Wo Distanzen weggelogen werden, wird es obszön. Ein Gipfel des Obszönen war es beispielsweise, als man in der Bundesrepublik 1985 einen «Tag für Afrika» ausrief. Mir wird er nicht nur wegen Heino in Erinnerung bleiben, der «Am Brunnen vor dem Tore» sang, um auf die schlechte Wasserversorgung in Afrika hinzuweisen. Nicht nur wegen eines Ministerpräsidenten, der sich und seine Beamten beim mittäglichen Verzehr von Fladenbrot und Hirsebrei filmen ließ. (Nichts gegen einen «Tag für Afrika», wenn es einer ist – und wenn wir die übrigen dreihundertvierundsechzig Tage, eingedenk unserer Rüstungsexporte, Preisdiktate und Exporterlöse, als «Tage gegen Afrika» begreifen.)

Unvergesslich wird die Obszönität da, wo man sie kaum erwartet: das Bundeskabinett vor der Tagesschau-Kamera. Wir sehen den Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Warnke, mit einer Sammelbüchse, die er grinsend seinen Kollegen vors Hemd hält, die artig den einen oder anderen Schein zücken. Dann ist Kanzler Kohl im Bild. Ton: «Heute tun wir mal was Gutes!» Während der Zuschauer noch überlegt, ob der Kanzler tatsächlich meint, er tue gewöhnlich alles andere als Gutes, hält der schon sein Portemonnaie in der Hand, blättert es auf, greift drei Hundertmarkscheine und quetscht sie in den Büchsenschlitz.

Was ist daran so unvergesslich obszön? Nicht allein der Kanzler selbst und sein verblüffender Originalton. Nicht allein, dass die dreihundert Mark gar nicht von ihm, sondern aus dem Etat seines Amtes kamen, wie wir später erfuhren. Obszön ist eher das: Ein Politiker führt einem Millionenpublikum vor, wie er, der hin und wieder – für seine Partei – Geldscheine in Briefumschlägen angenommen hat,