»Frau Engel, bitte nennen Sie mir Ihren Namen und Ihre Anschrift.«
»Ihre Kollegen haben doch bereits meinen Personalausweis bekommen. Da steht das doch alles drin. Der ist, wie Sie vielleicht gesehen haben, ganz neu. Bitte gehen Sie sorgsam damit um, der muss jetzt wieder ein paar Jahre halten.«
»Sagen Sie mir bitte trotzdem, wie Sie heißen und wo Sie wohnen, Frau Engel.«
Annemie seufzte. In den letzten anderthalb Stunden hatte sie allein diesem Büro gesessen. Man hatte ihr einen Kaffee gebracht, den sie aber nach dem ersten Schluck hatte stehen lassen. Dass so ein dünnes Süppchen sich überhaupt Kaffee nennen durfte. Einmal hatte sie unter Bewachung auf die Toilette gedurft. Die Polizistin – eine andere als die, die Annemie schon kannte – hatte vor der Tür Wache gestanden. Was trauten sie ihr zu? Dass sie aus dem Toilettenfenster klettern, sich an der Fassade abseilen und flüchten würde? Das konnte sie ja beinahe als Kompliment ansehen.
Wieder zurück in dem kleinen Raum hatte sie sich die Zeit damit vertrieben, mit Hilfe einer Packung Papiertaschentücher den Staub von der Fensterbank, dem Schreibtisch und den Aktenschränken zu wischen. Kein Wunder, dass das mit der Verbrechensbekämpfung nicht so richtig in Schwung kam. Verdrecktes Interieur bot keine angenehme Arbeitsatmosphäre. Gerade hatte sie sich einen der Stühle an den Aktenschrank geschoben und war hinaufgestiegen, um auch auf dem Schrank sauber zu machen, als sich die Tür öffnete und eine Dame mittleren Alters das Zimmer betrat. Sie schaute sich um, nickte Annemie kurz zu und verließ das Zimmer wieder, ohne die Tür zu schließen. Wenige Sekunden später hatte sie wieder im Zimmer gestanden.
»Sie sind Frau Engel?«, fragte sie verwundert. »Ich dachte, Sie wären die …« Sie verstummte mitten im Satz.
»Ja.« Annemie war von dem Stuhl gestiegen und hatte das dreckige Papiertaschentuch im Mülleimer entsorgt. Die Dame hatte sich als die zuständige Kommissarin vorgestellt und den Schreibtischstuhl um den Tisch herumgerollt, bis er dem Besucherstuhl direkt gegenüberstand.
»Ich brauche das der guten Ordnung halber, Frau Engel. Fürs Protokoll«, sagte sie jetzt und lächelte freundlich. »Setzen Sie sich bitte.«
Annemie betrachtete sie. Sie machte einen kompetenteren Eindruck als ihre Kollegin in Uniform. Mit Hilfe der Kommissarin würde Annemie sicherlich nicht nur den Irrtum, was ihre Festnahme betraf, sondern auch das Rätsel um den doppelten Peter Juwel aufklären können.
»Mein Name ist Annemie Engel.« Annemie wischte mit einem sauberen Papiertuch über den Stuhl, auf dem sie gerade noch gestanden hatte, und setzte sich. »Geboren am 15. Mai 1956, wohnhaft in der Glimberger Hauptstraße 107 im schönen Niedelsingen.« Wenn sie die Kommissarin damit glücklich machen konnte, warum nicht?
»Was hat Sie denn nach Bad Nordersielengroden geführt?«
Annemie erzählte ihr von Maike und Farin, dem Café und wie das alles zustande gekommen war. Vom geschenkten Urlaub, den Konzertkarten und von Werner, ihrem Verehrer. Die Kommissarin hörte ihr zu, nickte ab und an und stellte zwischendurch eine Frage, wenn sie etwas nicht verstanden hatte. Als Annemie mit ihrer Schilderung an der Stelle ankam, an der sie gestern den anderen Peter Juwel auf den Stufen zum Kurpavillon entdeckt hatte, öffnete sich die Tür. Eine Kollegin bat um eine kurze Unterbrechung. Die Kommissarin stand auf und verließ das Büro, um nach einer Minute wieder hereinzukommen.
»Sie sagen also, dass Sie Herrn Juwel bereits gestern auf den Stufen der Treppe tot vorgefunden haben.«
»Ja. Aber Ihre Kollegin und auch der Kollege bezweifeln das.«
»Kann es nicht sein, dass Sie Herrn Juwel töten wollten, es Ihnen gestern aber nicht gelungen ist und Sie es heute erneut versucht haben? Diesmal mit Erfolg?«
Annemie riss die Augen auf. »Warum sollte ich ihn töten wollen? Was haben Sie für eine schreckliche Phantasie? Aber das ist ja wohl kein Wunder bei den vielen Verbrechen, mit denen Sie täglich zu tun haben.« Sie stand auf. »Nur halten Sie mich da bitte raus. Ich habe damit nichts zu tun.«
»Frau Engel. Wir haben Ihre Fingerabdrücke an der Leiche gefunden. Wissen Sie, was das bedeutet?«
»Natürlich weiß ich das. Ich schaue Fernsehkrimis. Aber in meinem Fall ist das unerheblich, weil es selbstverständlich erklärbar ist.« Musste sie wirklich auch der Kommissarin die Sachlage erklären? »Ich habe Herrn Juwel gefunden.« Besser, sie sprach in kurzen Sätzen. »Ich habe nachgesehen, ob er noch lebt.« Sie machte eine winzige Pause. »Außerdem habe ich seine Hand unter seinem Körper hervorgezogen, um nach dem Nagel zu sehen. Das war nicht in Ihrem Sinne. Das sehe ich ein. Aber es erklärt, warum Sie meine Fingerabdrücke an der Leiche gefunden haben.«
Die Kommissarin betrachtete sie. In ihrem Gesicht arbeitete es. Annemie erkannte Misstrauen, Zweifel und dann so etwas wie Resignation, gefolgt von einem lauernden Ausdruck.
»Sie können gehen, Frau Engel.«
»Sehen Sie, alles klärt sich auf, wenn man nur darüber redet.« Annemie schlug einen versöhnlichen Tonfall an. Der Satz stammte von Farin. Wenn er ihn zitierte, erwähnte er immer noch jede Menge Tanten, Onkel und Tanten von Onkeln, die diesen Satz laut Farin immer sagten, aber die ließ Annemie jetzt lieber weg. Weil sie selbst weder Onkel noch Tanten und auch keine Tanten von Onkeln hatte, die Existenz von Farins weitläufiger, Aphorismen produzierender Verwandtschaft im Stillen stark anzweifelte und zum jetzigen Zeitpunkt froh war, dass die Kommissarin Einsehen zeigte.
»Jemand hat Ihnen ein Alibi gegeben.«
»Das ist nett, aber ich benötige kein Alibi. Weil ich Herrn Juwel nicht umgebracht habe.«
»Jedenfalls können Sie jetzt erst einmal gehen. Falls sich neue Aspekte ergeben, werden wir gegebenenfalls wieder auf Sie zukommen. Halten Sie sich bitte zu unserer Verfügung.«
So wie sie es sagte, klang es eher wie »sobald sich neue Aspekte ergeben«.
Die Kommissarin hielt Annemie die Tür auf, gab ihr ihren Mantel und die Handtasche zurück und begleitete sie durch das Gebäude bis zum Ausgang. Vor der Wache standen Werner Assenmacher und Sonja Hansen und nahmen Annemie in Empfang.
»Jemand hat mir ein Alibi gegeben. Warst du das?«, wollte sie von Werner wissen. Der schüttelte den Kopf.
»Das war ich.« Sonja Hansen trat auf Annemie zu und nahm sie spontan in den Arm. »Ich konnte doch nicht zulassen, dass man Sie dortbehält.«
Annemie versteifte und befreite sich aus der Umarmung. »Aber wir haben uns doch gar nicht gesehen, Frau Hansen. Wie können Sie mir denn ein Alibi geben? Ich habe Herrn Juwel nicht getötet. Das ist die Wahrheit. Und die Wahrheit kommt früher oder später immer ans Licht. Da braucht es keine Lügen.«
»Es ist keine Lüge. Es ist die Wahrheit.« Sonja Hansen strahlte über das ganze Gesicht. »Als ich in die Backstube ging, habe ich Sie in Ihrem Zimmer schnarchen gehört. Laut und deutlich.«
»Das kann gar nicht sein.«
»Wieso nicht?«
»Ich schnarche nicht. Niemals.«
Im Café »Zur Meeresbrise« herrschte Tortenstille. Die Art von Stille, die eintrat, wenn alle Anwesenden schweigend die Vorfreude auf ihr Stück Torte genossen. Sonja Hansen hatte ihre frisch gebackene Flockentorte im Ganzen auf den Tisch gestellt, dazu ein breites Messer und drei Teller samt Kuchengabeln.
»Guter Kuchen ist zeitlos. Man kann ihn immer essen. Auch in ungewöhnlichen Situationen. Vor allem dann. Egal, wie spät es ist«, sagte sie und ergänzte die Kaffeetafel um eine silbern glänzende Thermoskanne. »Oder wie früh. In einer halben Stunde öffnet das Café. Bis dahin haben wir noch etwas Zeit.« Sie setzte sich, lud jedem ein Stück Kuchen auf den Teller und begann zu essen. »Das geht aufs Haus, Frau Engel und Herr Assenmacher. Auf den Schock braucht man etwas Anständiges in den Magen.«
Annemie griff nach ihrer Gabel und probierte. Diese Sonja Hansen war wirklich eine erstaunliche Person. Ihre Energie schien unbegrenzt. Dabei hatte sie nicht nur die Pension, um die sich kümmerte, und das Café samt Backstube, die sie in aller Frühe aus dem Bett trieb, sondern auch noch mindestens zwei Töchter, die Annemie zwar noch nicht gesehen, aber die sie gestern zumindest gehört hatte. Den Stimmen und der wummernden Musik nach handelte es sich um Teenager, die ihrer Mutter das Leben nicht eben leicht machten. Einen Partner oder eine Partnerin hatte sie bisher nicht ausmachen können. Sonja Hansen schulterte das alles offenbar allein.
»Sehr gut.« Annemie zeigte auf das Stück Torte.
»Wenn ich Sie heute Morgen geweckt hätte, damit wir zusammen backen, wäre das alles nicht passiert.« Sonja Hansen ließ die Gabel sinken. »Ich ärgere mich, aber wer hätte das denn ahnen können? Sie direkt an Ihrem zweiten Urlaubstag aus dem Schlaf zu reißen, erschien mir einfach falsch.«
»Sie haben alles richtig gemacht, Frau Hansen.« Werner Assenmacher lächelte sie freundlich an. »Ich gehe mal davon aus, dass Leichen auf den Treppen der Kurgartenbühne nicht zum Standardrepertoire hier in Bad Nordersielengroden gehören. Oder hattest du vor, Tote am Strand zu finden in deine Morgenroutine aufzunehmen?«, fragte er an Annemie gewandt.
»Sie haben mir wieder nicht geglaubt.« Sie legte die Kuchengabel zur Seite, trank einen Schluck Kaffee, stellte die zarte Tasse mit Rosenmuster danach jedoch nicht ab.
»Aber die Leiche war doch diesmal echt?«
»Herr Juwel war anwesend und so tot, wie man nur sein kann.« Annemie trank einen weiteren Schluck. »Doch darum geht es nicht.«
»Sondern?«
»Sie zweifeln nach wie vor am ersten Peter Juwel.«
»Dem von gestern.«
Sie trank und stellte die Tasse heftig ab. Das Geschirr klirrte, Sonja Hansen zuckte kurz zusammen, aber Annemie achtete auf beides nicht. »Richtig. Die Kommissarin denkt doch tatsächlich, ich hätte gestern bereits versucht, Herrn Juwel umzubringen, und heute sei es mir dann gelungen.« Sie sah von einem zum anderen. »Das ist natürlich vollkommener Unsinn. Wenn ich ihn wirklich hätte töten wollen, hätte ich das sicher nicht mit der schönen neuen Goldenen Schallplatte gemacht. So eine Auszeichnung hält man doch in Ehren. Die gehört in einen Bilderrahmen und nicht in den Hals eines Mannes. Das hat der Platte auch nicht gutgetan. Sie ist jetzt zerbrochen.«
»Die Polizei wird gegen dich ermitteln, Annemie. Das ist unbestreitbar. Solange sie den wahren Mörder nicht finden, werden sie dich weiter in Verdacht haben. Auch wenn Frau Hansen dir ein Alibi gegeben hat. Womöglich müssen wir hierbleiben, bis der Fall abgeschlossen ist. Sie werden dich nicht abreisen lassen, ehe du als mögliche Täterin entlastet bist.«
»Bitte?« Daran hatte Annemie noch gar nicht gedacht. Aber richtig. Die Kommissarin hatte etwas von »zur Verfügung halten« gesagt. Hatte sie das damit gemeint? Durfte Annemie am Ende des Urlaubs nicht nach Niedelsingen zurückkehren? Diese Vorstellung schockierte sie zutiefst. Eine Woche für einen Urlaub ihre Backstube, die Kater und Farin und Maike zurückzulassen, war schon schwierig genug gewesen. Aber die Aussicht, diesen Urlaub auf unbestimmte Zeit verlängern zu müssen, bis der Mordfall aufgeklärt wäre, war zu schrecklich. Zumal sie dabei auf die gute Arbeit der örtlichen Polizei angewiesen wäre.
Das ließ nichts Gutes erwarten.
»Werner.« Sie legte, ohne nachzudenken, ihre Hand auf seine, zögerte, aber bemerkte seine erfreute Reaktion darauf. Fast hätte sie die Hand wieder zurückgezogen. Doch auf ihrem Spaziergang heute Morgen hatte sie sich dazu entschlossen, ihre Verbindung zu Werner zu vertiefen. Daran änderte auch der tote Peter Juwel nichts. Also blieb die Hand, wo sie war, und Annemie ließ sich sogar zu einem leichten Streicheln hinreißen. »Es hilft nichts. Wir werden uns selbst darum kümmern müssen.«
»Was meinen Sie, Herr Assenmacher, meint sie jetzt das, was ich meine, dass sie meint?« Sonja Hansen rückte ihren Stuhl näher an den Tisch heran. »Ist das aufregend.«
»Ich weiß nicht, was Sie oder Herr Assenmacher meinen, was ich meine, Frau Hansen. Ich weiß nur, was ich meine.«
»Wenn ich deinen Gesichtsausdruck richtig interpretiere, willst du herausfinden, wer Peter Juwel umgebracht hat.«
Annemie nickte Werner zu.
»Aber wird das nicht sehr schwierig werden?«, wollte Sonja Hansen wissen.
»›Schwierigkeiten werden gemacht, damit man sie überwindet‹, sagt Miss Felicity Lemon zu Poirot in ›Plymouth Express‹. Und ich finde, sie liegt damit absolut richtig.« Werner Assenmacher ergriff Annemies Hand, die sie die ganze Zeit über auf seiner hatte liegen lassen, drückte sie und hauchte dann einen Handkuss darauf. Annemie erschrak ein wenig, denn irgendwie hatte sie ihre Hand ganz vergessen, weil es sich so selbstverständlich angefühlt hatte. Doch dann lächelte sie. Diese Miss hatte recht. Schwierigkeiten waren dazu da, dass man sie überwand. Egal, auf welchem Gebiet.
»Wie schön!« Sonja Hansen sprang auf. »Aber bevor wir dieses Café in eine Detektei verwandeln, muss ich zuerst noch ein paar Gäste bewirten. Die ersten stehen sicherlich bald vor der Tür.« Sie ging zur Treppe. »Ich hole schnell ein paar Getränke rauf, zum Auffüllen des Kühlschranks bin ich wegen unseres Besuchs bei der Polizei vorhin nicht mehr gekommen«, rief sie auf dem Weg nach unten. Annemie hörte ihre Schritte auf den hölzernen Stufen, ein Poltern und einen Schrei. Dann hörte sie nichts mehr.