Kapitel Eins
»Pizzalieferung.«
Die vertraute Stimme drang aus einem versteckten Lautsprecher in dem kleinen Sicherheitsbüro. Eine gelbe LED an einer der Konsolen blinkte und wies darauf hin, dass jemand den Befehl zum Öffnen an das Eingangstor übertragen hatte.
Yoshi Watanabe überprüfte die Überwachungsmonitore, die einen Überblick über den weitläufigen Wohnkomplex boten. Eine der Videoübertragungen zeigte, wie das nördliche Tor aufglitt und ein Lieferant von Domino’s die Anlage betrat.
Eine Pizzalieferung war nichts Ungewöhnliches. Zehn Uhr abends war etwas später als der Durchschnitt, aber auch nicht übertrieben spät. Außerdem erkannte Yoshi die Stimme des Zustellers – dieselbe Stimme hörte er seit fast einem Jahr mehrmals pro Woche. Diesmal jedoch erregte etwas daran, wie der Fahrer gesprochen hatte, seine Aufmerksamkeit.
Hatte die Stimme des Mannes ein wenig gezittert?
Unwillkürlich sträubten sich Yoshi die Nackenhaare.
Er rutschte mit dem Stuhl näher zu den Monitoren und betrachtete die Bilder des Lieferwagens. Über die gesamte Anlage verteilten sich fast zwei Dutzend bewegungsaktivierte Überwachungskameras. Dennoch dauerte es nur wenige Augenblicke, die zu finden, die den Honda mit einem Domino’s - Logo auf der Seite zeigte. Der Wagen parkte vor Gebäude 3. Auf dem Fahrersitz befand sich niemand, trotzdem stiegen vom Heck Auspuffgase auf.
Yoshi schüttelte den Kopf. »Was für eine Einladung für jeden Autodieb.«
Dann jedoch sichtete er neben dem Fahrzeug einen grauen Schemen, der auf dem Boden lag. Er vergrößerte die Ansicht mehrmals. Der graue Schemen entpuppte sich nach und nach als Person mit feuerrotem Haar.
Der Lieferant von Domino’s . Zweifelsfrei.
Yoshis Herzschlag raste, als er durch die anderen Kameras von Gebäude 3 schaltete. Er sichtete einen Mann mit einer Skimaske, der aus einer der Wohnungen gerannt kam – mit dem schlaffen Körper eines Kinds über der Schulter.
Yoshi sah auf die Bildbeschreibung: erster Stock. Und der Mann war aus dem dritten Apartment von hinten gekommen.
Yoshi stockte der Atem in der Kehle.
Apartment 1C.
Das war nicht irgendein Kind, sondern die Enkeltochter von Shinzo Tanaka, Oberhaupt eines der größten Verbrechersyndikate Japans.
»Nein!«, brüllte er dem Monitor ohnmächtig entgegen und weckte damit den anderen Sicherheitsmitarbeiter.
»Was? Wer?« Der verwirrte Wächter blinzelte sich noch den Schlaf aus den Augen, als Yoshi aus dem Sicherheitsbüro stürmte.
Er sprintete durch den Hof in Richtung des Tors und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, als er hörte, wie sich die zwei Tonnen schwere Barriere in Bewegung setzte. Yoshi traf gerade noch rechtzeitig ein, um zu sehen, wie ein Honda neueren Baujahrs mit schlingerndem Heck von der Wohnanlage weg raste und das Ausfahrtstor sperrangelweit offen hinter sich zurückließ.
Zähneknirschend wirbelte Yoshi herum und rannte zu Gebäude 3.
Einer der Wachleute erwartete ihn.
»Yoshi? Was ...«
»Halt die Klappe und ruf die Polizei. Wir haben’s mit einer Entführung zu tun! Gebäude 3, Apartment 1C.«
Ein eiskalter Schauder raste Yoshi über den Rücken. Wenn der Täter mit dem Kind entkommen war ... was hatte er dann mit der Mutter gemacht?
Ryuki Watanabe nahm den ersten verfügbaren Flug nach Tokio, nachdem ihn sein Bruder Yoshi mit der Nachricht angerufen hatte. Ryuki hatte maßgeblich dazu beigetragen, Yoshi in der Wohnanlage zu platzieren, damit er auf das Mädchen aufpasste. Doch er konnte nicht zulassen, dass sein Bruder die Schuld dafür auf sich nahm. Die Verantwortung für die Entführung von Tanakas Enkelin lastete auf seinen Schultern.
Nun wartete er spätabends allein in einem Besprechungsraum im obersten Stockwerk des Tanaka-Gebäudes in der Innenstadt von Tokio. Er hatte gehofft, dieser Tag würde nie kommen. Dennoch fühlte er sich ungewöhnlich ruhig, als er am Besprechungstisch saß und auf die Ankunft des Vorsitzenden wartete.
Kopfschüttelnd ließ er den Blick durch den Raum wandern. Ryuki bevorzugte das traditionelle Dekor seiner japanischen Abstammung: niedrige Tische, um die man im Seiza -Stil saß, hängende Schriftrollen mit japanischer Kalligrafie, Seidenstickereien. Tanaka hingegen hatte ein Faible für einen eher westlichen Stil. Im Raum roch es nach den zwanzig schwarzen Lederstühlen mit hoher Rückenlehne. Der lange Tisch aus schwarzem Holz, um den die Stühle standen, schimmerte auf Hochglanz poliert. Vermutlich Ebenholz.
Die Tür auf der anderen Seite öffnete sich, und Shinzo Tanaka trat ein. Der Mann war Mitte 60. Die Augen in dem wie versteinert wirkenden Gesicht waren blutunterlaufen. Zwei Leibwächter folgten einen Schritt hinter ihm, schlossen die Tür und blockierten den Ausgang.
Ryuki spürte, wie sich Anspannung in ihm ausbreitete, während er darauf wartete, dass sein langjähriger Boss das Wort ergriff. Als Tanakas Stellvertreter kannte er den Mann seit fast einem Vierteljahrhundert, doch er hatte ihn noch nie so abgehärmt wie an diesem Abend erlebt.
»Ryuki.« Die raue Stimme des älteren Mannes strotzte vor Emotionen. »Wie ... wie konnte das passieren?«
»Es tut mir leid.« Ryuki neigte das Haupt, während er nervös die Umrisse des Messers in seiner vorderen Hosentasche nachfuhr. »Es ist alles so schnell gegangen. Der Mann ist in die Wohnung eingebrochen, hat die Mutter des Kinds bewusstlos geschlagen und das Kind mitgenommen. Alles in weniger als einer Minute. Die amerikanische Polizei ist eingeschaltet, und ich lasse unsere eigenen Leute auch daran arbeiten.«
Tanakas Züge verfinsterten sich, als er die Lippen zu einer schmalen Linie zusammenpresste. »Du hast mir versprochen, dass meine Enkelin in Amerika in Sicherheit sein würde.«
»Das habe ich.« Ein frostiges Gefühl der Resignation schwappte über Ryuki hinweg, als er sich vor seinem Boss verbeugte. »Ich bin bereit, mich auf die aufrichtigste Weise zu entschuldigen.«
Er holte aus der Tasche das Messer, ein Päckchen Verbandsmull, ein makellos weißes Seidentuch und platzierte alles auf dem Tisch. Er legte die linke Faust in die Mitte des Tuchs, streckte den kleinen Finger aus und neigte mit einem Gefühl tiefen Bedauerns das Haupt. Es war das erste Mal überhaupt, dass er den Mann enttäuscht hatte. Und er betete, es würde das letzte Mal sein.
Mit zusammengebissenen Zähnen ergriff er das Messer, klappte die scharfe Klinge aus und fuhr mit kräftigem Druck über das Ende des letzten Knöchels seines kleinen Fingers.
Das Messer schnitt durch die faserigen Sehnen. Er spürte, wie sie gleich durchtrennten Gummibändern zurückschnellten. Ryuki spannte den gesamten Körper zum Zerreißen an und unterdrückte mühsam ein gequältes Grunzen.
Als es vollbracht war, benutzte er die rechte Hand, um die abgetrennte Fingerspitze in das weiße Seidentuch zu wickeln. Mit nach wie vor geneigtem Haupt überreichte er die bizarre Opfergabe an Tanaka, der die Entschuldigung mit verkniffener Miene annahm.
Hitze flammte in der Wunde auf, und Ryuki verband den verletzten Finger mit einem mit Gerinnungsmittel durchtränkten Stück Mull. Mit einem frischen Tuch wischte er das Blut vom Tisch.
Schließlich zog sich Tanaka einen Stuhl heraus und nahm ihm gegenüber Platz. »Ryuki, wir müssen meine Enkeltochter finden. Sie ist das einzige Kind meines Sohns.«
Trotz der eigenen Höllenqualen spürte Ryuki den Schmerz seines Gegenübers. Tanaka hatte bereits seinen Sohn verloren. Er war in den USA aus einem vorbeifahrenden Auto erschossen worden. Und das, obwohl er ihn von seinem Lebensstil genauso abgeschirmt hatte wie Ryuki seinen Bruder. Und nun musste der Mann fürchten, auch noch seine Enkeltochter zu verlieren.
»Ich setze mehr unserer Leute darauf an«, versprach Ryuki.
Tanaka beugte sich vor und schob einen Zettel über den Tisch. Ryuki ergriff ihn mit der rechten Hand.
»Ich erteilte dir die Erlaubnis, Verbindung mit den Italienern in unserem amerikanischen Gebiet aufzunehmen«, erklärte Tanaka. »Es gibt nur einen Mann, dem ich das anvertrauen will.«
Bei der Herabwürdigung zog sich in Ryuki alles zusammen. Es ließ sich nicht überhören, dass er das Vertrauen des Mannes verloren hatte, zumindest in Hinblick auf Tanakas Enkelin.
»Bevor du an ihn herantrittst«, fuhr Tanaka fort, »holst du die Erlaubnis seines Vorgesetzten ein. Sag zu, was immer nötig ist, um seine Hilfe zu bekommen. Ich übernehme die Ausgaben.« Damit erhob er sich. Die Leibwächter öffneten die Tür des Besprechungsraums. »Nimm den nächsten Flug und arrangiere das mit dem Oberhaupt der Familie Bianchi in New York City.«
Auch Ryuki stand auf. Tanaka legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte sie. »Bring meine Enkelin wohlbehalten zu mir zurück, Ryuki. Sie ist meine einzige lebende Erbin.« Sein Tonfall duldete keinen Widerspruch. »Nichts ist wichtiger als das.«
Ryuki verbeugte sich, und Tanaka versetzte ihm einen leichten Stoß in Richtung des Ausgangs. »Geh!«
Als Ryuki mit schnellen Schritten durch den Flur eilte, faltete er den Zettel auseinander und betrachtete den englischen Namen, der in Handschrift darauf stand.
Als er den Rufknopf für den Fahrstuhl drückte, fragte er sich, wer Levi Yoder war.
Levi erwachte durch die frühmorgendlichen Geräusche von New York City, die über mehrere Stockwerke in sein Apartment an der Park Avenue heraufdrangen. Genüsslich streckte er sich, gähnte und kämpfte sich aus dem Bett. Es war kurz vor fünf Uhr morgens – früher, als er normalerweise gern aufstand. Aber als er das Schlafzimmer verließ, trat bei dem Anblick, der sich ihm bot, dennoch unwillkürlich ein Lächeln in seine Züge.
Neben den an der Wand befestigten Bücherregalen stand in den warmen Schein einer antiken italienischen Lampe getüncht eine statuenhafte Frau Anfang 30. Sie trug nur eines seiner Hemden, während sie durch einen dicken Ringordner mit alten, medizinischen Fachzeitschriften blätterte, den sie aus einem Regal geholt hatte. Die Frau besaß glattes, schulterlanges schwarzes Haar und mokkafarbene Haut, die einen herrlichen Kontrast zu dem weißen Hemd bildete.
Vergangene Nacht hatte er Madison zum ersten Mal in seine Wohnung mitgenommen – eine Wohnung, die der Familie Bianchi gehörte, einem der größten Mafiaclans von New York. Ein Minischritt in seine geheime Welt.
»Du bist früh auf«, merkte Levi an.
Mehrere Sekunden lang sah Madison schweigend zu ihm hoch. Ein Lächeln trat in ihre fein geschnittenen Züge.
»Was ist?« Er legte die Stirn in Falten, als er an sich hinabblickte, bevor er wieder sie ansah.
»Du bist einfach süß. Ich hätte nicht gedacht, dass noch irgendwer im Pyjama schläft.« Sie tippte mit einem Finger auf den Ringordner. »Du hast ’ne merkwürdige Büchersammlung. Gehört das Lesen medizinischer Fachzeitschriften zu deinen Hobbys?«
Er zuckte mit den Schultern, ging zu Madison hinüber und küsste sie auf die Wange. »Dir auch einen guten Morgen. Hoffentlich magst du Eier, das ist so ziemlich das Einzige, was ich für Frühstück im Kühlschrank hab. Ich geh und mache uns Schinken-Käse-Omeletts.«
Madison schnaubte laut. »Levi, ignorier mich nicht. Was hat es mit dem ganzen medizinischen Kram auf sich? Scheint mir merkwürdiger Lesestoff zu sein, wenn man nicht gerade Arzt oder so ist.«
Levi holte einen Karton Eier aus dem Kühlschrank und sprach über die Schulter, während er das Frühstück zubereitete. »Tja, offensichtlich bin ich kein Arzt. Du weißt doch, dass ich vor etwa zwölf Jahren Krebs hatte, oder? Tja, damals haben sämtliche Ärzte gemeint, ich wäre unheilbar. Trotzdem hab ich dem Tod anscheinend ein Schnippchen geschlagen. Aber letzten Endes wurde mir klar, dass ich aus der Zeit in meinem Leben nicht ganz unbeschadet hervorgegangen bin.«
»Wie meinst du das?« Mittlerweile stand Madison am Eingang zur Küche und klang besorgt. »Willst du damit sagen, dein Krebs ist zurück? Du hast doch keinen Rückfall, oder?«
»Nein, nichts dergleichen. Ist schwer zu erklären. Damals ist so viel gleichzeitig passiert. Meine Frau ist bei einem Autounfall gestorben, ich hatte Krebs im Endstadium, und ich hatte ein kräftezehrendes Fieber, das mich total umgehauen hat. Dann ist das Fieber plötzlich von selbst verschwunden und mein Krebs hat sich vollständig zurückgebildet. Da ist mir aufgefallen, dass auf einmal auch andere Dinge anders waren.
Die Welt hatte mehr Farben, als mir je zuvor aufgefallen waren. Geräusche, die schon immer da gewesen waren, gedämpft im Hintergrund, wurden viel offensichtlicher für mein Gehör. Sogar die Gerüche der Stadt hab ich stärker, deutlicher wahrgenommen. Zuerst hab ich das als ’ne seltsame Nebenwirkung der Krebserkrankung abgetan. Aber nach einer Weile wurden ... andere Dinge schwer zu ignorieren.«
»Was zum Beispiel?«, fragte Madison und legte das Kinn auf Levis Schulter, während sie beobachtete, wie er geschickt Eier in eine Rührschüssel aufschlug. Er spürte ihre an ihn geschmiegte Wärme und überlegte, wie viel er ihr erzählen könnte, ohne dass sie ihn für verrückt hielte.
»Na ja, es waren Kleinigkeiten. Ich konnte mich an willkürliche Fakten erinnern, ohne mir die geringste Mühe zu geben. Zum Beispiel könnte ich dir sagen, dass im Restaurant zwei Blocks nördlich von hier vor zehn Tagen das Tagesgericht Hühner-Piccata um 10,99 Dollar war. Und das weiß ich nur, weil ich an dem Tag vorbeigegangen bin und das Schild gesehen hab. Ich könnte dir auch das Kennzeichen des Uber- Fahrers nennen, der uns hergebracht hat. Verdammt, ich weiß sogar noch die Nummer der Eintrittskarte für die Oper, die ich mir vor zwei Wochen mit einem Freund angesehen hab.«
Madison wich einen Schritt zurück. »Ist das dein Ernst?«
Levi goss die geschlagenen Eier in zwei heiße Pfannen. »Ja. Das ist einer der Gründe, warum ich angefangen hab, solche Bücher zu durchforsten. Ich wollte herausfinden ...«
»Warum bist du nicht einfach zu ’nem Arzt gegangen?« Ein Hauch von Erregung schlich sich in ihre Stimme. »Willst du ernsthaft behaupten, du könntest dich an alles erinnern, was du je gesehen hast?«
Levi nickte, als er gehackten Schinken und Cheddar auf die halbgekochten Eier streute, bevor er die Omeletts vorsichtig wendete. »So ziemlich. Nur zu. Ich merk dir an, dass du’s kaum erwarten kannst, mich auf die Probe zu stellen.«
Madison öffnete erneut den Ringordner, der eine Sammlung alter Ausgaben des American Journal of Medicine enthielt. Wahllos blätterte sie durch die Seiten einer der Ausgaben. »Okay, das hier ist vom Oktober 2015. Ein Artikel über Fieber unbekannter Herkunft – sieht so aus, als hättest du ihn markiert. Was steht unmittelbar über der Tabelle?«
Mit einem Schnippen des Handgelenks wendete Levi beide Omeletts und streute noch etwas geriebenen Cheddar darüber. Er rief das Bild der grünstichigen medizinischen Zeitschrift vor sein geistiges Auge und blätterte in Gedanken zum entsprechenden Artikel. Es handelte sich um einen, der ihn besonders fasziniert hatte.
»Okay, ich fange mal damit an, was Petersdorf gemacht hat:
›Petersdorf klassifizierte auch Fieber unbekannter Herkunft nach Kategorie, das heißt infektiös, bösartig/neoplastisch, rheumatisch/entzündlich und Sonstige. Fieber unbekannter Herkunft können auch im Zusammenhang mit Wirtsuntergruppen betrachtet werden, zum Beispiel Organtransplantationen, menschliche Immunschwächeviren, zurückkehrende Reisende.‹«
Er schaute über die Schulter, als er die Herdflamme ausschaltete. Madison glotzte ihn mit offenem Mund an.
»Heilige Scheiße, das ist unglaublich. Warum bist du nicht Arzt oder so geworden?«
Levi lachte, als er zwei große Teller aus dem Schrank holte und auf jeden ein perfekt zubereitetes Omelett lud. »Maddie, ganz so funktioniert das nicht. Dass ich mich an alles erinnern kann, heißt noch lange nicht, dass ich alles verstehe, was ich lese. Ich hab in den Regalen auch andere Bücher, über Elektronik, Physik und sonstige Themen. Ich könnte dir also sagen, was ein Widerstand oder ein Kondensator ist, aber ich wüsste ums Verrecken nicht, was man damit anstellen kann. Na ja, vielleicht ungefähr, aber nicht wirklich.«
»Du hast also im Wesentlichen ein fotografisches Gedächtnis.«
Levi zuckte mit den Schultern. »Schätze schon. Aus diesen Zeitschriften hab ich erfahren, dass ein fotografisches Gedächtnis – die nennen es ›eidetisches‹ Gedächtnis – bei Erwachsenen nicht wirklich vorkommt. Ein sehr geringer Prozentsatz kleiner Kinder kann so was tatsächlich besitzen, aber es verschwindet, bevor sie erwachsen werden. Die einzigen Fälle von annähernd eidetischem Erinnerungsvermögen kennt man von Menschen mit irgendeiner Form von traumatischer Hirnverletzung. Und so was hatte ich nicht – zumindest nicht, dass ich wüsste.
Ich weiß auch nicht, vielleicht hat das Fieber oder der Krebs oder auch die Kombination von beidem irgendwas bei mir bewirkt. Jedenfalls ist die Sache mit dem Gedächtnis manchmal praktisch, aber nicht der Schlüssel dazu, ein Genie zu sein. Davon bin ich weit entfernt.«
Er sprenkelte ein wenig fein gehackte Frühlingszwiebeln über die Omeletts, dann deutete er in den Essbereich. »Sehen wir mal zu, dass du was in den Magen bekommst. Du hast ’nen langen Tag vor dir.«
Madisons Blick folgte Levi ins Esszimmer. »Levi, du steckst wirklich voller Überraschungen. Tut mir leid, ich sollte dir helfen, statt ...«
»Unsinn. Du bist hier mein Gast. Setz dich. Ich hol Orangensaft.«
Levi eilte zurück in die Küche und lächelte bei sich, als er an die wunderschöne, halbnackte Frau in seinem Wohnzimmer dachte. Es fühlte sich seltsam für ihn an, persönliche Aspekte seines Lebens mit jemandem zu teilen. Seine biologische Familie wusste nichts von dem, was er Madison gerade anvertraut hatte, seine Mafia-Familie kannte nur kleine Teile.
Unwillkürlich fragte er sich, was die Zukunft für sie beide wohl bereithalten mochte.
Levi stand mit Carmine und Paulie im hinteren Teil des Gemeinschaftsraums im YMCA von Harlem und beobachtete, wie Madison ihre Klasse unterrichtete. Sie trug einen weißen Gi mit einem schwarzen Gürtel um die schlanke Taille und brachte einer Gruppe von fast zwei Dutzend Kindern und jungen Leuten aus der Gegend Kampfsportgrundlagen bei. Das Alter ihrer Schüler reichte von etwa fünf Jahren bis in die späten Teenagerjahre. Vertreten war das gesamte Spektrum der Rassen und Kulturen, das sowohl das Viertel als auch New York City insgesamt ausmachte.
Für Levi verkörperte Madison den Inbegriff von Anmut und Schönheit in einem schlanken, 1,75 großen Paket.
Er musste zugeben, dass ihre Beziehung kompliziert war. Sie beide lediglich als Freunde zu bezeichnen, wäre zu wenig gewesen, sie ein Paar zu nennen wiederum zu viel ... Sie lebten nicht einmal im selben Bundesstaat – Madison wohnte in Washington, D. C., er in New York City.
Die größte Hürde für eine Beziehung jedoch stellten ihre jeweiligen Jobs dar. Immerhin arbeitete sie als Geheimagentin bei der CIA ... und er galt als eines der führenden Mitglieder einer prominenten Mafia-Familie. Davon wusste sie nichts Genaues, sehr wohl jedoch wusste sie, dass er mit einigen zwielichtigen Gestalten engen Kontakt pflegte. Und das genügte, um von Zeit zu Zeit für unangenehme Situationen zu sorgen.
Richtig kennengelernt hatten sie sich vor fast einem Jahr, als Levi im Ausland war, um sich um eine persönliche Angelegenheit zu kümmern. Dabei geriet er in eine Lage, die ihn zwang, mit Leuten zusammenarbeiten, die sich als CIA-Agenten erwiesen hatten – darunter Madison. Er war vom ersten Moment an von ihr hingerissen gewesen.
Dabei konnte man sich kaum ein unwahrscheinlicheres Paar vorstellen. Levi war nicht sicher, wohin ihre Beziehung führen würde, doch ihr galt seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Das ließ sich nicht leugnen.
»Weißt du«, meinte Carmine neben ihm, »wenn sie wirklich Kids unterrichten will, könnt ich in der Innenstadt wahrscheinlich ein schöneres Plätzchen für sie finden.«
Carmine und Paulie waren die beiden Mafiosi, die Levi hierher begleitet hatten.
»Ne«, widersprach Levi. »Sie kennt den Typen, der den Schuppen hier betriebt, und wollte ihm ’nen Gefallen tun. Wenn ich das richtig verstanden habe, hat dieser Mann Madison aus einem Waisenhaus in Okinawa geholt, als sie noch ein Kind war. Er hat sie mit ihrer Großmutter zusammengebracht, die drüben in Los Angeles lebt.«
»Okinawa? Sie sieht gar nicht japanisch aus ... Nein, weißt du was? Ich nehm das zurück. Schätze, wenn man genauer hinschaut, dann sieht man’s. Ich dachte erst, sie wär Hawaiianerin oder so ähnlich. Du weißt schon, wie diese Hula-Tänzerinnen.«
Levi lächelte. »Nicht mal annähernd.«
Seine Freunde waren unübersehbar überrascht gewesen, als er gestern mit einer festen Freundin am Arm in dem von der Mafia betriebenen Wohngebäude aufgekreuzt war. Natürlich weckte das ihre Neugier, umso mehr, da sich Levi über diesen Aspekt seines Lebens eher bedeckt hielt. Bisher jedoch hatte er noch mit keinem der Jungs wirklich über sie geredet.
»Ich glaub, ihre Mutter war Japanerin und ihr Vater war ein schwarzer amerikanischer Soldat«, erklärte Levi.
»Hübsch«, befand Carmine. Aber als Levi seinem Blick folgte, war er nicht sicher, ob er Madison oder die Gruppe der Latina-Mütter meinte, die auf der anderen Seite der Sporthalle ihren Kindern bei Karate-Übungen zusahen.
»Ist das ihr Beruf? Karate unterrichten?«, fragte Paulie.
Levi musste den Kopf in den Nacken legen, um zu Paulie aufzuschauen, der fast zwei Meter zehn hoch aufragte. »Das ist für sie bloß ein Hobby, das sie schon seit ihrer Kindheit betreibt. Sie arbeitet in Washington, D. C. und macht politische Analysen und dergleichen.« Politanalytikerin war Madisons offizielle Tarnung. Ihre wahre Berufsbezeichnung war streng vertraulich. »Über die Arbeit reden wir nicht viel. Erspart mir unangenehme Fragen, wenn du verstehst, was ich meine.«
Paulie nickte. »Ja, das kann schwierig sein. Meine Rita und ich sind seit fast zehn Jahren verheiratet, und sie hält mich noch immer für ’nen Buchhalter. So ist’s einfacher.«
Eine der Türen zum Gemeinschaftsraum öffnete sich. Herein kam ein asiatisches Mädchen. Die Kleine konnte nicht älter als fünf Jahre sein. Sie trug ein gelbes Kleid mit einem breiten schwarzen Gürtel und Puffärmeln. Das schwarze Haar trug sie zu zwei Pferdeschwänzen zusammengebunden, jeder mit einer gelben Schleife fixiert. In den Händen hielt sie eine kleine Schachtel mit einer roten Schleife. Sie ließ den Blick durch die Halle wandern. Als ihr Blick auf Levi landete, ging sie geradewegs auf ihn zu.
Neugierig kniete er sich hin, bis er sich auf Augenhöhe mit ihr befand. »Hallo. Kann ich dir irgendwie helfen?«
Mit ernstem Gesichtsausdruck verbeugte sie sich und begann, in stakkatoartigem Japanisch zu sprechen.
Levi blinzelte überrascht und fragte sich, woher sie wusste, dass er sie verstehen würde. Immerhin würde ihn mit seinem dunkelbraunen Haar, den blauen Augen und dem eher hellen Teint niemand mit einem Asiaten verwechseln. Aber er hatte mehrere Jahre in Japan gelebt, weshalb er die Sprache fließend beherrschte.
Levi lächelte, während das kleine Püppchen von einem Mädchen die auswendig gelernte Botschaft aufsagte.
»Yoder-san«, begann das Mädchen. »Mein Name ist Kimiko, und mein Vater wünscht dir Gesundheit und Wohlstand. Er möchte dich einladen, damit du und er unter vier Augen reden können.« Mit beiden Händen überreichte sie ihm die Schachtel.
Levi nahm sie entgegen, erwiderte ihre Verneigung und antwortete auf Japanisch: »Danke, Kimiko.«
Er löste die Schleife und öffnete die Schachtel. Sie enthielt ein Bündel 100-Dollar-Scheine und ein zusammengerolltes Pergament. Levi blätterte die Scheine durch und stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Dann rollte er das Pergament auseinander. Es handelte sich um einen förmlichen, handgeschriebenen Brief in wunderbarer japanischer Schönschrift traditionellen Stils.
Yoder-san,
ich habe mich an Don Vincenzo Bianchi gewandt, und er hat mir die Erlaubnis erteilt, Verbindung mit Ihnen aufzunehmen.
Ich bin Shinzo Tanakas Vertreter in den USA und würde mich gern mit Ihnen treffen. Ich würde Sie nicht darum bitten, wenn ich nicht der Ansicht wäre, der Grund wäre gerechtfertigt. Ein unschuldiges Leben steht auf dem Spiel, und ich ersuche Sie im Namen meines Vorgesetzten demütig um Ihre Unterstützung.
Ich habe etwas beigefügt, um Sie für Ihre Zeit zu entschädigen. Ich hoffe, noch heute Abend von Ihnen zu hören.
Hochachtungsvoll
Ryuki Watanabe.
Der Rest bestand aus einer Wiederholung der Mitteilung auf Englisch sowie einer Adresse und einem Zeitpunkt später am selben Abend. Gefertigt war die Nachricht mit einem rötlich-braunen Daumenabdruck, dessen Schattierung verdächtig der Farbe von getrocknetem Blut ähnelte.
Levi sah Kimiko neugierig dabei zu, wie sie an Paulies Bein tippte. »Sir?«, sagte sie und starrte den Hünen mit großen Augen an.
Paulie bückte sich mit belustigter Miene. »Ja?« Er sprach mit herzlichem, freundlichem Ton.
»Sie sind sehr groß«, stellte sie nüchtern in makellosem Englisch fest. »Darf ich mich auf Ihre Schulter setzen, damit ich die Decke berühren kann?«
Levi beobachtete verwundert, wie sich der Koloss auf das arglose kleine Mädchen einließ. Für einen Mann, der jemanden in der Mitte auseinanderreißen konnte, erwies er sich als überaus sanft im Umgang mit Kimiko, als er sie auf seine rechte Schulter hob und sich aufrichtete.
Kimiko streckte sich, berührte eine der Deckenplatten und ließ schallendes, hohes Gelächter vernehmen. »Ich hab’s geschafft!«
Lachend senkte Paulie sie vorsichtig zurück auf den Boden.
Mit ernster Miene schüttelte sie Paulie die Hand. »Danke, Mister. Ich werd jedem in der Schule von Ihnen erzählen, aber es wird mir wohl niemand glauben, dass ich einen waschechten Riesen gesehen hab.« Dann verlagerte sie den Blick auf Levi und wechselte wieder zu Japanisch. »Ich muss gehen. Der Chauffeur von meinem Papa wartet auf mich. Sehen wir uns vielleicht später noch?«
»Schon möglich«, antwortete Levi auf Japanisch.
Als das Mädchen hinausrannte, fing die Unterrichtsgruppe an, sich aufzulösen.
Levi spürte ein Tippen auf der Schulter, drehte sich um und erblickte Madison, die ihn anlächelte. »Hast du eine neue Freundin?« Sie nickte in Richtung des Ausgangs.
»Sieht so aus.« Er zuckte mit den Schultern und gab ihr einen Schmatz auf die Lippen. »Sind wir hier fertig?«
»So ziemlich.« Madison schlängelte den Arm unter sein Jackett und um seine Taille, bevor sie ihn drückte. »Aber ich finde, nächstes Mal solltest du die Gruppe zusammen mit mir unterrichten.«
»Ich weiß nicht recht, hat irgendwie Spaß gemacht, dir zuzusehen. Also ... wann musst du an der Penn Station sein?«
»Ich muss morgen früh raus. Mein Zug fährt um drei.«
Als sie zum Ausgang marschierten, fing das Personal an, die Möbel im Gemeinschaftsraum zurück an ihren Platz zu bringen.
Levi sah auf die Armbanduhr und seufzte wehmütig. »Maddie, die Wochenenden vergehen einfach zu schnell.«
Sie verstärkte den Griff um seine Taille und lehnte den Kopf an ihn. »Finde ich auch. Aber hey, sofern nichts dazwischenkommt, sollte ich um Weihnachten herum zwei Wochen frei haben. Wenn du meinst, du hältst es so lange mit mir aus, können wir was planen. Bis dahin ist’s nur noch etwas mehr als ein Monat.«
Carmine war bereits zum Wagen vorausgegangen. Paulie hingegen war geblieben und warf ein: »Wisst ihr, meine Frau und ich hatten zum fünften Jahrestag ’ne wirklich schöne Zeit in den Poconos. Wahrscheinlich sind die Hotels dort längst alle ausgebucht, aber ich kenn ein paar Leute. Sollte möglich sein, euch eine dieser zweistöckigen Suiten mit Whirlpool und allem Drum und Dran zu besorgen. Ist echt romantisch.«
Madison stupste Levi mit der Hüfte. »Hm, romantisch klingt schön.« Sie gab Levi einen flüchtigen Schmatz auf die Wange. »Ich zieh mich nur schnell um. Bin gleich wieder da.«
Levis Blick folgte ihr, als sie ein paar Leute im Flur überholte. Er stellte sich vor, wie es mit Madison in einem blubbernden Whirlpool wäre.
Levi schaute zu Paulie auf. »Großer, wenn du ein paar Fäden ziehen könntest, wär ich dir dafür dankbar.«
Paulie grinste. »Geht mich zwar nichts an, aber ihr zwei seht super zusammen aus. Ich finde, ihr solltet was Dauerhaftes draus machen.«
Levi lachte und schüttelte den Kopf. »Das ist kompliziert.« Er stellte sich den hünenhaften Mafioso als Jenta vor, die Heiratsvermittlerin aus dem Broadway-Stück Anatevka .
Wieder sah er auf die Uhr. »Sag mal, Paulie, könntest du rausgehen und Carmine sagen, dass wir direkt zur Penn Station müssen, bevor wir zum Helmsley fahren? Ich muss was Geschäftliches mit dem Don besprechen, bei dem Madison nicht dabei sein kann.«
Die Limousine rollte die Park Avenue entlang an der East 86th Street vorbei und vor ein prunkvolles altes Gebäude mit zwei Marmorsäulen auf jeder Seite des Eingangs. Die Worte »The Helmsley Arms« prangten in Blattgold über den drei Meter hohen Türen.
Als Levi aus dem Wagen stieg, schlug ihm die kühle Feuchtigkeit des Spätherbsts in New York entgegen. Der erdige Geruch von abgefallenen Blättern und der Mief von Abgasen erfüllten die Luft, ein unverkennbares Zeichen dafür, wann und wo er sich befand.
Die Türen öffneten sich, als er sich dem Eingang des Gebäudes näherte, und Frank Minnelli erschien, der Sicherheitschef. Der Mann war Anfang vierzig, im selben Alter wie Levi, und trug einen fast identischen Maßanzug.
Er gab Levi ein Zeichen. »Komm mit. Wir warten schon auf dich.«
Zusammen passierten sie die zwei muskelbepackten Mafiosi, die den Eingang bewachten, durchquerten das Marmorfoyer und fuhren mit dem Aufzug in die oberste Etage.
»Also hat wohl jemand Kontakt mit Vinnie aufgenommen, richtig?«, fragte Levi.
Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und sie traten den Weg durch einen kurzen, holzgetäfelten Gang an.
»Und ob«, bestätigte Frankie schnaubend. »Aber das soll dir Vinnie selbst erklären.«
Zwei weitere Mafiosi sprangen von ihren Stühlen auf und öffneten eine Doppeltür. Frankie und Levi betraten Don Bianchis Salon.
Unwillkürlich staunte Levi darüber, wie weit es seine Freunde seit ihrem gemeinsamen Beginn in Little Italy vor über 20 Jahren gebracht hatten. Der riesige Raum besaß zwei Kamine, eine kunstvoll geschnitzte Holzverkleidung und war mit geschmackvollen Gemälden und einer Marmorstatue der Venus von Milo in Museumsqualität dekoriert.
Am anderen Ende saß Don Vincenzo Bianchi, Oberhaupt der Verbrecherfamilie Bianchi, an seinem großen Schreibtisch aus Mahagoni. Er trug eine Lesebrille und sah einen Stapel Dokumente durch. Als die beiden Männer eintraten, winkte er sie zu sich.
»Kommt, Jungs. Frankie, du und ich müssen ein paar Dinge besprechen. Aber haken wir zuerst mal die Sache mit dem Tanaka-Syndikat ab.«
Levi nahm auf einem der beiden rötlich-braunen Ledersessel vor dem Schreibtisch Platz, Frankie auf dem anderen.
»Vinnie«, begann Levi, »was hat’s damit auf sich, dass jemand deine Erlaubnis eingeholt hat, um mich zu kontaktieren? Wer sind diese Leute? Irgendeine neue asiatische Truppe?«
»Neu wohl kaum.« Vinnie nahm die Brille ab, legte sie auf den Schreibtisch und rieb sich die Augen. »Frankie, wie viele eigene und wie viele externe Leute haben wir inzwischen?«
Frankie legte die Stirn in Falten. »Ich glaub, mit Carlo Moretti letzten Monat halten wir bei 127 eigenen Leuten. Die Gesamtzahl hab ich nicht im Kopf, aber insgesamt wohl um die 1.000.«
Der Don trommelte mit den Fingern auf dem Schreibtisch, bevor er sich wieder an Levi wandte. »Ich hatte heute Morgen ’nen Anruf von der Nummer zwei des Tanaka-Syndikats. Du hast von denen vielleicht noch nicht gehört, aber in Japan sind sie ein Schwergewicht. In den letzten paar Jahren haben sie sich über die Insel hinaus ausgedehnt und sich in einige der Tong-Geschäfte an der Westküste gedrängt. Verdammt, sie sind sogar hier in der Stadt vertreten.
Levi, wir haben vereinbart, dass es am besten ist, dich nicht ins Alltagsgeschäft der Familie einzubeziehen. Schon gar nicht, da du ja neuerdings mit den Bundesbehörden zu tun hast. Aber du weißt, womit wir’s zu tun haben, wenn’s um andere Organisationen wie uns geht. Dieses Tanaka-Syndikat hat zehnmal so viel Leute wie wir und überall Ressourcen.«
Vinnie beugte sich vor und hob zur Betonung einen Finger. »Sie haben uns ein Angebot unterbreitet, das davon abhängt, ob du ihnen bei etwas hilfst. Und es ist ein ziemlich gutes Angebot.«
»In der Botschaft, die ich bekommen hab, wurde ein unschuldiges Leben erwähnt«, sagte Levi. »Weißt du, was die von mir wollen?«
Vinnie zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Was ich weiß, ist, dass mit diesen Yakuza-Typen nicht zu spaßen ist, wenn sie schlecht drauf sind, und ich hab kein Interesse dran, dich in den Fleischwolf zu schicken. Dieser Ryuki, die Nummer zwei des Syndikats – er hat gesagt, er garantiert für deine Sicherheit. Will angeblich nur die Gelegenheit für ein Gespräch unter vier Augen mit dir. Er war ausgesprochen höflich, aber das sind diese Asiaten oft. Trotzdem gefällt mir das nicht, um ehrlich zu sein.
Levi, wir zwei kennen uns schon von Anfang an. Ich liebe dich wie ’nen Bruder, und ich sag dir, ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Der Kerl hat sich unheimlich vage ausgedrückt – er wollte mir nicht mal verraten, warum er speziell nach dir sucht. Was ich damit sagen will: Wenn du nicht hingehen willst, ist das völlig in Ordnung. Deine Entscheidung.«
Frankie räusperte sich und runzelte die Stirn. »Levi, ich hab ’n bisschen über dieses Tanaka-Syndikat recherchiert. Zumindest hab ich’s versucht. Der Obermotz ist ein Kerl namens Shinzo Tanaka, nur gibt’s über ihn nahezu keine Aufzeichnungen. Ich seh nur, dass ihm vor einigen Jahren die Einreise in die USA verweigert wurde, damit hat es sich auch schon. Der Mann ist ein Geist. Bei Ryuki, seiner Nummer zwei, ist’s ähnlich. Keinerlei Vorstrafen. Keine Zwischenfälle mit dem hiesigen oder dem japanischen Gesetz.
Aber das gilt nur für die offiziellen Aufzeichnungen. Auf der Straße erzählt man sich was anderes. Dort kennt die zwei jeder. Und es heißt, man soll sich von diesen irren Yakuzas fernhalten. Neben denen nehmen wir uns aus wie Chorknaben.« Er zeigte mit dem Finger auf Levi. »Also sei vorsichtig. Ich werd aus der Sache nicht schlau, und das macht mich irre.«
Levi konnte sich trotz der Warnungen nicht seiner Neugier erwehren. Warum wollten diese Leute ausgerechnet mit ihm reden? Wie konnte das Mädchen im YMCA ihn in der Menschenmenge dort erkennen? Und woher hatte die Kleine gewusst, dass er Japanisch verstand?
Er sah Vinnie an und lächelte. »Also lohnt sich das Angebot, das sie für meine Hilfe unterbreitet haben?«
Vinnie erwiderte das Lächeln. »Sonst hätte ich ihm nicht gesagt, wie er dich erreichen kann.«
Levi erhob sich schwungvoll aus dem Sessel und klopfte mit den Knöcheln auf den Schreibtisch. »Wenn das so ist, sollte ich den Mann wohl nicht warten lassen.«