Noch acht Tage verblieben, und Levis mentaler Countdown tickte lauter denn je zuvor. Er rückte die Baseballmütze zurecht und drückte dabei den versteckten Schalter, um sie auszuschalten. Dann betrat er Ma Kelly’s Bistro
, ein Lokal, das kein Mitglied der New Yorker Mafia, das etwas auf sich hielt, je aufsuchen würde. Es handelte sich um ein ehemaliges irisches Pub, umgebaut zu einem Laden für Gäste, die nicht interessierte, von welchem Tier das Fleisch stammte, das sie aßen. Eine schmuddelige Kaschemme, in der es nach abgestandenem Bier stank. Wenig überraschend erwies sich der Schuppen als nahezu menschenleer.
Ein großer, fassbrüstiger Mann erhob sich von einem der Tische. Obwohl Levi ihm noch nie begegnet war, wusste er auf Anhieb, dass es sich um seine Kontaktperson handelte. Dino Minelli.
»Mein Cousin Frankie sagt, wir sind alle Freunde«, meinte Dino.
Freundschaft hatte bei der Cosa Nostra eine besondere Bedeutung. Wurde man einem anderen Mitglied der Mafia vorgestellt, hieß es entweder mein
Freund. Das bedeutete, man hatte Verbindungen, aber niemand würde Geschäftliches vor einem besprechen. Oder es hieß unser
Freund. Das wiederum bedeutete, man war jemand im inneren Kreis,
jemand, der gegenseitigen Respekt genoss und dem man Geschäftliches anvertrauen konnte. Jemand, der den Eid abgelegt hatte.
Levi schüttelte dem großen Kerl die Hand. Der Mann überragte ihn gut und gern um sieben Zentimeter, obwohl er selbst 1,83 war. »Frankie ist ’n guter Mann.« Er deutete auf das schäbige Lokal. »Isst du hier?«
Dino grinste. »Soll das ein Scherz sein?« Er bedeutete Levi, ihm aus dem Restaurant zu folgen. Sie traten den Weg durch eine belebte Straße von Washington, D. C. an. »Ne, ich wollte nur sichergehen, dass niemand sieht, mit wem ich rede, und dass du keine Cops im Schlepptau hast. Ich bin mehr der Typ für Virginia Beach als für Washington selbst.«
Levi rückte die Mütze zurecht und schaltete sie wieder ein. Er spürte das Kribbeln kaum wahrnehmbarer Stromstöße, die von den Metallverstrebungen im Innenfutter der Mütze ausgingen, als sie ihren Selbsttest beim Starten durchlief.
Die beiden Männer plauderten über die Unterschiede zwischen Virginia und New York City und darüber, wie Dino in die Branche geraten war. Er zeigte sich überrascht von Levis Hintergrund.
»Verdammt, ich hab noch nie von jemandem gehört, der Vollmitglied und nicht zumindest teilweise Italiener ist.«
»Gut möglich, dass ich der Einzige bin«, meinte Levi. »Ich kenne Frankie und Don Bianchi schon, seit sie bessere Kinder waren. Und der frühere Boss, der Vater des neuen Dons, hat eine Ausnahme gemacht. Hab gehört, er musste sich an den Ausschuss wenden, um es offiziell durchzusetzen.«
»Verdammt.« Sie überquerten die Straße und betraten den Penrose Park, wo Dino auf eine der Bänke um den Spielplatz zusteuerte. »Du musst ja ziemlichen Eindruck hinterlassen haben, damit sich ein Boss für dich so weit aus dem Fenster gelehnt hat. Bin mir nicht sicher, ob das heutzutage noch irgendein Boss für jemanden tun würde.«
Sie setzten sich auf die Bank und schwiegen eine Weile, ließen die Geräusche des nahen Verkehrs, der Vögel in den Bäumen und den Geruch der wechselnden Jahreszeit auf sich wirken.
Levi spürte ein leichtes Kribbeln von einem der hinteren Metallfühler seiner Mütze. Jemand hinter ihm schaute in seine Richtung. Als er sich jedoch umdrehte, sah er nur den Halbkreis der Bäume, die den Park begrenzten. Dann hörte das elektrische Kribbeln auf.
Er legte die hohle Hand auf die den Bäumen zugewandte Seite und sagte: »Der frühere Don Bianchi war ein anständiger Mensch. Er hat daran geglaubt, loyale Menschen gut zu behandeln.«
Dino nickte. »Hab ich über ihn gehört. Also Frankie hat gesagt, Gino Fiorucci ist der Mann, mit dem du reden musst. Ich kenn den Kerl nicht persönlich. Er ist ein Externer, bringt gut Kohle, aber darüber hinaus weiß ich nicht wirklich viel über ihn. Ich hab mit seinem Freund geredet. Der sagt, er hat sich auf Schiffe spezialisiert. Hat Kontakte an den Docks, die dafür sorgen, dass Dinge verloren gehen. Du weißt schon, was ich meine.« Der füllige Mafioso drehte sich auf der Bank seitwärts Levi zu. »Was hat er mit dir zu schaffen?«
Kooperation mit Bundesbehörden war keineswegs beispiellos, allerdings kam sie in Mafiakreisen fast immer einem Todesurteil gleich. Das würde Levi irgendwie umschiffen müssen.
»Dino, mein Boss arbeitet gerade an einem Deal mit jemandem. Und sagen wir einfach, jemandes Enkeltochter wurde entführt. Dabei war ein schwarzer Suburban im Spiel. Ich hab die Info bekommen, dass der schwarze Suburban abgefackelt wurde. Einer meiner Leute hat mir einen Bericht beschafft, aus dem hervorgeht, dass an der Lenksäule ein Fingerabdruck gefunden wurde. Und der gehört zu einem gewissen Giancarlo Fiorucci. Deshalb muss ich mit ihm reden.
Der Wagen ist mir scheißegal. Mich interessiert nur das Kind.«
»Wie alt?«
»Das Kind? Fünf Jahre.«
Dinos Miene krampfte sich zusammen, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. »Meine kleine Donna ist unlängst fünf geworden.« Er schüttelte den Kopf und sah sich im verwaisten Park um. »Ich kann nicht zulassen, dass du ihn aufmischst oder so. Das steht nur uns zu. Ich muss mit dem Boss reden, bevor wir weitermachen können.«
»Es gibt ’ne Lösegeldforderung«, erwiderte Levi. »Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.« Acht Tage.
»Wann kannst du mit deinem Boss reden?«
Dino kramte aus der Anzugtasche einen kleinen Notizblock mit einem kurzen Bleistift in der Spiralbindung hervor. Er kritzelte etwas. »Ich rede heute Nachmittag mit ihm und geb dir Bescheid, was er sagt.« Er riss ein Blatt aus dem Notizblock und reichte es Levi.
Eine Adresse in Washington, D. C. stand darauf.
»Ein Freund von uns hat mir erzählt, dass Gino dort fast täglich zu Mittag isst. Liegt nicht wirklich in meinem Revier, aber da es in der Nähe ist, kannst du ja vielleicht zumindest die Augen offen halten. Dank dran, nicht anfassen. Er steht unter Schutz.«
Levi faltete den Zettel zusammen und verstaute ihn in der Tasche seines Jacketts. »Ich verstehe. Dino, ich weiß das sehr zu schätzen. Und sag deinem Boss, dass ich bloß ’nem Bauchgefühl nachgehe. Nur wenn es um ein Kind und eine Frist geht, kann ich nichts unversucht lassen. Verstehst du, was ich meine?«
Dino nickte, und sie schüttelten sich die Hände. »Ich ruf dich später an.«
Als Dino den Park verließ, liefen ein paar Kinder aus der Gegend an ihm vorbei und begannen, am Klettergerüst zu spielen.
Levi holte sein Smartphone heraus und durchsuchte das Internet nach Fotos von Giancarlo Fiorucci.
Er lächelte, als die Browser-Suche Bilder von Giancarlo »Gino« Fiorucci ausspuckte. Gino besaß einen dunklen, olivfarbenen Teint, schwarzes Haar, buschige Augenbrauen und eine lange Hakennase. Keine Schönheit. Und je länger Levi das Gesicht des Mannes betrachtete, desto mehr verspürte er das Verlangen, ihm wehzutun.
Er sah auf die Armbanduhr. Ihm blieb noch eine Stunde, um zum Restaurant zu fahren.
Mehr als genug Zeit.
Es war fast vier Uhr nachmittags. Levi observierte Gino seit vier Stunden. Er hatte ihn in einem Lokal namens Cafe Deluxe
entdeckt, etwas außerhalb einer Gegend von D. C., die man Foggy Bottom nannte. Viele Regierungstypen aßen dort. Als Levi eintrat und sich einen Platz an der Theke nahm, saß Gino allein an einem Tisch.
Nach dem Essen schlenderte Gino den Dupont Circle entlang, und ein Mann näherte sich ihm. Der Neuankömmling trug einen Anzug von der Stange, wie er typisch für die Klone im Außenministerium war. Vermutlich ein Lakai der mittleren Ebene.
Rasch holte Levi den Videostift hervor, den er von Denny hatte, und schaltete ihn ein.
Wer Levi beobachtete, würde einen Mann sehen, der ins Leere starrte. Und wer genauer hinschaute, würde bemerken, dass er mit einem Stift in seiner Hand herumspielte.
Levi drehte sich bewusst nach Osten, während er den Stift auf Gino und den Regierungsangestellten richtete. Ein Bild erschien flimmernd vor seinem rechten Auge. Er vergrößerte es, als er sich an einen Laternenmast lehnte. Es fühlte sich
noch etwas mulmig an, dass ein zusätzliches Bild überlagerte, was er sah. Ein wenig wie ein Head-up-Display, nur direkt auf dem Auge.
Er begann, aufzuzeichnen.
Die beiden Männer kannten sich eindeutig. Gino holte aus dem Jackett ein in Papier gewickeltes Päckchen der richtigen Größe für ein dickes Bündel Bargeld. Im Gegenzug erhielt er einen großen Umschlag.
Oh, das ist jetzt interessant.
Die zwei Männer schüttelten sich die Hand, dann marschierte Gino in östlicher Richtung davon, während der andere Kerl nach Norden ging, direkt an Levi vorbei.
Levi beendete die Aufnahme. Sein Handy vibrierte, als der Stift das Video darauf übertrug. Wenig später kündigte ein zweites Vibrieren an, dass die Übertragung abgeschlossen war. Levi steckte den Stift weg und überprüfte das stumme Video auf dem Display des Handys. Die Bildqualität erwies sich als hervorragend. Er spulte vor, bis der Unbekannte direkt in seine Richtung sah, und fertigte ein Standbild vom Gesicht des Mannes an.
Levi leitete es an Denny weiter und tippte: Kannst du ihn mir so schnell wie möglich identifizieren? Wahrscheinlich irgendein Bundesbeamter.
Denny antwortete prompt: Empfangen. Bin schon dran.
O’Connor beobachtete die Überwachungsaufnahmen von Levi Yoder, der durch die Straßen von Washington, D. C. ging. Die Bilder liefen auf dem Display einer kleinen Handkamera ab. Aufgenommen hatte sie ein Kronzeuge mit Verbindungen zur kalabrischen Mafia, die man als ’Ndrangheta kannte. Der drahtige Mann hatte sich in den vergangenen neun Monaten als produktive Quelle verwertbarer Daten erwiesen.
»Wer ist das bei ihm?«, fragte O’Connor.
»Das ist Dino Minelli.« Der Kronzeuge hatte einen starken italienischen Akzent. »Er ist ein Capo der Verbrecherfamilie Marino, die ihren Sitz in Virginia Beach hat.«
»Bisschen außerhalb seines Gebiets, oder?«
»Ja und nein. Den Großteil ihres Geschäfts machen Drogen und die Kontrolle von Gewerkschaften aus, überwiegend in ihrem Gebiet. Aber wie ich höre, expandieren sie gerade ein wenig. Politik ist ein einträgliches Geschäft.«
Der FBI-Agent beobachtete, wie sich Levi mit dem Mafioso neben einem Spielplatz in einem Park auf eine Bank setzte.
Fast sofort drehte er sich um und sah mit einem argwöhnischen Blick in die Kamera, die prompt von der Zielperson wegschwenkte.
»Tja«, meinte der Kronzeuge. »Dieser Yoder scheint Augen im Hinterkopf zu haben. Jedes Mal, wenn ich mich auf ihn konzentriere, wird er nervös und sieht sich nach mir um. Zum Glück bin ich ein flinker Bursche.«
O’Connor sah den drahtigen Mann eindringlich an und hob warnend einen Finger. »Seien Sie vorsichtig bei diesem Yoder. Er ist besonders gefährlich.«
Der Kronzeuge zuckte mit den Schultern. »Was soll ich tun?«
»Ich habe Ihnen ja den Namen des Hotels genannt, in dem er abgestiegen ist. Hängen Sie sich dort wieder an ihn dran. Halten Sie mich einfach auf dem Laufenden darüber, was er macht und wohin er geht.«
»Wird gemacht, Boss.«
Es war später Abend, als sich Levi mit Dino vor einer Bar in der West Great Neck Road in Virginia Beach traf. Dino zeigte auf einen anscheinend brandneuen, schwarzen Cadillac XTS. »Den restlichen Weg fahre ich«, verkündete er.
Levi stieg auf der Beifahrerseite des geräumigen Fahrzeugs ein, und sie fuhren den Shore Drive entlang, auf dem nur wenig Verkehr herrschte. »Also«, begann Levi. »Gibt’s irgendwas, das ich über Don Marino wissen sollte?«
Dino klopfte ungeduldig mit den Daumen auf das Lenkrad, während er an einer roten Ampel wartete. »Ne, er ist ziemlich altmodisch. Du musst nur wissen, was dein Rang ist. Respekt zeigen. Das war’s auch schon. Als ich mit ihm geredet hab, hat ihm irgendwas nicht gefallen, was er zu hören bekommen hat. Deshalb wollte er ein persönliches Treffen bei ihm zu Hause.«
Wenig später rollte Dino durch ein Sicherheitstor und folgte einer langen, gewundenen Zufahrt zu einem Haus auf einer Klippe mit Blick auf den Strand darunter. Das Gebäude erwies sich als riesig, mindestens 200 Quadratmeter, und es lag auf einem mehrere Hektar großen, hochpreisigen Küstengrundstück. An Geld fehlte es dem Mafiaboss offenbar nicht.
Mehrere Männer in Anzügen erwarteten sie, um sie zur Villa zu begleiten. Levi gab seine Waffen ab und wurde vor dem Betreten des Gebäudes gefilzt.
Zwei der Männer führten Dino und Levi in einen anderen Trakt, vorbei an einem großen Essbereich für locker 30 Personen und einem eleganten Klavierzimmer mit Blick aufs Meer. Schließlich betraten sie eine Bibliothek. Bücher füllten die Regale vom Boden bis zur viereinhalb Meter hohen Decke. Die höheren Fächer erreichte man über eine schienenmontierte Leiter auf Rädern.
Einer der Männer des Mafiabosses klopfte an eine angelehnte, schwere Eichenholztür, die aussah, als gehörte sie in eine mittelalterliche Burg.
Aus dem Raum dahinter drang eine raue Stimme. »Herein.«
Dino trat als Erster ein, gefolgt von Levi. Der Mitarbeiter des Bosses schloss die Tür hinter ihnen.
Don Marino erwies sich als korpulenter Mann, vermutlich
Mitte 60. Er war ungefähr so groß wie Levi, brachte aber wohl mindestens 50 Kilo mehr auf die Waage. Überraschenderweise stand es dem Mann gut zu Gesicht. Er hatte dicke Handgelenke und verkörperte ein Musterbeispiel für jemanden, den man zu Recht als grobknochig bezeichnen würde. Solche Gene bräuchte jemand, der professioneller Abwehrspieler in der NFL werden wollte ... oder Knochenbrecher.
Dino zeigte auf Levi. »Boss, das ist Levi Yoder. Er ist unser Freund, von dem ich vorhin erzählt habe.«
Levi nickte dem Boss zu. »Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Don Marino.«
Der Don deutete auf die vor seinem Schreibtisch aufgestellten Stühle. »Nehmt Platz, alle beide.«
Levi setzte sich auf einen kunstvoll geschnitzten Holzstuhl, der ihn an Möbel wie in einem Museum erinnerte.
»Also«, begann der Don. »Dino hat mir erzählt, Sie glauben, einer unserer externen Leute könnte in die Entführung eines kleinen Mädchens verwickelt sein.«
»Na ja, ich habe Insider-Informationen, dass die Fingerabdrücke des Manns, über den Dino mit Ihnen geredet hat, im ausgebrannten Wrack eines Autos gefunden wurden. Eines Autos, von dem wir ziemlich sicher sind, dass es für die Entführung benutzt wurde.«
Der Boss runzelte die Stirn. »Wessen Wagen ist es? Wissen Sie, ob es unserem Mann gehört hat?«
Levi schwieg einen Moment, als ihm klar wurde, dass er nicht wusste, wem das Fahrzeug gehört hatte. Das würde er bei nächster Gelegenheit beheben müssen. »Nein, Sir. Aber ich denke, das könnte ich herausfinden.«
»Tja, dann scheint es wohl so, als hätten Sie noch nicht alle Hausaufgaben erledigt. Ohne handfesten, überprüfbaren Grund kann ich Ihnen nicht erlauben, ihn zu befragen.«
Es schien der richtige Zeitpunkt zu sein, etwas
auszuspielen, das sich hoffentlich als Trumpf erweisen würde. Er zeigte auf sein Jackett. »Sir, haben Sie was dagegen, wenn ich Ihnen ein kurzes Überwachungsvideo von dem Mann zeige, von dem wir gerade reden? Ich hab es heute aufgenommen. Ich denke, Sie werden es interessant finden.«
Der Boss sah Dino mit schiefgelegtem Kopf an. »Weißt du davon?«
Dino schaute verwirrt drein und schüttelte den Kopf. »Nein, Boss. Von einem Video hab ich nichts gewusst.«
Der Boss lehnte sich vor, stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch und runzelte die Stirn. »Mr. Yoder, ich mag es nicht, wenn man meinen Leuten grundlos nachstellt.« Er deutete auf Levis Jackett. »Ich hoffe, es ist wichtig.«
Levis Herz hämmerte ein wenig lauter in der Brust, als er das Handy hervorholte, das Display entsperrte und das Video startete. Während die Bilder abliefen, lieferte er eine Erklärung.
»Ich wollte ein Gefühl dafür bekommen, wo er sich herumtreibt, was er macht, mit wem er sich trifft. Ich hatte auf das Glück gehofft, er würde das Versteck des entführten kleinen Mädchens aufsuchen. Aber er hat Washington nach dem Treffen mit dem Kerl im Video nie verlassen. Wie Sie sehen, händigt er dem Mann etwas aus, das nach einem Bargeldbündel aussieht, und bekommt dafür im Gegenzug einen Umschlag.«
Die Züge des Mafiabosses verfinsterten sich, und sein italienischer Akzent drang deutlicher durch. »Wer ist der andere?«
Zum Glück hatte Denny den Mann identifiziert. Levi wechselte zu einem anderen Bildschirm und rief ein Foto aus einer Personalakte des Außenministeriums auf. »Sein Name ist John Benson. Er arbeitet im Außenministerium im für Menschenhandel zuständigen Büro.«
Der Boss zeigte auf das Telefon. »Darf ich?«
Levi reichte es ihm. Der Mann benutzte die dicken Wurstfinger, um das Bild zu vergrößern. »Der Zusammenfassung können Sie entnehmen, dass er irgendein Manager und zuständig für dringende Visa und Reisepässe für Menschen in Not ist«, kommentierte Levi. »Die Abteilung befasst sich auch stark mit der Überwachung von Zwangsprostitution. Was mich beunruhigt, denn das entführte Mädchen ist gerade alt genug, um von diesen kranken Drecksäcken angelernt zu werden. Und natürlich ist sie auch noch blond, ein zusätzliches Plus für diese Perversen.«
Mit grimmiger Miene reichte der Don das Handy an Levi zurück. Er zeigte mit dem Finger auf ihn. »Solchem Dreck fassen meine Leute nicht an. So was mit Kindern zu machen, ist eine Sünde wider die Natur.« Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und atmete tief durch.
Levi hoffte, er würde nicht hinter dem Rücken dieser Leute handeln müssen. Er würde mit oder ohne die Erlaubnis des Dons tun, was getan werden musste. Nur wäre es mit seiner Erlaubnis erheblich weniger gefährlich für Levi.
Don Marino wandte sich an Dino. »Geh und nimm ein paar der Jungs mit. Unterhaltet euch mit unserem Mann. Holt die Wahrheit aus ihm raus. Und wenn er sich versündigt hat, dann sorg dafür, dass er Buße tut.« Er nickte Levi anerkennend zu. »War richtig von Ihnen, damit zu mir zu kommen. Ich habe mit Ihrem Don gesprochen. Er hat mir von Ihnen erzählt. Allmählich fange ich zu glauben an, was er gesagt hat. Ich gebe Ihnen die Erlaubnis, mit unserem Mann zu reden – unter Dinos Aufsicht.«
Levi senkte als Zeichen des Respekts das Haupt. »Danke, Don Marino. Ich finde heraus, was da abläuft.«
Der Don bedeutete beiden zu gehen. Kaum hatten sie das Büro des Mannes verlassen, klemmte sich Dino ans Telefon, um das Treffen zu arrangieren.
Es würde eine lange Nacht werden.
Levi betrat mit zwei Vollmitgliedern der Familie, die Dino hinzugerufen hatte, eine Bar. Gino saß an einem Tisch, an dem acht Personen Platz gehabt hätten. Aber er war allein und gestikulierte obszön in Richtung des an der Wand montierten Fernsehers.
Die drei setzten sich an den Tisch zu Gino, der sie anherrschte: »Was zum Geier soll das werden? Das ist mein Tisch ... Oh, entschuldige, Tony, hab dich nicht gleich erkannt.« Gino hatte das Augenmerk auf den Mafioso rechts von Levi gerichtet, den er offensichtlich kannte. »Was verschlägt dich denn in diesen Teil der Stadt? Soll ich dir was von der Karte bestellen? Lulu macht hervorragende Piccata.«
Tony schwenkte abweisend die Hand und sagte kein Wort. Ebenso wenig stellte er irgendjemanden vor, und Gino stand es nicht zu, Fragen zu stellen, obwohl er verstohlene Blicke auf Levi und den anderen Mann warf.
Das war der Unterschied zwischen einem vollwertigen Mitglied der Mafia und einem bloßen Verbündeten, einem Mobster. Ein Mobster mochte unter Normalsterblichen, die von seinen Beziehungen zur Mafia wussten, als große Nummer gelten. Vollmitglieder hingegen waren über alles und jeden erhaben. Und ein Mobster konnte einem Vollmitglied nicht mal eine Frage stellen, ohne schwere Vergeltung zu riskieren.
Und wenn Dino anwesend wäre ... Nun, Dino war ein Capo, jemand, der Vollmitglieder beaufsichtigte oder organisierte. Und einem Capo durfte ein Mobster nicht mal in die Augen sehen, ohne mit einem Schlag ins Gesicht rechnen zu müssen.
So funktionierte es in der Mafia. Es gab eine klare Hierarchie, und Levi kannte nichts anderes, seit er 18 Jahre alt war.
Im Fernsehen liefen Nachrichten über die Palästinenser und
die Israelis. Gino deutete hin. »Seht ihr die Scheiße? Diese israelischen Mistkerle glauben, das Land würde ihnen gehören. Aber das palästinensische Volk war schon lange vor ihnen dort. Die Israelis müssten mit mehr Raketen zugebombt werden, nicht mit weniger.«
Levi grinste. »Was weißt du denn über die Ecke der Welt?«
Gino wandte sich ihm zu. »Wie meinst du das?«
»Ich meine die Geschichte. Vor 1948, als Israel als Land geboren wurde.« Levi hatte das Privileg genossen, durch beide Teile Jerusalems zu schlendern, sowohl durch den von Palästinensern besetzten als auch den von Israelis besetzten. Er hatte die Überreste des zweiten Tempels besucht, die teilweise auf dessen Ruinen errichtete Moschee. »Wie kommst du darauf, dass die Palästinenser mehr Recht darauf hätten, dort zu sein, als die Juden?«
»Weil sie schon ewig dort gewesen sind, deshalb. Wieso glaubst du was anderes?«
»Wieso ich was anderes glaube? Wie wär’s mit dem Heiligen Koran, insbesondere Sure fünf, Verse 20 und 21?«
Gino bedachte Levi mit einem schiefen Blick. »Woher zum Teufel soll ich wissen, was im Koran steht?«
»Na ja, ich dachte mir, wenn du eine so starke Meinung zu dem Thema hast, bist du sicher gut darüber informiert, was im heiligen Buch des palästinensischen Volkes steht.«
»Na schön, Schlaumeier, und was steht drin?«
Vor seinem geistigen Auge sah Levi die arabische Schrift und zitierte beide Verse.
»wa-
ʾidh qāla mūsā li-qawmihī yā-qawmi dhkurū ni
ʿmata llāhi
ʿalaykum
ʾidh ja
ʿala fīkum
ʾanbiyā
ʾa wa-ja
ʿalakum mulūkan wa-
ʾātākum mā lam yu
ʾti
ʾaḥadan mina l-
ʿālamīn.
yā-qawmi dkhulū l-
ʾarḍa l-muqaddasata llatī kataba llāhu lakum wa-lā tartaddū
ʿalā
ʾadbārikum fa-tanqalibū khāsirīn.«
Alle drei Männer glotzten Levi mit offenem Mund an.
»Und was zum Henker heißt das?«, fragte Gino schließlich.
»In den beiden Versen geht’s um Moses, der zu seinem Volk spricht, den Juden. Er sagt: ›Oh mein Volk, besinnt euch auf Allahs Huld gegen euch, als Er aus eurer Mitte Propheten erweckte und euch zu Königen machte und euch gab, was Er keinem anderen auf der Welt gegeben hat. Oh mein Volk, betretet das heilige Land, das Allah für euch bestimmt hat, und kehret Ihm nicht den Rücken; denn dann werdet ihr als Verlorene umkehren.‹
Und deshalb«, fuhr Levi fort, »würde ich mich nicht wohl dabei fühlen, in der Frage Partei für eine Seite zu ergreifen – obwohl ich den Koran kenne, und obwohl ich weiß, wie kompliziert die Geschichte dieses Landes ist. Die beiden Völker müssen das unter sich ausmachen. Und wir sollten unsere uninformierten Nasen aus Dingen raushalten, die wir unmöglich verstehen können.«
Tony grinste über Ginos verblüfften Gesichtsausdruck. »Gino, gehen wir wohin, wo’s privater ist. Wir müssen reden.«
Alles Blut entwich aus Ginos Gesicht, als ihm klar wurde, dass es sich um keinen Freundschaftsbesuch handelte.