Ganz frühe Erinnerung an erste Ahnungen, erste Sehnsüchte. Ich stehe am Rande des Platzes, der für mich die Mitte der Welt ist, an der Kreuzung in der Mitte des Dorfs Wehrda, wo gelbe Wegweiser die Straßen zu den Nachbarorten Rhina, Neukirchen, Rothenkirchen, Schletzenrod und Langenschwarz zeigen, das größte Gasthaus mit der Bushaltestelle gegenüber der Kirche. Daneben, am Rand der Kreuzung, der Kirchplatz, ein runder, halb mit einer niedrigen Sandsteinmauer eingefasster, mit acht Linden bestandener alter Dorfanger, wie eine Insel leicht erhöht über den Straßen, die hier zusammenlaufen. Da stehe ich, allein unter den Linden am Kirchplatz, ein stiller Vormittag im Sommer, und sehe ein Mädchen mit Ranzen am Milchkannenpodest vorbei Richtung Schule laufen (die erste Klasse hatte damals nur eine Schulstunde, von zwölf bis dreizehn Uhr). Es ist H., ein Jahr älter als ich, die ich nur flüchtig kenne und die nicht zu meinen Spielgefährtinnen gehört, weil sie im Schloss lebt, jüngste Tochter der Baronin, der mächtigsten Frau des Dorfes. Ich sehe nur den Rücken, das unscheinbare Kleid, den Blondschopf, den Ranzen. Ein Mädchen, unerreichbar und wunderbar, tippelt entschlossen voran, und ich kann den Blick nicht wenden, weit hinein in die Straße zur Schule, in die ich aus meiner Richtung schauen kann, bis das Mädchen dann doch hinter einer Hausecke verschwindet. Ich beneide H., ein Jahr muss ich noch warten, bis ich in die Schule darf. Schon wünsche ich, älter zu werden. Schon wünsche ich, Hand in Hand mit ihr zu gehen, zur Schule, ins Weite, ins Leben. Ich spüre: Es gibt so etwas wie Zukunft, Sehnsucht, Zukunftssehnsucht. Und glücklich über diese Ahnung verliebt sich der Fünfjährige in die Sechsjährige und behält das Bild für immer.