Man hatte Levi die Arme mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt. Seine Schultern pochten. Er saß auf einem am Boden verschraubten Stuhl aus Metall vor einem Tisch mit brauner Resopal-Platte. Abgesehen davon war seine zwei mal drei Meter große Untersuchungshaftzelle mit den tristen grauen Wänden leer. Und kalt – sehr kalt. Nicht ganz frostig genug, dass Atemwölkchen entstanden, aber vermutlich um die zehn Grad.
Er befand sich mit Sicherheit nicht im J. Edgar Hoover Building in Washington, D. C. Dieser Ort war bloß irgendein Drecksloch mitten im Nirgendwo. Aufgrund der zahlreichen Abzweigungen und der Dauer der Fahrt vermutete er irgendwo in der Nähe von Quantico in Virginia.
Er fragte sich, wann jemand kommen würde. 20 Minuten waren vergangen, seit man ihn an den Stuhl gekettet hatte. Wahrscheinlich wollte man ihn weichkochen. Als Vorbereitung auf ein Verhör. So hätte er es gemacht. Allerdings hatte er sich schon mit weitaus schlimmeren Bedingungen herumgeschlagen. Also schloss er einfach die Augen und konzentrierte sich auf seine Atmung. Die dumpfen Schmerzen seiner verschrammten Wange und seiner wunden Muskeln legten sich.
Aus Sekunden wurden Minuten, und seine Sinne nahmen die winzigen Details seiner Umgebung wahr. Durch den
Metallstuhl spürte er die schwachen Vibrationen der Welt draußen.
Irgendwo in der Ferne fühlte er den Motor eines Wagens im Leerlauf, dann die sich öffnende und schließende Autotür.
Er hörte das Gemurmel von Stimmen, gefolgt von Schritten, die durch einen unsichtbaren Flur hallten. Beides wurde lauter.
Levi öffnete die Augen in dem Moment, als die Tür zu seiner Zelle aufschwang. Ein großer Kerl, den er zuvor noch nicht gesehen hatte, trat ein. Die Tür schloss sich mit einem metallischen Klicken hinter dem Unbekannten.
Der Mann sah aus, als hätte ihn eine Casting-Agentur als archetypischen FBI-Agenten geschickt. Ende 40, nichtssagender dunkelgrauer Anzug, dunkle Brille, humorloser Gesichtsausdruck. Er nahm auf der anderen Seite des kahlen Tischs Platz und starrte Levi einige Sekunden lang an. Dabei gab er saugende Geräusche durch die Zähne von sich.
»Mr. Yoder, ich bin Special Agent O’Connor vom FBI. Ich fürchte, Sie stecken in ernsten Schwierigkeiten.«
Levi legte den Kopf erst zur einen, dann zur anderen Seite schief. Die Sehnen in seinem Hals knackten. »Wie auch immer die Anschuldigungen lauten, sie sind ein Haufen Hüll. Ich habe nichts getan.«
»Die Agenten, von denen Sie abgeholt wurden, haben Ihnen bereits gesagt, was Ihnen zur Last gelegt wird, Mr. Yoder.« O’Connor runzelte die Stirn. »Und ich habe die Aufzeichnungen über Sie. Ich weiß alles, was es über Sie und Ihre Verbindung zur New Yorker Verbrecherfamilie Bianchi zu wissen gibt. Außerdem sind Sie bezahlter Informant. Ich bin sicher, davon halten Ihre Freunde bei der Mafia nicht allzu viel ...«
»Bullshit. Ich weiß nichts über irgendwelche Verbrecherfamilien, und selbst wenn, würde ich nie mit den Bundesbehörden darüber reden. Warum haben Sie mich wirklich eingesackt?«
O’Connor starrte Levi volle zehn Sekunden an, bevor er antwortete. »Wir haben Beweise dafür, dass Sie an den Tatorten der Morde an drei Bundesagenten waren. Nimmt man dazu noch Ihre bekannte Verstrickung in den Handel mit Sexsklaven ...«
»Die Scheiße hängen Sie mir nicht an!« Levi schnaubte und schüttelte den Kopf. »Ihre Aufzeichnungen sind Schwachsinn. Ich hab euch Arschlöchern geholfen, korrupte, bestechliche Bundesbeamte auffliegen zu lassen. Sie
haben minderjährige Prostituierte importiert und sich mit ihnen vergnügt. Geht’s darum? Soll das so was wie ein Racheakt für Ihre pädophilen Kumpels werden? Ich will meinen Anruf. Holen Sie meinen Anwalt her.«
Die eiserne Selbstbeherrschung, mit der Levi sein Temperament zügelte, bekam allmählich Risse. Er hatte zwei Monate im Auftrag der für Kindersexhandel zuständigen Abteilung des FBI gearbeitet. Dabei hatte er letztlich zwei Agenten aufgespürt, die von einer der anderen Mafiafamilien an der Ostküste Bestechungsgeld angenommen hatten. Es war ein hässliches Geschäft. Je mehr Einblick Levi darin erhalten hatte, desto mehr hatten ihn die anderen darin verstrickten Familien angewidert. Trotzdem hatte er nie jemanden außer den korrupten Bundesbeamten verpfiffen.
Diese FBI-Agenten hatten gegen ihre Eide verstoßen, nicht er – und nicht mal die Mafiosi, mit denen er zu tun gehabt hatte.
Nun jedoch sah es tatsächlich so aus, als wollte sich das FBI rächen. Levi hatte für einen solchen Fall vorgesorgt. Er hatte von fast allem Video- und Audioaufzeichnungen. Diese Mistkerle würden ihn nicht zu Fall bringen.
O’Connor starrte Levi finster an und schüttelte den Kopf. »Sie kriegen gar nichts
, bis ich es sage. Die drei Agenten, die Sie getötet haben, waren meine Freunde, und ich habe vor ...«
»Was haben Sie vor?«, fiel Levi ihm ins Wort, spannte die
Ketten seiner Fesseln und streckte die Brust vor. »Sie müssen sich an die Regeln halten, Agent O’Connor. Ich kenne meine Rechte. Und ich weiß, dass ich nicht getan habe, was Sie mir vorwerfen. Holen Sie mir meinen Anwalt.«
Der Agent lehnte sich zurück und blies laut den Atem aus. »Hören Sie mir gut zu, Yoder. Ich kann Ihnen das Leben zur Hölle machen, wenn Sie sich mir widersetzen. Klar, letztlich kriegen Sie Ihren Anruf. Aber ich kann dafür sorgen, dass Sie keine Kaution bekommen. Ich sorge außerdem dafür, dass Sie für Monate, vielleicht sogar für Jahre in den Bau wandern, bevor Ihr Fall vor Gericht kommt. Ich vergrabe Sie.«
Levi starrte den Agenten finster an. Leider log der Mann nicht. Ganz gleich, wie zuversichtlich er sein mochte, seine Unschuld beweisen zu können: Dieser Arsch konnte ihm Schwierigkeiten bereiten.
»Ich hab niemanden ermordet«, beteuerte Levi. »Sie haben mich recherchiert. Ich bin sauber, und das wissen Sie genau. Ich hab euch Arschlöchern lediglich geholfen, bei euch aufzuräumen und ...«
»Sie haben nie Ihre Mafia-Kontakte preisgegeben.«
»Das war auch nie vereinbart. Ihre
Leute waren korrupt. Ich hab Ihnen die Beweise geliefert, die Sie gebraucht haben, um zwei bestechliche Bundesbeamten aus dem Verkehr zu ziehen. Eigentlich sollten Sie mir vor lauter Dankbarkeit den Hintern küssen. Stattdessen schikanieren Sie mich wegen etwas, das ich nicht getan habe.«
O’Connor beugte sich vor und knurrte. »Ich weiß nichts dergleichen. Ich weiß nur, dass wir drei nach Mafia riechende Morde an Bundesagenten haben und Sie damit in Verbindung gebracht werden. Vielleicht sollte ich Sie einfach einbuchten. Hab gehört, was passiert ist, als Sie das letzte Mal drin waren. Ist ein bisschen blutig geworden, nicht wahr?«
Levi starrte ihn finster an. Als er das letzte Mal in Haft gewesen war, ebenfalls wegen frei erfundener Anklagepunkte,
hatten ihn russische Mafiosi angegriffen.
O’Connor schmunzelte. »Oh, dachten Sie etwa, davon wüsste ich nichts? Ich hab Sie am Wickel. «
»Einen Scheiß haben Sie. Muss ich Sie daran erinnern, dass sämtliche Anklagepunkte gegen mich fallen gelassen wurden?«
»Sie haben in dem Knast zwei Menschen ermordet.«
Levi lachte. »Was denn, sind Sie ein verschollener Cousin der toten Russen-Gangster, die mich umbringen wollten? Jetzt machen Sie aber verdammt noch mal halblang. Es war Notwehr, das wissen Sie. Dieses Schwelgen in der Vergangenheit ist ja echt rührend und macht mich ganz nostalgisch. Aber was wollen Sie eigentlich von mir?«
»Ich will Antworten. Hatten Sie etwas mit der Ermordung der Special Agents Wei, Mendoza oder Nguyen zu tun?«
»Nein.«
»Wissen Sie, wer es war?«
»Keine Ahnung. Lassen wir den Quatsch doch beiseite, Sie sind hier total auf dem Holzweg.«
»Sind Sie bereit, sich einem Lügendetektortest zu unterziehen?«
Levi lächelte. Was immer dieser Agent an sogenannten Beweisen haben mochte, wahrscheinlich wusste er selbst, dass sie wertlos waren. Er fischte im Trüben.
»Ich hab kein Problem mit dem Lügendetektor, Agent O’Connor.« Levi runzelte die Stirn. Je länger er herumsaß und seine Zeit mit diesen Leuten vergeudete, desto schwieriger würde es werden, Tanakas Enkelin zu finden. »Was muss ich tun, damit Sie mich in Ruhe lassen? Ob Sie’s glauben oder nicht, ich wüsste Besseres mit meiner Zeit anzufangen.«
O’Connor verlagerte auf dem Stuhl das Gewicht und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. »Sie haben vielleicht den Eindruck, Sie hätten hier das Sagen, aber damit liegen Sie falsch. Sie gehören mir, bis ich was anderes entscheide. Aber vielleicht könnte ich mit einem Deal leben.«
Er klopfte mit den Knöcheln auf die Tischplatte und nickte. »Sofern Sie den Lügendetektortest bestehen, können wir unter Umständen zu einer Lösung finden. Ihr Zugang zu einigen Ihrer Mafia-Kontakte könnte sich bei dieser Untersuchung als nützlich erweisen. Vielleicht gelingt es mir, meine Vorgesetzten zu überreden, Sie als Kronzeugen zu behandeln.«
O’Connor war offenbar nicht klar, dass Levi niemals irgendein Mitglied der Familie an die Behörden verraten würde. Dinge innerhalb der Familie wurden innerhalb der Familie geklärt. Ausnahmslos. Er stellte sich eine Fünfjährige in den Händen eines Entführers vor und schluckte die Galle hinunter, die ihm dabei in die Kehle stieg. »Und dadurch werd ich diese Handschellen los und kriege meine Freiheit zurück?«
»Die Handschellen werden Sie los, ja. Was die Freiheit angeht – tja, das kommt ganz auf die Einzelheiten eines etwaigen Deals an. Aber Sie bleiben so oder so ein Verdächtiger, bis der Fall zur Zufriedenheit des FBI gelöst ist.«
»Na schön.« Levi zuckte mit den Schultern. Er sah keine große Wahl in der Angelegenheit. Jedenfalls nicht ohne juristische Scherereien und einen erheblichen Zeitverlust, den er sich nicht leisten konnte. Immerhin stand das Leben eines unschuldigen Mädchens auf dem Spiel. Außerdem konnte man nie wissen: Vielleicht log das FBI gar nicht und hatte wirklich einen Informanten, der zu Unrecht mit dem Finger auf ihn zeigte. Nur wer könnte es sein?
»Sie sind klüger, als Sie aussehen.« O’Connor stand auf, zückte ein Handy und hielt es sich ans Ohr. »Ich bin’s. Er ist bereit, sich dem Lügendetektortest zu unterziehen. Bringt die Ausrüstung her.«
Das war alles. Wer immer am anderen Ende der Leitung gewesen war, hatte mit diesem Ergebnis gerechnet. Das FBI wollte, dass sich Levi freiwillig einem Lügendetektortest unterzog.
Aber warum?
Nachdem Levi einen langen Fragebogen ausgefüllt hatte und an das Gerät angeschlossen war, lehnte er sich auf dem Metallstuhl zurück und konzentrierte sich auf seine Atmung.
Er hatte rund ein Dutzend Mal mit einem Lügendetektor geprobt, doch diesmal war es ein wenig anders. An seine Finger waren mehr Drähte angeschlossen. Levi wusste, dass sie die galvanische Reaktion seiner Haut messen sollten – die elektrischen Veränderungen, die durch verschiedene emotionale Zustände ausgelöst wurden. Um seine Brust und seinen Bauch lagen zwei Pneumografieschläuche gewickelt, um seine Atmung zu messen. Und zu guter Letzt hatte man um seinen rechten Oberarm eine Blutdruckmanschette angebracht.
Der Untersuchungsleiter, ein vierschrötiger Mann in einem schlecht sitzenden Anzug, tippte auf einem an den Polygraphen angeschlossenen Laptop. »Mr. Yoder, wir gehen jetzt Ihre Antworten in dem Fragebogen durch, den Sie vorhin ausgefüllt haben. Ich muss Sie darüber in Kenntnis setzen, dass ...«
Levis Gedanken lösten sich von den Worten des korpulenten Untersuchungsleiters, und er begann zu meditieren. Damit bereitete er sich auf die Fragen vor, von denen er wusste, sie würden kommen.
Vor Jahren hatte er von einem indischen Guru die Kunst der transzendentalen Meditation erlernt. Sie erwies sich als nützlich dabei, den Geist zu leeren. Das hatte ihm vor allem damals geholfen, als der Tod seiner Frau seine Seele förmlich zerfressen hatte. Seither hatte er sich verschiedene Varianten derselben Fähigkeit angeeignet, mentale Techniken, durch die er sich gleichzeitig entspannen und die Sinne schärfen konnte.
Er hörte die angestrengte Atmung des
Untersuchungsleiters, spürte den langsamen, gleichmäßigen Takt seines eigenen Herzschlags und nahm sogar das Summen der Stromversorgung der Neonbeleuchtung draußen im Flur wahr. Levi stellte sich vor, wie sich sein Geist vom Körper trennte und umherschwebte. Auf emotional distanzierte Weise hörte und sah er alles.
Obwohl er den Untersuchungsleiter nicht beobachtete, wusste er genau, wann der Mann den zuvor ausgefüllten Fragebogen zur Hand nahm. Levi empfand nicht das Geringste, als der Mann das Wort ergriff.
»Mr. Yoder, ich stelle Ihnen jetzt eine Reihe von Kontrollfragen, um Ihre grundlegenden physiologischen Reaktionen zu ermitteln. Das hilft mir beim Kalibrieren der Ausrüstung. Bitte antworten Sie auf jede Frage, die ich Ihnen stelle, mit ›nein‹. Haben Sie verstanden?«
Levi nickte.
Der Untersuchungsleiter verlagerte unbehaglich das Gewicht auf dem Stuhl. »Mr. Yoder, Sie sind 41 Jahre alt, ist das richtig?«
»Nein.« Levi war tatsächlich 41.
»Sind Sie der derzeitige Präsident der Vereinigten Staaten?«
»Nein.«
»Haben Sie jemals gelogen?«
»Nein.« Der Rhythmus von Levis Atmung blieb im Verlauf der Fragen unverändert.
Bald beendete der Untersuchungsleiter die Kontrollfragen und wandte sich Levis Verbindungen zur Mafia zu. Levi log bei fast allem zu dem Thema. Als es darum ging, wo er sich an bestimmten Tagen der vergangenen zwei Wochen aufgehalten hatte und ob er bestimmte Agenten kannte, antwortete Levi wahrheitsgetreu. In der Hinsicht hatte er nichts zu verbergen.
Nach ungefähr 30 Minuten endete die Befragung. Der Untersuchungsleiter tippte wiederholt auf der Tastatur des Laptops. Der Mann war rot angelaufen, und trotz der kühlen
Luft im Raum glänzte seine Stirn feucht vor Schweiß. Schließlich klappte er den Deckel des Laptops zu, schloss ihn von dem Gerät ab, mit dem Levi verbunden blieb, und verließ den Raum mit dem Computer.
Geschlagene zehn Minuten harrte Levi allein aus. Seine nach wie vor am Stuhl fixierten Arme pochten allmählich vor Bewegungsmangel.
Plötzlich schwang die Tür wild auf, und O’Connor stapfte herein. Seine Gewittermiene verriet auf Anhieb seine Verärgerung. »Yoder, was für eine Micky-Maus-Scheiße haben Sie da abgezogen? Was für ein Trick ist das?«
Levi schaute auf, als der Agent grob die Leitungen von seinen Fingern, die Blutdruckmanschette und die Schläuche um seine Brust und seinen Bauch entfernte. »Agent O’Connor, ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.«
Der Agent schnaubte genervt und schüttelte den Kopf. »Egal, spielt keine Rolle. Ich hatte einen Anruf von meinem Vorgesetzten. Ich bringe Sie zu ihm.«
Levi lockerte die nach wie vor verkrampften Schultern, als er Agent O’Connor durch die Gänge der FBI-Räumlichkeiten in Washington, D. C. folgte. Sie waren knapp 30 Minuten in der Limousine des Mannes unterwegs gewesen. Abgesehen von der barschen Anweisung, sich anzuschnallen, war die Fahrt in völliger Stille verlaufen.
Mehrere vorbeigehende FBI-Mitarbeiter warfen einen neugierigen Blick auf Levis Besucherausweis. Außerdem brauchten die Sicherheitsleute ziemlich lange, um aus einem anderen Raum ein Buch zu holen, in das er sich eintragen musste. Zusammengenommen ergab sich der Eindruck, dass man in dieser Außenstelle nicht oft Besucher hatte.
O’Connor blieb vor einer geschlossenen Tür stehen und
klopfte an.
Von drinnen ertönte eine Stimme. »Herein.«
Der Agent öffnete die Tür und bedeutete Levi, einzutreten.
Levi ging in ein beengtes Büro. Die Einrichtung bestand aus einem Schreibtisch mit Resopal-Platte und mehreren regierungstypischen, eintönig grauen Metallschränken. Auf jeder ebenen Fläche stapelte sich Papier.
Hinter dem Schreibtisch erhob sich ein grauhaariger Mann Ende 50 und zeigte auf einen Stuhl. »Bitte, Mr. Yoder, nehmen Sie Platz.«
O’Connor schloss die Tür und setzte sich eine Armeslänge von Levi hin. »Mr. Yoder, das ist Special Agent in Charge Gary Michaels.«
Levi kannte sich mit der Organisation des FBI gut genug aus, um zu wissen, dass ein Special Agent in Charge, kurz SAC, ziemlich weit oben in der Hierarchie stand. Es gab keinen für ihn ersichtlichen Grund, warum sie sich zu dritt in einem Büro befanden. Diesem Michaels unterstanden vermutlich etliche, wenn nicht die meisten der Mitarbeiter in diesem Gebäude. Levi fragte sich, was das große Aufhebens sollte.
»Mr. Yoder, bevor wir im Detail darauf eingehen, warum Sie hier sind, möchte ich unmissverständlich klarstellen, wie ernst Ihre Lage ist. Ihnen wird Mord an drei Bundesagenten zur Last gelegt. Wir haben Zeugenaussagen, die Sie mit den Tatorten in Verbindung bringen. Ich habe mehr als genug in der Hand, um Sie für drei Tage in Haft zu nehmen. Und aufgrund der Schwere der Verbrechen kann ich dafür sorgen, dass Sie bei der Vorführung vor Gericht keine Kaution bekommen. Das muss Ihnen bewusst sein.«
Zähneknirschend musterte Levi den SAC. Sein Tonfall und sein Gebaren ließen unzweifelhaft erkennen, dass er daran gewöhnt war, das Heft in der Hand zu haben. Der Mann trieb keine Spielchen. Er wirkte berechnend, intelligent und würde
sich von jemandem wie Levi keinen Schwachsinn gefallen lassen.
»Ich verstehe, Sir.«
Michaels nickte knapp. »Gut.« Er griff sich ein Blatt Papier von einem der Stapel auf seinem Schreibtisch und betrachtete es. »Sind Sie damit einverstanden, Kronzeuge zu werden und uns bei der Identifizierung der Tatverdächtigen an der Ermordung der Special Agents Bruce Wei, Tony Mendoza und Tran Nguyen zu unterstützen?«
»Ja.«
»Sie werden nicht – ich wiederhole, nicht
– versuchen, im Zuge dieser Ermittlungen irgendwelche Verdächtigen eigenständig zu fassen. Das ist nicht Ihre Aufgabe. Beweise, die Sie finden, übergeben Sie uns, und wir handeln. Ist das klar?«
»Kristallklar, Sir.«
»Gut.« Michaels wandte sich an O’Connor. »Agent O’Connor, zufällig weiß ich, dass Nick Anspach gerade aus dem Labor in Quantico angekommen ist. Bringen Sie Mr. Yoder zu unserem kriminaltechnischen Experten.«
»Aber ...«, setzte O’Connor zu einem Protest an.
»Kein Aber, tun Sie’s einfach, Frank. Verstanden?«
»Ja, Sir.«
Michaels richtete den Zeigefinger auf Levi. »Mr. Yoder, wir werden Sie nicht ersuchen, einen Peilsender zu tragen, solange Sie sich täglich bei Agent O’Connor melden. Er fungiert für die Dauer der Kooperation als Ihr FBI-Ansprechpartner, und Sie nehmen Ihre Anweisungen von ihm entgegen.«
Levi sah O’Connor an und runzelte die Stirn. »Das versteh ich nicht. Wie soll ich jeden Stein nach den Tätern umdrehen, wenn ich bei jedem Handgriff Agent O’Connor um Erlaubnis fragen muss?«
Michaels verengte die Augen und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Ich denke, Sie werden feststellen, dass Agent
O’Connor kein Kontrollfreak ist.«
O’Connor drehte sich auf dem Sitz zu Levi herum. »Mr. Yoder, darf ich Sie bitten, kurz im Gang draußen zu warten? Ich muss unter vier Augen mit Mr. Michaels sprechen.«
»Sicher.«
Levi verließ den Raum und schloss leise die Tür hinter sich – dann drückte er das Ohr an die Wand von Michaels’ Büro. Er hörte den barschen Klang von O’Connors flüsternder Stimme.
»Wie können wir ihn einfach vom Haken lassen? Der Polygraph ...«
Levi presste das Ohr fester an die Wand. Was hatte sein Lügendetektortest ergeben?
»Frank, die Entscheidung liegt nicht bei mir.«
»Wenn nicht bei Ihnen, wer hat dann ...«
»Jetzt halten Sie die Klappe und tun Sie’s einfach. Es gibt da gewisse ... Ich verstehe es ja selbst kaum.«
Die Stimmen wurden noch leiser, und schließlich ... Stille.
Levi richtete sich auf, als sich die Tür zu Michaels’ Büro öffnete.
Agent O’Connor trat in den Flur heraus, würdigte ihn kaum eines Blickes und sagte: »Folgen Sie mir.«
Als sie die Treppe in den zweiten Stock hinunterstiegen, ergriff Levi das Wort. »Agent O’Connor, als Ihre Leute mich aufgegriffen haben, war ich gerade dabei, einer Spur im Fall einer Entführung nachzugehen. Die Mutter arbeitet beim FBI und ...«
»Wie heißt sie?« O’Connor sah ihn mit großen Augen an.
»Das entführte Mädchen?«
»Nein, die Mutter.«
»Helen Wilson.«
Der Agent blieb vor der Tür stehen, die vom Treppenhaus in
den zweiten Stock führte, und konzentrierte sich auf Levi. »Ich bin vertraut mit dem Fall. Wir haben Leute darauf angesetzt.« O’Connor runzelte die Stirn. »Ich weiß Ihre Sorge um das Kind zu schätzen, aber das ist nicht Ihr Problem. Mir soll bloß nicht zu Ohren kommen, dass Sie Ihre Zeit mit etwas anderem als damit verbringen, herauszufinden, wer die drei Bundesagenten ermordet hat. Haben wir uns verstanden?«
Levi hätte dem Kerl so
gern die Visage poliert. Stattdessen atmete er tief ein, blies die Luft langsam aus und nickte. »Verstanden, Agent O’Connor.«
»Gut.«
Aber als O’Connor ihn aus dem Treppenhaus durch einen holzgetäfelten Korridor führte, knirschte Levi mit den Zähnen. Auf keinen Fall würde er die Entführung des Tanaka-Kinds den Bundesbehörden überlassen.
Nick Anspach, der Kriminaltechniker, sah wie Mitte 40 aus. Er hatte platinblondes Haar und Narben in der rechten Gesichtshälfte, anscheinend von einer schlimmen Verbrennung. Als Levi dem Mann die Hand schüttelte, fiel ihm auf, dass die Hälfte des kleinen Fingers und des Ringfingers fehlte.
»Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Yoder.«
Agent O’Connor stand am Eingang zum Büro des Mannes. »Nick Anspach ist einer der besten Kriminaltechniker beim FBI.« Er wandte sich an den Anspach und deutete mit dem Daumen auf Levi. »Mr. Yoder ist Kronzeuge im Fall Mendoza, Wei und Nguyen.«
Levi bemerkte den ausgesprochen ordentlichen Schreibtisch. Alles befand sich penibel ausgerichtet an seinem Platz. Das Einzige im Büro, das ansatzweise Chaos erkennen ließ, waren die hinter dem Schreibtisch an die Wand gehefteten Fotos. Um die 30 Aufnahmen von Anspach bei
verschiedenen gesellschaftlichen Anlässen. Ein Leitmotiv schien ein Drink in seiner unversehrten Hand zu sein, und auf vielen der Fotos waren Abzeichen von FBI-Mitarbeitern zu sehen. Ein populärer Mann.
»Nick, ein paar Grundregeln zu unserem Kronzeugen hier. Er hat keine Legitimation, also übergebe ich ihn hiermit an dich. Offensichtlich muss er begleitet werden. Er hat die Freigabe, sich die Beweise anzusehen, die wir zu den drei Morden gesammelt haben. Aber er darf nichts davon entfernen oder Kopien von irgendwas anfertigen.«
Anspach nickte. »Sonst noch was?«
O’Connor schüttelte den Kopf. »Nein, das war’s. Ich muss mich noch um andere Dinge kümmern.«
Als sich der Agent zum Gehen wandte, fragte Levi: »Hey, was ist mit meinem Wagen? Ich hatte vor der Schule geparkt, als Ihre Leute mich eingesackt haben.«
O’Connor schaute über die Schulter zu Levi zurück. »Darum habe ich mich schon gekümmert. Bis Sie und Nick fertig sind, steht er draußen vor dem Gebäude.« Damit verließ er das Büro und schloss die Tür hinter sich.
Anspach deutete auf einen Stuhl. »Mr. Yoder, nehmen Sie doch Platz, dann sehen wir uns an, was wir bisher zu den Fällen haben.«
»Mendoza wurde vor acht Tagen in New York City umgebracht.« Anspach sprach leise, beinah im Flüsterton.
Levi blätterte durch die Akte des Falls Mendoza, als der Kriminaltechniker auf der anderen Seite des Schreibtischs Platz nahm. Es handelte sich um fast 50 Seiten, bestehend aus Notizen, Befragungsabschriften und sonstigen forensischen Berichten. Die Autopsie an dem Agenten hatte ergeben, dass die Schlagader des Mannes durch einen tiefen Schnitt vorne
und seitlich am Hals durchtrennt worden war.
Mit einem schiefen Grinsen, das leicht das Narbengewebe auf seiner Wange verzog, schob Anspach einen Block mit gelben Haftnotizen zu Levi. »Sie können von den Unterlagen zwar nichts mitnehmen, aber O’Connor hat nicht gesagt, dass sie keine Notizen machen dürfen.«
Levi erwiderte das Lächeln des Technikers und tippte sich seitlich an den Kopf. »Danke, aber ich versuch, es hier abzuspeichern.« Er legte den Zeigefinger auf die Akte. »Das ist am helllichten Tag im Central Park passiert. Wie kann’s sein, dass der Täter nicht geschnappt wurde?«
Anspach zuckte mit den Schultern. »Kann ich nicht sagen. Offen gestanden war ich nicht von Anfang an bei der Untersuchung dabei, aber ich habe mit dem Zuständigen von der Außenstelle New York geredet. Es hat ursprünglich wie ein willkürlicher Raubüberfall ausgesehen, nur wurde nichts gestohlen.«
Levi blätterte zur nächsten Seite der Akte, wo ihn das Phantombild eines asiatischen Mannes erwartete. »Ist das der Verdächtige?«
Anspach setzte eine verkniffene Miene auf. »Ja. Es ist direkt vor den Augen von Mendozas Frau und seinen zwei Kindern passiert. Das Phantombild ist nach der Beschreibung der Ehefrau entstanden.« Er streckte sich über den Tisch und tippte auf die Wange des Asiaten. »Außerdem hat sie zu Protokoll gegeben, dass sie ihm ziemlich heftig über die linke Wange gekratzt hat. Die DNA-Probe, die wir unter ihren Fingernägeln entnommen haben, entspricht der eines chinesischen Mannes.«
Levi fragte sich, wie er je in die Sache hineingezogen werden konnte. Ich bin weiß, über 1,80 Meter groß und hab 80 Kilo. Man kann mich unmöglich mit einem 1,75 großen, 70 Kilo schweren Asiaten verwechselt haben
.
Levi schnaubte frustriert und konzentrierte sich wieder auf
das Phantombild. Auf einer der früheren Seiten der Akte stand, dass Mendozas Kinder fünf und sieben Jahren alt waren, beides Jungen. Was für ein Barbar würde jemanden vor den Augen seiner beiden Kinder angreifen?
Der Kriminaltechniker schob eine dickere Akte zu Levi. »Das hier haben wir über den Fall Nguyen und Wei. Ist nur etwa eine Stunde von hier entfernt passiert. Eine Autobombe, die beide ausgeschaltet hat, und ...«
»Das versteh ich nicht.« Levi begann, durch die neue Akte zu blättern. »Ein Mord in New York, zwei in der Nähe von hier. Warum fasst man diese drei Morde zusammen? Ich hätte vermutet, sie würden von zwei verschiedenen Außenstellen bearbeitet.«
Anspach legte den Kopf schief und starrte Levi einen Herzschlag lang an, bevor er antwortete. »O’Connor hat es Ihnen nicht gesagt?«
»O’Connor hat mir einen Scheißdreck gesagt. Was übersehe ich?«
»Na ja, ich schätze, es schadet nichts, es Ihnen zu sagen. Sie waren alle Teil einer Taskforce gegen Sexsklavenhandel.«
»Mit Kindern, meinen Sie?« Levi verzog angewidert die Lippen. Unwillkürlich sah er vor dem geistigen Auge ein Bild des entführten Tanaka-Kinds.
»Nicht nur
Kinder, aber ja. Die Einfuhr von ausländischen Personen für ... alles andere als ehrenwerte Zwecke. Obwohl die Sklaverei in diesem Land seit über 150 Jahren abgeschafft ist, existiert sie noch immer.« In Anspachs Züge trat ein gequälter Ausdruck, der erahnen ließ, dass dem Kriminaltechniker schon Dinge untergekommen waren, die er lieber nicht gesehen hätte.
Levi sah sich die Berichte über die Bombe durch, mit der die beiden Agenten getötet wurden. Einer der Ausdrucke zeigte ein Bild eines Asiaten. »Sie haben einen Fingerabdruck auf einem Bombensplitter gefunden?«
»Ein echter Glücksfall. Im FBI-Labor drüben in Quantico haben wir wirklich gute Verfahren, um latente Abdrücke zum Vorschein zu bringen. Ist mir tatsächlich gelungen, unter all den Trümmern vom Tatort einen Abdruck zu finden. Und wie aus dem Bericht ersichtlich, hat er zu einem Treffer in IAFIS geführt.«
»IAFIS?«
Anspach schmunzelte. »Oh, tut mir leid. FBI-Abkürzung. Davon haben wir ganze Wagenladungen. Das ist unsere Datenbank für Fingerabdrücke.«
Levi überflog den IAFIS-Bericht über einen gewissen Kiyoshi Ishikawa – 32 Jahre alt, japanischer Staatsbürger mit abgelaufenem Studentenvisum. Derzeitiger Aufenthaltsort unbekannt. Der Abschnitt des Berichts mit dem Titel »Strafregister und Zugehörigkeiten« enthielt eine Aufstellung relativ harmloser Auseinandersetzungen mit dem örtlichen Gesetz in D. C. Allerdings dröhnte Levis Herzschlag laut durch seinen Kopf, und ein kalter Schauder raste ihm über den Rücken, als er die nächste Zeile laut vorlas. »Bekanntes Mitglied des Tanaka-Syndikats.«
Anspach brummelte etwas Unverständliches, bevor er deutlicher sagte: »Soweit ich weiß, ist das ein ziemlich übler Menschenschlag aus Japan, der in den USA Fuß zu fassen versucht. Ist aber der Ehrlichkeit halber nicht mein Fachgebiet, deshalb kann ich Ihnen nicht wirklich viel darüber sagen.«
Während Levi den Rest des Berichts überflog, überschlugen sich seine Gedanken. Nach weiteren fünf Minuten Stille schob er die Akte zurück zu Anspach. »Ist das alles, was Sie haben?«
Das rechte Auge des Mannes zuckte. Es sah wie ein schmerzhafter Tic aus, der das Narbengewebe neben dem Augenwinkel kräuselte. »Ich fürchte, das ist alles.« Er zeigte auf die Haftnotizen und den Bleistift. »Sind Sie sicher, dass Sie sich nichts notieren müssen?«
Levi stand auf und nickte. »Ich hab alles, was ich brauche.«