Kapitel Neun
Eine Glocke bimmelte, als Levi die Tür zu Rosen’s Sporting Goods öffnete. An der Ladentheke scannte ein pickelgesichtiger Teenager den Einkauf einer Frau ein, während das Kleinkind der Frau ein Paar Schneestiefel von hinten gegen ihre Beine schwang.
Der Kassierer schaute auf und nickte Levi zu. »Meine Großmutter ist mit irgendjemandem hinten. Ich geb ihr Bescheid, dass Sie hier sind.«
»Danke, Ira.«
»Ira ist der andere. Ich bin Moishe.« Der Teenager verdrehte die Augen, als er den nächsten Artikel scannte.
Levi schmunzelte. Er glaubte nicht, dass er schon je einen der Rosen-Zwillinge auf Anhieb mit dem richtigen Namen angesprochen hatte.
Während er wartete, bildete sich an der Kasse eine Schlange. Die Leute schienen jede erdenkliche Schneeausrüstung zu kaufen. Schneeschuhe, Anoraks, Schneehosen, Skier. Der Wetterbericht hatte vor einem Schneesturm gewarnt. Levi hatte vor, bis dahin in Washington, D. C. zu sein und sich die Katastrophe zu ersparen, in die sich die Straßen von New York City an diesem Wochenende verwandeln würden.
»Moishe!« Von irgendwo hinten dröhnte eine Frauenstimme. Levi konnte nur einen auf und ab wippenden, grauhaarigen Dutt sehen, der sich hinter einem hohen Verkaufsregal näherte.
Auch ein asiatischer Mann kam aus dem Hinterzimmer des Ladens und steuerte schnurstracks auf den Ausgang zu. Er kam Levi nicht bekannt vor, war mit Sicherheit niemand, den er schon in Chinatown gesehen hatte. Aber nach der Kleidung und dem Auftreten zu urteilen, arbeitete der Mann höchstwahrscheinlich in Levis Branche.
Was keine Überraschung darstellte. Esther war nicht, was sie zu sein schien. Unter der großmütterlichen Fassade verbarg sich eine gewitzte Geschäftsfrau, die keine Hemmungen hatte, mit allem zu handeln, was ihr Profit einbrachte – auch mit Dingen, die man nicht unbedingt als legal bezeichnen konnte.
»Bubbale , du hättest deinen Bruder von hinten herrufen sollen. Ich mag keine so langen Schlangen.« Esther entschuldigte sich bei den Kunden für die Wartezeit und half ihrem Enkel, die Einkäufe abzuwickeln. Schon bald hatte sich die Schlange aufgelöst, und Esther kam auf Levi zu.
Er hob eine kleine Einkaufstüte an und lächelte. »Ich hab Geschenke dabei.«
Esther bedachte ihn mit einem argwöhnischen Blick, bevor sie in die Tüte spähte. »Oh, du Verführer. Von Entenmann, und diesmal bringst du mir die schwarz-weißen Kekse. Jetzt weiß ich mit Sicherheit , dass du was von mir willst.« Sie bedeutete ihm, ihr zu folgen, als sie wieder den Weg zum Hinterzimmer antrat.
»Warten Sie«, sagte Levi. »Etwas, das ich brauche, könnte hier vorn sein. Hoffe ich zumindest.«
Esther blieb stehen und sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. »Ach ja?« Sie kehrte zu ihm zurück, strich sein Jackett glatt und tätschelte seine Brust. »Also, was kann ich für dich tun, Jungchen?«
»Ich brauch auf die Schnelle ein Geburtstagsgeschenk für zwei Neunjährige.«
Esther bedachte ihn mit einem tadelnden Blick. »Du hast den Geburtstag der Zwillinge von Don Bianchi vergessen?«
»Nicht wirklich vergessen, nur ...«
»Pfff, lass die Ausreden.« Sie winkte mit einer Handbewegung ab. »Wie hoch ist das Budget?«
Levi zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Ich brauch was Schönes, und ... Haben Sie vielleicht irgendeine Idee?«
»Ich hab eben erst zwei Segway Drifts hereinbekommen, die ich noch nicht in die Regale gestellt hab. Ich denke, die würden großen Anklang finden, falls du sie willst. Helme sind auch dabei.«
»Ich weiß nicht mal, was das ist.«
»Du hast doch schon von ’nem Segway gehört, oder?«
»Sind das nicht diese Roller, auf denen man automatisch das Gleichgewicht hält, wenn man draufsteigt?«
In Esthers rundes, etwas faltiges Gesicht trat ein belustigter Ausdruck. »Jetzt stell dir Rollerskates mit derselben Technologie vor.«
»Wirklich? Klingt irgendwie cool. Und Sie haben zwei davon auf Lager?«
»Hab ich.« Esther schwenkte warnend einen stummeligen Finger vor ihm. »Aber glaub bloß nicht, du könntest mich mit Süßholzraspeln zu einem Sonderpreis bewegen. Die reißen mir die Leute nämlich auch so aus den Regalen.«
»Na schön, ich nehme sie beide.«
Als Esther den Weg zum hinteren Bereich des Ladens antrat, kam Ira herein, Moishes Bruder. »Ira, geh ins Lager und bring den Müll raus. Und wenn du schon dort bist, schnapp dir gleich die Drifts für Mr. Yoder und verpack sie als Geschenke. Sie sind noch im Regal mit den neuen Lieferungen.« Dann bedeutete sie Levi erneut, ihr zu folgen. »Ein Teil deines Zeugs ist zur Abholung bereit.«
»Meines Zeugs?« Levi zermarterte sich das Hirn, als er sich zu erinnern versuchte, was er bestellt haben könnte. Normalerweise bekam man bei Esther sowohl halb- als auch vollautomatische Waffen, Körperpanzerung und sogar Sprengstoffe, die in irgendeinem Militärdepot »abhanden« kamen. Die gesamte Standardausrüstung für seine Branche.
Sie gingen in den hinteren Bereich, vorbei an dem Enkel, der beide Arme mit den zwei Segway-Kartons voll hatte.
Esther führte Levi zu einem Tisch im hinteren Winkel des Lagerraums. Sie ließ sich davor auf einen Stuhl plumpsen und deutete auf einen weiteren neben ihr.
Levi nahm Platz. »Esther, können Sie mein Gedächtnis auffrischen, was ich bestellt hab? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich ...«
»Oh weh , glaubst du etwa, ich würde mir das ausdenken? Weißt du noch, dass du gesagt hast, ich soll mit Mr. Wu reden, deinem Schneider? Tja, er und ich haben ’ne Vereinbarung ausgehandelt, und da er deine Maße hatte, dachte ich mir, du könntest meine Testperson werden.« Sie beugte sich zur Seite, hob eine lange, flache Schachtel auf und legte sie auf den Tisch. Mit einer schwungvollen Bewegung öffnete sie den Deckel und enthüllte etwas, das wie eine exakte Kopie des Anzugs aussah, den Levi gerade trug.
Verwirrt zog Levi die Schachtel näher und fühlte das Material. Der Stoff erwies sich als etwas dicker, steifer, schwerer. Er würde nicht so fallen wie sein normaler Anzug.
»Ja nu , probier ihn an.«
Levi zog sein Jackett aus und schlüpfte in das neue. »Warum ist das Ding so schwer?«
Esther wischte seine Frage weg. Sie stand auf, fuhr mit den Händen über das Revers, trat einen Schritt zurück und legte den Kopf erst auf die eine, dann auf die andere Seite schief. »Sieht gut aus. Wie fühlt sich’s an?«
»Ehrlich?«
»Was ist das denn für ’ne Frage? Natürlich ehrlich!«
»Mein anderer Anzug ist bequemer. Der fühlt sich unnötig schwer und irgendwie steif an.«
»Was denn, erwartest du, dass papierdünner Leinenstoff eine Kugel oder ein Messer aufhalten kann?«
»Oh.« Levis Mund klappte auf.
»Das ist alles, was ich von dir kriege? Ein ›Oh‹? Ist zwar nicht so gut wie die Weste, die ich für dich hab anfertigen lassen, andererseits gibt’s auch nichts Besseres als sie. Aber du hast mich damals zum Nachdenken gebracht, und ich wollte mit einigen meiner Quellen was probieren. Du hast da drei Schichten an. Außen hast du die Wolle, die du kennst. Darunter eingewoben ist was Neues – eine Nanofaser, die leichter und stärker als Kevlar ist. Sollte ein Kaliber 45 aus nächster Nähe stoppen. Aber damit du dabei nicht so stark verletzt wirst, hat Mr. Wu ein Innenfutter aus scherverdickendem Fluid eingebaut ...«
»Scherverdickendem Fluid?«
»Ja. Das ist grundsätzlich nicht so neu, nichtnewtonsche Flüssigkeiten sind schon ewig bekannt, aber das Zeug ist wirklich gut. Je höher die Geschwindigkeit, mit der es getroffen wird, desto höher der Widerstand, den es leistet. Deshalb, mein liebes Jungchen, ist der Anzug ein bisschen schwerer. Ich glaube fast, das könnte ich sogar an die Normalos da draußen verkaufen.«
Levi lächelte Esther an. Äußerlich entsprach sie genau dem, was man sich unter einem jüdischen Großmütterchen mit einer Vorliebe für Süßes vorstellen würde. Darunter jedoch verbarg sich eine der sachkundigsten Personen, die er kannte, wenn es um Waffen und Panzerungen ging. Er zuckte mit den Schultern und bewegte die Arme vor und zurück. »Wissen Sie, da ich jetzt weiß, warum sich das Teil so anfühlt, glaub ich tatsächlich, ich könnte mich daran gewöhnen.«
Esther strahlte ihn an und zeigte auf die Schachtel. »Perfekt. Ich hab zwei Anzüge für dich, dazu noch einen durchgehend schwarzen Overall für Gelegenheiten, bei denen du dich nicht schick kleiden musst. Alles, worum ich dich bitte, ist, die Sachen zu benutzen und mir Bescheid zu geben, wie sie für dich funktionieren.«
»Sie meinen, ich soll Ihr Versuchskaninchen ...«
»Ach, lassen wir die Kaninchen aus dem Spiel. Du bist einfach einer meiner Lieblingsmenschen, und ich möchte, dass du sicher bist, das ist alles. Oh, und falls du angeschossen wirst, will ich unbedingt einen Blick auf den Anzug und alles andere werfen, was du trägst. Rein zu Forschungszwecken, versteht sich.«
Levi schmunzelte, als er das Jackett zusammenlegte und zurück in die Schachtel packte. Dann sah er auf die Armbanduhr und zuckte zusammen. »Ich muss allmählich los.«
Esther beugte sich näher und verfiel in verschwörerischen Flüsterton. »Weißt du, es geht mich nichts an, und es ist auch nicht meine Art, mich in die Politik deiner Branche einzumischen ...«
Damit meinte sie, dass sie keine Konflikte der verschiedenen Zweige des organisierten Verbrechens wollte, weil sie Kunden auf allen Seiten hatte.
»Aber mir liegt nun mal was an dir, mein Jungchen, und deshalb verrate ich dir was. Ich sehe derzeit Dinge, die mich nervös machen. Die japanische Yakuza wird allmählich ziemlich aufgebracht über die Triaden aus Hongkong, die wir hier haben. Und die Triaden-Mitglieder, die auch meine Kunden sind, fragen mich nach den Leuten, denen du nah stehst.«
Mit anderen Worten, nach den Italienern.
»Ich seh noch keine Reaktion von deiner Seite«, fuhr Esther fort, »aber die Chinesen rüsten auf. Dachte mir, das solltest du wissen. Sei vorsichtig.«
»Oh mein Gott, damit werden sich die Kinder umbringen«, zeterte Phyllis mit ihrer nasalen Stimme.
Vanessa und Michael hatten die Helme auf und unternahmen breit grinsend im Salon von Don Bianchi die ersten Versuche auf ihren neuen Segway Drifts. Sowohl Vinnie als auch seine Frau Phyllis beobachteten sie mit gequälten Mienen, während die Kinder lachten, wankten und allmählich den Bogen mit Levis Geschenken herausbekamen.
Frankie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und krümmte sich jedes Mal, wenn die Zwillinge mit den Armen ruderten.
»Und Kinder? Wie gefallen sie euch?«, fragte Levi.
Die Neunjährigen lehnten sich auf ihren neuen Skates vor und hielten direkt auf Levi zu. Sie brausten mitten in ihn hinein, und alle drei landeten lachend auf dem Boden.
»Na schön, das reicht dann jetzt«, rief Vinnie. »Nehmt die Dinger ab und bedankt euch bei Onkel Levi, damit wir essen können. Ich bin am Verhungern.«
Levi hopste auf die Beine und breitete die Arme für eine Umarmung aus. »Keine Bange. Ich beiße nicht. Aber manchmal belle ich.« Er stimmte ein kurzes, hohes Kläffen wie ein Chihuahua an.
Die Kinder verdrehten die Augen, herzten ihn und dankten ihm mehrfach für die Geschenke.
»Kommt jetzt, auf geht’s«, ergriff Vinnie das Wort, als das Hausmädchen an der Tür zum Salon erschien und verkündete, das Essen wäre fertig.
Vinnies Apartment nahm das gesamte oberste Stockwerk des Gebäudes in der Park Avenue ein. Levi erstaunte immer noch, wie weit es seine Freunde gebracht hatten. Vor nicht allzu langer Zeit waren sie alle harte junge Kerle auf der Straße gewesen. Zumindest hatte Vinnie immer den harten Kerl gemimt. Levi hatte sich meist eher in Situationen wiedergefunden, in denen er entscheiden musste, ob er seine Freunde verteidigen sollte oder nicht.
Was er immer getan hatte.
Phyllis stupste Levi auf dem Weg ins Esszimmer. »Sag mal, wo ist denn diese feste Freundin, von der ich gehört hab?«
Levi zog die Augenbrauen hoch. Vinnies Frau schien es sich zur persönlichen Lebensaufgabe gemacht zu haben, jemanden für ihn zu finden, während er ihre Vermittlungsversuche immer abwehrte. Das gehörte nicht zu den Dingen, die er andere für sich erledigen lassen wollte.
»Sie lebt in Washington, D. C.«
»Ach, komm schon. Du weißt, was ich meine. Ich will sie kennenlernen und ...«
»Phyllis«, fiel ihr Vinnie ins Wort, »lass den armen Kerl in Ruhe. Hältst du dich für ’ne Heiratsvermittlerin?«
»Ich halt doch nur die Augen für ihn offen«, rechtfertigte sie sich.
Vinnie legte Levi den Arm um die Schultern und zog ihn mit ins Esszimmer.
An dem riesigen Travertin-Tisch fanden mindestens 15 Personen Platz. Insgeheim fragte sich Levi, wie es Vinnie überhaupt gelungen war, das Ungetüm ins Gebäude zu bekommen. Ins Treppenhaus oder in den Aufzug passte es mit Sicherheit nicht. Ein Kran?
Frankie nahm seinen Platz in der Nähe des Kopfs des Tisches ein. Vinnie wies Levi den freien Platz zu seiner Linken zu und fragte: »Wer ist mit dem Tischgebet an der Reihe?«
Die Kinder zeigten aufeinander, und Phyllis schüttelte den Kopf. »Vanessa, du bist dran.«
Das niedliche blonde Mädchen streckte zwar schmollend die Unterlippe vor, neigte aber brav das Haupt. Alle anderen folgten ihrem Beispiel.
Mit klarer Stimme ergriff Vanessa das Wort. »Benedici Signore noi e il cibo che stiamo per mangiare. Benedici la nostra madre e il nostro padre, e tutta la nostra famiglia. «
Vinnie nickte anerkennend und verlagerte den Blick auf seinen Sohn. »Und Michael ...«
Der Junge faltete die Hände, neigte erneut den Kopf und räusperte sich. »Herr, segne uns und die Speisen, die wir essen. Segne unsere Mutter, unseren Vater und unsere gesamte Familie.«
Vanessa hob den Kopf, doch Michael fuhr mit seiner eigenen, erweiterten Version des Tischgebets fort.
»Wenn’s nicht zu viel Umstände macht, könntest du auch Cassie aus der Schule segnen, meine Lehrerin Mrs. Rodriguez und meine Katze Whiskers. Oh, und bitte auch Maria, Jennifer und Lou aus dem Zeichenunterricht ...«
Während das frühreife Kind weiter Namen und Dinge aufzählte, die in seinem Leben eine Rolle spielten, schaute Levi zu Vinnie und Phyllis. Er spürte den Stolz auf ihre Kinder, den sie empfanden. Der Eindruck vermittelte ihm selbst ein warmes Gefühl, zugleich jedoch regte sich Bedauern tief in seinem Innersten. Eigentlich hatte er immer selbst eine Familie gewollt. Wären die Dinge anders gelaufen und seine Frau nicht gestorben, hätte er inzwischen vielleicht Kinder, die etwas älter als die von Vinnie wären.
Dann jedoch dachte er an die Farm und die lächelnden Gesichter, die er dort zurückgelassen hatte. Prompt stahl sich ein Lächeln in sein eigenes Gesicht.
»Okay, Michael«, bremste Vinnie seinen Sohn schließlich. »Das war sehr schön.«
Levi wandte sich an Vanessa und Michael. »Habt ihr beide wunderbar gemacht.«
Michael lächelte und verkündete stolz: »Ich kann’s auch auf Italienisch. Willst du’s hören?«
Vinnie schwenkte freundlich verneinend den Finger. »Das kannst du Onkel Levi ein andermal zeigen.« Er wandte sich an Phyllis und klagte: »Ich werd verhungern, wenn wir nicht bald essen.«
Phyllis stand auf und hob den silbernen Deckel von dem großen, silbernen Serviertablett. Dampf kräuselte sich zur Decke, und das Aroma von Tomaten, Basilikum und etwas Gebratenem erfüllte den Raum.
Vinnie beugte sich vor, schnupperte theatralisch und stöhnte. »Auberginen mit Parmesan. Mein Leibgericht.«
Levi unterdrückte ein Lächeln, als er Michaels kindliche Züge beobachtete. Der Junge war eindeutig weniger begeistert.
»Zuerst die Gäste«, sagte Phyllis. Sie streckte die Hand aus, und Levi reichte ihr seinen Teller. Mit einem Spatel hob sie mehrere große Stücke wunderbar gebratener Auberginen darauf. Sie sah ihn an. »Mit Marinara-Soße?«
»Gern, danke.«
Sie schöpfte etwas von der dicken Marinara-Soße darüber, dann servierte sie gebutterte Linguini seitlich der gebratenen Auberginen und gab ihm den Teller zurück.
Levi atmete die herrlichen Gerüche ein. »Phyllis, das sieht fantastisch aus.«
Vinnie beugte sich zu Levi und flüsterte so laut, dass es alle am Tisch hören konnten. »Du glaubst doch nicht etwa, ich hätte sie nur wegen ihres guten Aussehens geheiratet, oder?«
»Vinnie!« Phyllis lächelte ihren Ehemann verlegen an und verlangte seinen Teller. Während sie ihn mit Essen belud, meinte sie zu den Kindern: »Findet ihr nicht, Onkel Levi wäre ein toller Vater?«
Levi starrte Phyllis mit großen Augen an, als die Kinder zustimmend nickten. Woher zum Teufel kam das denn?
Während Phyllis weiter die Teller füllte, lächelte sie jedes Mal, wenn sie ihn ansah.
Der Don lehnte sich erneut zu Levi und flüsterte: »Nach dem Dessert müssen wir beide uns über Kinder unterhalten.«
»Kinder?«
Vinnie zwinkerte und hob einen Finger an die Lippen.
Levi schaute zu Frankie. Der Sicherheitsleiter war plötzlich unheimlich damit beschäftigt, eine Falte in seinem Hemd glatt zu streichen.
Was ging hier vor sich?
Als alle einen vollen Teller hatten, zog Vanessa, die neben Levi saß und Messer und Gabel bereits in den Händen hielt, die Augenbrauen hoch und sah Levi an.
»Was ist?« Allmählich wurde Levi paranoid.
Sie beugte sich zu ihm. »Wir sind höflich und warten, dass du den ersten Bissen nimmst.« Sie senkte die Stimme und flüsterte eindringlich: »Du bist der Gast.«
»Oh, tut mir leid.« Levi lächelte und schob sich einen Bissen der gebratenen Auberginen in den Mund. Das Essen schmeckte köstlich. »Kompliment an die Köchin.« Er nickte Phyllis zu, die erfreut dreinschaute und begann, die Aubergine für Michael aufzuschneiden.
Alle machten sich über ihre Mahlzeit her. Frankie hatte den Mund halb voll Pasta, als er die Kinder ermutigte, von ihrem Tag in der Schule zu erzählen.
Levis Gedanken schweiften ab, als sie darin wetteiferten, wer lauter und schneller reden konnte.
Worauf um alles in der Welt hatten Vinnie und Phyllis angespielt? Und steckte Frankie mit drin? Levi aß schneller, als Frankies Worte in seinem Kopf abliefen.
Vinnie will mit dir über die Costanza-Sache und darüber reden, wo du gewesen bist.
Levi saß Frankie gegenüber auf einem gepolsterten Ohrensessel aus Leder vor dem Kamin im Salon des Dons. In seinen Gedanken zählte ein Countdown herunter. Das Leben eines fünfjährigen Mädchens stand auf dem Spiel. Und wenngleich für alle anderen das Leben weiterging, konnte er das zermürbende Ticken jenes Countdowns nicht abschütteln.
Noch zehn Tage.
»Wie läuft die Sache mit der japanischen Mafia?«, erkundigte sich Frankie. »Kommst du dabei voran?«
Die Frage erinnerte Levi daran, dass Vinnie und die Yakuza irgendeine Geschäftsvereinbarung getroffen hatten, die vermutlich von seinem Erfolg abhing. »Schleppend. Das gehört mit zu den Dingen, die ich mit Vinnie besprechen will, wenn er endlich aus dem Badezimmer kommt.«
Schließlich betrat Vinnie den Salon und ließ sich auf dem dritten um den Kamin angeordneten Sessel nieder. »Levi, tut mir leid wegen Phyllis. Sie ist mir total komisch gekommen, als ich ihr erzählt hab, dass du Kinder von der Straße rettest und bei deiner Mutter parkst.«
Ein Kribbeln durchzuckte Levi, als er seinen Freund mit offenem Mund anglotzte.
»Was denn? Hast du gedacht, ich wüsste nichts davon?« Vinnie schwenkte wegwerfend die Hand. »Levi, das solltest du echt besser wissen. Ich weiß alles, was um mich herum vor sich geht.«
»Und meine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass er’s weiß«, warf Frankie mit einem ironischen Lächeln ein.
Vinnie schüttelte den Kopf in Frankies Richtung. »Echt jetzt, brauchst du für jede Kleinigkeit Anerkennung?«
Die beiden lebenslangen Freunde sahen sich gegenseitig an und verdrehten beide die Augen.
Der Don fuhr fort. »Egal. Ich dachte mir, ist ja deine Sache, und du kannst tun, was du willst. Solange es nicht meinen Angelegenheiten in die Quere kommt. Wenn das passiert, müssen wir reden. Und das tun wir jetzt.«
»Die Costanza-Sache«, sagte Levi. Er verspürte einen Anflug von Schuldgefühlen beim Gedanken, dass ein anderer den Preis für etwas zahlen musste, das Levi verlangt hatte. »Was da passiert ist, tut mir leid. Ich hätte nicht gedacht, dass ...«
»Hör auf«, fiel ihm Vinnie ins Wort. »Ich bin nicht auf eine Entschuldigung aus. Ist passiert.«
»Und wird nicht noch mal vorkommen«, versprach Levi.
»Ich muss nur wissen, worum’s dabei geht. Was hast du mit diesen Kindern vor? Hab mir das ein bisschen genauer angesehen. Du gibst ein Vermögen dafür aus, den Kindern offizielle Papiere zu besorgen. Sie ins System einzugliedern. Deine Mutter adoptiert sie. Warum?«
Levi seufzte, als er an die Kinder dachte. Nicht in ihren derzeitigen Umständen, sondern in ihren früheren. Auf den Straßen. In ständiger Gefahr. Unschuldig. Oder zumindest verdienten sie es, unschuldig sein zu dürfen.
»Keine Ahnung, Vinnie. Während meiner Trauerphase nach Marys Tod hab ich die gottverlassensten Gegenden der Welt bereist. Solche Kinder hab ich überall gesehen. Kinder nicht älter als Vanessa, die auf den Straßen für irgendeinen Zuhälter arbeiten müssen. Eltern, die eins oder mehrere ihrer Kinder in die Sklaverei verkaufen, weil sie es sich nicht leisten können, sie durchzubringen. Diese Kinder wurden in Lebensumstände gestoßen, die kein Kind je erleiden sollte. Und ich hab damals nichts dagegen unternommen. Konnte ich nicht. Es waren einfach ... so viele.«
Sein Magen krampfte sich zusammen, als er daran dachte, was für eine Hölle auf Erden das Leben für jene Kinder war.
»Als ich dasselbe in meiner eigenen Stadt gesehen hab, da ... da hatte ich einfach das Gefühl, was tun zu müssen. Die Kinder, für die ich die Verantwortung übernehme, haben entweder gar keine Eltern oder solche, die sie an Abschaum verkauft haben, der sich angeblich um sie kümmert.« Bei dem Gedanken fühlte sich Levis Kehle wie zugeschnürt an.
Vinnie beugte sich näher und legte Levi eine Hand ins Genick, dann zog er ihn zu sich, bis sich ihre Stirnen berührten. »Mein Freund, du bist ein Engel in Teufelsgestalt. Wenn’s auf der Welt nur mehr Menschen wie dich gäbe. Kann ich irgendwas für die Kinder tun, die du bei deiner Mutter untergebracht hast? Brauchst du Hilfe? Du weißt schon, finanziell?«
Levi räusperte sich, lächelte und klopfte seinem alten Freund auf die Schulter. »Nein, ich hab’s im Griff. Und ich weiß, du hältst mich für verrückt, weil ich das mache. Es ist nur ...«
»He, ich versteh dich. Aber dir muss klar sein, dass es sogar hier bei uns zu viele sind.«
»Du kannst sie nicht alle retten«, fügte Frankie hinzu.
»Aber ich kann’s versuchen«, erwiderte Levi lächelnd.