Audienz

Einmal habe ich dem Papst die Hand gedrückt, erzählte Onkel Helmut Pistor, Arzt und Vetter meines Vaters, der mit neunzehn Jahren als Soldat an Pius XII. geraten war, mitten im Krieg. Als Sanitätsunteroffizier bei der Luftwaffe war er 1942 in Como für die Erholung verletzter Soldaten zuständig und musste dienstlich nach Rom reisen. Vor

Deshalb platziert man ihn in die erste Reihe, etwa dreißig Menschen sind zugegen, alle fallen vor dem Papst auf die Knie, küssen den Ring, nur er nicht, er knallt die Hacken zusammen und grüßt zackig. Pius fragt ihn nach Namen, Rang, Herkunft, er kennt die nordhessische Gegend, aus der Helmut kommt, spricht von einem Krankenhaus in Kassel, das er als Nuntius oft besucht hat. Dann sagt der große Papst zum kleinen Unteroffizier: «Sie haben Glück, dass Sie einen solchen Führer haben», drückt ihm die Hand und fragt, ob er ein Geschenk haben möchte. Da wird Helmut verlegen, was soll er sich als Protestant, als Deutscher, als Soldat wünschen vom Papst persönlich? «Vielleicht ein Bild?», fragt der. «Ja, ein Bild von Ihnen wäre mir sehr willkommen», antwortet Helmut (das war natürlich geheuchelt, sagte er, als er mir die ganze Geschichte erzählte). Am Ende der Audienz wird ihm eine Postkarte mit dem Foto von Pius XII. überreicht.

Was bringt das Oberhaupt einer Kirche dazu, den größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts, der 1942 bereits in aller Welt, außer im Deutschen Reich, als Diktator, Kriegstreiber, Antisemit, Religionshasser und Massenmörder gesehen wurde, vor einem neunzehnjährigen deutschen Sanitätsunteroffizier als «Glück» zu preisen? Das konnte sich Helmut nie erklären, das konnte auch ich mir nicht