Im Mietauto hatte Levi gerade Madison angerufen, als ein Polizeiwagen mit heulender Sirene am FBI-Gebäude vorbeiraste. »Maddie, alles in Ordnung?«
»Mir geht’s gut.«
Ihre Stimme drang aus den Lautsprechern des Autos. Sie klang gestresst. »Was gibt’s? Normalerweise rufst du unter der Woche nicht tagsüber an.«
»Tja, stell dir vor, ich bin gerade in Washington, D. C. und hab noch ein paar Stunden, bevor mein Zug zurück geht. Lust auf einen Happen zu essen?«
»Oh ich wünschte, ich könnte. Um ehrlich zu sein, ich fühl mich nicht ganz wohl, deshalb bin ich grade unterwegs zum Arzt, um mich durchchecken zu lassen. Vielleicht brüte ich die Grippe aus oder so.«
Levi runzelte die Stirn. Irgendetwas hörte sich nicht richtig an. Sie schien aufgebracht zu sein. »Na ja, ich könnte dich begleiten. Ich hab Zeit. Sag mir einfach, wo wir uns treffen können.«
»Nein, schon gut. Nimm du ruhig den Zug. Wirklich, ich mein’s ernst.«
»Aber ...«
»Levi!«
Madison erhob die Stimme, dann lachte sie. »Musst du echt von mir hören, dass ich unterwegs zum Gynäkologen bin und mir lieber wäre, wenn du nicht dabei bist? Mir geht’s gut, ich fühl mich bloß nicht zu 100 Prozent fit. Ich ruf dich am Freitag an, dann
sehen wir weiter, okay?«
Verlegen betätigte Levi die Gangschaltung. »Okay, ich denke, das versteh ich. Viel Spaß.«
»Nicht unbedingt, was eine Frau auf dem Weg zum Frauenarzt hören will, aber gut.«
Levi nahm ein Lächeln in ihrer Stimme wahr. »Wir hören uns.«
Er gab die Zieladresse ins Navigationssystem des Autos ein und fuhr los.
Mitten in der Union Station presste sich Levi das Handy ans Ohr, während er versuchte, Denny über den Lärm der Masse der abendlichen Pendler zu verstehen.
»Levi, der Lieferwagen von
Domino’s wurde hinter einer heruntergekommenen Taqueria in der Nähe der Ecke Arliss Street und Garland Turnaround zurückgelassen. Auf der anderen Straßenseite ist ’ne Kosmetikschule mit ’nem Sicherheitssystem. Die Überwachungskameras haben ein paar Weitwinkelaufnahmen aus dem Zeitraum. Die Auflösung der Bilder reicht nicht, um was Nützliches wie Kennzeichen zu erkennen. Aber man sieht ’nen dunklen Suburban, der hinter der Taqueria geparkt hat, nachdem das Restaurant geschlossen wurde. Ich hab beim Besitzer nachgefragt. Niemandem dort gehört so ’ne Karre. Dem Besitzer ist nichts aufgefallen.«
»Danke, Denny. Hast du zufällig rausgefunden, in welche Richtung der Suburban den Parkplatz verlassen hat?«
»Hab ich tatsächlich, ja. Neben der Kosmetikschule ist ’ne Bibliothek mit ’ner Kamera, die zur Walden Road weist. Ziemlich genau um den Dreh, als der Wagen von
Domino’s zurückgelassen wurde, zeigt die Kamera der Bibliothek ’nen schwarzen Suburban, der auf der Walden Road nach Norden fährt.«
»Das ist toll.«
»Freu dich nicht zu sehr. Weiter konnte ich ihn nicht verfolgen.
Was danach kommt, ist größtenteils Wohngebiet, da gibt’s nicht viel an Überwachungskameras. Hab mein Netz ziemlich weit ausgeworfen, ’ne Menge Gefälligkeiten abgerufen, trotzdem konnte ich den Wagen nicht mehr finden. Er könnte in irgendeiner Garage geparkt haben, aber höchstwahrscheinlich ist er weg. Die Walden ist eine der Straßen, die gerade durch Wohngegenden verlaufen. Der Suburban könnte überall sein.«
»Scheiße. Okay.« Levi setzte sich zu dem Bahnsteig in Bewegung, von dem sein Zug abfahren würde. »Ich bin noch in Washington, aber ich nehme ’nen Acela Express zur Penn Station, bin also in ein paar Stunden wieder in der Stadt.« 15 Meter weiter sichtete Levi ein vertrautes Profil und steuerte auf den Mann zu. »Hör mal, Denny, ich muss auflegen. Trag zusammen, was immer du kannst. Wir sehen uns dann irgendwann nach Mitternacht.«
»Alles klar. Ich werd wie immer in der Kneipe sein.«
Levi beendete den Anruf und stellte sich hinter den asiatischen Mann, der auf die Fahrplantafel von Amtrak starrte.
Er legte dem Mann die Hand auf die Schulter und sagte: »Yoshi, was für ein merkwürdiger Zufall, Sie hier zu sehen.«
Levi und Yoshi saßen nebeneinander im offenen Wagenbereich, während der Zug Richtung Norden zur Penn Station raste. Um sie herum dröhnten die Unterhaltungen spätabendlicher Pendler. Yoshi wollte in einen stilleren Waggon, Levi hingegen wollte, dass ihr Gespräch vom Umgebungslärm übertönt wurde. In Levis Augen galt jeder als potenzieller Verdächtiger. Und an diesem Bruder eines Mafioso und der ganzen Tanaka-Geschichte störte ihn so einiges.
Es erschien ihm schwer vorstellbar, dass er erst vor zwölf
Stunden Helen Wilson in ihrem Esszimmer befragt hatte. Seither hatte er sich jene Unterhaltung durch den Kopf gehen lassen und sich dabei ertappt, dass einige ihrer Sätze seine Aufmerksamkeit besonders erregten.
Ich habe Sie überhaupt nur hereingelassen, weil ich Yoshi vertraue. Vor langer Zeit haben er und ich zusammengearbeitet.
»Also«, begann Levi. »Wann haben Sie aufgehört, fürs FBI zu arbeiten?«
Yoshi hatte zuvor den Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. Bei der Frage setzte er sich jäh auf und drehte sich auf dem Sitz Levi zu. »Woher zum Geier wissen Sie, dass ich dort gearbeitet habe? Hat Helen was gesagt?«
»Nicht direkt und ausführlich, aber ja.« Levi musterte den Mann. Seine Haltung wirkte steif, und er sah Levi direkt und etwas trotzig in die Augen.
Dann jedoch seufzte Yoshi wehmütig, und seine Haltung wurde lockerer. »Es ist schwer zu erklären.«
»Hören Sie, ich will nicht verarscht werden.« Levi beugte sich zu ihm. »Ich krieg’s am Ende ja doch raus, aber es wäre für alle Beteiligten wesentlich besser, wenn ich von vornherein weiß, was los ist. Alles. Sie hätten auf keinen Fall die Sicherheit eines Regierungsjobs beim FBI hingeworfen, um bei einem zweitklassigen Sicherheitsunternehmen anzuheuern, wenn’s keinen triftigen Grund dafür gegeben hätte.« Ihm fiel ein ziemlich teurer Chronograph von Tag Heuer an Yoshis linkem Handgelenk auf. Ein Bild von seinem Gespräch am Vormittag mit Helen tauchte vor seinem geistigen Auge auf, und er lächelte. »Lassen Sie mich raten: Ihr Bruder hat Ihr Gehalt aufgebessert, und das FBI hat davon Wind bekommen.«
Yoshi senkte den Blick. »Nah dran. Ryuki hat mich vor ein paar Jahren gebeten, nach Helen zu sehen. Ich hab dafür nichts verlangt, aber er hat angefangen, Geld auf mein Konto zu überweisen, und irgendjemand bei der Arbeit muss es bemerkt
haben. Die Lügendetektortests damals habe ich alle bestanden, weil ich zu dem Zeitpunkt ehrlich noch nicht mal von den Überweisungen wusste. Trotzdem war ich danach bei meinen Vorgesetzten unten durch, und ich kann ihnen keinen Vorwurf daraus machen. Ich hab immer gewusst, dass es ein Problem für meine Karriere werden könnte, wenn mein Bruder in die USA kommt.
Also hab ich mit Ryuki geredet, und er hat mir den Job bei der Sicherheitsfirma verschafft. So war es einfacher, Helen und vor allem June im Auge zu behalten. Deshalb hatte ich die Nachtschicht. Tagsüber arbeitete ich ehrenamtlich in Junes Vorschule. Nachts hab ich versucht, dafür zu sorgen, dass den beiden nichts passiert.«
Levi setzte ein verhaltenes Lächeln auf. »Weiß Ihr Bruder, dass Helen und Sie etwas miteinander haben?«
Yoshi erbleichte. »Wie ... nein ... Hat Helen ...«
»Nein, sie hat mir nichts verraten. Das hat Ihre Uhr.« Levi zeigte mit dem Finger auf das Stahlarmband von Yoshis Chronometer. »Helen hat die passende Damenausführung davon. Irgendwie glaub ich nicht, dass sie sich ein so edles Spielzeug mit dem Gehalt einer FBI-Analystin leisten könnte.«
Yoshi beugte sich vor und vergrub das Gesicht in den Händen. »Ich bin so ein Idiot.« Dann richtete er sich auf und sah Levi mit besorgtem Gesichtsausdruck an. »Es ist nicht so, dass ... Ich meine, eines Tags wollte ich nach ihr sehen, und da ist es einfach irgendwie passiert. Wir haben es beide im selben Moment gemerkt, aber wir wussten auch, dass wir es geheim halten mussten.«
Das konnte Levi nachvollziehen – Yoshi sorgte sich über Tanakas Reaktion, wenn er es herausfände. Immerhin hatte sich Yoshi mit der Witwe des einzigen Sohns des Yakuza-Bosses eingelassen.
Schmunzelnd klopfte er Yoshi auf die Schulter. »Sie haben echt Eier, das muss ich Ihnen lassen. Sonst noch was, das Sie
mir nicht gesagt haben? Etwas über June oder die Mutter? Irgendwas. Mag Ihnen nicht wichtig erscheinen, könnte es aber sein.«
Yoshi schüttelte den Kopf und sprach mit zittriger Stimme. »Nein. Ich liebe die Kleine, als wäre sie meine eigene Tochter. Ich würde für beide mein Leben opfern. Ich hab Ihnen alles gesagt, was ich weiß.«
»Gut.« Levi fühlte sich ein wenig erleichtert und lehnte sich nach hinten gegen die Kopfstütze. Er war sich bei Yoshi nicht sicher gewesen. Nun jedoch strich er ihn gedanklich von der Liste der Probleme, die er zu lösen hatte.
Sein Verstand befasste sich rasend mit den nächsten Schritten. Er musste zwei völlig verschiedene Fälle gleichzeitig bewältigen. Vor seinem geistigen Auge prangte groß und deutlich das Phantombild jenes Asiaten.
Ein Besuch in Chinatown schien angebracht zu sein.
Zu Mittag ging Levi die Straßen von Flushing entlang, folgte der 40th
Road in Chinatown. Es war ein milder Spätherbsttag. Jede Menge Menschen bevölkerten die Umgebung. Die einzigen Nicht-Asiaten darunter waren jedoch einige Mitarbeiter des Versorgungsunternehmens Consolidated Edison, die an einem Schaltkasten an der Seite eines Gebäudes arbeiteten.
Normalerweise trug Levi die Familienuniform, die für jemanden aus dem inneren Kreis wie ihn aus einem maßgeschneiderten Anzug und italienischen Slippers bestand. Allerdings war es kein gewöhnlicher Tag. Er befand sich auf der Jagd und durfte nicht auffallen. Daher hatte er sich wie ein Tourist gekleidet: Turnschuhe, Jeans, Hemd und Yankees-Windjacke.
Für Levi besaß jeder Teil der Stadt seine eigene
unverwechselbare Handschrift – Geräusche, Gerüche und sogar eine prägende, eigene Atmosphäre. Hier bestand dieses charakteristische Flair aus den Gerüchen von Ingwer, Soja und Sternanis. Dazwischen schimmerten die Aromen eines Hotdog-Stands hinter einem Kastenwagen mit chinesischen Schriftzeichen an der Seite durch.
Dennoch fühlten sich die Straßen an diesem Tag ... anders an. Düster, trotz des strahlenden, sonnigen Tags. Es war, als hinge eine unsichtbare, bedrückende Wolke über der Gegend. Als würde jedem im Viertel die Energie ausgesaugt.
Während Levi langsam die schmale Straße entlangging, schnellten seine Augen auf der Suche nach seiner Zielperson hin und her. Etliche Leute starrten aus den Schatten von Markisen über den Eingängen der Geschäfte zu ihm zurück. Niemand davon erregte seine Aufmerksamkeit.
Dann sichtete er ein junges Mädchen – ein zierliches kleines Ding.
Wahrscheinlich höchstens acht oder neun Jahre alt. Mit Sicherheit noch nicht in der Pubertät. Dennoch trug sie knalliges Augen-Make-up, grellen Lippenstift und einen kaum vorhandenen Minirock. Die rechte Schulter war trotz gerade mal zehn Grad entblößt.
Levi knirschte mit den Zähnen. Es handelte sich um eines der Mädchen, von denen er in diesem Teil der Stadt gehört hatte. Eine Sexsklavin. Vielleicht ein Flüchtlingskind aus Kambodscha, Vietnam oder China. So etwas sollte es nicht geben. Nicht hier. Nicht in seiner Stadt. Levi drehte sich der Magen mit einer Mischung aus Abscheu, Wut und Traurigkeit um.
Er holte sein Handy hervor und tat so, als sähe er sich etwas an. In Wirklichkeit jedoch richtete er die Kamera auf das Mädchen. Er zoomte näher hin.
Dadurch konnte er ihre Gänsehaut erkennen, während sie sehnsüchtig zum nahen Hotdog-Stand starrte.
Er schoss ein Foto und steckte das Telefon weg.
Dann überquerte er die schmale Straße, reichte dem am Hotdog-Stand arbeitenden Mann zwei Dollar und sagte: »Ich nehme einen Hotdog.«
Der Verkäufer fischte ein Würstchen aus dem dampfenden Wasserbad, legte es in ein warmes Brötchen, wickelte es ein und reichte es Levi. »Danke, Sir.«
Mittlerweile starrte das Mädchen Levi an.
Er ging zu der Kleinen hinüber und reichte ihr den Hotdog. »Für dich, Liebes. Gönn dir ’nen Snack.«
Die Kleine starrte mit großen Augen auf das Geschenk in ihrer Hand – aber sie wirkte wie gelähmt und schien nicht zu wissen, was sie tun sollte.
»Nur zu, iss«, ermutigte Levi sie in seinem besten Mandarin. Er hatte keine Ahnung, mit welcher Sprache das Mädchens aufgewachsen sein mochte.
Plötzlich tauchte aus den Schatten zwischen zwei Gebäuden ein Mann auf, rief etwas in einem chinesischen Dialekt, den Levi nicht kannte, und stapfte bedrohlich herüber.
Nackte Angst trat in die Züge des Mädchens, das zu dem einschüchternden Kerl aufschaute.
Der Mann schlug das Essen auf den Boden, knurrte und herrschte Levi mit schwerem chinesischem Akzent an. »50 Dollar, nicht Hotdogs. Du willst ficken, macht 50 Dollar. Mädchen sehr gut. Erstklassig.«
Levi spannte den Körper an, als der Mann näher kam und die Stimme erhob. »50 Dollar, weißer Mann. Du mir schuldest 50 Dollar. Bezahl.«
Mit geballter Faust spie Levi ihm entgegen: »Ich schulde dir einen Scheißdreck.«
Plötzlich spürte er eine Hand auf der Schulter. Als er sich umdrehte, erblickte er wenige Zentimeter entfernt eine attraktive Asiatin. Ihr Blumenduft umfing ihn. »Ich hab mich schon gefragt, wann du hier sein würdest«, sagte sie mit einem
Lächeln auf den Lippen. Dann beugte sie sich zu ihm, schlängelte einen Arm um seinen Nacken und drückte ihm einen festen Kuss auf die Lippen.
Bevor Levi reagieren konnte, packte sie ihn am Oberarm und zog ihn über die Straße. »Sie sollten nicht hier sein«, flüsterte sie.
Der Mann, bei dem es sich offensichtlich um den Zuhälter des kleinen Mädchens handelte, brüllte ihnen hinterher, wieder in einem Levi fremden Dialekt. Die Frau rief über die Schulter etwas zurück, während sie Levi wegführte.
Levi fiel auf, dass sich viele Händler in ihre Geschäfte zurückgezogen hatten und von einem anderen Menschenschlag ersetzt wurden. Eine Ansammlung bedrohlicherer Gestalten schien sich einzufinden. Vermutlich Mitglieder einer örtlichen Straßenbande. Zweifellos gehörten sie der hiesigen Tong an, einer chinesischen Verbrecherorganisation.
Ein Lächeln trat in Levis Züge, als ihn die Frau mit erstaunlich kräftigem Griff in Richtung eines Geschäfts zog. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sichtete er zwischen einer chinesischen Wäscherei und einem Stand mit Obst und Gemüse den Mann vom Phantombild. Die Zeichnung erwies sich bis hin zu den zornig-roten Kratzspuren auf der linken Wand als bemerkenswert präzise.
Levi hatte den Überblick verloren, wie viele Gangmitglieder das Gezeter des Zuhälters auf die Straße gelockt hatte.
Die Frau, die ihn mit sich zog, öffnete eine Tür. Eine daran angebrachte Glocke bimmelte fröhlich. Die Unbekannte zerrte Levi ins Gebäude. »Ich sorge dafür, dass Ihnen nichts passiert«, sagte sie.
Unwillkürlich belustigte Levi der Gedanke. Er hatte zwei geladene Schusswaffen und mehrere Messer dabei. Abgesehen davon war er durchaus in der Lage, sich bei einem Schlagabtausch gegen jeden Gegner zu behaupten. Dennoch lehnte sich diese Frau weit aus dem Fenster, um ihn
zu retten.
Sie rief einem alten Mann etwas zu, der im hinteren Bereich des Ladens stand. Er zog einen Kleiderständer beiseite. Dahinter kam eine Metalltür zum Vorschein. Ohne den Griff von Levis Arm zu lösen, gab die Frau einen Code in ein Tastenfeld neben der Tür ein. Das Klicken einer Verriegelung ertönte. Sie öffnete die Tür, zog ihn unsanft in einen geräumigen Wohnbereich und schlug die Tür hinter ihnen zu.
Levi starrte seine »Retterin« zugleich belustigt und verdutzt an. »Äh, Miss ...«
Sie deutete auf ein Ledersofa. »Setzen Sie sich einfach. Ihnen passiert nichts.« Der Raum mit der gepolsterten Ledercouch maß vielleicht sechs mal neun Meter.
Levis Blick folgte der statuenhaft anmutenden Gestalt der Asiatin, als sie das Zimmer verließ. Er schüttelte den Kopf und betrachtete seine Umgebung.
Der Raum erwies sich als wesentlich luxuriöser, als er es in diesem Viertel erwartet hätte. Die Polsterung der Couch bot genau das richtige Mittelmaß zwischen fest und nachgiebig. Ausgesprochen bequem. Der von dem Möbel ausgehende Geruch von gegerbtem Leder sowie die Geschmeidigkeit und die feine Textur des Bezugs bestätigten, dass es sich um ein hochwertiges Stück handelte. Das Dekor bestand aus einer asiatisch-westlichen Mischung. Die Wände zierten typisch chinesische Seidenbehänge, während das Sofa und der polierte Kaffeetisch aus Walnussholz äußerst westlich anmuteten. Levi wäre nicht überrascht, wenn die Couch aus Italien stammte.
Als irgendwo vom anderen Ende der Wohnung das Geräusch einer Dusche zu ihm drang, steigerte sich seine Belustigung. Im Wohnzimmer dieser Frau saß ein fremder Mann, den sie unter ungewöhnlichen Umständen hereingeholt hatte, und sie nahm eine Dusche? Unwillkürlich bewunderte er ihren Mumm.
Nach wenigen Minuten kehrte die Frau zurück. Zu Levis
Überraschung splitternackt.
Als sie ungeniert das Zimmer durchquerte, musste Levi bewusst darauf achten, nicht den Mund aufklappen zu lassen. Sie besaß den Körper einer Tänzerin – zugleich wohlproportioniert, muskulös und zierlich. Ihre helle Haut zierte eine der komplexesten und schönsten Tätowierungen, die Levi je gesehen hatte. Es handelte sich um einen wellenförmigen asiatischen Drachen, der sich über die Erhebungen und Vertiefungen der fantastischen Figur dieser Frau erstreckte.
Sie ergriff einen Morgenmantel aus Seide von einem altmodischen Kleiderständer aus Holz, schlüpfte hinein und erkundigte sich: »Möchten Sie Tee?«
Obwohl sie sehr deutliches Englisch sprach, schwang darin etwas mit, das sich nach einem leichten russischen Akzent anhörte.
»Ich ... Gern, wenn es nicht zu viele Umstände macht.« Levi stand auf.
Sofort schnippte die Frau mit den Fingern und zeigte auf die Couch. Verwirrt setzte er sich wieder und wurde zunehmend neugieriger auf diese Frau.
Kurze Zeit später brachte sie ein Tablett mit einem Teekessel und zwei kleinen chinesischen Tassen. Sie schenkte für sie beide ein und nahm am Kaffeetisch ihm gegenüber Platz.
Er griff sich eine Tasse – und wurde schlagartig von einer Erinnerung ereilt, als ihn vor nicht langer Zeit eine andere wunderschöne Frau vergiften wollte. Aber als er am Tee schnupperte, nahm er nichts Merkwürdiges wahr und nippte daran. Das Getränk erwies sich als sehr guter Schwarztee.
»Ich habe gesehen, was Sie getan haben.«
Levi sah die Frau mit schiefgelegtem Kopf an. »Was meinen Sie? Den Streit mit diesem Typen?«
»Nein.« Die Frau schwenkte wegwerfend eine Hand. »Sie
haben dem Mädchen etwas zu essen gegeben. Warum haben Sie das gemacht?«
Überrascht von der Frage lehnte sich Levi zurück. »Keine Ahnung. Schätze, sie hat hungrig ausgesehen und mir leid getan.«
»Warum?«
»Warum sie mir leidgetan hat?«
Die Frau nickte.
Kurz überlegte er, wer diese Frau sein mochte. Sie hatte eindeutig keine Angst davor, allein mit ihm zu sein. Weit gefehlt. Und wie sie ursprünglich an ihn herangetreten war, mit diesem unverhofften Kuss ... vielleicht eine Nutte? Nein, eher nicht. Oder vielleicht doch? Levi musste sich seine Antwort gut überlegen. Er hatte keine Ahnung, wie die Frau reagieren würde, wenn er ihr sagte, dass ihm die Vorstellung eines so jungen Mädchens auf der Straße zutiefst widerstrebte.
»Es war kühl draußen. Sie hat ausgesehen, als könnte sie was Wärmendes vertragen.« Das war nicht gelogen.
Mehrere Sekunden lang starrte ihn die Unbekannte an, ohne zu blinzeln. Dann nickte sie. »Offenbar sind Sie ein guter Mensch. Deshalb hab ich Ihnen geholfen.« Sie zeigte in Richtung der Tür, durch die sie eingetreten waren. »Sie müssen hier noch 20 bis 30 Minuten warten. Bis dahin werden sich die Jungs interessanteren Dingen zugewandt haben.« Sie trank den Rest ihres Tees aus, stand auf und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer.
Levi holte sein Handy heraus. Er wollte Paulie eine Nachricht schicken, dass er ihn bei Denny treffen sollte. Allerdings musste er feststellen, dass er in diesem Gebäude keinen Empfang hatte.
Ungefähr 25 Minuten später tauchte die geheimnisvolle Frau wieder auf. Mittlerweile trug sie gewöhnliche Straßenkleidung.
»Draußen ist die Luft rein«, verkündete sie. »Kommen Sie mit.«
Levi folgte ihr zu einer Tür in der hinteren Ecke des Raums. Sie zog mehrere Riegel auf, dann öffnete sie die Tür. Zum Vorschein kam eine düstere Gasse hinter dem Gebäude in der Nähe der 40th
Road.
»Ihnen wird nichts passieren«, sagte sie. »Kommen Sie nur nie wieder her.«
Levi trat hinaus und drehte sich um, wollte der Frau die Hand schütteln. Sie jedoch kehrte in ihre Wohnung zurück und schloss die verstärkte Tür mit einer Endgültigkeit, die zu ihren Worten passte.
Levi blickte auf sein Handy. Er hatte wieder vollen Empfang.
Auf dem Weg zur nächstgelegenen U-Bahnstation wählte er eine Kurzwahlnummer.
»Ja?«,
meldete sich eine Männerstimme.
»Paulie, ich schick dir gleich ein Foto.«
»Wieder ein Kind?«
»Ja. Genau wie vorher. Diesmal in Flushing in Chinatown neben einer chinesischen Wäscherei.«
»Verstanden. Du, der Typ, dem ich vertraue, ist heute dienstlich für den Don unterwegs. Es wird mindestens bis morgen warten müssen. Ist das in Ordnung?«
»Ja. Sag ihm, er soll vorsichtig sein. Das hier ist Tong-Gebiet, und sie haben auf Abruf Schläger bereit. Gib Bescheid, was es kostet, ich komme dafür auf.«
»Kannst es als erledigt betrachten.«
Levi legte auf und schaute über die Schulter zurück, als er die Treppe zur Main Street Station hinunterstieg.
Heute Abend würde er den Mörder von Mendoza kennenlernen.