Agrobusiness

Auch das eine Nebenbeschäftigung, seit Anfang der achtziger Jahre. Als ich den chilenischen Flüchtling Felipe Gerlach zum Mittelpunkt des Romans > ADENAUERPLATZ machte und er einen Beruf brauchte, entschied ich: Agrobusiness, Spezialist für internationale Zuckergeschäfte. Es hätte auch der interkontinentale Handel mit Obst und Gemüse, Getreide, Hähnchen, Kakao oder Blumen sein können. Es war nicht schwer, sich da sachkundig zu machen. In Bielefeld, wo ich damals lebte, entstand gerade das Dritte-Welt-Haus, da gab es Leute mit Kompetenz. In der Zeit erschienen auch die ersten kritischen Artikel und Bücher über die Agrarpolitik der EU und die Praktiken der amerikanischen und europäischen Lebensmittelkonzerne. Schon damals produzierten oder verschärften sie, vereinfacht gesagt, Hunger

Natürlich macht man sich damit unbeliebt, so etwas auch nur anzurühren in einem literarischen Text. Ein Teil der Ablehnung des 1984 erschienenen «Adenauerplatz» ist sicher daher zu erklären. Das Thema ließ mich nicht los, und so versuchte ich es trotzig noch einmal mit einer satirischen Zuspitzung. Angeregt von Jonathan Swifts Schrift «Bescheidener Vorschlag …», in der den Armen empfohlen wird, zur Bekämpfung des Hungers ihre Säuglinge zu verzehren, schrieb ich «Einige Argumente zur Verteidigung der Gemüseesser» (1985). Dort wird aus EU-Perspektive ähnlich argumentiert, eine antimoralische, sachlich immer noch aktuelle, formal etwas verzwirbelt geratene «Denkschrift». Die bewirkte, wie zu erwarten, auch nichts.

Dass die Literatur hier nicht weit kommt, stört mich nicht. Wohl aber das Versagen der Politik seit mehr als vierzig Jahren – noch heute produziert die EU mit ihren hochsubventionierten Agrarüberschüssen nach Afrika die Flüchtlinge, die sie dann nicht haben will. So viel Heuchelei, so viel Verdrängung, und kürzer ist die Liste der Schandtaten des modernen Europa auch nicht geworden.