Sexuelle Aufklärung in den fünfziger Jahren, es gab sie, als große Ausnahme, sogar auf dem Dorf. Mein Vater hatte früh bemerkt, dass weder Lehrer noch Eltern damals irgendetwas für solche Aufklärung taten. Darum nutzte er die zwei Jahre des Konfirmandenunterrichts der Dreizehn- und Vierzehnjährigen, um ihnen etwas von Geschlechtsorganen, Samen, Eizellen, Schwangerschaft und Geburt zu erzählen und den Respekt vor den Mädchen zu fördern. Wer mehr wissen wollte, bekam Broschüren, so fühlte ich mich fürs Erste ausreichend informiert. Meine Mutter mühte sich, die pubertierenden Mädchen aufzuklären. Das sprach sich unter den Waldecker Pfarrern herum. Noch als Halbkranker in seinem letzten Lebensjahr fuhr der Vater abends in die Dörfer in der Umgebung von Korbach zu den Konfirmanden, um ihnen diese Nachhilfestunden zu geben. Der Pfarrer als Aufklärer, sogar als Vorreiter der Sexualkunde in den fünfziger Jahren – es dauerte lange, bis ich diese Leistung würdigen konnte.
Er «konnte» überhaupt gut mit der Jugend, sprach offen mit jedem und jeder in den evangelischen Jugendgruppen in Wehrda, Rhina (wo er mit ihnen einen Tischtennisverein gründete) und Korbach. Einige protestierten heftig gegen das Bild, das ich von ihm in «Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde» gezeichnet habe. Ich musste ihnen klarmachen, dass ein elfjähriger Sohn einen ganz anderen Blick auf einen solchen Mann hat als ein siebzehnjähriger Jugendlicher, der bei ihm seine Probleme ansprechen kann.