Städten gingen wir zu Veranstaltungen an Land, die meiste Zeit wurde geredet, geklatscht, gegessen, getrunken und intensiv gefilmt, in Straßburg kamen Parlamentarier, in Mainz Ministerpräsident Vogel mit Kultusminister an Bord. Wir wohnten auf dem Schiff. Draußen an der Reling traf ich des Öfteren auf Harry Mulisch, auch er in leiser ironischer Distanz zu diesem Aufwand und dem ehrenwerten Projekt, für das wir uns hatten ködern lassen. Wir waren uns einig: Wie hätte ein Heinrich Heine über uns gespottet! Wir fühlten uns mehr und mehr als Statisten eines öden Fernsehfilms. Über Attentate, meine ich, sprachen wir auch, er hatte ein Attentat auf einen Nazi zum Thema gemacht, seit Jahren aber gelangen Attentate nur noch auf die falschen Leute wie die Brüder Kennedy, Martin Luther King oder Dutschke.
In Köln verließen zwei, drei andere und ich aus Protest gegen unsere Statistenrolle das Schiff. Mulisch fuhr bis Rotterdam weiter und war 1993 mit seinem Bestseller «Die Entdeckung des Himmels» in aller Munde. In Rezensionen tauchte eine Figur mit dem Namen Max Delius auf, ich blätterte in einer Buchhandlung durch den Roman und merkte, dass es eine Hauptfigur war, Sohn eines Naziverbrechers, der meinen Namen trug. Das verstörte mich, obwohl dieser Max ansonsten keine unsympathische Figur war, aus Trotz gegen den ungefragt geliehenen Namen kaufte ich das Buch nicht. Es brauchte eine freundliche Begegnung auf der nächsten Buchmesse, bis Mulisch mir ein Exemplar mit der Widmung schickte «Mit Dank für den schönen Namen». Erst dann las ich, sehr begeistert, vor allem die Rom-Szenen am Schluss.