Die Blicke des Fünfzehnjährigen fielen, wie es üblich ist, auf die Schönste der Klasse, die damit für ihn zur Schönsten der ganzen Schule, der Internatsschule Steinatal (> AUSREICHEND), und des Universums wurde. Eine mit großen Augen, dunklem Haar, lebhaft, viel lachend, musikalisch, Leichtigkeit und Freude in Person. Der Anfänger machte nicht nur den Fehler, die Beliebteste, Unerreichbarste zu verehren und sich an sie heranzupirschen, ohne zu wissen, mit welchem Satz, welcher Geste er sie zur Aufmerksamkeit, zu leisester Zuwendung einladen könnte. Er verdoppelte diesen Fehler noch damit, eine zu wählen, die einen älteren Schüler als festen Freund hatte, der überdies als Handballer und Jazzer glänzte. Aber der wahrhaft Liebende gibt nicht auf und bleibt trotz aller Hindernisse treu, so viel meinte der Knabe zu verstehen von der Liebe. Noch war er weit davon entfernt zu ahnen, dass er diese Hindernisse brauchte, weil er zu mehr als zu heimlichen Blicken und einer heftigen und hilflosen Anbetung aus der Ferne gar nicht in der Lage war. So war ihm nichts anderes übriggeblieben, als seine hoffnungslose Liebe in die Natur zu tragen, in die nahen, weitläufigen Wälder, und den Bäumen zu gestehen. Im Spiel der Halbschatten wog er seine minimalen Chancen ab, begann, in den Bäumen Orakel zu sehen und die Bäume zu verehren bei seinen längeren oder kürzeren Gängen durch den Wald. Allein in der Stille leise sich bewegender Zweige und Blätter, ermuntert von Vogelstimmen, unter Buchen, Fichten, Ulmen, fühlte er sich stärker, bevor er es wagte, die Liebe einem Freund zu gestehen. Aber auch der konnte ihn weder seinem Ziel näherbringen noch von seiner Sehnsucht abbringen.
Nachdem er diese Schule unter dem Druck der finanziellen Argumente seiner Eltern verlassen musste, hatte er ein Jahr später, als Schüler der > ALTEN LANDESSCHULE Korbach, einen Hausaufsatz zu schreiben. Das Thema war frei, der Aufsatz sollte mit Bildern und Zeichnungen angereichert sein. Er schrieb über den Ort, aus dem er sich heimatvertrieben fühlte, die Melanchthon-Schule Steinatal mit ihren vielfältigen Anregungen. In die sachliche Darstellung des Schul- und Internatslebens mischte er seine Trauer über seinen zu kurzen Aufenthalt dort und deutete an, wie er sich wohlgefühlt hatte, weil hier literarische, politische, musikalische Interessen und die Keime erster Liebe und Freundschaft erwacht waren. Er schaute zurück auf die Verlorene, die ihn nie beachtet hatte. Da er über sie nicht schreiben konnte, pries er alles andere, was er verloren hatte – und am meisten die Wälder ringsum, hessisches Mittelgebirge, die Bäume, mit denen er gesprochen hatte. In einem Lesebuch entdeckte er Eichendorffs Gedicht mit den weiten Tälern und Höhen und die Zeile mit dem andächtigen Aufenthalt. In dem Hausaufsatz, zwischen triefendem Text, Fotos, Postkarten, zitierte er die erste Strophe des Eichendorff-Gedichts, ohne zu verraten, an wen er in Wahrheit dachte. «O Täler weit, o Höhen, / O schöner, grüner Wald, / Du meiner Lust und Wehen / Andächt’ger Aufenthalt! / Da draußen, stets betrogen, / Saust die geschäft’ge Welt, / Schlag noch einmal die Bogen / Um mich, du grünes Zelt!»
Die Verse trafen seine verflossenen Empfindungen, sie hoben sie auf und verschönerten sie. Zum ersten Mal spürte er die Begeisterung über einen alten Dichter, der vor mehr als hundert Jahren so viel von dem Seelenzustand eines sechzehnjährigen Schülers einer Kleinstadt erfasst hatte, und er bewunderte diese Fähigkeit. Und doch wuchs ein Unbehagen. Auch wenn er das Gedicht mit Inbrunst vor sich hin flüsterte, der Anbetung des Waldes und des grünen Zeltes sich hingab, die erste Strophe traf seine Gefühle, aber die zweite, dritte, vierte setzten andere Akzente, und das irritierte ihn. Die höchste romantische Schwärmerei und die perfekte Form einer Strophe genügten ihm auf einmal nicht mehr – Eichendorffs Wälder, so schön sie ihre Bogen schlugen, schienen zu wenig konkret, sie wussten nichts von seiner Liebe und seinen verdrucksten Liebesgeständnissen. Da fehlte etwas, für das er selbst noch viel weniger Worte hatte als Eichendorff. Da war eine Lücke, die musste gefüllt werden. Ein paar Tage später schrieb er mit rotem Kugelschreiber auf Karopapier einige Zeilen. Staunend, was da für Wörter und Wortkombinationen aus seinem Kopf auf das Papier geflogen waren, beschloss er, das Zeilengebilde Gedicht zu nennen. (> ASSOZIATIONEN)