Als Levi bei Tanaka Industries aus dem Fahrstuhl stieg, wurde er von Ryuki Watanabe in Empfang genommen. Die Nummer zwei des Tanaka-Syndikats hatte einen grimmigen Ausdruck im Gesicht. Der Mann schwieg, als er Levi durch die nahezu verwaisten Büroräumlichkeiten führte, die offiziell ein Import-Export-Unternehmen beherbergten.
Ryuki hielt vor einer Tür, auf der sowohl auf Japanisch als auch auf Englisch der Name des Gangsters stand. Die beiden Männer betraten ein geräumiges Büro. Der stellvertretende Leiter der Verbrecherorganisation nahm hinter einem großen Mahagonischreibtisch Platz und schob das Festnetztelefon zwischen sie beide.
Ryuki ergriff auf Japanisch das Wort. Seine Stimme klang angespannt. »Ich habe meinen Vorgesetzten sofort nach Ihrem Anruf geweckt. Er wartet darauf, dass wir uns bei ihm melden. Haben Sie die Daten?«
Levi nickte.
Der Gangster drückte eine Taste am Telefon. Eine lange Abfolge von Pieptönen drang durch den Raum, als eine internationale Nummer gewählt wurde.
Es klingelte nur einmal, bevor sich ein älterer Mann auf Japanisch meldete.
»Wird auch Zeit, Ryuki. Ich warte seit über einer Stunde!«
Levi ergriff das Wort. »Tanaka-sama, es tut mir sehr leid. Hier spricht Levi Yoder. Die Verzögerung ist meine Schuld. Ich hatte auf dem Weg hierher Probleme mit dem Mittagsverkehr und ...«
»Ryuki hat mir die Neuigkeit mitgeteilt. Ich will es selbst hören.«
»Verstanden. Es ist auf Englisch. Möchten Sie, dass ich ...«
»Nein, ich verstehe genug, danke.«
Levi regelte die Wiedergabelautstärke seines Handys höher und spielte die Aufzeichnung ab, die er bei Denny angefertigt hatte.
»Du hast zwei Wochen, um zehn Millionen US-Dollar aufzutreiben und auf das in der E-Mail genannte Bankkonto zu überweisen. Ist das Geld bis dahin nicht eingegangen, siehst du dein Kind nie wieder.«
Ryukis Züge verrieten keinerlei Emotionen, während die Mitteilung ablief.
Einen Herzschlag lang drang nur die schwere Atmung des Yakuza-Bosses aus dem Lautsprecher des Telefons. Dann sagte er ein einziges Wort, das Levi nicht verstand. Japanischer Slang? Ein Codewort des Syndikats?
Ryuki antwortete mit einem knappen »Hai
« und neigte den Kopf vor dem Telefon.
»Yoder-san, war da noch etwas in der Mitteilung?«
»Ja, das Mädchen. Die Kleine sagt eine Botschaft für ihre Mutter.«
»Ah, haben Sie das auch dabei? Ich habe noch nie die Stimme meiner Enkelin gehört.«
»Ja.« Ohne darüber nachzudenken, neigte auch Levi den Kopf vor dem Telefon. Er sprang zurück zum Beginn der Aufzeichnung und hielt sein Handy nah den Tischapparat.
»Mama. Es ist Dienstag, und es geht mir gut.«
Einige Sekunden lang herrschte angespannte Stille in der Leitung. »Das also ist meine einzige Erbin.«
Die verhaltene Emotion, die in der Stimme des Yakuza-Bosses mitschwang, jagte Levi einen kalten Schauder über den Rücken.
»Yoder-san, ich bin zu sehr involviert für ungetrübtes Urteilsvermögen. Ich brauche Ihren Rat. Was würden Sie tun, wenn das Ihr Kind wäre?«
»Ich würde die Verantwortlichen vernichten«, antwortete Levi, ohne zu zögern.
Ryukis steinerne Fassade bekam Risse. Anerkennend nickte er Levi zu.
»Aber ich würde nicht sofort reagieren«, fuhr Levi fort. »Wir brauchen mehr Informationen.«
»Und wie haben Sie vor, diese Informationen zu beschaffen?«
»Tanaka-sama, ich hatte vor, mich darüber mit Ryuki abzustimmen, jedenfalls verfüge ich über Ressourcen. Ich kann Information vom FBI einholen. Dort sucht man nach einem gewissen Kiyoshi Ishikawa, den man für ein Mitglied Ihrer Organisation hält. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber ...«
»Ryuki«,
dröhnte Tanakas Stimme laut und gebieterisch aus dem Lautsprecher. »Kennst du den Namen?«
»Ja.« Ryuki nickte und begann, eine kleine Box mit Karteikarten durchzublättern. »Er hat um Erlaubnis ersucht, nach Japan zurückkehren, um seinen kranken Vater zu besuchen. Ich habe sie ihm erteilt. Ich habe eine Adresse von ihm in Ryogoku.« Er holte eine Karteikarte heraus und schob sie über den Tisch zu Levi. Sie enthielt auf Japanisch die Adresse des Vaters.
Levi nickte. »Tanaka-sama, ich habe Leute, die mir helfen und denen ich vertraue, aber das FBI glaubt, dass Ishikawa-san zwei seiner Agenten umgebracht hat. Man hat mich aufgefordert, der Entführung Ihrer Enkelin nicht weiter nachzugehen. Das FBI behauptet, man würde sich um den Fall kümmern, aber ... Also, ich will zwar nicht glauben, das FBI könnte dahinterstecken, nur finde ich auffallend, dass einige der Beteiligten sowohl über das Erbe Ihrer Enkelin als auch Ishikawas Beziehung zu Ihnen Bescheid wissen. Vielleicht ...«
»Sie glauben, dass man meine Enkelin als Druckmittel benutzt, um
an Ishikawa heranzukommen?«
»Ich weiß es nicht. Aber ich würde Ishikawa gern befragen. Es wäre wohl am besten, wenn ich dafür nach Japan reise. Wahrscheinlich wäre es nicht sicher für Ishikawa, hierher zurückzukommen.«
»Ryuki, lass Yoder-san den Jet benutzen. Ich werde versuchen, nach Tokio zurückzukehren. Falls ich es nicht schaffe, arrangierst du, dass Yoder-san in Empfang genommen wird.«
»Hai.
« Ryuki nickte erneut vor dem Telefon, dann sah er Levi an. »Ich rufe gleich an und lasse die Maschine auftanken. Wie lange brauchen Sie, bis Sie bereit sind?«
Levi sah auf die Armbanduhr. Es war drei Uhr nachmittags – die Leute waren noch bei der Arbeit. »Ich muss ein paar Anrufe erledigen. Wenn sich dabei keine Probleme ergeben, kann ich in ungefähr einer Stunde bereit sein. Aber ich habe keine Sachen zum Wechseln dabei, auch keine ...«
»Ryuki kümmert sich um alles, was Sie brauchen. Es wird Sie erwarten, wenn Sie landen. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«
Levi stand auf. »Na schön, dann geh ich jetzt raus und erledige meine Telefonate.«
»Yoder-san, ich freue mich sehr darauf, Sie persönlich kennenzulernen.«
»Das kann ich nur zurückgeben, Tanaka-sama.«
Vor dem One World Trade Center musste Levi das Handy einige Zentimeter vom Ohr weghalten, als O’Connor brüllte: »Sie verlassen auf keinen scheiß Fall das Land!«
Levi schüttelte den Kopf, während er auf und ab lief. Er musste verhindern, dass ihm das FBI in die Quere käme. Auch mit einem Privatjet würde er bei der Ankunft durch den Zoll müssen, und er war sich ziemlich sicher, dass beim FBI heller Aufruhr ausbrechen würde, wenn sein Reisepass plötzlich
einen Alarm auslöste, der zeigte, dass er in Japan gelandet war.
»Hören Sie mir zu«, sagte er. »Mir persönlich ist scheißegal, wer Ihre Agenten ausgeschaltet hat. Ihre Behörde hat mich gebeten, der Sache nachzugehen. Ich hab Ihnen Mendozas Mörder geliefert. Und jetzt wollen Sie mir sagen, dass ich einer Spur nicht folgen soll?«
»Sie können von Glück reden, dass die DNA, die wir von dem Gangster haben, zu Mendozas Mörder passt. Mein SAC ist glücklich darüber, aber Sie haben den Kerl verdammt übel zugerichtet. Er wird immer noch im Krankenhaus behandelt.«
»Keine Ahnung, wovon Sie reden. Er war schon so, als ich ihn gesichtet hab.«
»Ja, ja, klar. Erklären Sie’s mir noch mal: Warum Japan?«
»Haben Sie sich die Beweise im Fall Nguyen und Wei überhaupt angesehen?« Levi lehnte sich an die Mauer in der Nähe des Eingangs des Wolkenkratzers. Männer und Frauen in Geschäftskleidung marschierten an ihm vorbei. »Auf einem der Bombensplitter war ein latenter Abdruck, für den Ihre IAFIS-Datenbank etwas ausgespuckt hat. Ich hab Insider-Informationen darüber, wo der Kerl ist – und der Ort liegt ein Stück außerhalb von Tokio. Er wird durch seine Mafia-Verbindungen geschützt. Wenn Sie der Meinung sind, Sie könnten hinfliegen und ihn sich holen, dann nur zu, tun Sie’s. Andernfalls sieht’s wohl so aus, dass ich Ihre Drecksarbeit erledigen muss.«
»Wir haben nicht die Befugnisse, Verdächtige im Ausland zu verfolgen.«
»Dann hören Sie auf, an meiner Kette zu ziehen. Diese Gelegenheit kriege ich unter Umständen später nicht mehr. Vielleicht kann ich ihm einen Grund geben, in die Staaten zurückzukehren ...«
»Wie zum Teufel wollen Sie das schaffen?«
Ȇberlassen Sie das mir. Jedenfalls will ich nicht, dass mein
Reisepass einen Alarm auslöst, wenn ich in Japan lande. Kann ich der Spur jetzt nachgehen oder nicht?«
»Ich kann nicht genehmigen, dass ein Kronzeuge das Land verlässt.«
Levi knirschte mit den Zähnen, atmete tief durch und bemühte sich, kühlen Kopf zu bewahren. »Wer kann es dann?«
»Ich ruf sie in 15 Minuten zurück.«
Damit war die Leitung tot.
Als Nächstes hätte sich Levi gern bei Denny gemeldet, allerdings bezweifelte er, dass er ihn erreichen würde. Der Elektronikguru hatte Anzeichen dafür entdeckt, dass sich jemand durch seine Firewalls hacken wollte, und er hatte sofort sämtliche seiner Systeme heruntergefahren. Im Augenblick befand er sich wahrscheinlich in einem seiner stillen Kämmerchen, die er gegen sämtliche elektronischen Signale abgeschirmt hatte. Dort führte der Bursche seine riskantesten Arbeiten durch, von denen Levi nicht das Geringste verstand.
Levi sah eine Reihe von Kontaktnummern durch, die ihm Denny beschafft hatte. Schließlich fand er jene, nach der er suchte, und tippte auf die Anrufschaltfläche. Es klingelte einmal ... zweimal. Dann meldete sich eine Frauenstimme. »Stelle für öffentliche Angelegenheiten, Federal Bureau of Investigation.«
»Hallo. Ich möchte mit Nick Anspach sprechen, A-n-s-p-a-c-h. Es ist recht wichtig. Er müsste entweder in der Außenstelle Washington oder irgendwo im Hauptlabor in Quantico sein. Können Sie mir weiterhelfen?«
»Sir, was kann ich sagen, wer anruft?«
»Sagen Sie ihm, Levi Yoder ist dran.«
»Einen Moment, Sir.«
Nach vielleicht einer halben Minute in der Warteschleife meldete sich die Vermittlung wieder. »Sir, ich verbinde Sie jetzt.«
Es klingelte nur einmal, bevor sich Nicks leise, ruhige Stimme meldete.
»Mr. Yoder? Überrascht mich ein wenig, von Ihnen zu hören.«
»Bitte nennen Sie mich einfach Levi. Und offen gestanden hätte ich selbst nicht gedacht, dass ich Sie anrufen würde. Aber unverhofft kommt oft. Ich muss Sie etwas bitten, das vielleicht etwas unkonventionell ist, aber es geht um ein kleines Mädchen. Ich brauche Ihre Hilfe.«
»Äh ... okay. Versprechen kann ich nichts. Was wollen Sie wissen?«
»Vor ein paar Tagen wurde ein fünfjähriges Mädchen aus der Wohnung der Mutter in Maryland entführt. Ich wurde von einem Angehörigen des Opfers mit dem Versuch beauftragt, die Kleine zu finden. Um ehrlich zu sein, nimmt der Fall Nguyen und Wei so ziemlich meine gesamte Zeit in Anspruch, und je länger sie verschwunden ist, desto geringer wird die Chance, sie lebend aufzuspüren. Da Sie ja Spezialist für Kriminaltechnik sind, dachte ich mir, Sie könnten mir vielleicht helfen, etwas herauszufinden.«
Einige Sekunden lang herrschte Stille in der Leitung, bevor Anspach antwortete. »Ich denke nicht, dass ich Ihnen in irgendeiner offiziellen Eigenschaft helfen kann.«
Sein Tonfall vermittelte Levi den Eindruck, dass ein »aber« folgen könnte. »Jede formale Analyse eines Tatorts müsste über die üblichen Kanäle erfolgen. Aber ... wenn es um eine Entführung geht und das Opfer über Staatsgrenzen verbracht worden sein könnte, ist das FBI unter Umständen bereits involviert. In dem Fall könnte ich vielleicht etwas tun.«
»Das FBI ist
involviert, aber aus offensichtlichen Gründen will man mir nicht mitteilen, was man bisher in Erfahrung gebracht hat. Ich will nur, dass die Kleine lebend gefunden wird, ob von mir oder sonst jemand. Und ich habe vielleicht Informationen, die dabei helfen könnten.«
»Ach ja? Was zum Beispiel?«
Levi erklärte, dass es sich bei dem Mädchen um die Tochter
einer FBI-Mitarbeiterin handelte, dass es ihm gelungen war, den Lieferwagen von Domino’s
auf einem Parkplatz aufzuspüren, und dass es Videoaufnahmen eines schwarzen Geländewagens gab, der von dem Parkplatz weg in Richtung Norden raste.
»Levi, ich bin mit dem Fall überhaupt nicht vertraut. Aber wenn Sie diese Aufnahmen haben – wir haben hier Leute, die spezialisiert auf die Optimierung von Videobildern sind. Man weiß ja nie, vielleicht können wir ein Nummernschild lesbar machen.«
»Ich hab die Aufnahmen im Moment nicht bei mir, könnte sie Ihnen aber wahrscheinlich ...«
Levis Telefon piepte. O’Connor.
»Hören Sie, ich hab Agent O’Connor auf der anderen Leitung. Ich sorge dafür, dass Sie die Aufnahmen bekommen, aber jetzt muss ich auflegen.«
Levi wechselte die Leitung. O’Connors barsche Stimme drang aus dem Handy. »Mr. Yoder, offenbar haben Sie einen Schutzengel. Mein SAC hat Ihre Reise genehmigt. Rufen Sie mich sofort an, wenn Sie auf fremdem Boden gelandet sind. Mir egal, wie spät es ist.«
»Verstanden. Ich halte Sie auf dem Laufenden.« Damit legte Levi auf.
In dem Moment kam Ryuki aus dem Gebäude. Er sah sich um, sichtete Levi und steuerte auf ihn zu. »Yoder-san, der Jet wird gerade aufgetankt, der Flugplan wurde bereits eingereicht. Haben Sie alles, was Sie brauchen?«
Levi tastete die Brusttasche seines Jacketts ab und spürte den Reisepass sowie die Pistole im Schulterholster. »Meinen Reisepass hab ich. Außerdem trage ich zwei Schusswaffen und ein paar Messer bei mir.«
Ryuki klopfte Levi auf die Schulter. »Das dachte ich mir. Keine Sorge. Ihre Sicherheit ist gewährleistet.« Er führte Levi zur Fulton Street, wo eine lange schwarze Limousine an den Bordstein rollte. Ein großer, muskulöser Mann, dessen Hals
locker so dick zu sein schien wie Levis Oberschenkel, stieg auf der Beifahrerseite aus und öffnete die hintere Tür.
Ryuki schüttelte Levi die Hand und sagte in gedämpftem Ton: »Sie können Ihre Waffen zur sicheren Verwahrung bei unserem Piloten lassen. Er ist ein vertrauenswürdiges Mitglied der Organisation. Haben Sie noch irgendwelche Fragen?«
»Ich steige also einfach in die Maschine, und wenn ich lande, ist jemand da, der mich abholt und zu Ishikawa-san bringt?«
»Ja. Außerdem möchte Sie mein Vorgesetzter kennenlernen. Ob vor oder nach Ihrem Treffen mit Ishikawa-san, weiß ich nicht genau.« Ryuki legte die Hand erneut auf Levis Schulter und beugte sich näher. »Man wird Sie als Ehrengast behandeln. Sie müssen sich keine Sorgen machen.«
Levi nickte und stieg in den geräumigen Fond eines brandneuen Mercedes-Maybach. Der einladende Geruch von edlem Leder umfing ihn, als der große Kerl sanft die Tür hinter ihm schloss.
Levi lehnte sich auf dem bequemen Sitz zurück und zerbrach sich den Kopf darüber, welche Verbindung zwischen Ishikawa und der Entführung von June Wilson bestehen könnte.
Der Lautsprecher in der Kabine des Flugzeugs erwachte knisternd zum Leben, und der Pilot meldete sich auf Englisch mit leichtem Akzent.
»Mr. Yoder, wir sind im Endanflug auf den Flughafen Narita und sollten in etwa 15 Minuten auf Rollbahn A landen. Es ist dann 18:35 Uhr Ortszeit. Die Temperatur liegt bei ungefähr sechs Grad Celsius.
Unser Kontakt im Terminal hat mir mitgeteilt, dass sich Mr. Tanaka erst morgen früh mit Ihnen treffen kann. Aber er hat arrangiert, dass einige seiner Männer Sie in die Stadt begleiten.«
Der Lautsprecher wurde abgeschaltet, und die Gulfstream G650ER drehte leicht bei. Das Geräusch des ausklappenden Fahrwerks ging als vibrierendes Murmeln durch die Kabine.
Bei seinem letzten Flug in einem Privatjet hatte Levi mit zwei CIA-Agentinnen eine geheime Militäranlage in Sibirien verlassen. Das schien eine Ewigkeit zurückzuliegen.
Dieser Jet war wesentlich luxuriöser als die Maschine damals – das Pendant eines Vorstandsbüros am Himmel. Unwillkürlich überlegte Levi, wie viel Geld dieses Syndikat scheffeln musste, um sich nicht nur einen solchen Jet leisten zu können, sondern auch einen Nonstop-Flug nach Tokio mit einem einzigen Passagier.
Während das Flugzeug tiefer und tiefer sank, wurde der Druck in der Kabine angepasst, und Levi schloss die Augen. Er gestand es sich ungern ein, aber Landungen machten ihn immer nervös.
Als Levi die an den Jet gerollte Treppe betrat, schlug ihm eine kühle Brise entgegen, die ihm den Geruch von Kerosin zutrug. Es war kalt genug, dass sich Atemwölkchen bildeten.
Am Fuß der Treppe empfingen ihn vier Japaner in identischen Anzügen. Ihr Alter reichte von Ende 30 bis Anfang 50.
Angesichts des geschäftigen Treibens auf dem Rollfeld konnte man sich leicht vorstellen, dass der Flughafen Narita zu den meistfrequentierten Reisedrehscheiben der Welt gehörte. Levi hatte einmal gelesen, dass täglich weit über 100.000 Reisende den Flughafen passierten. Sogar in diesem Bereich, wo nur der Verkehr von Privatflugzeugen abgewickelt wurde, herrschten die Geräusche von landenden, abhebenden und über die Rollbahn fahrenden Maschinen vor. Kein Wunder, dass die auf der Piste arbeitenden Leute alle einen
Gehörschutz trugen.
Der Älteste in Levis Begrüßungskomitee trat vor und verneigte sich tief, eine Geste, die Levi erwiderte. Ihm fiel auf, dass an der linken Hand des Mannes zwei Knöchel fehlten. Er hielt sich ständig vor Augen, dass er es mit der Yakuza zu tun hatte. Und soweit er wusste, stand das Tanaka-Syndikat im Ruf besonderer Skrupellosigkeit.
»Mr. Yoder«, sagte der Mann auf Englisch mit deutlichem Akzent. »Ich bin Hirofumi Hidetada, aber bitte nennen Sie mich Harry.«
»Nur, wenn Sie mich Levi nennen.« Levi schenkte dem Mann ein Lächeln. Harry strahlte zurück, bevor er auf seine drei Begleiter deutete. »Heute Abend begleiten uns Daishi, der sich David nennt, Chujiro, der Charlie bevorzugt, und Akinori, kurz Alan.«
Levi verneigte sich respektvoll vor jedem und setzte zu einer Erwiderung auf Japanisch an, womit er eine unerwartete Reaktion der Gruppe erzielte.
»Bitte«, sagte Harry und schaute entschuldigend drein. »Können wir heute Abend alle Englisch sprechen? Wir sollen ab Anfang nächsten Jahres in den USA für Mr. Watanabe arbeiten, deshalb würden wir gern mit jemandem üben ...«
»Das versteh ich sehr gut.« Levi zeigte dem Mann beide Daumen hoch. Er sah auf die Armbanduhr. »Es ist fast sieben. Wie sieht der Plan aus?«
Harry deutete auf eine wartende Limousine. »Wir haben erfahren, dass Sie früher in Japan gelebt haben. Deshalb hat der Boss vorgeschlagen, dass wir Ihnen etwas Einzigartiges zeigen. Gegenüber von Ihrem Hotel ist der perfekte Ort dafür. Wir nehmen an einem Burns Supper teil.«
»Burns Supper? Was ist das?«
Alle vier Männer lächelten, und Harry erwiderte: »Werden Sie schon sehen. Ich denke, es wird Ihnen gefallen.«
Als sich June gerade mit Raggedy Ann ins Bett legen wollte, wurde der Raum jäh in Dunkelheit getaucht. Ein überraschtes Quieken rutschte ihr heraus. Die Ketten der Metalltür oben an der Leiter rasselten.
In June krampfte sich alles zusammen, denn das Geräusch konnte nur eines bedeuten: Der Robotermann würde kommen.
Sie wusste nicht, wann er zuletzt bei ihr gewesen war. June wusste nur, dass sie hungrig war und schon lange nichts mehr gegessen hatte. Hoffentlich würde er etwas zu essen bringen.
Die Leitersprossen knarrten. Schritte näherten sich.
»Ich bringe dir was zu essen und etwas Neues zum Anziehen.«
Die Stimme klang, als befände sie sich unmittelbar vor June, aber sie konnte nicht das Geringste sehen.
»Danke, Mr. Roboter. Wann kann ich Mami sehen?«
»Bald. Vielleicht sogar sehr bald.«
June spürte eine kalte Hand am Fußgelenk und schnappte nach Luft.
»Halt einfach still, damit ich dich anziehen kann.«
»Ist gut. Ich werd mich nicht bewegen«, versprach June mit zittriger Stimme.
Der Mann verstärkte den Griff um ihr Fußgelenk und fädelte ihren Fuß durch etwas. Er wiederholte den Vorgang mit ihrem anderen Fuß. Dann schob er ihre Arme durch die Löcher von etwas, das sich nach einer ärmellosen Bluse oder Jacke anfühlte. Jedenfalls erwies sich das Kleidungsstück als schwer.
Der Roboter drückte auf etwas an der Rückseite der Jacke. Vorne ging ein winziges Lämpchen an, nicht größer als ein Stecknadelkopf. Es wurde rot.
»Versuch nicht, das auszuziehen. So weiß ich, dass du dich benimmst. Und geh auch nicht in die Nähe der Leiter. Wenn du’s doch tust, siehst du deine Mama nie wieder. Hast du verstanden?«
June nickte mit Nachdruck. »Ich werd es nie ausziehen, ich
schwör’s.«
Der Robotermann legte die kalte Hand auf ihre Wange.
Dann verschwand er.
Das Licht ging flackernd wieder an, und June erblickte einen Karton, gefüllt mit Lebensmitteln und Getränken. Wieder Uncrustables mit Erdnussbutter und Traubenmarmelade, dazu Päckchen mit Saft und Vollmilch.
Sie blickte an sich hinab und stellte fest, dass sie weder eine Bluse noch eine Jacke trug – es ähnelte eher der Schwimmweste, die Mama und sie einmal auf einem Boot getragen hatten. Nur hatte diese Weste Schlaufen um jedes ihrer Beine. Selbst wenn sie gewollt hätte, sie hatte keine Ahnung, ob sie die Vorrichtung überhaupt ablegen könnte. June fuhr mit den Fingern über das olivgrüne Segeltuchmaterial und spürte Drähte darunter.
Wie lange würde sie das tragen müssen?
In ihrem Kopf ertönte die Stimme des Robotermanns. Wenn du’s doch tust, siehst du deine Mama nie wieder.
June gelobte sich: »Ich werd’s nicht ausziehen. Auf keinen Fall.«
Dann griff sie sich ein noch halb gefrorenes Uncrustable, wickelte es aus und biss hinein.
Sie blinzelte sich Tränen aus den Augen. June hatte sich fest vorgenommen, nicht mehr zu weinen. Nie wieder.
Und dennoch fielen Tränen, als sie an Mama dachte, die ohne sie ganz allein zu Hause war.