Es war später Abend, die beste Zeit für die schäbigere Seite der Stadt. Levi öffnete eine Plastiktüte mit der Kleidung, die er für solche Streifzüge in die Stadt benutzte. An diesem Abend würde Levi nicht wie jemand der kultivierten Elite New Yorks auftreten und in einem schicken Anzug herumstolzieren. Als er die abgewetzte Hose und das fadenscheinige Hemd aus dem versiegelten Beutel holte, schlug ihm der Geruch von abgestandenem Bier und von Urin entgegen. Das war immer der schwierige Teil: sich an den Gestank zu gewöhnen.
Er zog die Kleidung an und begutachtete sich im Spiegel. Zwar hatte er sich an diesem Morgen nicht rasiert, allerdings genügte der Stoppelwuchs eines Tags nicht, um als betrunkener Obdachloser durchzugehen. Also trug er ein wenig Gesichtsschmiere und einen Hauch Make-up auf, um an strategischen Stellen etwas Dreck hinzuzufügen – etwa in den Ohrenfalten, an den Rändern der Nase, auf der Rückseite der Finger und auf den Handrücken. Er wusste, wie er sich in einen passablen Penner verwandeln konnte.
Als das Telefon klingelte, hielt er es sich ans Ohr. »Frankie?«
»Ja. Der Ort ist bereit. Dort warten auch ein paar Jungs, du solltest also keinen Ärger haben, sobald das Paket eintrifft.«
»Danke. Ich bin dir ’nen Gefallen schuldig.«
Damit legte Levi auf und überprüfte sich noch einmal im Spiegel. Sein Haar war nun fettig und zerzaust. Insgesamt sah er aus, als hätte er seit Monaten nicht geduscht. Es war keine perfekte Tarnung, aber er verließ sich darauf, dass der Geruch, dieser unangenehm beißende Ammoniakmief von Urin, die meisten Menschen davon abhalten würde, einen zu genauen Blick auf ihn zu werfen.
Levi schlüpfte in die Schuhe, die den Teil der Verkleidung darstellten, auf den er am stolzesten war. Sie sahen so abgewetzt und zerschrammt aus, als könnten sich die Nähte jeden Moment auflösen. Tatsächlich war die äußere Schicht der Schuhe fast vollständig aus Teilen größerer Schuhe zusammengenäht. Darunter jedoch trug Levi ein robustes, bequemes Paar Wanderschuhe.
Schon bald würde er damit durch die Straßen schlendern und auf den Eingang der nächstgelegenen U-Bahnstation zusteuern.
Levi wankte in der Nähe der chinesischen Wäscherei, auf die er zuvor gestoßen war, in Position. Die Abluft von den Trocknern drinnen, die durch Schlitze herausdrang, hielt ihn einerseits warm und blies seinen Gestank zu Passanten auf der Straße, die dadurch auf Abstand blieben.
Nachts tummelte sich draußen eine völlig andere Menschenmenge als jene, die er tagsüber gesehen hatte: mehr Prostituierte, von denen ihm zum Glück keine Aufmerksamkeit schenkte; mehr Freier für die Nutten; und mehr Gangmitglieder. Einige der Letzteren spielten Dame, andere tranken Schnaps und riefen einander zu. Wieder andere vertickten unverhohlen Drogen. In Teilen Chinas hatte Levi Schlimmeres erlebt, doch es beunruhigte ihn, das praktisch direkt vor seiner Haustür zu sehen.
Er hatte zuvor recherchiert und herausgefunden, dass es sich beim hier gesprochenen Dialekt um Kantonesisch handelte. Zwar verstand er es trotzdem nicht, aber zumindest hatte er eine Vorstellung davon, woher diese Leute stammten. Wahrscheinlich von der Küste Chinas oder aus Hongkong. Vielleicht waren diese Gangs Ableger der Triaden. Da er diesen Menschenschlag kannte, überraschte es ihn nicht. Wer bereit war, Kinder auszubeuten, war unter aller Würde.
Levi verbrachte fast zwei Stunden in der Gasse liegend unter einem Stück Pappe, das er als Decke benutzte, bevor er seine Zielperson sichtete.
Der Mann mit dem zerkratzten Gesicht lachte über etwas mit einer Handvoll anderer Kerle, die kleine Tütchen verkauften, vermutlich mit Heroin oder Methamphetamin.
Levi bedeckte Mund und Nase mit einer Malermaske und zog sich eine Skimaske über den Kopf. Er war bereit.
Als die Zielperson zufällig in seine Richtung blickte, nieste Levi absichtlich und ließ die Pappe leicht nach unten rutschten. Dadurch sah man, dass er in den Schatten lag, und vor allem eine Brieftasche neben seinem Körper.
Levi beobachtete mit halbgeschlossenen Augen, wie sich die Zielperson in seine Richtung in Bewegung setzte.
Als der Mann Levi erreichte, schaute er nach links und rechts, lächelte und bückte sich, um die Brieftasche aufzuheben.
Levi quetschte eine Flasche, die schlagartig einen Sprühnebel in die Gasse entließ.
Der Mann schnappte überrascht nach Luft, atmete den Sprühnebel ein und richtete sich wankend auf. Dann sackte er mit einem gurgelnden Laut zusammen und landete schwer auf dem Boden.
Bei dem Sprühnebel handelte es sich um ein starkes Betäubungsmittel namens Sevofluran – eine Chemikalie, von der Levi während seiner kurzen Zusammenarbeit mit zwei
CIA-Agentinnen erfahren hatte.
Mit angehaltenem Atem packte Levi einen Arm des Mannes und hievte ihn sich über den Rücken. Er brachte ihn tiefer in die Gasse, rannte den dunklen Korridor zwischen den Gebäuden entlang und überquerte mehrere schwach beleuchtete Straßen. Dabei glich er lediglich einem Schatten, der von einem dunklen Winkel der Stadt in den nächsten huschte, bis er eine Tür erreichte. Er klopfte erst zweimal, wartete, klopfte noch einmal und anschließend dreimal.
Die Tür öffnete sich. Paulies hünenhafte, über zwei Meter große Gestalt füllte den Eingang aus. Er nahm Levi seine Last ab und flüsterte: »Das Zimmer ist vorbereitet.«
Levi quetschte eine Kapsel mit Riechsalz unter der Nase des Gangsters. Ein Ruck durchlief den Bewusstlosen, und er zuckte von dem beißenden Ammoniakgeruch weg, bäumte sich gegen die Lederfesseln auf, die ihn an dem mit dem Boden verschraubten Metallstuhl fixierten.
Levi folgte seinen Bewegungen und behielt die Kapsel direkt unter der Nase, bis der Mann die Augen weit aufriss.
»Aufgewacht«, sagte Levi ruhig, als der Gefesselte die Augen gegen die grellen, direkt auf ihn gerichteten Lichter zusammenkniff. In dem Raum hielten sich drei von Levis Bekannten bei der Mafia auf, darunter Paulie und Sonny. Männer, denen er voll und ganz vertraute. »Ich hab ein paar Fragen an dich. Wenn du sie beantwortest, kannst du gehen.«
Der Mann kämpfte erneut gegen die Lederfesseln an, bevor er in Levis Richtung spuckte. »Scheiß auf dich und deine Fragen.«
Er sprach Englisch, als wäre es seine Muttersprache. War es vielleicht auch. Levi wusste praktisch nichts über diesen Kerl.
»Hör mal, wir müssen das nicht auf die harte Tour machen. Ich hab ein paar Fragen, auf die ich Antworten brauche. Die Bullen suchen nach dir. Schlimmer noch, das FBI will dich unbedingt haben. So sehr, dass die sich mit mir in Verbindung gesetzt haben.«
»Wer zum scheiß Geier bist du?« Der Mann bewegte den Kopf hin und her, als er versuchte, am Gleißen der Lichter vorbei etwas zu erkennen. »Ich hab nichts getan.« Der Gangster fing an, aus voller Kehle um Hilfe zu schreien.
Die Männer in Levis Team standen im Hintergrund und lächelten.
Levi ließ den Mann eine geschlagene Minute lang brüllen, bevor er ihm verriet: »Der Raum ist vollkommen schalldicht. Niemand wird irgendwas hören.«
Paulie näherte sich dem Gefangenen einen Schritt, brachte seine gewaltigen Arme in Sichtweite und ballte eine Hand zur Faust. Seine Knöchel knackten laut.
Der Gefangene verzog verächtlich die Lippen. »Nur zu, prügelt ruhig die Scheiße aus mir raus. Ich werd mir die Visagen von euch Pennern merken und mich später reichlich revanchieren.«
Levi schmunzelte, während er die Kratzer im Gesicht des Mannes betrachtete. »Sieht so aus, als hättest du ’ne kleine Auseinandersetzung gehabt. Erzähl mir davon. Woher hast du die Kratzer?«
»Fick dich.«
Mit einer blitzschnellen Bewegung rammte Levi den Handballen gegen die Nase des Mannes. Ein übelkeitserregendes Knirschen ertönte.
Blut schoss über das Gesicht des Getroffenen. Einen Moment lang dachte Levi, er bräuchte eine weitere Dosis Riechsalz. Dann jedoch schüttelte der Mann den Kopf, verspritzte überallhin Blut und lächelte mit rot verschmierten Zähnen.
»Ist das schon alles, was du drauf hast?«
Levi streckte Paulie den Arm entgegen und spürte, wie ihm der Griff eines Kugelhammers in die offene Hand gelegt wurde. Er schwenkte den Hammer, als wollte er dessen Gewicht testen. »Hör gut zu, mein Freund. Es liegt ganz bei dir, wie weit das hier geht. Lass mich dir erklären, wie ...«
»Oder was? Willst du mir den Schädel einschlagen?« Der Gangster lächelte höhnisch, während ihm Blut vom Kinn tropfte. »Du langweilst mich.«
Levi grinste den Gefangenen an und schüttelte den Kopf. »Oh, das würd ich nicht tun. Dann wär der Spaß ja zu Ende. Glaub mir, du wirst mit mir reden. Und wenn ich dir ’ne Transfusion verabreichen muss, um dich am Leben zu erhalten, du wirst mit mir reden.« Er schwenkte den runden Kopf des Hammers vor dem Gesicht des Mannes. »Weißt du, ich hab noch nie jemandem mit ’nem Hammer auf den Schädel geschlagen. Ist so gar nicht mein Ding. Ich bin kein gewalttätiger Mensch. Tatsächlich würde ich am liebsten überhaupt nichts mit Gewalt zu tun haben. Aber im Augenblick ist es so, dass ich jemanden vor mir habe, der ’ne Geschichte zu erzählen hat und nicht mit mir reden will.« Er schaute über die Schulter zu Paulie. »Verletzt es nicht deine Gefühle, wenn jemand nicht mit seiner Geschichte herausrücken will?«
Paulie nickte und stimmte in Levis Lächeln ein.
Levi deutete mit dem Daumen auf Paulie und beugte sich näher zu dem gefesselten Gangster. »Du verletzt die Gefühle meines Freunds. Das ist unhöflich.« Damit drosch er den Hammer auf den kleinen Finger des Mannes und zertrümmerte die Knochen in winzige Splitter.
Der Asiate schrie vor Schmerz gellend auf und spannte den Körper gegen die Fesseln an.
Levi gab missbilligende Laute von sich. »Siehst du das? Ist gar nicht gut, wenn sich das Nagelbett so blau verfärbt. Das bedeutet nämlich, ich hab sämtliche Blutgefäße im Finger
abgequetscht. Wenn das nicht bald behandelt wird, verfärbt er sich schwarz, und du verlierst ihn wahrscheinlich. Was für eine Verschwendung. Dabei will ich doch nur deine Geschichte hören.«
Die Atmung des Gangsters ging vor Schmerz abgehackt, aber er war nach wie vor hellwach.
Levi hatte schon die verschiedensten Reaktionen auf Folter erlebt. Manche Menschen knickten bereits ein, bevor es überhaupt körperlich wurde. Andere brauchten Adrenalinspritzen, damit ihr Herz weiterschlug. Bei wieder anderen musste man auf sogenannte Wahrheitsseren zurückgreifen, um sie zu entspannen und ihre Entschlossenheit zu schwächen. Levi wusste nicht, wie weit dieser Typ gehen würde, und es interessierte ihn auch nicht. Dieser Mafioso hatte einen Vater und Ehemann umgebracht, noch dazu vor den Augen der Familie des Mannes. Levi konnte sich nur wenig vorstellen, was schlimmer wäre. Die Familie Bianchi, jener Zweig der Cosa Nostra, dem Levi angehörte, missbilligte solche Dinge.
Levi starrte dem Mann ins Gesicht und presste knurrend hervor: »Woher hast du die Kratzer?«
Der Gangster schloss die Augen und knirschte kurz mit den Zähnen, bevor er antwortete. »Lässt du mich gehen, wenn ich’s dir sage?«
»Kommt drauf an, ob ich dir glaube. Bring mich dazu, dir deine Geschichte abzukaufen.«
Der Mann holte tief Luft und blies sie langsam aus. »Na schön. Mein Bruder musste im geschlossenen Sarg beerdigt werden. Wir haben anfangs nicht gewusst, warum er bei dem Unfall so übel zugerichtet wurde. Dann war da dieser Typ. Jemand hat mir Fotos und Beweise zugespielt, dass er meinen Bruder gefoltert und umgebracht hat.« Die Stimme des Gangsters wurde belegt vor Emotionen. »Ich hab mich bloß an dem Drecksack gerächt, der mir meinen Bruder genommen
hat. Und er war ein kranker Wichser. Hat ihn gefoltert und seinen Körper praktisch zerfetzt.«
Levi bedeutete dem Mann zu schweigen. »Langsam, eins nach dem anderen. Wer hat dir diese Fotos gegeben?«
Blutblasen blubberten aus der Nase des Mannes, als er nachdenklich das Gesicht verzog. »Keine Ahnung. Bei mir zu Hause ist ein Umschlag aufgetaucht. Unter der Tür durchgeschoben.«
»Hast du die Fotos noch?«
Er nickte. »In meiner Wohnung.«
Sonny hatte die Brieftasche des Gangsters. Er las die Adresse vom Führerschein des Mannes vor.
»Ja, dort wohn ich.«
»Ist das in der Nähe?«, fragte Levi.
»Ja, ist nicht weit.«
»Wo bewahrst du die Fotos auf?«, wollte Levi wissen.
»In der Sockenschublade im Schlafzimmer.«
»Lebst du allein?«
Der Mann nickte.
Levi legte den Daumen auf den gebrochenen Finger des Gefangenen und verlieh seiner Stimme einen warnenden Ton. »Wenn wir feststellen, dass du nicht ehrlich zu uns bist, sorge ich dafür, dass du weiterlebst, nur wirst du die Arme, die Beine oder Sonstiges« – er senkte den Blick bedrohlich auf den Schritt des Gangsters – »das dir lieb und teuer ist, nicht mehr benutzen können. Also frage ich dich noch mal.« Er verstärkte den Druck auf die zertrümmerten Überreste des kleinen Fingers des Mannes. »Sagst du uns die Wahrheit?«
»Ja.« Der Mann nickte heftig und krümmte sich vor Schmerz.
Levi wandte sich an Sonny. Er gehörte zu den besten Einbruchsprofis der Familie. »Sonny, geh los, sieh in der Sockenschublade des Kerls nach und bring mit, was immer du dort findest.«
Sonny, ein kleiner Bursche mit dem Körperbau eines
Jockeys, stahl sich lautlos davon.
Levi drehte sich wieder seinem Gefangenen zu und lächelte. »Jetzt zu den Kratzern. Erzähl mir von dem Tag, an dem du sie abbekommen hast. Und lass keine Einzelheit aus.«
Levi betrachtete die Fotos, die Sonny aus der Wohnung des asiatischen Mafioso gebracht hatte. Die Aufnahmen sahen aus, als wären sie in den Überresten eines zerbombten Gebäudes entstanden. Die Qualität war ziemlich mies.
Die Bilder zeigten zwei Personen: Mendoza, den Levi aus der FBI-Akte wiedererkannte; und einen nackten Asiaten mit verbrannter Haut und blutigen Wunden kreuz und quer über den Körper. Besonders übel sah die Stirn aus. Zudem wies er eine unförmige Delle auf, wo der rechte Wangenknochen sein sollte, als wäre er an der Stelle mit etwas Schwerem geschlagen worden.
Auf einem der Fotos lächelte Mendoza in die Kamera, während er sich auf den nackten Körper des anderen Mannes erleichterte.
Beim Opfer musste es sich um den Bruder des asiatischen Gangsters handeln.
Levi hielt sein Handy in einer Hand, die Fotos in der anderen. Er fühlte sich hin- und hergerissen, wusste nicht recht, wie er weiter vorgehen sollte.
Den bewusstlosen Gangster hatten sie bereits weggebracht. Zurück an die Stelle, wo Levi ihn überwältigt hatte. Er konnte sich weder erklären, noch konnte er entschuldigen, was er auf den Bildern sah, und ein Teil von ihm fand, dass Mendoza wohl bekommen hatte, was er verdiente.
Seufzend steckte er die Fotos in seine Tasche und wählte eine Nummer.
»O’Connor.«
»Hi. Yoder hier. Ich hab Mendozas Mörder im Visier.«
Das blecherne Bimmeln einer Glocke ertönte, als Levi Gerard’s
betrat, eine Kneipe in seinem früheren Viertel Little Italy. In den alten Tagen bot das Lokal kaum genug Platz für mehr als ein Dutzend Gäste und sechs Tische. Derzeit jedoch wurde erweitert. Das Aroma von Basilikum und Knoblauch wehte Levi entgegen. Eine tiefe Stimme begrüßte ihn aus dem neu angebauten Raum, der letztlich die Küche des Lokals werden sollte.
»Hey, Levi! Wie kann’s sein, dass du diesen Filisteo
schon so lang kennst und ihm nie beigebracht hast, wie man ’ne richtige Marinara zu bereitet?«
Levi lächelte Gino »Dreifachkinn« Romano an, einen über 150 Kilo schweren Mafioso, der auf dem neu installierten Herd einen großen Topf umrührte. Denny, der Besitzer der Kneipe, achtete aufmerksam darauf, welche Zutaten Gino hineinwarf. Aber als er zu Levi aufschaute, wirkte sein Blick, als müsste er gerettet werden.
Levi nickte dem dicken Mann zu. »Hey, Gino, machst du dazu auch Pasta?«
»Was glaubst du denn?« Der rundgesichtige Gangster schaute geradezu beleidigt drein. »Ich hab meinem Kumpel Denny schon gezeigt, wie man Nudeln walzt und eine Chitarra
für meine klassischen Spaghetti alla chitarra
benutzt.«
Es war um die Mittagszeit, einen Tag, nachdem Levi den Mörder von Mendoza ausgeliefert hatte. Sein Magen erinnerte ihn knurrend daran, dass er seit gestern nichts mehr gegessen hatte. Ginos Spezialität waren Spaghetti, die er selbst anfertigte und mit einer traditionellen italienischen Schneidvorrichtung zuschnitt, die Gitarrensaiten in einem Holzgestell ähnelte.
»Alles klar. Aber du wirst ohne Dennys Hilfe zurechtkommen müssen. Ich brauch ihn.«
Gino wischte sich die Hände an dem Geschirrtuch ab, das er sich unter den weit gedehnten Hosenbund gesteckt hatte. Er winkte Denny weg. »Geh nur, ich mach das hier fertig.«
Denny kam Levi entgegen und zwinkerte ihm zu. »Vielleicht hätt ich Gino sagen sollen, dass ich null Ahnung vom Kochen ab und Rosie die Küche für die Kneipe übernimmt.«
Gino hörte ihn. Er rief quer durch das Lokal: »Die besten Köche sind allesamt Männer, vergiss das mal nicht!«
Levi lachte, legte Denny den Arm um die Schultern und führte ihn zum hinteren Bereich der Kneipe. »Hör mal, falls er aufdringlich wird, kann ich ...«
»Nein, gar nicht.« Denny wischte Levis Worte weg. »Ich lern gern Neues dazu, und er ist total enthusiastisch. Ist echt kein Problem.« Verspielt stupste er Levi in die Rippen. »Hab euresgleichen ja lang genug um mich rum gehabt. Und ich bin kein Duckmäuser. Ich kann schon für mich eintreten.«
»Gut.« Levi nickte anerkennend. Es hatte sich etwas merkwürdig angefühlt, dass seine Bekannten von der Mafia angefangen hatten, Dennys Laden zu frequentieren. Immerhin war es jahrelang Levis
Stammkneipe gewesen. Aber seit Levi wieder ins Geschäft eingestiegen war und Denny für einen sicherheitsrelevanten Auftrag an die Familie vermittelt hatte, fanden einige der Jungs Gefallen an Denny.
Was Levi amüsierte, denn ihm wäre kaum jemand eingefallen, der weniger italienisch war als Denny, ein in Queens geborener Schwarzer mit einem IQ, mit dem er es mit den klügsten Köpfen der Welt aufnehmen konnte. Dennoch verstand er sich prächtig mit Levis Mafia-Bekannten, und dadurch boomte Dennys legitimes Geschäft.
Im hinteren, aus dem Gastraum nicht einsehbaren Bereich drückte Denny den Finger auf eine verborgene Stelle der verfliesten Wand. Ein Klicken ertönte, und Denny schob die
versteckte Tür zu seinem geheimen Hinterzimmer auf.
Denny scannte Fotos des Falls Mendoza in seinen Computer. Er legte die Stirn in Falten, als sie nacheinander auf dem Bildschirm erschienen. »Verdammt, Levi. Das Zeug ist heftig. Erinnert mich an die Bilder aus Abu Ghraib – du weißt schon, die Fotos aus dem Knast im Irak, die durch die Zeitungen gegeistert sind.«
»Ist echt übel, das lässt sich nicht abstreiten«, pflichtete Levi ihm bei. »Ich muss nur wissen, womit ich’s zu tun hab. Nach allem, was du mir darüber erzählt hast, wie man Fotos manipulieren kann, wollte ich deine Meinung zu den Bildern hören. Der Kerl auf den Fotos, also der Lebende, war angeblich FBI-Agent.«
Ein neues Bild von Mendoza wurde auf dem Monitor angezeigt, und in Levi zog sich alles zusammen. Mendoza lächelte in die Kamera, hatte einen Fuß auf dem Kopf des geschundenen, nackten Körpers, der auf dem dreckigen Boden lag.
»Ein Bundesbulle? Wieso zum Teufel sollte der posieren wie ein ... Na ja, gibt wohl solche und solche.«
Denny hob ein Foto auf, drehte es in den Händen, schnupperte am Papier und schüttelte den Kopf. »Das kommt aus keinem Fotolabor. Jemand hat das auf Fotopapier gedruckt, wahrscheinlich mit einem Tintenstrahldrucker recht guter Qualität.« Seine Finger verschwammen, als er rasend auf der Tastatur tippte. »Ich maskiere mal Teile des Bilds und probiere, ob ’ne fragmentierte umgekehrte Bildsuche was ergibt.«
»Denny, versuch mal kurz, dich verständlich für Normalsterbliche auszudrücken. Was hast du grade gesagt?«
Der Monitor verwandelte sich in ein Gewirr von Bildern, die
kurz auftauchten und wieder verschwanden. »Hätte ich ’ne elektronische Kopie des Originalfotos, könnt ich’s zerpflücken und ziemlich schnell sagen, ob’s gefakt ist – vielleicht sogar, wo’s geschossen wurde. Aber da ich keine habe und die Qualität dieser Bilder zu wünschen übrig lässt, ist schwer zu sagen, ob sie digital manipuliert wurden. Wollte ich jemandem ein gefälschtes Foto unterjubeln, würde ich es so machen. Jedenfalls hab ich ’nen Teil des Hintergrunds ausgeschnitten und durchsuche jetzt alle im Internet auffindbaren Bilder, um zu sehen, ob’s irgendwo etwas mit ’ner teilweisen Übereinstimmung gibt.«
Levi war einigermaßen stolz auf sich, weil er der Erklärung tatsächlich folgen konnte. Er beobachtete, wie Fotos von verfallenen Gebäuden in Kriegsgebieten erschienen und wieder verschwanden. »Hab ich kapiert. Und was, wenn du ...«
»Volltreffer!« Denny zeigte auf ein Bild. »Sogar ’ne genau Übereinstimmung.«
Levi beugte sich näher hin, ergriff das Originalfoto und verglich es mit der Anzeige auf dem Bildschirm. »Heilige Scheiße, das ist die gleiche Szene, nur ohne den Bundesbullen. Und da, wo die Leiche liegt, ist der Hintergrund verschwommen. Wer immer das Foto ausgedruckt hat, muss Zugriff auf das Original gehabt haben. Was zum Teufel soll das?«
Mit ein paar Befehlseingaben wurde das Bild verkleinert, und ein Zeitungsartikel erschien. Die Schlagzeile lautete: »Meth-Labor in Elmira Heights explodiert.«
»Levi, allmählich wird das Foto mit dem Bundesbullen, der mit der Leiche posiert, ziemlich dubios.«
Verblüffung setzte ein, als Levi die neue Information verarbeitete.
Dennys Finger verschwammen erneut, als er rasend tippte. »Hab gerade ’ne Maske von dem FBI-Mann in der Pose
angelegt. Mal sehen, ob das irgendwo aufscheint.«
Fast sofort nach dem Absenden der Suchanfrage wurde ein Bild von Mendoza auf dem Monitor angezeigt. Es handelte sich um ihn in derselben Pose, nur hatte er den Fuß nicht auf dem Kopf eines Toten, sondern auf einem Fußball. Aus der Bildunterschrift ging hervor, dass Anthony Mendoza der neue Fußballtrainer des YMCA in Queens war.
»Hol mich der Teufel.« Levi wurde klar, dass der Gangster, den er ans FBI ausgeliefert hatte, hereingelegt worden war. Aber wieso um alles in der Welt sollte jemand ein Mitglied einer Straßengang dazu anstacheln wollen, die Jagd auf einen FBI-Agenten zu eröffnen?
»Soll ich auch den Rest überprüfen?«
Levi schloss die Augen und lehnte sich auf dem Klappstuhl aus Metall zurück, auf dem er saß. »Ja. Ich will wissen, ob überhaupt irgendeins davon echt ist.«
Während Denny am PC tippte, sah er Levi an und sagte: »Ach übrigens, ich erwarte morgen etwas, das ich dir unbedingt zeigen will. Einer meiner anderen Kunden hat im Voraus für ’ne Sonderanfertigung bezahlt. Dann hat sich seine Situation geändert, und jetzt braucht er die Bestellung nicht mehr. Das Ding ist grade schräg genug, dass du Verwendung dafür haben könntest.«
Levi schwenkte wegwerfend eine Hand. »Ich hab vorerst genug Schusswaffen.«
»Ist was anderes. Vertrau mir, so was hast du noch nie gesehen.«
Levi öffnete die Augen und starrte auf Dennys Hinterkopf. »Ach ja?«
Denny ließ ein Bild von Mendoza auf dem Monitor, als er vom Stuhl aufsprang und hinzufügte: »Warte, jetzt, wo ich grad dran denke, muss ich schnell was holen, um deine Augen zu messen.«
»Meine Augen?« Levi beobachtete, wie Denny an ihm vorbei
eilte und in dem Labyrinth der mit allen möglichen Gerätschaften beladenen Regale verschwand. Er kehrte mit etwas zurück, das wie ein unförmiges Mikroskop mit einer Kinnstütze aussah.
Denny bedeutete Levi, näher zu kommen. »Das ist ein Ophthalmometer. Damit messe ich die Krümmung deiner Hornhaut, um ’ne weitere Sonderanfertigung an deine Augen anzupassen.« Er justierte die Kinnstütze. »Okay, leg einfach dein Kinn da rein und drück den Kopf an die Stirnauflage.«
»Und wofür musst du meine Hornhaut messen?« Levi runzelte kurz die Stirn, dann jedoch zuckte er mit den Schultern und legte das Kinn auf das Gerät. »Na schön, wie du meinst.«
»Ich glaub, du wirst voll drauf abfahren.« Denny nahm auf der anderen Seite des optischen Instruments Platz und schraubte an einigen Drehknöpfen. »Sieh mit einem Auge in die Reflexion deines Auges und mach das andere zu.« Er überprüfte den Apparat, verstellte einige weitere Drehknöpfe und kritzelte dann etwas auf einen Zettel. »Okay, erledigt. Ich lass so bald wie möglich etwas für dich anpassen, aber komm auf jeden Fall morgen vorbei. Bis dahin hab ich ’n Upgrade deiner Mütze fertig. Ich denke, die Änderungen werden dir auch gefallen.«
Levi murmelte eine bejahende Antwort und richtete das Augenmerk wieder auf den Bildschirm, von wo ihm Mendozas Gesicht ausdruckslos entgegenstarrte. Wer konnte den Mord an dem FBI-Agenten eingefädelt haben? Und wer konnte Zugang zu den unbearbeiteten Fotos der Explosion eines Meth-Labors gehabt haben?
»Okay, das zweite Bild ist auch manipuliert«, verkündete Denny. »Weiter zum Nächsten.«
»Dachte ich mir«, murmelte Levi.
Seine Gedanken wanderten von Mendoza zur Enkelin des Tanaka-Syndikatsbosses. Er musste unbedingt zurück ins
Gebiet von Washington, um seine Ermittlungen fortzusetzen. Gab es weitere Hinweise? Irgendwelche Mitteilungen an die Mutter? Er musste noch einmal mit ihr reden. Vielleicht war ihm etwas entgangen.
Und dann war da noch O’Connor. Der Mann würde irgendetwas zu den Fällen Wei und Nguyen erwarten, und Levis einzige Spur war ein verschwundenes Mitglied des Tanaka-Syndikats. Vielleicht konnte Yoshis Bruder dabei helfen.
Dennys Computer gab einen Piepton aus, und Denny rief: »Oh Scheiße, Levi. Auf Helen Wilsons Gmail-Konto ist gerade ’ne Nachricht mit Wave-Anhang eingegangen.«
»Wave-Anhang?«
»Du weißt schon, ’ne .WAV-Datei. Eine Audiodatei.« Denny klickte mit der Maus. Die Stimme eines kleinen Mädchens drang aus den Lautsprechern.
»Mama. Es ist Dienstag, und es geht mir gut.«
Auf die Stimme des Mädchens folgte das Geräusch von etwas, das gegen das Mikrofon gedrückt wurde. Dann ertönte eine synthetisch, fast roboterhaft klingende Stimme.
»Du hast zwei Wochen, um zehn Millionen US-Dollar aufzutreiben und auf das in der E-Mail genannte Bankkonto zu überweisen. Ist das Geld bis dahin nicht eingegangen, siehst du dein Kind nie wieder.«