Akte

«Du musst auch Einsicht in deine Akte beantragen», sagte Jürgen Fuchs im Januar 1992, «die hatten dich bestimmt im Visier mit deinen Autorenkontakten in Ostberlin.» Fuchs, der mit der Staatssicherheit der DDR im Gefängnis die schlimmsten Erfahrungen gemacht hatte und auch danach im Westen immer wieder verfolgt und schikaniert wurde, trieb seit 1990 die Aufklärung über diesen Geheimdienst entscheidend voran. Als die Akten für die Betroffenen zugänglich wurden, dachte ich, den Leuten aus der einstigen DDR erst einmal den Vortritt zu lassen, aber Fuchs drängte auch seine Freunde aus dem Westen, den Antrag auf Akteneinsicht zu stellen.

Im Dezember 1994 sah ich die Papiere durch. Dass sie die Besucher Wolf Biermanns beschatteten, war zu erwarten. Obwohl sie Biermann abhörten, der deswegen immer das Radio laufen ließ, bekamen sie von unseren Gesprächen nichts mit. Dass sie nach der Übergabe zweier Reifen, die Katja Wagenbach und ich für das Westauto von Günter Kunert über die Grenze gebracht hatten und auf einem Parkplatz in der Nähe Biermanns umluden, mit großem Aufwand dem Verdacht eines staatsfeindlichen Manuskript- oder Rohstoff- oder Sprengstoffschmuggels zwischen zwei Dichtern nachgegangen waren, konnte man als Anekdote verbuchen. Erschreckender die Beschattungen der Treffen mit dissidentischen Freunden – aber immer

Außerdem hatte ich im Zuge meiner Nachrecherchen während des Siemens-Prozesses einmal mit einem sachkundigen Wirtschaftshistoriker gesprochen. Der berichtete der Stasi über mich und mein Denken, gar nicht mal dumm. «D. ist ein typisch deutscher Wissenschaftler, aber von der angenehmen Seite. Er raucht nicht, trinkt wenig, arbeitet viel und ist sehr ehrgeizig. Diesen Ehrgeiz verdeckt er mit Bescheidenheit und Schüchternheit (obwohl er nicht schüchtern ist).» Einen freien Autor konnte sich dieser Historiker offenbar nicht vorstellen, er machte ihn zum «Wissenschaftler» – egal, es blieb zum Glück bei diesem einen Gespräch. Von den Autorinnen und Autoren, auch den Freunden, hat mich, nach Aktenlage, niemand denunziert oder in Schwierigkeiten gebracht. So staatswichtig war man dann doch nicht.