Nein, ich war nicht dabei, als in meinem Kindheitsdorf Wehrda (> AGNOSTIKER, > AHNUNG, > AMERIKANER 1945) die E-Mail miterfunden wurde. Günther Leue, führender deutsch-amerikanischer IT-Manager, experimentierte im Roten Schloss von Wehrda, Ortsteil von Haunetal bei Bad Hersfeld in Hessen, mit einem Assistenten in den späten siebziger, frühen achtziger Jahren mit den ersten E-Mail-Brücken zwischen den USA und Deutschland. Gelegentlich kam sein Freund, der von Siemens entthronte Computererfinder Konrad Zuse (> ADA 1, > ALPTRAUM COMPUTER, > AUDIMAX), aus dem nahen Hünfeld vorbei und informierte sich über die Fortschritte. Leue wohnte ebenfalls um die Ecke, in der Ilmesmühle am Stoppelsberg, wenige Hundert Meter unter dem Lokal am «Gipfel», wo der Zuse-Roman «Die Frau, für die ich den Computer erfand» auch angesiedelt ist. 2009, nach dem Erscheinen, lud mich der alte Herr Leue ein, der mir bis dahin unbekannt war, um sein Erstaunen über dieses Buch zu gestehen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass ich Gespräche mit Zuse erfunden hatte, die den Gesprächen ähnlich waren, die er mit Zuse geführt hatte («Sie müssen unter unserem Tisch gesessen haben!»). Und er erzählte von der E-Mail-Entwicklung in «meinem» Dorf, buchstäblich «im schönsten Wiesengrunde». Erst hatte der Ingenieur gestaunt, jetzt staunte der Dichter. Wehrda als «E-Mail-Wiege Europas», das verwirrte selbst den beharrlichen Lokalpatrioten und Träger des Lokalordens «Silberner Haunetaler». Ich dachte, darüber vielleicht etwas zu schreiben, aber bald danach starb auch Günther Leue, damit war es zu spät für einen soliden Text. Die letzten Zeugen, die Besitzer des Schlosses und Vermieter der Werkstattetage, Hannes und Almuth von Campenhausen, erzählen, dass Leue ihnen schon damals gesagt habe, in absehbarer Zeit werde es keine Briefe mehr geben, nur noch elektronische Post. Ein paar Leute in Wehrda, zwischen Feuchtwiesen und verkommenden Fachwerkhäusern, wussten also früher von dieser Zukunft als die Computerzunft in Frankfurt, Sinsheim oder München.