Da liegt es, das vor wenigen Minuten in die Hände der Hebamme, in die blendende Klinikwelt gepresste und geschlüpfte Kind, nackt, gewaschen, hellwach auf einer Silberfolie, von zwei Lampen gewärmt und beleuchtet, und schaut dich an aus großen, weiten Augen, die das Sehen gerade erst zu lernen beginnen. Die ungeübten Augen, aus der Dunkelheit der Fruchtblase entlassen, blinzeln und tasten vorsichtig durch die neuen Helligkeiten, suchen Orientierung und Halt, bis sie dich finden. Schauen und Staunen sind eins, beides so überraschend neu für dies menschliche Wesen, dass du zu spüren meinst, wie sich in dem kleinen Hirn die Fragen auftürmen. Sobald die sich öffnenden Blicke auf dich gerichtet sind, wollen sie wissen: Wer bist denn du? Die alte philosophische Frage, die bekannte Alice-in-Wonderland-Frage, sie steckt schon in diesem winzigen, zarten Leib, in den Augen, die gerade mal eine gute halbe Stunde unterwegs sind, Kontraste zu erfassen und die Wunderlichkeiten der neuen Umgebung zu streifen. Die Mutter schläft nebenan in einem anderen Raum, du bist mit deinem Kind allein und spürst, wie etwas stark wird in dir und immer stärker, dein Beschützerinstinkt. Der kleine Körper, der da liegt mit einer Haut in kräftigem Rosa, streckt unbeholfen das eine und das andere Beinchen, den einen und den anderen Arm aus und hört nicht auf, deine Augen zu suchen. Du sprichst sie an, deine Tochter, nennst immer wieder ihren Namen, begrüßt sie im Licht und erklärst ihr, wo sie sich befindet und wer du bist. Ihre Augen bestaunen die Bewegungen deines Mundes, das Sprechen aus solcher Nähe, und du bestaunst das menschliche Minimalbündel, das du mit deiner Stimme zu dir lenken kannst und das deinen Zeigefinger mit seinen Fingerchen umkrallt. Die Augen sind es, die dich suchen und dich befragen und denen du antwortest, zwei Augenpaare starren einander an und lachen sich an und sprechen miteinander und verstehen sich, sie bauen, du spürst es in diesen Minuten der leisen und der sprachlosen Dialoge, die Brücke zwischen euch, sie legen die Seelenfäden aus, auf denen ihr zu balancieren haben werdet.
Das eben aus der Dunkelheit des Mutterleibs geschobene Mädchen sieht seinen Vater an, als wolle es sagen: So, jetzt bist du also zuständig, hier bin ich, pass gut auf mich auf! Das hat nichts Pathetisches, sondern etwas wunderbar Leichtes, Heiteres, Verstohlenes, die Mutter muss nach der stundenlangen Schwerstarbeit des Gebärens ausruhen und schlafen, und ihr habt Zeit, schon das erste Bündnis zu schließen, das Augen-Bündnis auf der Folie. Fast eine Stunde lässt man euch beiden, fast eine Stunde vertiefen sich zwei Augenpaare ineinander, in so vielen Minuten kannst du schon einiges aus dieser seltsamen Welt erklären. Und obwohl du weißt, dass das ein kühnes Versprechen ist, versprichst du dem kleinen Wesen, immer für es da zu sein und es zu schützen, nichts anderes ist dein Empfinden und dein Wunsch, du unterstreichst das mit lebhafter Augensprache und möchtest dir einbilden, in den kleinen Pupillen eine Antwort zu lesen und ein kristallklares Ja zu allem, was kommen wird. (> ALICE, > APFELBAUM)