Fast alle Autobiographien kranken an ihrer inneren Zielgewissheit, selbst wenn sie Umwege, Abgründe, Irrtümer fleißig benennen. Die Vorstellung, dass sich ein Leben rundet, dass mehr oder weniger rote Fäden die Strecke langer Jahre markieren, dass sich Kreise schließen, Nebenpfade und Abstürze als segensreich erweisen, ist zu naheliegend, um die Selbstbiographen nicht zu verführen, ihrem Leben möglichst viel Sinn, Plausibilität, Allgemeinbedeutung und Zielwasser zuzuschreiben. Auch deshalb verfassen fast nur die erfolgreichen oder sich für erfolgreich haltenden Menschen ihre Erinnerungen. Dabei können, ausnahmsweise, sogar hervorragende Bücher entstehen.
Aber zu diesem Genre gehören Begradigungen, Vereinfachungen, Beschönigungen, Selbstüberschätzungen – genau das Gegenteil dessen, was Aufgabe von Schriftstellerinnen und Schriftstellern ist. Das ist für László Földényi «das große Paradox des Genres: Die Biographie stellt etwas als fassbar dar, was unfassbar ist, als selbstverständlich, was alles andere als das ist.» Deshalb scheuen die meisten Autoren das Memoirenschreiben völlig zu Recht.
Wer viel schreibt, wäre töricht, das ganze eigene Leben in einem Buch darstellen zu wollen. Wer schreibt, weiß auch, dass kein menschliches Leben – wer hat das gesagt? – plausibel ist. Es verläuft nicht linear, die Linien sind krumm. Erinnerungen, rückwärts gedacht, können schnell nostalgisch werden – nach vorn gedacht aber produktiv sein. Das eigene Leben kann viel, fast jede Menge Material hergeben, für eine Autobiographie wäre es verschwendet. Schriftsteller haben bessere literarische Mittel, mit biographischem Material umzugehen. Sie verstehen es, aus wenigen Details ganze Romane zu zaubern, als Erzähler einzelne Episoden oder Erinnerungen aus dem Gedächtnis zu holen, sie können diese anderen Personen zuschreiben, anders gewichten, mit Phantasie anreichern und sie so intensiv darstellen, wie es in Lebensschilderungen nicht möglich ist. Sie können Erinnerungspartikel so formen und in sprachliche Kunstwerke verwandeln, dass das Autobiographische nicht mehr im Vordergrund steht. Auch ich habe das versucht, unter anderem in Büchern wie «Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde», «Amerikahaus» oder «Die Zukunft der Schönheit».
Was mich jetzt reizt, die berechtigten Einwände gegen Autobiographien zu ignorieren und eine kleine, vergleichsweise neuartige Variante dieser Form anzufassen, entspricht einem ganz anderen formalen, spielerischen Ansatz: ein Selbstporträt aus Collagen. In fast achtzig Lebensjahren, davon sechzig in den mittleren und äußeren Kreisen des literarischen Betriebs, haben mich so viele Ereignisse und Begegnungen geprägt, so viele politische Veränderungen von den freundlichen Besatzern der USA, dem 17. Juni 1953 und Mauerbau bis zum Trump-Zeitalter und Ukrainekrieg, so viele literarische Entwicklungen von der Gruppe 47 bis zur Youtube-Lesung, so einige Lieb- und Freundschaften, ein paar haltbare Gedanken und Überzeugungen, dass hier eine Fülle von Beobachtungen, Erlebnissen, Analysen, Anstößen, Irrtümern, Anekdoten, Porträts aus dem Fundus der Vergangenheit geholt werden könnte. Diese sollen jedoch nicht in einen gefälligen Lebenslauf münden, sondern Bruchstücke bleiben. Statt der Fülle möchte ich lieber Fragmente liefern – und es schadet nicht, dabei an Goethe zu denken: «Literatur ist das Fragment der Fragmente; das Wenigste dessen, was geschah und gesprochen worden, ward geschrieben, vom Geschriebenen ist das Wenigste übrig geblieben.»
Bei der Entwicklung dieses Projekts hat mich jedoch nicht Goethe angestiftet, sondern Georges Perec mit seinem Roman «Das Leben. Gebrauchsanweisung»: die Bewohner eines Pariser Hauses in ihren Räumen, das Netz ihrer Beziehungen und Nicht-Beziehungen über die Zeiten, in tausend Fragmenten. Auch Fragmente brauchen eine Ordnung, Perec wählte für sein großes Puzzle mathematische Muster. Für mein viel simpleres Projekt wäre eine chronologische Ordnung möglich, eine thematische, eine fraktale, eine verzwirbelt algorithmische oder eine primitive alphabetische Ordnung. Ich ziehe die letztere vor, weil sie angenehm neutral und wunderbar zufällig ist.
Aber auch diese spezielle Autobiographie soll ein Fragment bleiben. Denn den ganzen maximalen Lebensstoff von A bis Z auszubreiten – so viel Wahnsinn plus Größenwahnsinn kann ich nicht bieten (abgesehen von der Lebenszeit, die mir dafür nicht zur Verfügung stehen wird). Da scheint es mir klüger zu sagen: A reicht doch! Ein Buch mit den Stichworten nur in A. Ein geordneter Haufen Fragmente mit A zeigt auch, dass das längst nicht alles ist, was der Autor mitzuteilen hätte. Dies Buch hat also viel mehr Lücken als Seiten. Das Leben besteht noch aus vielen Geschichten und Einzelheiten, die unter E oder L, M oder S zu finden wären. Es könnte theoretisch fünfundzwanzig weitere Bücher dieser Art geben, von B bis Z – die der lesenden Menschheit, ich schwöre es, erspart bleiben werden.
Natürlich ist es bedauerlich, so viele für mich wichtige Menschen, Begegnungen, Entscheidungen, Horizonterweiterungen nicht würdigen zu können, nur weil sie nicht das A-Privileg haben. Auch für mich ist dieser Verzicht schmerzlich. Aber das muss sein – auch weil der Gedanke an Vollständigkeit grauenhaft unliterarisch ist.
Hier also der Zufallsgenerator des Anfangsbuchstabens A für eine «Selberlebensbeschreibung» (Jean Paul), die aus Hunderten von Fragmenten ein Mosaik zusammenfügt. Mit dem Mut zur Lücke oder vielmehr zu vielen Lücken wird versucht, den Ernst einer Autobiographie und die Fragen nach ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten heiter zu unterlaufen. Selbstgefälligkeit, Icherei, Angeberei, Namedropping, Beschönigungen sind natürlich auch hier nicht zu vermeiden. Dafür bitte ich um Nahsicht und Nachsicht. Durchweg gilt die Parole: Nimm dich nicht so wichtig, Junge! – auch dann, wenn ich sie mal nicht zu befolgen scheine.
F.C. D., Mai 2022