Eines Tages, 2015, erhielt ich den Brief eines mir unbekannten Herbert H., den es 1946 mit seiner Familie nach Wehrda verschlagen hatte, mit einigen Erinnerungen an die Nachkriegsjahre in unserem Dorf, unter anderem diese: «Es muss im Februar 1948 gewesen sein. Mein Zwillingsbruder Volker und ich waren zu Ihrem Geburtstag ins Pfarrhaus Delius eingeladen. Mein Vetter Gerhard P. musste bei der Beschaffung eines Geschenks aushelfen. Aus seiner ‹breiten› Sammlung von Blechspielzeugen wurde ihm ein Affe, der auf der Nase einen Propeller balancierte und den man aufziehen konnte, abgenötigt. Mit Neid und großem Schmerz mussten wir erleben, wie das Geburtstagskind wie selbstverständlich das Geschenk entgegennahm, den Affen auspackte und – ohne uns zu beteiligen – allein mit ihm spielte.»
Der bunte Blechaffe mit Propeller auf dem Kopf, allmählich tauchte er aus der Vergessenheit auf. Schwer zu sagen, ob die Freude des Fünfjährigen an diesem surrealen Spielzeug prägend war. Jedenfalls waren Affen, Schimpansen, immer willkommene Phantasiebeschleuniger, nicht nur im Zoo. Als beispielsweise Heiner Müller – Mitte der siebziger Jahre, als wir bei Rotbuch seine Werkausgabe stemmten – in der Pankower Wohnung zwischen zwei Zügen an der Zigarre die These hinwarf oder zitierte, wir seien im Zeitalter der Affenwerdung des Menschen angekommen, stellten sich sofort einladende Assoziationen ein. Seitdem immer mal wieder die produktive, lustige Frage, an welchem Punkt der Evolution wir sind, bei der Menschwerdung des Affen oder bei unserer Affenwerdung. Wahrscheinlich kam auch von daher die vage Idee, einen Roman ohne viel Handlung unter Schimpansen spielen zu lassen. Keine Science-Fiction, nichts wie «Planet der Affen» und ähnliches Zeug. Die Idee hielt sich zwei, drei Jahrzehnte, ohne konkreter zu werden. Erst nach der Lektüre von Ulrike Draesners «Sieben Sprünge vom Rand der Welt» (2014) mit trefflichen Schilderungen vom Leben mit Bonobo-Menschenaffen verlor sich dieser allzu vage, allzu ideenlose Plan. Neuerdings hat T. C. Boyle nachgezogen.
Inzwischen lernte ich, dass der Affe, genauer: der Brüllaffe, bei den Maya der Schutzpatron der Künste ist, Hüter des Wissens und Vermittler der göttlichen Absichten, ausgestattet mit Pinsel und Tintenfass. Als einer, der selten sogenannte Souvenirs kauft, erwarb ich auf dem Markt von Johannesburg die Holzskulptur eines mit großen Augen staunenden Affen. In den Privatzoo gehört auch «Der sprachgelehrte Affe» von Octavio Paz. Und die Postkarte der Steinplastik zweier schachspielender Affen im Naumburger Dom.