An einem regnerischen Augusttag des Jahres 1999 betrat ich zum ersten Mal das Königliche Palais von Amsterdam, und als ich es nach gut einer Stunde wieder verließ, sah ich mich zum Enkel der Preußenkönige befördert. Nach der Besichtigung einiger Räume und einer belanglosen Ausstellung über die Oranier und die Musik schaute ich im Museumsshop die königlichen Devotionalien und Schriften an. Ich suchte nach Broschüren und Büchern über König Willem I. (1772–1843), ein Vorfahre, Vater einer illegitimen Tochter, die zur Urgroßmutter meines Großvaters (> ADEL, > ADELBERT) geworden war. Als diese Tatsache, der Urenkel eines königlichen Bastardkindes zu sein («Die Liebesgeschichtenerzählerin»), Anfang der sechziger Jahre herauskam, musste der sittenstrenge Mann durchaus schlucken. In dem Shop war jedoch nur ein «Biografisch Woordenboek» sämtlicher zweihundertzweiundsiebzig Mitglieder der Sippe Oranje-Nassau zu finden, von den Anfängen bis heute. Darin drei Seiten über Willem, der als Prinz von Oranien und von Napoleon abgesetzter Statthalter der Niederlande vor allem in Berlin im Exil gelebt hatte, bevor er 1815 König wurde. Verheiratet war er mit seiner Cousine, der Schwester des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III. Aber auch seine Mutter, das entdeckte ich jetzt, war eine Preußin namens Wilhelmina, eine Enkelin des Soldatenkönigs und Nichte Friedrichs des Großen.
Ich dachte: Gut, ein Detail mehr, aber Stammbäume sind witzlos, führen nur ins Unendliche eines Wahns oder zu irgendeinem König oder zu Karl dem Großen, vergiss es! Ich wollte Näheres über Willem wissen, nicht über die Preußen, und kaufte das teure Buch trotzdem.
Erst draußen auf den Pflastersteinen vor dem Palais mit dem Blick auf den Dam und auf das Denkmal zur deutschen Besatzung, dem einstigen Hippietreffpunkt, verfiel ich in einen Schwindelzustand: Erst König Willem, jetzt stammt der auch noch von den Preußenkönigen ab, langsam reicht es! Da haben ein paar deiner Vorvorfahren nicht nur in diesem Schloss gehaust und regiert, sondern auch in Charlottenburg, Potsdam, Berlin, Oranienburg und so weiter. Ich brauchte die Stammbäume nur nebeneinanderzulegen, um behaupten zu können: Ich bin ein Urenkel mit acht Ur des ersten preußischen Königs Friedrich I. und seiner Sophie Charlotte, ein Urenkel mit sieben Ur des Soldatenkönigs und so weiter, schnell ist man drin im «glitzernden Schauder der Genealogie», wie Nabokov sagte.
Wie geht man mit einer solchen Erbschaft um? Wie könnte man spielen mit diesen Genen, die nur auf dem Papier stehen? Noch dazu als einer, der den zweifelhaften Ruf hat, ein zeitkritischer Gegenwartsmensch zu sein. Ganz einfach, überlegte ich: Diese Konstellation ist eine komische, also soll ihre Komik dynamisiert werden. Sich lustig machen, aber möglichst intelligent. So entstand der Roman «Der Königsmacher», dem ich leider nicht den besseren Titel «Die unechte Tochter» gegeben habe.