Bei seinem letzten Aufenthalt in Japan hatte sich Levi in einer völlig anderen Phase seines Lebens befunden. Damals hatte er um seine verstorbene Frau getrauert und sich in eine Kampfkunstausbildung gestürzt. Tagsüber hatte er im Dojo Karate trainiert, nachts hatte er im Hinterzimmer desselben Dojos auf dem Boden geschlafen. Er hatte mühsam die Sprache erlernt, gesellschaftlichen Umgang größtenteils gemieden und sich so von den anderen unterschieden.
In Japan gab es ein Ritual namens nomikai.
Kollegen oder Teamkameraden stärkten damit die Bindungen untereinander nach Feierabend. Oft gehörte dazu, dass man zusammen in eine Bar oder in ein Restaurant ging, das Drinks servierte, damit man lockerer wurde. Damals war Levi als andere als locker und entspannt. Dafür schwirrte ihm viel zu viel im Kopf herum. Zu der Zeit gab es nur eine Person, mit der er gern Zeit verbrachte, einen jungen Burschen, wahrscheinlich noch keine 20, wie Levi ein missmutiger Typ und Einzelgänger. Er half Levi dabei, Japanisch zu lernen. Aber selbst damals waren sie bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie etwas unternahmen, zu einem Sumo-Kampf gegangen, nie zum Trinken.
Als Levi mit vier japanischen Gangstern im Festsaal von O’Shaughnessy’s
saß, einer schottischen Bierstube mitten in der Innenstadt von Tokio, konnte er sich deshalb ein Lächeln nicht
verkneifen.
Die vier Männer tranken großzügige Schlucke aus ihren Krügen voll BrewDog, einem schottischen Bier, das seinen Begleitern sehr zu schmecken schien, während Levi selbst an einem Selters nippte.
Harry streckte Levi seinen Krug entgegen. »Wollen Sie nicht doch einen Drink? Der Boss bezahlt.«
Levi stieß mit Harry an und schüttelte den Kopf. »Ich bin allergisch gegen Alkohol. Mir wird schlecht davon.«
»Tut mir leid, das zu hören. Muss schwierig sein.«
»Ich hab mich dran gewöhnt.«
Die Wahrheit sah so aus, dass Levi zwar durchaus Alkohol trinken konnte, sein Körper ihn jedoch ungewöhnlich verarbeitete. In der Regel setzte die Wirkung bei ihm sofort ein. Ihm wurde einige Minuten lang schwindlig, danach folgten Kopfschmerzen. Keine angenehme Erfahrung.
Levi sah sich im Lokal um. Es handelte sich um einen großflächigen Saal, mindestens 15 mal 15 Meter, mit etwa 20 weiteren Tischen, alle mit Gästen besetzt, die sich unterhielten und Bier tranken. Offensichtlich warteten alle auf den Beginn irgendeiner Veranstaltung. Levi riss ein Stück von dem Brotlaib ab, der auf den Tisch gelegt worden war, und steckte es sich in den Mund. Es war noch warm und schmeckte ausgeprägt nach Roggen. Er brach ein weiteres Stück von dem knusprigen Roggenbrot ab und deutete damit in Richtung der anderen. »Kennt ihr eigentlich Kiyoshi Ishikawa?«
Zwei der Männer schüttelten den Kopf. Charlie hingegen nickte. Er schien der Jüngste zu sein. »Hai
. Er und ich sind als Nachbarn aufgewachsen.«
»Wie ist er so?«
Harry ergriff das Wort. »Warum wollen Sie das wissen?«
Levi zuckte mit den Schultern. »Ich will ihm ja einen Besuch abstatten und ihm Fragen stellen. Ist ’ne vertrauliche Angelegenheit, aber ich wollte mir bloß ein Bild davon
machen, wie ...«
Plötzlich ertönten vom entfernten Ende des Saals Dudelsackklänge. Alle an den Tischen standen auf und jubelten, als ein Dudelsackspieler in Sicht geriet, gefolgt von zwei weiteren Männern in Kilts.
Einer der Männer trug auf einem Silbertablett die größte Wurst, die Levi je gesehen hatte. Kellner füllten rasch Gläser und Krüge auf, die Anwesenden im Saal klatschten begeistert, und Levi ertappte sich dabei, in den Bann der Feierlichkeiten gezogen zu werden.
Die überwiegend japanischen Gäste zeigten sich enthusiastisch, als das Tablett auf einem reservierten Tisch in der Mitte des Saals abgestellt wurde.
Ein großer, vermutlich schottischer Kerl mit einem mächtigen roten Bart trat an den Tisch. Schlagartig verstummten die fast 200 Anwesenden und setzten sich wieder.
Mit dramatischen Schwung zog der Mann ein langes Messer aus einer Scheide an seiner Hüfte und zeigte damit auf den großen Braten in Wurstform vor ihm. Langsam drehte er sich der Menge zu und verkündete mit volltönender Stimme: »Zeit, sich dem Haggis zuzuwenden.«
Da begriff Levi, was er vor sich sah. Er hatte schon von Haggis gehört, einer schottischen Spezialität aus Lammfleisch, Haferflocken und anderen Gewürzen in einem Schafsmagen oder so ähnlich. Aber er hatte noch nie davon probiert. Tatsächlich hatte er bisher nie einen Haggis zu Gesicht bekommen. Und mit Sicherheit hatte er nicht damit gerechnet, ausgerechnet in Japan darauf zu stoßen.
Die Stimme des Schotten hallte laut durch den Saal.
»Dein feines Gesicht sei von Glück erhellt,
du Häuptling in der Würstewelt!
Bist hoch über alle anderen gestellt,
ob Pansen, ob Darm:
Verdienst, dass man dein Lob erzählt,
so lang wie mein Arm.
Die ächzende Schüssel da füllst du aus,
dein Hintern schaut wie ein Bergrücken raus,
Dein Holzspieß hülf als ’ne Rad-Achse aus,
in Zeiten der Not.
Und aus deinen Poren tritt Tau heraus,
wie Bernstein rot.
Sieh, wie der Bauer sein Messer wischt;
er schneidet dich auf, wenn aufgetischt,
Und in dein saftiges Inneres er bricht,
dem Pflüger gleich;
Und dann, o welch gesegnete Sicht,
warm-dampfend, reich!«
Levi verstand kaum ein Wort, das der Mann von sich gab. Dennoch beobachtete er fasziniert, wie der Schotte überschwänglich in den Haggis stach und ihn anschließend quetschte, bis sich der Inhalt aus der Hülle ergoss. Dabei verhielt er sich, als würde er ein Opfer ausweiden.
Während der Mann seine »Ansprache an den Haggis« fortsetzte, vibrierte Levis Handy mit einer Nachricht.
Sie stammte von Denny.
Dachte mir, das könnte dich interessieren.
Die Staatspolizei von Maryland hat gestern Abend eine Fahndung nach einem gestohlenen schwarzen Suburban rausgegeben.
Vor ungefähr 20 Minuten ist über Polizeifunk eine Explosion in der Nähe von White Oak, Maryland gemeldet worden. Die Cops vor Ort
haben bestätigt, dass es die Überreste des gestohlenen Suburban sind.
Levis Gedanken überschlugen sich. Wenn die Polizei dort war, würde sich hoffentlich auch die Spurensicherung die Sache ansehen. Er wagte kaum zu glauben, er könnte so viel Glück haben, dass es sich um den Wagen aus der Videoaufzeichnung handelte, aber ...
Rasch tippte er eine Antwort.
»Ihr Mächte, die ihr im Himmel verkehrt,
und den Menschen den Speisezettel serviert,
ein Schotte hat Fraß noch nie verzehrt,
der bloß ein Dreck ist;
Drum, wünscht ihr, dass er euch verehrt ...«
Der Mann hob triumphierend das Tablett und brüllte die letzte Zeile förmlich:
»Gebt ihm ’nen Haggis!«
Alle im Saal stimmten lauten Applaus an, und das Servierpersonal strömte mit Tabletts herein, um das Abendessen aufzutischen.
Harry stupste Levi und lächelte. »Und? Was halten Sie davon?«
Levi erwiderte das Lächeln. »Hab zwar kaum ein Wort verstanden, aber es war fantastisch.«
Harry erhob seinen Krug. Alle vier stießen klirrend
miteinander an und wiederholten, was die Leute an den anderen Tischen riefen. »Der Haggis!«
Levi lachte während des Abendessens viel und genoss die Gesellschaft dieser Männer. Mit den Gedanken jedoch war er woanders – bei einem fünfjährigen Mädchen, das sich wahrscheinlich gerade zu Tode fürchtete, falls es überhaupt noch lebte ...
Der Fahrstuhl im Tanaka-Gebäude bimmelte, als er das oberste Stockwerk erreichte. Die Türen glitten auf, und Levi sah sich zwei ernst wirkenden Männern in Anzügen gegenüber.
»Mr. Yoder.« Der Ältere rechts sprach ihn auf Japanisch an und bedeutete ihm mit einer Geste, dass er die Arme heben sollte. »Bitte, das ist nicht respektlos gemeint, aber ...«
»Ich verstehe.«
Levi streckte die Arme seitlich von sich. Der linke Mann filzte ihn, während der andere dabei zusah. Danach wechselten sie sich ab, und Levi wurde erneut abgetastet.
Anschließend führten die Männer ihn durch einen hell erleuchteten Gang. Im Gegensatz zu Ryukis Büro in den USA orientierte sich die Innenausstattung des Tanaka-Gebäudes in Tokio an westlichem Flair. Dunkle Holztäfelung und Kunstwerke, die nach Kopien von Meistern wie Rembrandt und Picasso aussahen.
Oder vielleicht auch keine Kopien.
Sie hielten vor einer Doppeltür, an die einer der Männer kräftig klopfte.
Von drinnen antwortete eine Stimme. »Herein.«
Die Männer führten Levi in ein Penthouse-Büro mit Rundumblick auf Tokio. Regalsäulen enthielten Fotos, Bücher und diversen Nippes, der dem geräumigen Büro ein persönlicheres Flair verlieh.
Hinter einem massiven Schreibtisch aus Holz – auf Hochglanz poliert und überwiegend schwarz mit nur wenigen dunkelbraunen Einschlüssen – erhob sich ein Mann. »Yoder-san, es freut mich sehr, Sie endlich persönlich zu treffen, nachdem ich so viel über Sie gehört habe.«
Levi verneigte sich höflich. »Ich freue mich auch. Aber etwas geht mir nicht aus dem Kopf. Wenn Sie die Frage gestatten, wie sind Sie darauf gekommen, nach mir zu verlangen? Ich glaube nicht, dass wir uns je begegnet sind, und ich habe ein gutes Gedächtnis.«
Der Yakuza-Boss lächelte. Seine steife Haltung wurde lockerer. Er wandte sich an seine beiden Untergebenen, die an der Tür standen. »Geht. Ich rufe euch, wenn wir fertig sind.«
Die Männer verneigten sich, zogen sich zurück und schlossen die Türen hinter sich.
Shinzo Tanaka kam hinter dem Schreibtisch hervor und bedeutete Levi, ihm zu einem der Regale zu folgen. »Kommen Sie. Sagen Sie mir, ob Sie etwas sehen, das Ihnen bekannt vorkommt.«
Levi ging hinüber zu den Regalen, die aus demselben Holz wie der Schreibtisch bestanden. Sie beherbergten Dutzende von ledergebundenen Klassikern in japanischer Sprache. Levi sichtete 1984
, Die Farbe Lila
, Fahrenheit 451
, Wer die Nachtigall stört
und Der Hobbit
.
Tanaka war eindeutig ein Fan westlicher Literatur.
Andere Regale enthielten Fotos von Tanaka mit anderen Leuten – vermutlich Politiker und einflussreiche Persönlichkeiten.
Insbesondere ein Bild erregte Levis Aufmerksamkeit. Es stand an prominenter Stelle mitten im Regal und zeigte einen jüngeren Tanaka mit dem Arm um einen Jungen. Einen vertraut wirkenden Jungen.
Levis Gedanken kehrten jäh zu dem Dojo zurück, in dem er vor über 12 Jahren ausgebildet worden war. Er dachte an
seinen einzigen Freund im Dojo zurück, den Einzelgänger, der nie seinen Familiennamen benutzt hatte, nur den Vornamen.
Jun
.
Und dann fügten sich die Teile zusammen.
Der Junge auf dem Foto war Jun aus dem Dojo.
Helen Wilsons Tochter hieß June und wurde genauso ausgesprochen.
Shinzo Tanaka hatte den Arm um Jun gelegt ...
Jun Tanaka?
Und plötzlich ergab alles einen Sinn.
Jun hatte nie über seine Familie gesprochen. Levi hatte vermutet, er wäre ein Waisenkind, und hatte sich deshalb nie nach Einzelheiten erkundigt.
Er drehte sich Tanaka zu, der ihn mit unergründlicher Miene ansah. »Sie sind Juns Vater. Das wusste ich nicht.«
Shinzo Tanaka nickte, und plötzlich zog ein Sturm der Gefühle über das Gesicht des Mannes. Traurigkeit, Stolz, Zorn. Und durch all das schimmerte Entschlossenheit. »Mein Sohn. Ich habe ihm aufgetragen, nicht seinen richtigen Namen zu benutzen. Ich wollte nicht, dass ihn mein Ruf in Gefahr bringt. Bestimmt verstehen Sie das.«
»Hai
.« Ohne nachzudenken, verbeugte sich Levi leicht. Schlagartig kehrten alte Gewohnheiten zurück. »Das verstehe ich vollkommen. Also hat Jun mich erwähnt?«
Ein Lächeln erschien in den Zügen des älteren Mannes. Er legte Levi die Hand auf die Schulter. »Ja, er hat mir alles über den Amerikaner erzählt. Er hat mir auch erzählt, dass Sie ein Mann von ungewöhnlicher Ehre sind. Und er hat gedacht, Sie wären von einer Mafiafamilie weggeschickt worden, ähnlich wie er. Zum Schutz.«
»Nun ja, ganz so ist es bei mir nicht gewesen.«
»Ich weiß.« Shinzo klopfte Levi auf den Rücken. »Schon damals habe ich mich informiert, um zu erfahren, mit wem mein Sohn Umgang hatte. Ich wollte Sie bereits seit Jahren
kennenlernen und mich dafür bedanken, dass Sie meinem Sohn durch seine schwierigsten Jahre geholfen haben. Es betrübt mich, dass wir uns nicht unter erfreulicheren Umständen treffen.«
Levi nickte. »Ich werde tun, was in meiner Macht steht, um Ihre Enkeltochter zu finden. Und da wir gerade davon sprechen, darf ich Sie etwas fragen? Vielleicht ist es unangemessen, aber es hat mit Ishikawa-san zu tun.«
Shinzo kehrte zu seinem Schreibtisch zurück und bedeutete Levi, sich zu setzen. »Nur zu.«
»Das FBI behauptet, Ishikawa-san hätte Fingerabdrücke auf einer Bombe hinterlassen, die zwei Agenten der Behörde getötet hat. Diese Agenten waren mit Ermittlungen gegen Kindersexhandel beauftragt. Könnte Ishikawa-san darin verwickelt gewesen sein?«
Levis Frage hing gefährlich in der Luft. Immerhin hatte er damit angedeutet, dass Tanakas Organisation Profit aus dem Handel mit Kindersexsklaven schlagen könnte.
Die Züge des Yakuza-Bosses liefen rot an. Angewidert verzog er die Lippen. »Ich bin Vieles – aber ich handle nicht
mit Kindern. Wie ich höre, ist es bei vielen Italienern verpönt, Frauen in ihre Geschäfte einzubeziehen, sei es aktiv oder als Zeuginnen. Nun, mein Kodex sieht vor, bei meinen Geschäften keine Kinder einzubeziehen. Haben wir uns verstanden?«
»Es tut mir leid, wenn ich Sie beleidigt habe ...«
»Nein!« Tanaka hieb mit der Faust auf den Schreibtisch. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Nicht Sie haben mich beleidigt. Wenn Ishikawa etwas Derartiges getan und Schande über meine Organisation gebracht hat, überlassen Sie es mir, mich um ihn zu kümmern.«
Levi fühlte sich ein wenig erleichtert darüber, dass der Zorn dieses mächtigen Mannes nicht ihm galt, und blies den unbewusst angehaltenen Atem aus. »Mit Ihrer Erlaubnis möchte ich ihn so bald wie möglich befragen.«
»Gewährt.« Shinzo drückte eine Taste an seinem Telefon. Prompt tauchten die zwei Männer wieder auf, die Levi herbegleitet hatten. »Ichiro, Kenzo, bringt Yoder-san zu der Adresse, die ich euch vorhin gegeben habe. Er soll Informationen aus Ishikawa Kiyoshi herausholen. Unterstützt Yoder-san bei allem, was er braucht. Verstanden?«
»Hai
.« Beide Männer bestätigten den Befehl ihres Vorgesetzten mit einer tiefen Verbeugung.
Levi stand auf und verbeugte sich ebenfalls vor dem Verbrecherboss. Tanaka antwortete darauf mit einem Nicken.
Es war an der Zeit, loszulegen.
Tanakas Männer begleiteten Levi zu einem Wohngebäude in Ryogoku. Zuletzt war Levi in dieser Ortschaft gewesen, als Jun und er sich einen Sumo-Kampf angesehen hatten.
Es ging auf Mittag zu, als sie eines der nahen Wohngebäude betraten. Durchdringender Schimmelgeruch begleitete sie durch einen schwach beleuchteten Flur und ein noch schlechter beleuchtetes Treppenhaus. Das Gebäude selbst schien in einigermaßen gutem Zustand zu sein, aber es roch, als hätte die Luft darin lange nicht mehr zirkuliert. Der modrige Mief wurde stärker, als sie den Keller betraten.
»Wohnt hier jemand?«, wollte Levi wissen.
»Nein«, antwortete einer der Männer. Er zog einen Schlüsselbund aus der Tasche und schloss eine Metalltür am Fuß der Treppe auf. »Der Boss benutzt dieses Gebäude für besondere Zwecke. Für solche wie heute.«
Die Angeln quietschten laut, als die Männer die Tür aufschoben und Levi den Vortritt ließen.
Er durchquerte den Durchgang und betrachtete die Einzelheiten seiner neuen Umgebung. Es handelte sich um einen großen, offenen Raum, der kaum etwas enthielt,
abgesehen von zwei Männern am gegenüberliegenden Ende des Kellers. Sie standen etwa zwei Meter voneinander entfernt, die Ärmel hochgekrempelt. Kunstvolle Tätowierungen zierten die Arme. Frische Blutspritzer besudelten ihre weiße Hemden.
Zwischen ihnen befand sich auf einem Stuhl ein erschlaffter Mann, die Arme hinter dem Rücken gefesselt. Sein Körper war an dem mit dem Boden verschraubten Stuhl festgebunden.
Offensichtlich war der Gefesselte geschlagen worden.
Auf einem Tisch in der Nähe lagen Folterinstrumente verstreut: Zangen, Hämmer, Meißel, etwas, das einem modifizierten Viehtreiber ähnelte, und ein besonders verheerend aussehender, verchromter Korkenzieher. Schachteln mit sterilem Verbandmull, Alkohol, Spritzen und Riechsalz rundeten die Sammlung ab.
Diese Yakuza scherzten nicht.
Als sich Levi näherte, verbeugten sich die beiden Männer und wichen mehrere Schritte zurück.
»Ishikawa-san?«, fragte Levi und deutete auf den Bewusstlosen.
»Hai
«, antworteten sie.
Einen kurzen Moment lang verspürte Levi tatsächlich Mitleid mit Ishikawa. Er war von zwei Mitgliedern seiner eigenen Organisation aufgemischt worden und wusste vermutlich nicht mal den Grund. Die Männer, die ihn verprügelt hatten, wahrscheinlich auch nicht. Shinzo Tanaka hatte ihnen einfach befohlen, Ishikawa für Levis Ankunft aufzuweichen. Um die Dinge zu vereinfachen. Und vor allem zu beschleunigen.
Dann hielt sich Levi vor Augen, dass der Kerl womöglich die Finger in Kinderprostitution hatte. Und sein Mitgefühl verpuffte.
Er griff sich eine Riechsalzampulle vom Tisch, packte Ishikawa am Haar und hob seinen Kopf an. Blut sickerte aus einer Wunde am Nasenrücken. Levi hielt dem Mann die
Ampulle unter die Nase und schnippte den Verschluss weg. Der starke Ammoniakgeruch stieg auf, und der Gangster wollte das Gesicht wegdrehen, doch Levi hielt ihn fest.
Ishikawa öffnete die Augen. Levi schlug ihm mit der flachen Hand auf die Wange.
»Aufwachen. Ich hab Fragen an dich.«
Der Mann blinzelte heftig, hatte das Bewusstsein noch nicht vollständig zurückerlangt. Als Levi den chemischen Cocktail erneut unter die Nase des Gefesselten hielt, brummte Ishikawa auf Japanisch: »Ich bin wach ... ich bin wach.«
Levi warf die benutzte Ampulle auf den Boden und ging vor Ishikawa in die Hocke. Das Gesicht des Mannes wies Narben auf, die ihn an Anspach erinnerten, nur neuer. Ein Teil eines Ohrs sah aus, als wäre darauf gekaut worden. Das rosa Gewebe der Wange und der Schläfe zeugte von schweren Verbrennungen.
»Kiyoshi«, sagte Levi. »Shinzo Tanaka hat mich geschickt, um mit dir zu reden. Und ich erwarte Antworten.«
Trotz der Prügel, die Ishikawa bereits eingesteckt hatte, erbleichte er bei der Erwähnung des Oberhaupts des Tanaka-Syndikats. Sofort nickte er und sagte in beinah flehentlichem Ton: »Ich tue, was immer nötig ist.«
»Ich brauche nur die Wahrheit. Erzähl mir von der Bombe, die du gelegt hast.«
Panisch schaute der Mann hin und her. Levi überlegte, was er tun musste, um den Mann zum Reden zu bringen, als sich Ishikawas Augen begreifend weiteten.
»Ich wollte nur in das Gebäude einbrechen«, sagte er. »Von dem Gasleck wusste ich nichts. Sie hätten nicht sterben sollen – das war nicht meine Absicht. Die Kinder waren ...«
»Warte. Was für Kinder?«
Ishikawa legte den Kopf schief. »In der Schule. Es war spät, als ich eingestiegen bin. Dabei muss irgendein Funke aufgetreten sein, und alles ist in die Luft gegangen. Ich wusste
nicht, dass noch jemand im Gebäude war.«
Levi runzelte die Stirn und musterte den Gesichtsausdruck des Mannes. »Wo war diese Schule?«
»Das wissen Sie nicht?«
»Wo war diese Schule?«, herrschte Levi den Mann laut an.
»In West Virginia. In einer Kleinstadt namens Chelsea.«
Levi stand auf und begann, vor Ishikawa auf und ab zu laufen. »Erzähl mir mehr.«
»Ich hab den Tipp bekommen, dass im Büro der Grundschule Bargeld verwahrt wird. Über 10.000 Dollar von einer Spendenaktion der Schule. Ich hab was gerochen, als ich mich dem Gebäude genährt habe – muss das Gas gewesen sein. Ich hätte es wissen müssen. Aber ...«
»War das die einzige Explosion, in die du verwickelt warst?«
Ein Ausdruck aufrichtiger Überraschung trat in Ishikawas Züge. »J-ja.«
»Wie spät war es, als du in die Schule eingebrochen bist?«
Ishikawa legte die Stirn in Falten. »Es war auf jeden Fall Nacht. Nach zehn, glaube ich, aber vor Mitternacht. Und beim Aufbrechen der Tür muss ich wohl einen Funken verursacht haben ...«
Levi entfernte sich von Ishikawa, rief eine Kurzwahlnummer an und hielt sich das Handy ans Ohr.
Denny hob nach dem ersten Klingeln ab. »Hey, Levi, was gibt’s?«
»Du musst was für mich überprüfen. Geht das sofort?«
»Klar, gib mir nur ’ne Sekunde – steh gerade hinter der Bar. Hey, Rosie, ich geh mal eben nach hinten. Gleich, Levi.«
Mit der Hand über dem Telefon rief Levi durch den Raum zu Ishikawa: »Wie lange ist diese Explosion her?«
»Ein paar Monate. Anfang September, glaube ich.«
Levi kehrte zur Treppe zurück, wo seine zwei Begleiter warteten. »Hat Ishikawa Kinder?«, fragte er.
Ein Mann nickte. »Zwei. Ein Mädchen, einen Jungen. Sie sind beide jung, fünf und sieben Jahre alt.«
»Bring sie her.«
Der Mann zögerte nur eine Sekunde, bevor er mit einem Nicken reagierte. »Sie sind in der Nähe und besuchen ihren Großvater. Ich bin in ein paar Minuten zurück.«
Als der Mann die Treppe hinauf verschwand, meldete sich Denny zurück. »Okay, bin an meinem Terminal. Was willst du wissen?«
»Überprüf eine Explosion in ’ner Schule. Wahrscheinliche Ursache Erdgas. In Chelsea, West Virginia. Irgendwann im September. Ich muss alles wissen, was du darüber herausfinden kannst, und zwar so schnell wie möglich.«
»Einen Moment.«
Levi schaltete den Anruf auf stumm, trat zurück in den Keller und zeigte auf die beiden Männer, die Ishikawa weichgeklopft hatten. »Macht ihn sauber und bindet ihn los.« Er verengte die Augen zu Schlitzen, als er den Blick auf Ishikawa richtete. »Ich bin sicher, er wird sich zu benehmen wissen.«
Als Levi das Gespräch mit Denny beendete, nachdem er die benötigte Information bekommen hatte, war der Gangster mit Ishikawas Kindern zurück. Die Kleinen rannten los und umarmten ihren Vater, der in der Zwischenzeit so gut wie möglich sauber gemacht worden war. Auf seiner Nase klebte ein Pflaster, um die Schultern hatte er ein Handtuch. Für seine Kinder bewahrte er eine tapfere Miene, aber Levi sah die nackte Angst in seinen Augen. Und er hatte durchaus Grund zur Sorge. Er war nicht darauf vorbereitet gewesen, dass seine Kinder ins Spiel kommen könnten.
»Vater, was ist mit deiner Nase passiert?«, fragte der kleine Junge.
Ishikawa lächelte und legte die Hände auf die Gesichter seiner Kinder. »Ich bin versehentlich gestürzt. Dieser
Amerikaner ist Arzt und hilft mir, sie zu richten.«
Das kleine Mädchen löste sich vom Vater und schlang die Arme um Levis Mitte. »Danke, Mister. Vielen Dank.«
Levi tätschelte der Kleinen den Kopf und bedeutete dem Mann, der die Kinder geholt hatte, sie wieder hinauszubegleiten.
Ishikawas Blick folgte seinen Kindern zur Tür hinaus. Er wartete, bis sie verschwunden waren, bevor er mit zittriger Stimme das Wort ergriff. »Bitte, bitte, tun Sie ihnen nichts. Was immer Sie mit mir anstellen, akzeptiere ich. Mir ist bewusst, dass ich falsch gehandelt habe, aber ...«
»Genug!«, brüllte Levi. Seine Stimme ertönte wie ein Schlag ins Gesicht des Mannes. Er ging in die Hocke, damit er sich auf Augenhöhe mit Ishikawa befand, der nach wie vor auf dem Stuhl saß, wenngleich nicht mehr gefesselt. »Du kannst dir nicht mal ansatzweise vorstellen, was ich mit deinen Kindern mache, wenn du mich noch mal anlügst. Ich war gerade mit jemandem am Telefon, von dem ich weiß, dass es keine Explosion in irgendeiner Schule in Chelsea, West Virginia gegeben hat. Also, in welche Explosionen warst du wirklich
verwickelt? Welche Bomben hast du gelegt?«
»Bomben?« Ishikawa blinzelte mit einem unverhohlen überraschten Ausdruck im Gesicht. »Ich habe nie ... Ich weiß nichts von irgendwelchen Bomben. Soweit ich mich erinnere, bin ich noch nie auch nur in der Nähe einer Bombe gewesen. Niemand an unserem Standort ist ein Bombenbauer, da bin ich mir sicher. Ich schwöre Ihnen, ich habe keine Ahnung von irgendwelchen anderen Explosionen oder von Bomben.«
Levi studierte die Züge des Mannes. Die klamme Blässe der Haut war offensichtlich. Die erzielte Reaktion hatte Levi schon etliche Male erlebt. Die Reaktion eines Mannes, der verwirrt und überrascht war. Levi brauchte keinen Lügendetektor, um zu wissen, dass Ishikawa die Wahrheit sagte.
Er hatte die Bombe nicht gelegt, die Nguyen und Wei
getötet hatte.
»Ishikawa-san, die Explosion war nicht in Chelsea. Sie war knapp außerhalb der Stadtgrenze in der Ortschaft Ghent.« Levi tätschelte dem Mann das Knie und stand auf. Er wandte sich an die beiden Männer, die Ishikawa bewachten. »Bringt Ishikawa-san zurück zum Boss. Er soll entscheiden, was zu tun ist, aber ich glaube, Ishikawa hat nichts falsch gemacht.«
Bei den Worten bröckelte, was immer Ishikawa aufrecht auf dem Stuhl gehalten hatte, denn er kippte nach vorn und wäre mit dem Gesicht voraus auf den Boden geknallt, wenn Levi ihn nicht aufgefangen hätte.
Die beiden Bewacher packten Ishikawa an den Armen. Halb trugen, halb eskortierten sie ihn zum Ausgang.
Levi klopfte Ishikawa auf die Schulter und flüsterte: »Flieg noch nicht zurück in die USA. Nach dir wird gefahndet.«
Als Ishikawa zu einem Dank ansetzte, befanden sich Levis Gedanken bereits weit entfernt.
Die einzige Spur, die er im Fall der beiden toten Agenten gehabt hatte, war gerade in sich zusammengefallen.
O’Connor wollte trotzdem Ergebnisse. Diesmal jedoch würde Levi ihn enttäuschen müssen.