Aigues-Mortes

Von Montpellier und Aigues-Mortes machten mein Bruder und ich einen Abstecher zur Cathédrale de Maguelone, eine Freundin aus Berlin hatte das dringlich empfohlen. Ich steuerte meinen Fiat 500 Kombi über einen holprigen, kilometerlangen Feldweg, Oktober 1965, wir waren die Einzigen auf dieser Strecke. Bald aber tauchte hinter uns ein schwarzer Mercedes mit deutschem Nummernschild auf, kam und drängte näher. Ich fuhr an den Rand, ließ den Wagen vorbei. Der überholte und hielt dann. Günter Grass stieg aus – «Delius, was machen Sie denn hier?» Er

Nach der gemeinsamen Besichtigung der romanischen Kathedrale lud uns Grass für zwei oder drei Tage in sein Hotel in Montpellier ein, zum Essen und Skatspielen. Er hatte gerade seinen ersten großen Wahlkampfeinsatz für die SPD hinter sich und musste Willy Brandts Niederlage gegen Ludwig Erhard verarbeiten, auch ich, nach so viel Arbeit für die SPD im Wahlkontor (> ABSCHIED VON WILLY, > ADENAUER 1, > AHAB), war schwer enttäuscht. Mein Bruder und ich genossen den Luxus, spielten nicht besonders gut Skat, und nach den Tagen im Hotel zelteten wir in der Nähe des Strandes, den auch Grassens und Reifferscheid täglich aufsuchten, Grass viel lesend, seine Frau > ANNA mit Ballettübungen auf dem Sand. Wir wurden eingeladen, wenn Herr Förster, der Chauffeur und Diener des Verlegers, mittags zum Strand kam und zwei Picknickkoffer öffnete – Reifferscheid war ein Gourmet und Grass auf seine Weise auch. Dort in Südfrankreich oder kurz darauf, vermute ich, ist sein Gedicht «Platzangst» entstanden, über «die Söhne aus zu gutem Haus», nicht sehr schmeichelhaft für uns, falls er an uns dachte.