Auschwitz

Bevor ich Auschwitz sah, sah ich die Auschwitz-Männer. 1964 eine Woche in Frankfurt, bei der Familie meiner Tante Irmgard wohnend, zog es mich zum Auschwitzprozess, einmal wenigstens wollte ich da zuhören. Es gab eine Straßenbahn, die direkt zum provisorischen Gerichtsgebäude führte, ich entschied spontan, zu Fuß zu gehen. Doch ich hatte die Länge der Strecke unterschätzt, es zog sich, an der öden und vielbefahrenen Ausfallstraße entlang, es war anstrengend, ich ärgerte mich, diese Unbequemlichkeit auf mich genommen zu haben, andererseits wollte ich es an diesem Tag nicht bequem haben. So brauchte ich wohl eine Stunde, bis ich endlich im Saal angekommen war. Ein Gutachter wurde vernommen, glaube ich, vor Gericht geschah nichts Aufregendes. Ich sah die Angeklagten da sitzen und dachte: Die kenn ich doch alle. Es waren die Gesichter älterer Männer, wie aus dem dörflichen Männergesangverein oder von kleinstädtischen Kneipentischen,

Andere Auschwitz-Männer sah ich in Stuttgart. 1973, als die Siemens AG mich wegen «Unsere Siemens-Welt» vor Gericht brachte, tauchten im Zusammenhang mit dem Streitpunkt Auschwitz ganz andere deutsche Männer auf, braungebrannte Siegertypen, Macher in guten Anzügen, Ex-Manager. Der Streitpunkt war, ob Siemens elektrotechnische Anlagen in den Vergasungskrematorien in Auschwitz installiert und dafür Häftlinge eingesetzt hatte. Dieses Detail hatte ich einem Buch aus der DDR entnommen, das auch in der Bundesrepublik in einem marxistischen Verlag erschienen und von Siemens nicht beanstandet worden war. Die Siemens-Anwälte bestritten zunächst, dass der Konzern mit Auschwitz je etwas zu tun gehabt hätte. Erst nach und nach mussten sie zugeben, dass Siemens in Auschwitz – wie in fast allen großen KZs – ein «Außenkommando» Bobrek, eine Fabrik mit KZ-Häftlingen als Arbeitskräften, unterhalten hatte. Im Buch des ehemaligen Auschwitz-Häftlings Bruno Baum hieß es: Die Exhaustoren zum Absaugen von Gas aus Gaskammern seien ebenso von Siemens geliefert worden wie Armaturen, Schalttafeln oder Transformatoren.

Über den Ostberliner Anwalt Kaul versuchte ich, Kopien von Belegen für solche Behauptungen zu bekommen. Aber man mauerte in der DDR. Man mauerte auch bei Siemens, nachdem ich erfahren hatte, dass man sich mit solchen Vorwürfen bereits 1946 betriebsintern beschäftigt hatte, sogar in einem Untersuchungsausschuss, der nach einem Jahr stillschweigend eingestellt worden war, was sicher nicht geschehen wäre, wenn das Material die Unschuld der Firma

Ich weiß nicht, ob diese Männer gelogen haben. Es klang aber alles nach Lüge und Ausrede. Auch weil die Szenerie so obszön war: die anderen, die Häftlinge, die einst Informationen über solche Installationen auf winzigen Zetteln an die polnische Exilregierung gekritzelt haben sollen oder hatten, waren längst ermordet oder, wie Bruno Baum, verstorben. Die Kopien dieser Zettel konnten nicht notariell beglaubigt werden, also waren sie für deutsche Gerichte nicht beweiserheblich. Die braungebrannten gutbürgerlichen Herren, ob Mordhelfer oder nicht, gaben uns zu verstehen: Uns kriegt ihr nicht!

Erst 1996 lief ich einen Tag lang allein und stumm durch das Gelände von Auschwitz. Zu all dem, was einem dort durch den Kopf jagt, kamen die Gesichter aus Frankfurt,

Dem Beispiel anderer Großfirmen und Institutionen, die eigene Vergangenheit von Historikern «aufarbeiten» zu lassen, ist Siemens nicht gefolgt. Man wird dafür Gründe haben.