«Er las immer Agamemnon statt angenommen, so sehr hatte er den Homer gelesen.» Als der Schulfreund Karl Globig in den Zeiten, da wir uns mit Homer abquälten, ein schmales Buch mit Aphorismen von Georg Christoph Lichtenberg mitbrachte und ich dessen Namen zum ersten Mal hörte, war es dies Zitat, mit dem die lebenslange Fernliebe zu dem witzigsten aller Aufklärer und Pfarrerssöhne begann. Aus zwei so trockenen Wörtern solche Funken zu schlagen! Fortan gehörten eine Auswahl aus den «Sudelbüchern» zum Haushalt und eine Gedenkminute vor seinem Haus bei Gängen durch Göttingens Zentrum zur Gewohnheit, die Pilgerfahrt zur großen Darmstädter Lichtenberg-Ausstellung 1992 war Pflicht. 1966, in Swinging London, zwischen Beat und Rebellion, erstand ich (obwohl, schon aus Geldknappheit, kein Raritätensammler) in einem Antiquariat für umgerechnet etwa dreißig Euro die ersten fünf Bände der Lichtenberg-Erstausgabe von 1800ff., mit der handschriftlichen Signatur Friedrich Gundolfs. Immer wieder zwischendurch das Vergnügen, sich von Lichtenberg dopen zu lassen, sogar bei den delikaten Fragen zur Religion: «Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt vermutlich, der Mensch schuf Gott nach dem seinigen.» Und alles wegen des Schlachtenschlägers, Tochtermörders oder Beinahtochtermörders Agamemnon.