Als die Demonstranten in Leipzig im Oktober 1989 riefen «Wir sind das Volk!», dachte ich in meiner staunenden Begeisterung nicht daran, dass sie mich zitierten. Erst die einstige Ostberlinerin Katja Lange-Müller machte mich darauf aufmerksam: Genau dieser Satz steht im 1987 erschienenen Roman «Mogadischu Fensterplatz» an zentraler Stelle. Andrea Boländer (> ANDREA), fast fünf Tage und Nächte als Geisel im entführten Flugzeug gequält, sieht das Ende kommen und hofft auf die Vernunft der Regierung: «Die Politiker – werden nicht hundert Touristen opfern für elf Terroristen – Niemals werden sie hundert Urlauber, und selbst wenn wir nur achtzig sind, achtzig Deutsche, niemals werden sie so viele Menschen den Terroristen ausliefern! Wir sind sogar mehr als achtzig oder hundert Wähler, wir haben Familien und Freunde, wir sind so etwas wie ein beliebiger Querschnitt durch die Bevölkerung, wir sind Mallorca-Urlauber, wie jede Bundesbürgerin, jeder Bundesbürger ein Mallorca-Urlauber oder ein potenzieller Mallorca-Urlauber ist. Wir sind das Volk, wir sind die Mehrheit, uns können sie nicht einfach in die Luft sprengen lassen!»
Nein, ich beanspruche kein Copyright. In der Not kommt man auf solche Formeln, ob kurz vor dem angekündigten Tod im Horror einer Entführung oder kurz vor dem angekündigten brutalen Polizeieinsatz der angeblich volksnahen Staatsmacht. Also ist das keine Urheberrechtsfrage. Zumal – was ich beim Schreiben meines Satzes auch nicht wusste – Ferdinand Freiligrath 1848 der Erste war, der den rebellischen Ausruf ins Gedicht gebracht hatte: «Wir sind das Volk.» Und noch davor Büchner.