Mit einem etwas beklommenen Gefühl stieg Levi in der 86. Etage des Freedom Tower, mittlerweile als One World Trade Center bekannt, aus dem Fahrstuhl. Er ging vorbei an einem großen, in westlichem Stil gehaltenen Sitzbereich – weiche Ledersessel, ein Kaffeetisch mit Wirtschaftsmagazinen und einer ordentlich gefalteten Ausgabe des Wall Street Journal.
Levi trat vor den Empfangsschalter.
Er war nicht sicher, womit er gerechnet hatte. Jedenfalls hatte er sich mental dafür gewappnet, einen der führenden Männer eines berüchtigten japanischen Verbrechersyndikats kennenzulernen. Allerdings hatte er nicht erwartet, ihn an einem Ort zu treffen, der wie die Büroräumlichkeiten eine Bank aussah. Und doch war er hier eindeutig richtig: »Tanaka Industries« prangte in großen, silbernen Lettern an der Wand hinter der Empfangsdame.
Sie begrüßte ihn mit einem strahlenden Lächeln und neigte dazu kaum merklich den Kopf. »Mr. Yoder, Sie sind ein wenig früh dran. Mister Watanabe ist noch nicht eingetroffen.«
Ihren Akzent überhörte man beinah – vermutlich war sie in Japan geboren, aber als Teenager in die Vereinigten Staaten gekommen. Sie war Mitte 20, groß, hatte einen schlanken Körperbau und helle, an edles Elfenbein erinnernde Haut. Und sie war wunderschön.
Levi sah auf die Armbanduhr. Er war tatsächlich 15 Minuten zu früh. »Dann werde ich wohl einfach ...«
Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und zwei asiatische Männer traten heraus.
Die Augen der Empfangsdame weiteten sich. Mit einer Hand deutete sie auf die zwei Asiaten. »Da kommt Mr. Watanabe.«
Die Männer wiesen eine starke Ähnlichkeit auf, eindeutig verwandt. Allerdings wirkte der linke etwas älter und reicher. Er trug einen maßgeschneiderten Anzug, während der des anderen aussah, als wäre er von der Stange gekauft. Wenn auch von einer teuren Stange.
»Mr. Yoder?« Der Mann links streckte die Hand aus, und Levi schüttelte sie. »Ich bin Ryuki Watanabe.« Er sprach Englisch mit schwerem Akzent.
Levi antwortete auf Japanisch. »Bitte nennen Sie mich Levi. War die Kleine, die das Päckchen überbracht hat, Ihre Tochter?«
Der Mann zog die Augenbrauen hoch und lächelte. Ein strahlendes Lächeln, das inneren Stolz verriet. »Ja, das war sie.« Er zeigte auf den Mann an seiner Seite. »Das ist mein jüngerer Bruder Yoshi.«
Auch Yoshi schüttelte Levi die Hand. Ebenfalls mit Akzent sagte er auf Englisch: »Freut mich, Sie kennenzulernen.«
Ryuki wandte sich an die Empfangsdame und sprach in schnellem Japanisch mit ihr. »Hiromi, ist mein Besprechungsraum vorbereitet?«
»Hai
.« Hiromi nickte knapp. »Es ist alles bereit.«
Ryuki deutete mit ausgestrecktem Arm zu einem Gang, der am Empfangsschalter vorbeiführte. »Bitte, Mr. Yoder, lassen Sie uns ungestört reden.«
Levi folgte Ryuki. Der Bruder des Mannes begleitete sie nicht.
Sie passierten mehrere verschlossene Türen, bevor sie
einen Raum betraten, der Levi das Gefühl vermittelte, direkt aus New York City ein traditionelles japanisches Teehaus betreten zu haben. An den Wänden Schriftrollen mit japanischer Kalligrafie. Auf der anderen Seite des Raums ein seidengestickter Drache in einem polierten Palisanderrahmen. Er musste um die viereinhalb Meter breit und fast zwei Meter hoch sein. Auf dem Boden lag eine große Tatami-Matte. In der Mitte befanden sich ein Teekessel, mehrere geschlossene Gläser und Servicegegenstände, die Levi als Zubehör für eine traditionelle Teezeremonie erkannte.
Ohne nachzudenken, zog er am Eingang die Schuhe aus, genau wie Ryuki.
Der Japaner zeigte auf eines der am Boden ausgelegten Kissen. »Bitte, machen Sie es sich bequem. Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich gern Tee zubereiten, während wir uns unterhalten.«
Levi kniete sich auf ein Kissen, verschränkte die Füße unter die Oberschenkel und setzte sich auf die Fersen zurück. Während seiner Zeit in Japan hatte er alles über Tee gelernt, den er mittlerweile sehr schätzte. Der Anblick, wie Ryuki ihr Getränk zubereitete, fühlte sich vertraut an. Der Mann zelebrierte zwar eindeutig keine formelle Teezeremonie, trotzdem wirkten seine Bewegungen bedächtig und beinah unterschwellig religiös. Er schraubte eine Dose Matcha auf, Tee in Pulverform, löffelte etwas davon in eine Schale, klopfte mit dem Löffel zweimal auf den Rand und hob behutsam den Kessel mit kochendem Wasser an.
Als sich der Mann vorbeugte, um den Tee umzurühren, erhaschte Levi einen flüchtigen Blick auf bunte Tätowierungen unter den langen Ärmeln. Noch auffälliger fand er den fest um den kleinen Finger gewickelten Verband. Der Länge des Fingers nach musste Levi davon ausgehen, dass der Mafioso unlängst Yubitsume
begangen hatte, ein Ritual, das wörtlich übersetzt »Fingerkürzung« bedeutete. Als Mitglied der Yakuza
würde er das getan haben, um Buße für einen schweren Fehltritt zu leisten. Und da er die Nummer zwei im Tanaka-Syndikat verkörperte, konnte er mit seinem Fehltritt nur Shinzo Tanaka höchstpersönlich enttäuscht haben.
Hatte man Levi deshalb herbestellt?
Ryuki lehnte sich vor und stellte eine Schale Tee vor Levi. »Ich hoffe, er schmeckt Ihnen.«
Levi hob die Schale mit beiden Händen an und verneigte sich leicht vor seinem Gastgeber. »Danke dafür.« Er schloss die Augen und atmete tief den vom Tee aufsteigenden Dampf ein. Das frische Pflanzenaroma erinnerte ihn sofort an den Tee, den er in seiner Zeit in Japan genossen hatte. Levi nippte daran und seufzte zufrieden.
Er schmeckte die angenehm bittere Note, die er mit hochwertigem grünem Tee assoziierte.
Ryuki setzte die eigene Schale an die Lippen und trank ausgiebig. Als er Levi ansah, verzogen sich seine Lippen zu einem verhaltenen Lächeln. »Mich beeindruckt, dass Sie sich offenbar wohl damit fühlen, in traditionellem Stil zu sitzen. Das ist für einen Amerikaner eher ungewöhnlich.«
»Das lässt sich leicht erklären. Ich habe mehrere Jahre in einem Kyokushin
-Dojo in Tokio gelebt.«
Der Gangster zog eine Augenbraue hoch und nickte. »Sie stecken voller Überraschungen. Das erklärt Ihr ausgezeichnetes Japanisch. Aber wie dem auch sein mag, kommen wir zur Sache. Mein Vorgesetzter hat mich ersucht, Ihre Unterstützung für jemanden zu sichern, der ihm sehr am Herzen liegt. Seine Enkeltochter. Sie ist entführt worden.«
Levi setzte sich aufrechter hin und legte den Kopf schief. »Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber warum erzählen Sie das mir? Wie kann ich dabei helfen?«
Ryuki zuckte mit den Schultern. »Ich bin mir nicht sicher, warum Mr. Tanaka ausdrücklich nach Ihnen verlangt hat. Aber er hat mit Nachdruck darauf bestanden.«
Levi wollte etwas erwidern, doch der Japaner hob die Hand.
»Bitte lassen Sie mich Ihnen etwas über das vermisste Kind erzählen. Ihr Name ist June Wilson. Wie ich schon sagte, ist sie Mr. Tanakas Enkelin. Sie ist fünf Jahre alt. Mr. Tanaka ist bereit, so gut wie alles zu tun, um sie zurückzuholen.« Ryukis Züge wurden verkniffen, seine Stimme klang belegt vor Emotionen. »Meine Jüngste, Kumiko, die Sie kennengelernt haben – sie ist im selben Alter wie Mr. Tanakas Enkeltochter. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es mir ginge, wenn ihr so etwas zustieße.«
Beim Gedanken an ein Kind, das verletzt oder vermisst wurde, krampfte sich Levis Magen zusammen. »Wann hat sich die Entführung ereignet?«
»Vor drei Tagen. In Maryland. Mein Bruder wird Ihnen den Ort zeigen.«
Das verhieß nichts Gutes für das Kind. Levi hatte gelesen, dass drei Viertel aller ermordeten Entführungsopfer innerhalb der ersten drei Stunden nach der Entführung getötet wurden.
Levi seufzte. »Ich habe noch nicht zugesagt, Ihnen zu helfen.«
Ryuki lehnte sich vor und sprach mit eindringlichem Ton. »Was kann ich tun, um Sie zu überzeugen?«
Levi schüttelte den Kopf. »Ich weiß ja nicht das Geringste darüber. Ist die Polizei eingeschaltet? Ist das FBI oder sonst jemand dabei? Hat sich der Entführer mit irgendwelchen Forderungen gemeldet?«
»Mein Bruder hat den Vorfall bezeugt und kann viele Ihrer Fragen beantworten. Aber es hat keine Kontaktaufnahme des Entführers gegeben. Wir haben die Aufzeichnungen der Überwachungskameras, und Sie können auch die Mutter befragen. Sie wurde zwar angegriffen, aber nicht verletzt.«
Levi schnaubte ungeduldig. »Tja, holen wir Ihren Bruder herein. Ich muss alles darüber wissen, was passiert ist, wenn
die Chance bestehen soll, dass ich helfen kann.«
Ryuki nickte, runzelte jedoch offensichtlich besorgt die Stirn. »Bevor ich Yoshi hereinhole, muss ich Ihnen noch etwas erklären. Ich halte ihn von dem Lebensstil fern, den Sie und ich teilen. Ich bin sicher, Sie wissen, was ich meine.«
Levi nickte. Yoshi war demnach kein Mitglied der Yakuza. Ein Normalsterblicher.
»Bitte behalten Sie das vor Augen, wenn Sie mit ihm reden. Ich will ihn aus dem Geschäft heraushalten. Und es gibt Dinge, über die darf er nichts erfahren.«
»Ich verstehe.«
»Wenn Sie das vermisste Mädchen finden, muss ich wissen, wer sie entführt hat.« Ryuki verengte die Augen zu Schlitzen. Sein Gebaren wurde kalt. Levi erhaschte einen flüchtigen Blick auf das Raubtier, das sich in seinem Gastgeber verbarg. »Ich will, dass der Entführer meinen Leuten statt den Behörden übergeben wird. Ihre Ausgaben bezahle ich. Was immer Sie brauchen, ob Informationen, Waffen, Männer, ich werde tun, was ich kann, um es Ihnen zu liefern, wenn es dazu dient, Mr. Tanakas Enkeltochter zu finden. Wenn es Ihnen gelingt, sie lebend zurückzubringen, halte ich mich an die Abmachung, die ich mit Ihrem Vorgesetzten getroffen habe.«
Levi hatte keine Ahnung, worum es bei der Abmachung ging. Drogen? Prostitution? Gebietsaufteilung? Ein Bündnis? Er wollte es gar nicht wissen. Levi weigerte sich strikt, sich in diesen Aspekt des Geschäfts hineinziehen zu lassen.
Als er sich das kleine Mädchen als Gefangene vorstellte, baute sich Zorn in ihm auf. Wie konnte jemand einem Kind etwas antun? Levi seufzte. »Holen Sie Ihren Bruder herein.«
»Also helfen Sie uns?« Ryuki klang hoffnungsvoll.
Levi nickte. »Ich werde tun, was ich kann.«
June saß mit dem Rücken an der grauen Betonwand ihres neuen Zimmers und hielt ihre Raggedy Ann-Puppe fest. Eine einzige nackte Glühbirne an der Decke erhellte den fast völlig leeren Raum – er enthielt nur eine Gummimatratze, drei muffige Decken, ein paar alte Bilderbücher und eine Toilette. Neben der Toilette befand sich eine riesige Packung Klopapier, dasselbe, das ihre Mutter immer bei Costco kaufte.
Tränen traten June in die Augen, aber sie riss sich rasch zusammen – Weinen hilft nicht.
Zornig wischte sie die Nässe weg.
June hatte keine Ahnung, wie sie an diesem Ort gelandet war. Sie wusste noch, dass Mama zur Eingangstür gegangen war, um die Pizza zu holen. Die Tür öffnete sich, und Mama fiel rückwärts. Ein Mann mit einer Skimaske fing sie auf und bremste ihren Sturz. Als June zu ihr rannte, sprühte ihr der Mann etwas ins Gesicht. Es roch merkwürdig, irgendwie süß.
Danach war sie an diesem Ort aufgewacht.
»Was glaubst du, wie lang es her ist?«, fragte sie die Puppe.
Plötzlich ging das Licht aus. Der Raum wurde in Dunkelheit getaucht.
»Er kommt.« Junes Stimme bebte. Sie verstärkte den Griff um die Puppe.
Ketten rasselten an der Metalltür am oberen Ende der Leiter. Die Angeln knarrten. Dann hörte sie das vertraute Geräusch schwerer Schritte, die sich näherten.
Irgendwo aus der Finsternis ertönte die Roboterstimme.
»Magst du die Dunkelheit?«
»Nein«, antwortete June so ruhig, wie sie konnte. Sie wollte sich nicht verängstigt anhören.
»Wenn du nicht genau das tust, was ich dir sage, lasse ich dich hier in der Dunkelheit zurück. Hast du verstanden?«
»Ja«, erwiderte sie. Gegen ihren Willen zitterte ihre Stimme dabei. Sie mochte die Dunkelheit wirklich
nicht.
»Ich will, dass du klar und deutlich sagst: ›Mama, es ist Dienstag,
und es geht mir gut.‹«
June hörte ein federartiges Geräusch, so ähnlich, wie wenn Mama den Toaster runterdrückte, um Blaubeerwaffeln zu wärmen.
»Mama, es ist Dienstag, und es geht mir gut.«
Wieder ertönte das federartige Geräusch – ganz nah, unmittelbar vor ihr.
»Sehr gut«
, lobte die Roboterstimme. »Jetzt musst du den Zeigefinger in die Luft strecken. Du wirst ein kleines Aua spüren. Das ist schon in Ordnung.«
June spannte den Körper an, als sie langsam die Hand hob.
Etwas packte fest ihren Finger. Ein Klicken ertönte, und sie spürte einen Biss in die Fingerspitze. Nach einem kurzen Druck wurde sie losgelassen.
June steckte sich den Finger in den Mund und schauderte, als sie etwas Salziges schmeckte. Blut? Was hatte dieses Ding mit ihr gemacht?
Die Schritte des Roboters entfernten sich wieder die Leiter hinauf. Die Tür öffnete und schloss sich. Ketten rasselten.
Das Licht ging wieder an.
In der Nähe des Betts hatte der Roboter wieder Essen für Junge zurückgelassen.
June kroch hin und nahm es in Augenschein. Eine Packung Blaubeer-Pop-Tarts, zwei Uncrustables mit Erdnussbutter und Traubenmarmelade, noch kalt aus dem Gefrierschrank. Dazu je zwei Päckchen Saft und Vollmilch mit daran befestigten Strohhalmen.
June fragte sich, was Mama denken würde. Mama würde ihr nie so ungesundes Zeug erlauben.
June umarmte Raggedy Ann und flüsterte ihr ins Ohr: »Glaubst du, Mami geht’s gut?« Ihre Sicht verschwamm, als Tränen auf die Puppe tropften. June bemühte sich zwar, tapfer zu sein, doch sie wusste nicht, wie lange sie es schaffen würde.
Sie hatte solche Angst.
June drückte das Gesichtchen an die Puppe und schloss die Augen. »Mami, wo bist du?«
Helen Wilson saß Levi gegenüber an ihrem Esszimmertisch. Sie war eine attraktive Rothaarige Ende 20, allerdings hatte sie dunkle Ringe unter den Augen, ein sicheres Zeichen für Schlafmangel. Dennoch wirkte sie wesentlich gefasster, als Levi bei jemandem erwartet hätte, dem erst vor wenigen Tagen mit Gewalt das Kind aus der eigenen Wohnung entrissen wurde.
»Tut mir leid«, entschuldigte sie sich, »aber ich bin mir nicht sicher, wie klug es ist, mit Ihnen zu reden. Ich arbeite beim FBI, und die Behörde hat den Fall übernommen. Abgesehen davon ist Junes Großvater jemand, dem ich nicht vertrauen kann. Wie Sie sicher wissen, ist er nicht unbedingt ein Musterbeispiel für einen aufrechten Menschen. Ich habe Sie überhaupt nur hereingelassen, weil ich Yoshi vertraue. Vor langer Zeit haben er und ich zusammengearbeitet.«
»Das versteh ich vollkommen.« Levi spürte den Schmerz, den die Frau ausstrahlte. »Ich bin nur hier, weil ich mich persönlich verpflichtet habe, Ihre Tochter zu finden. Ich habe versprochen zu tun, was ich kann. Mr. Tanaka verlangt von mir nur, die Kleine zurück zu Ihnen nach Hause zu bringen und ihren Entführer der Gerechtigkeit zuzuführen. Könnten Sie mir also bitte trotzdem entgegenkommen? Die Aufzeichnungen der Überwachungskameras hab ich mir bereits angesehen. Der Pizzabote war es auf jeden Fall nicht. Den hat man tot ganz in der Nähe dieser Wohnung gefunden ...«
Helen schnappte nach Luft und riss die Hand an den Mund. »Das hat mir niemand gesagt. Oh, der arme Kerl.«
»Miss Wilson, können Sie mir erzählen, woran Sie sich noch
erinnern?«
Sie ließ die Schultern hängen und schüttelte den Kopf, schien mit ihren Gedanken zu kämpfen. »Keine Ahnung. Ich weiß noch, dass ich die Pizza bestellt habe. Weil’s Freitag war, sind June und ich länger aufgeblieben und haben Uno gespielt. Am Eingangstor hat es geklingelt, und ich hab den Zusteller hereingelassen. Dann weiß ich noch, dass ich die Wohnungstür aufgemacht habe, danach nichts mehr. Als Nächstes erinnere ich mich daran, dass ich Yoshi über mir hatte und er mich mit Riechsalz zu wecken versucht hat.«
Levi hatte die vergangenen zwölf Stunden mit Yoshi verbracht. Er hatte sich alles angehört, was der Mann zu sagen hatte. Geholfen hatte es leider nicht viel. Auch die Videoaufzeichnungen trugen wenig zur Aufklärung bei. Sie zeigten lediglich einen Mann durchschnittlicher Größe mit einer dunkelgrauen Skimaske, der mit June Wilson über der Schulter flüchtete. Verdammt, es konnte sogar eine Frau gewesen sein.
»Miss Wilson ...«
Mit zittriger Hand wischte sich Helen eine Strähne aus dem Gesicht. »Bitte nennen Sie mich einfach Helen.«
»Helen, haben Sie irgendwelche Verletzungen erlitten?«
»Nein. Ich meine, ich war zwar bewusstlos, habe aber keine Schramme abbekommen, falls Sie das meinen.«
Levi runzelte die Stirn. »Keine Beule am Kopf? Kein blauer Fleck, kein Bluterguss?«
Ihre Unterlippe bebte, als sie den Kopf schüttelte. »Mir kommt das alles wie ein Albtraum vor, aus dem ich nicht aufwachen kann.«
»Helen, wie viel wissen Sie über Entführungen?«
»Nichts. Das gehört nicht zu meinen Aufgabengebieten.« Ihre Stimme zitterte. »Ich bin bloß Budgetanalystin.«
»Na ja, Entführungen fallen in eine von drei Kategorien. Fast die Hälfte kennt man als Familienentführungen. Sie werden von jemandem verübt, der mit dem Kind verwandt ist. Der Rest
teilt sich ziemlich gleichmäßig zwischen Bekannten und Fremden auf. Die offensichtliche Frage für mich lautet also: Wo ist Junes Vater? Und es tut mir leid, falls das unangenehm ist oder Sie es dem FBI schon beantwortet haben.«
Tränen traten Helen in die Augen, als sie tief und stockend Luft holte. Levi fühlte mit der Frau.
»Junes Vater ist vor ihrer Geburt gestorben. Er war Doktorand in Georgetown und wurde auf dem Weg zu seinem Wagen aus einem fahrenden Auto heraus erschossen.«
»Das tut mir leid.« Levi kritzelte einige Notizen auf seinen Block. »Wie war sein Name?«
»Jun Tanaka. Und ja, ich weiß inzwischen, dass er Shinzo Tanakas einziger Sohn war. Aber er hatte nie irgendwas mit den Geschäften seines Vaters zu tun. Er hat in den USA gelebt, seit er alt genug für ein Internat war. Was sein Vater macht, hab ich überhaupt erst nach Juns Tod erfahren.«
»Gibt es sonst noch Verwandte auf seiner Seite, von denen Sie wissen? Und was ist mit Ihrer Familie?«
»Ich glaub nicht, dass Jun andere Angehörige in den Staaten hatte.« Helen runzelte die Stirn. »Aber ich hab eine Schwester. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder. Ihre Familie lebt in Arizona. Meine Eltern wohnen auch dort. Die meiste Zeit verbringen sie auf dem Golfplatz, denke ich. Wir reden nicht viel miteinander.«
»Haben Sie ihnen erzählt, was passiert ist?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß, ich hätte sie anrufen sollen. Hab ich aber nicht. Ich bin mir nicht mal wirklich sicher, warum nicht. Irgendwie fühle ich mich innerlich wie gelähmt. Es ist nicht ...«
»Hören Sie.« Levi streckte den Arm über den Tisch und tätschelte ihre Hand. »Ich urteile nicht über Sie. Ist für mich vollkommen nachvollziehbar, dass Ihr Zustand derzeit nicht normal ist. Keine Ahnung, wie ich mich in Ihrer Situation halten würde. Wann haben Sie Ihre Familie zuletzt gesehen?«
»Vor fast einem Jahr. June und ich sind zu Weihnachten in Arizona gewesen.«
Levi lehnte sich auf dem Stuhl zurück und hakte die Familie Wilson ab – vorläufig zumindest. Aus seiner Sicht gab es im Moment keinen Grund, in die Richtung weiter zu recherchieren. Hingegen musste er noch mehr über die Tanakas in Erfahrung bringen, obwohl er bezweifelte, dass sie dahintersteckten. Wenn sie es getan hätten, warum sollten sie dann ihn dafür engagieren, die Kleine zurückzuholen? Nein, es fühlte sich nach keiner familiär motivierten Tat an.
Die nächsten 20 Minuten befragte er Helen über ihren Freundeskreis, Arbeitskollegen und die Vorschule, die June besuchte. Dann klopfte es an der Eingangstür.
»Einen Moment«, rief Helen durch die Wohnung. Sie erhob sich vom Tisch, ging an die Tür und spähte durch den Spion, bevor sie öffnete. Draußen standen zwei Männer in FBI-Windjacken. »Hallo, Jungs. Was gibt’s?«
»Wir wollten nur mal sehen, wie’s dir geht.«
Levi schloss sein Notizbuch, steuerte auf die Tür zu und tippte Helen auf die Schulter. »Ich werd auf der Grundlage unseres Gesprächs ein paar Dingen nachgehen. Sind Sie heute Abend erreichbar, falls ich noch Fragen habe?«
»Sicher.«
Levi entschuldigte sich und schob sich an den beiden Männern vor der Tür vorbei. Auf dem Weg zu seinem Mietwagen hörte er einen der beiden fragen: »Wer war das?«
Levi stieg ins Auto, zog das Handy aus der Tasche seines Jacketts, gab die Adresse der Vorschule ein und fuhr in die Richtung los. Als er auf die Wisconsin Avenue bog, wählte er Dennys Nummer.
Es klingelte zweimal, bevor sich eine schlaftrunkene Stimme in New York City meldete. »Ja?«
»Denny, aufwachen. Ich brauch ein paar deiner Fähigkeiten.«
Etwa zehn Sekunden lang hörte Levi nur gedämpfte Geräusche, als sich Denny aus dem Bett kämpfte. »Alter, du weißt schon, dass ich auch ’ne Kneipe hab, oder? Bin erst um sieben zu Hause gewesen, und jetzt haben wir noch nicht mal Mittag.«
»Tut mir leid, aber es ist wichtig.«
»Schon gut, bin wach. Was brauchst du?«
»Freitagnacht gegen 22:15 Uhr wurde aus dem 8000er Block der Wisconsin Avenue in Bethesda in Maryland ein Kind entführt.«
Levi bog nach links auf die Montgomery Avenue.
»Verdammt, da bist du aber ganz schön weit weg von zu Hause. Warte, ich melde mich gerade am Computer an. Was brauchst du?«
»Ein Zustellwagen von Domino’s
war dort. Es war ein Honda, mehr weiß ich im Moment nicht. Jedenfalls ist er von der Wohnanlage Flats8000 weggefahren. Acht Kilometer östlich davon wurde der Wagen hinter einem Restaurant zurückgelassen. Ich brauch Videomaterial von irgendwo entlang der Strecke. Könnte mir vorstellen, dass ’ne Überwachungskamera an einem der Gebäude unterwegs irgendwas erfasst hat, als der Wagen davongebraust ist.«
»Verstanden. Werd mal sehen, was ich aus den Online-Sicherheitssystemen rausholen kann. Was dagegen, wenn ich auf ein paar hilfreiche Ressourcen in Maryland zugreife? Es könnte Aufzeichnungen geben, die sich nicht hacken lassen oder die nicht online sind. Und ich nehme an, du brauchst das sofort, richtig?«
»Je eher, desto besser. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Egal was an Stunden und Ausgaben nötig ist, ich komme dafür auf.«
Levi bog auf den Parkplatz der Vorschule und schaltete den Motor aus.
»Wie alt ist das entführte Kind?«
»Sie ist fünf.«
»Verdammt. Okay, ich ruf die Kavallerie dazu. Sobald wir was haben, geb ich dir Bescheid.«
Damit war die Leitung tot.
Levi steckte das Handy zurück in die Innentasche des Jacketts, neigte den Innenspiegel nach unten und betrachtete sich darin. Lächelnd kämmte er sich mit den Fingern das dunkelbraune Haar zurück.
»Zeit, die Direktorin zu bezirzen.«
Levi wusste nicht, ob es an seiner Geschichte über das entführte Kind, seinem unverhohlenen Flirten mit der geschiedenen Mittfünfzigerin oder an seinem 1000-Dollar-Anzug lag, der ihn nach einem achtbaren Menschen aussehen ließ. Es interessierte ihn auch nicht sonderlich. Ihn interessierte nur, dass es funktionierte und ihm die Direktorin die Erlaubnis erteilte, mit Junes Lehrerin zu reden. Außerdem hatte sie die Frau angerufen und ihn angekündigt.
Levi hörte die Kinder laut reden, als er an die Tür von Miss Ledbetters Vorschulklassenzimmer klopfte. Er hörte, wie die Lehrerin drinnen mit einem zischenden Laut zu Ruhe aufrief, bevor sie verkündete: »Eins, zwei, drei, vier, alle Augen zu mir.«
Sofort kehrte Stille im Klassenzimmer ein.
Die Tür wurde von einer kleinen Frau mittleren Alters mit einer runden Harry-Potter–Brille geöffnet. »Oh, das war aber schnell. Mr. Yoder?«
Er nickte, beugte sich zu ihr und flüsterte: »Es dauert nicht lang, in Ordnung?«
»Verstehe. Bitte, kommen Sie rein.«
Die Lehrerin führte ihn zu einer Gruppe Drei- und Vierjähriger, die im Schneidersitz in einem Halbkreis saßen. Sie schnippte dreimal mit den Fingern und erklärte mit einer für jemanden ihrer Größe überraschend gebieterischen Stimme: »Hergehört, Schüler. Wir haben einen Besucher, der euch eine
sehr wichtige Frage stellen muss. Ich möchte, dass ihr ihm zeigt, wie verantwortungsbewusst ihr sein könnt, und dass ihr ihm eure ganze Aufmerksamkeit schenkt. Das ist Mr. Yoder. Klasse, was sagen wir zu Besuchern?«
Sämtliche Kinder riefen: »Guten Morgen, Mr. Yoder.«
»Hallo, Klasse.« Levi lächelte und zog einen Stift aus der Tasche seines Jacketts. Beim Dressieren von Hunden auf der Farm seiner Eltern hatte er einen Trick gelernt, von dem er dachte, er könnte auch bei diesen Kindern funktionieren. »Sehen alle diesen Stift?«
»Ja«, antworteten die Schüler enthusiastisch.
»Okay, haltet alle die Augen auf den Stift gerichtet, und wenn er aufhört, sich zu bewegen, stelle ich euch eine wichtige Frage. Los geht’s ...«
Langsam bewegte er den Stift hin und her, bis die Augen der Kinder ihm folgten. Als er sich vor Levis Nase befand, hielt er inne und fragte: »Hat irgendjemand June Wilson gesehen, seit ihr am Freitag aus der Schule gegangen seid?«
Levi konzentrierte sich auf den Gesichtsausdruck jedes Kinds und achtete auf eine ungewöhnliche Reaktion – nervös zuckende Augen, einen plötzlich angespannten Körper. Irgendetwas, das darauf hindeutete, ein Kind könnte ein Geheimnis haben. Aber die einzige Reaktion, die Levi erzielte, blieb Verwirrung. Köpfe wurden geschüttelt, ein paar Kinder antworteten: »Nein.«
Ein blondes Mädchen fragte: »Ist sie krank?«
Levi lächelte die Kleine an. »Nein, sie musste nur für ein Weilchen wohin. Ich bin sicher, sie ist bald zurück.« Er wandte sich wieder an die gesamte Gruppe. »Danke, dass ich euch besuchen durfte.«
Die Lehrerin schnippte zweimal mit den Fingern. »Was sagen wir zu Mr. Yoder?«
Im Einklang antwortete die Gruppe: »Danke für den Besuch, Mr. Yoder.«
Levi winkte den Kindern, nickte der Lehrerin zu und verließ das Klassenzimmer.
»Ich hoffte wirklich, Denny kommt mit den Videoaufnahmen weiter«, brummelte er bei sich.
Als er das Gebäude verließ und über den Parkplatz zu seinem Auto ging, rasten drei ungekennzeichnete Limousinen mit Blinklichtern auf dem Armaturenbrett über den Randstein und fuhren ihn beinah über den Haufen.
Die Türen flogen auf, und mehrere Stimmen brüllten: »Hände hoch!«
Bevor Levi wusste, wie ihm geschah, hatte ein halbes Dutzend Männer Waffen auf ihn gerichtet.
Langsam streckte er die Hände über den Kopf.
Drei Männer mit FBI-Windjacken näherten sich ihm und zwangen ihn zu Boden. Levis Wange landete auf dem Asphalt, und er musste sich mächtig beherrschen, um sich nicht zu wehren. Ein Mann richtete seine Neun-Millimeter-Glock auf Levis Kopf, ein anderer presste ihm das Knie ins Kreuz. Innerhalb von Sekunden hatte er Handschellen um die Hand- und Fußgelenke.
»Was zum Teufel soll das?«, verlangte er zu erfahren.
»Klappe halten«, war die einzige Antwort.
Einer der Männer filzte Levi, dann zerrte er ihn hoch und verfrachtete ihn auf den Rücksitz einer der dunkelgrauen Crown Victoria Limousinen. Links und rechts von ihm nahm je ein Beamter Platz. Kaum hatten sie Levi zwischen sich eingepfercht, raste der Wagen von der Schule weg.
Levis Wange brannte, weil sie der Asphalt aufgeschrammt hatte. Er rieb sie mit der Schulter und fragte mit knurrendem Unterton: »Kann mir mal jemand sagen, wieso zum Teufel ihr mich eingesackt habt? Ich hab nichts getan.«
Der Agent auf dem Beifahrersitz drehte sich um und schleuderte ihm einen giftigen Blick zu. »Sie haben keine Ahnung?«
»Nicht die Geringste. Wenn Sie mich verhaften, würde ich von irgendeiner Anklage ausgehen. Warum haben Sie mich mitgenommen?«
Im vergangenen Jahr hatte Levi eine Menge mit Bundesvollzugsbehörden zu tun gehabt. Sie hatten ihn benutzt, um korrupte Bundesbeamte dingfest zu machen, die ihre Finger in Sexsklavenhandel mit Minderjährigen hatten. Normalerweise waren die Agenten recht besonnen, aber diese Truppe wirkte stinksauer.
Er zuckte mit der rechten Schulter, um eine Verspannung darin zu lockern. Prompt erhielt er von dem Agenten zu seiner Rechten einen kräftigen Ellbogenstoß in die Rippen.
»Oh, Entschuldigung«, brummte der Mann durch und durch unaufrichtig.
»Und? Erfahre ich jetzt irgendeinen Grund, warum Sie mich mitgenommen haben?«
Der Agent vorn schaute weiter finster drein. »Klar, warum nicht? Wir haben ’nen Anruf über einen Mann erhalten, nach dem das halbe FBI sucht. Und siehe da, Sie waren genau dort, wo man Sie uns gemeldet hat.«
Levi runzelte die Stirn. »Das versteh ich nicht. Warum sollte jemand nach mir suchen? Das muss ein Irrtum sein. Was hab ich denn angeblich getan?«
Der Agent links von Levi sah aus, als würde er ihm am liebsten ins Gesicht spucken. »Special Agent Bruce Wei. Special Agent Tony Mendoza. Special Agent Tran Nguyen.«
Levi zuckte mit den Schultern. »Sollte mir das irgendwas sagen?«
Die Kiefermuskeln des Agenten verkrampften sich. Seine Blicke jagten Dolche in Levi. »Alle wurden außer Dienst ermordet, einer direkt vor den Augen seiner Kinder.« Ein frostiges Lächeln schlich sich in die versteinerten Züge des Mannes. »Uns liegen Meldungen über jemanden an den Tatorten vor, auf den Ihre
Beschreibung passt. Kumpel, Sie
haben’s mit ’ner dreifachen Mordanklage zu tun.«