Noch sechs Tage. Je kleiner die Zahl wurde, desto größer wurde Levis Sorge über das bevorstehende Ablaufen der Frist. Die Dominosteine, die er in Position brachte, würden ihn hoffentlich direkt zu June Wilson führen, wenn es ihm gelänge zu verfolgen, wohin sie fielen.
Dennys Lieferung war pünktlich im Hotel eingetroffen. Den Großteil des Tags hatte Levi damit verbracht, Autos aufzuspüren und mit den Ortungsgeräten von Denny zu versehen. Als Nächstes stand O’Connors Wagen an. Es handelte sich um einen grauen Chevy Impala. Obwohl Levi ihn nur kurz gesehen hatte, war das Bild des Nummernschilds in sein Gedächtnis eingebrannt.
Die Schwierigkeit lag darin, in die Tiefgarage zu gelangen, in der das Fahrzeug parkte. Seine beste Chance sah er in der Zufahrt an der Third Street. Allerdings gab es an dem Eingang Sicherheitspersonal und physische Barrieren gegen ungenehmigten Zutritt.
Levi parkte am Straßenrand, nahm einen der Peilsender in die Hand und ging auf die Kabine des Sicherheitspersonals direkt an der Einfahrt der Garage zu. Er wusste noch nicht genau, was er sagen würde.
Ein Wagen rollte neben ihn. »Hallo, Yoder. Wollen Sie zu mir?«
Levi konnte sein Glück kaum fassen. O’Connor starrte ihn aus seinem grauen Impala durch das heruntergelassene Beifahrerfenster an.
Levi trat ans Fenster, beugte sich hinein und log, dass sich die Balken bogen. »Ich wollte Sie anrufen, bin aber aus irgendeinem Grund nicht durchgekommen.«
Der FBI-Agent bedeutete ihm, einzusteigen. »Reden wir besser nicht auf der Straße.«
Levi stieg ein. Zwischen dem Schließen der Tür und dem Anlegen des Sicherheitsgurts gelang es ihm, den magnetischen Peilsender unter seinem Sitz zu platzieren.
»Also, wie sieht’s aus?«, erkundigte sich O’Connor, als er sich in den Verkehr einreihte und um den Block fuhr.
»Ich hab ein Treffen eines meiner Verdächtigen mit jemandem beobachtet, der im Außenministerium arbeitet. Dabei wurden Dokumente und Bargeld ausgetauscht. Aber das ist bisher alles, was ich darüber weiß.«
O’Connor verlangsamte die Fahrt auf Schneckentempo. Die Fahrzeuge hinter ihm hupten. Er drehte sich auf dem Sitz zu Levi herum. »Haben Sie Fotos von dieser Person aus dem Außenministerium?«
»Ja. Ich schicke sie Ihnen heute Abend. Bis dahin muss ich noch ein paar Dingen nachgehen. Dachte mir nur, Sie sollten’s wissen.«
Der Wagen beendete die Fahrt um den Block, und O’Connor hielt an, um Levi aussteigen zu lassen.
Bevor Levi die Tür schloss, bückte er sich und sagte: »Und lassen Sie Ihr Handy reparieren. Extra hierher zu kommen, hatte ich heute eigentlich nicht auf der Erledigungsliste.«
»Scheiße«, murmelte Levi, als er zum Eingang des Stützpunkts Quantico des US Marine Corps starrte. Er sah keinen Weg
hinein. Levi war dem Mann vom Außenministerium gefolgt und skeptisch geworden, als sich abzeichnete, dass er wohl zum FBI-Labor wollte. Und damit Levi ins FBI-Labor konnte, musste er es durch das Tor schaffen.
Er fuhr zum Haupteingang. Prompt kam ein Marine aus dem Wachhäuschen.
Levi ließ das Fenster runter. »Entschuldigen Sie, Corporal. Ich muss zu jemandem, der im FBI-Labor arbeitet.«
»Verstehe, Sir. Kann ich einen Ausweis und den Namen der Person haben, die für Sie bürgt? Die Person muss Sie angekündigt haben, bevor ich Sie reinlassen kann.«
»Ich muss angekündigt sein?«
»Ja, Sir. So sind die Vorschriften.«
Levi zeigte auf den Platz zum Wenden. »Wenn das so ist, bin ich gleich wieder da. Ich rufe nur schnell an.«
Der Marine deutete nach rechts, und Levi wendete. Er kannte jemanden, der im Labor arbeitete und den er prompt anrief.
Leider landete er in der Mailbox. »Hier spricht Nick Anspach. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht mit Ihrer Fallnummer und der Telefonnummer, unter der Sie zu erreichen sind, dann melde ich mich so bald wie möglich.«
»Verdammt.« Levi legte auf und wählte eine andere Nummer. Fast sofort dröhnte O’Connors Stimme aus dem Lautsprecher des Wagens. »Ja.«
»Hi, hier Levi Yoder. Was würden Sie dazu sagen, wenn ich der Meinung wäre, ich könnte Ihnen in den nächsten zwei bis drei Tagen Antworten dazu liefern, wer für die Entführung verantwortlich ist?«
In O’Connors Stimme schlich sich ein lebhafter Ton. »Sie nehmen mich auf den Arm, oder?«
»Nein. Ich glaub, ich hab eine handfeste Spur. Aber ich brauche einen Gefallen. Sonst könnte sie sich in Luft auflösen.«
»Was für einen Gefallen?«
»Sie müssen beim Tor am Stützpunkt Quantico anrufen, damit ich reingelassen werde. Ich schwöre Ihnen, es wird niemand verletzt und nichts beschädigt. Ich will mich nur schnell umsehen und bin in ungefähr einer halben Stunde wieder weg. Völlig harmlos. Aber es könnte ein Durchbruch bei meinen Ermittlungen sein.«
Fünf Sekunden lang herrschte Stille in der Leitung, bevor O’Connor antwortete. »Na schön. Ich rufe sofort an. Könnte aber fünf bis zehn Minuten dauern, bis die Meldung am Tor ankommt. Bauen Sie bloß keinen Scheiß. Sonst sorge ich dafür, dass Sie sich wünschen, nie geboren worden zu sein.«
»Danke, O’Connor. Ich schulde Ihnen was.«
Levi nickte dem Marine zu, als er ihn durchwinkte. Langsam trat er aufs Gas und folgte der Beschilderung. Sie führte ihn zu einem der Parkplätze neben dem großen, dreigeschossigen Gebäude, das die Labors des FBI für modernste kriminaltechnische Analysen beherbergte.
Er sah sich um, hielt Ausschau nach dem Cadillac CTS, dem Dienstwagen des korrupten Beamten aus dem Außenministerium. Schien ein ziemlich nobles Fahrzeug für eine kleine Nummer bei der Behörde zu sein, aber Levi hatte schon Verrückteres erlebt. Auf dem Parkplatz standen Hunderte Autos. Langsam fuhr er eine Reihe nach der anderen ab. Dann bremste er jäh ab, als er einen schwarzen Buick LaCrosse passierte.
Das Nummernschild entsprach einem der Kennzeichen, die Denny ihm geschickt hatte. Anspach.
Levi setzte in eine freie Parklücke zurück, schnappte sich einen der Peilsender aus dem Versandpaket, stieg aus und marschierte in Richtung des Buick los. Als er das Fahrzeug erreichte, kniete er sich hin und tat so, als schnürte er sich den
Schuh zu. Beim Aufstehen brachte er den magnetischen Peilsender unter dem Fond des Wagens an.
Levi wusste, dass Anspach wahrscheinlich mit nichts etwas zu tun hatte. Aber für alle Fälle hatte er Denny die Namen sämtlicher Personen geschickt, die in irgendeiner Weise mit dem Fall in Verbindung standen. Die Leute, die für die die Tatortanalyse verantwortlich zeichneten. Die Leute, die man geschickt hatte, um die Wohnung zu untersuchen. Alle, die auch nur im Entferntesten mit June oder Helen Wilson zu tun hatten. Sogar bei der Kindertagesstätte war Levi gewesen, um die Autos der Direktorin und der Lehrerin mit Peilsendern zu versehen.
Er stieg wieder in seinen eigenen Wagen und fuhr weiter den Parkplatz ab, suchte nach dem Cadillac. Dann sichtete er Anspach, der einen Weg quer durch die grüne Landschaft um das Laborgebäude entlangging.
Als der Kriminaltechniker in seinen Wagen stieg und davonfuhr, zog Levi den Kopf ein, um nicht bemerkt zu werden.
Levi suchte den gesamten Parkplatz ab, ohne den roten Cadillac zu finden. Erst auf einem zweiten Parkplatz wurde er fündig und brachte einen Peilsender an seinem Zielobjekt an.
Wenig später winkte er dem Marine an der Zufahrt zu, als er den Stützpunkt Quantico wieder verließ.
Sein Handy vibrierte. Er drückte eine Taste am Lenkrad. Dinos Stimme drang aus den Lautsprechern.
»Hi. Ich hab, wonach du gesucht hast.«
Levi hatte Dino gebeten, den Umschlag aufzutreiben, den der Mitarbeiter des Außenministeriums dem mittlerweile toten Gino zugesteckt hatte.
»Tu mir ’nen Gefallen und bewahr das Ding gut auf. Ich könnte es schon bald brauchen.«
»Klar, kein Problem. Der Boss ist echt zufrieden mit deiner Arbeit. Wir sollten reden.«
»Machen wir, vielleicht schon bald. Wenn ich die Kleine gefunden hab.«
»Tu das. Und denk dran, wenn du was brauchst, können ich und ein paar Jungs dir mit ein bisschen Nachdruck aushelfen.«
»Danke, ist gut zu wissen. Bis dann.«
»Ciao.«
Als Levi in nördlicher Richtung auf die I-95 auffuhr, wählte er Yoshis Nummer.
»Hallo?«
»Yoshi, wo sind Sie?«
»Unterwegs nach Old Alexandria, um für meinen Bruder jemanden zu treffen.«
»Ist das dringend, oder können Sie etwas Zeit abzweigen? Ich würd mich gern kurz unterhalten, aber nicht am Telefon.« Levi trat aufs Gaspedal und reihte den Mietwagen vorsichtig in den Verkehr nach Norden ein.
»Glaube nicht, dass es so dringend ist. Hab bloß eine E-Mail von Ryuki gekriegt, in der er mich bittet, mich um vier mit jemanden an der Ecke Prince und Strand zu treffen.«
Levi hatte sich Straßenpläne von Washington, D. C. angesehen und rief sich die Kreuzung ins Gedächtnis, die ihm Google Maps vor Monaten gezeigt hatte. »Ganz in der Nähe von dort ist ein Restaurant namens Chadwick’s
, und direkt gegenüber gibt’s einen Parkplatz. Treffen wir uns dort. Sollte nicht lange dauern.«
»Okay. Ich stecke hier ein wenig im Stau, also werden Sie wahrscheinlich vor mir dort sein.«
»Ich bin in 20 Minuten da.«
Levi legte auf und knirschte frustriert mit den Zähnen. Yoshi wusste vielleicht mehr, als er glaubte – wenn Levi nur schon früher daran gedacht hätte, ihn zu fragen.
Er blickte in den Innenspiegel, sah weit und breit keine Polizei und drückte auf die Tube.
Levi und Yoshi gingen die Strand Street entlang. Irgendwo aus der Ferne drangen die Klänge von Dudelsäcken zu ihnen.
»Was hat’s mit den Dudelsäcken auf sich?«
»Weiß nicht genau«, antwortete Yoshi. »Auf dem Weg hierher musste ich irgendeiner merkwürdigen schottischen Parade ausweichen. Um die 100 Kerle, alle mit Kilt und Dudelsack. Anscheinend irgendeine Weihnachtstradition. Aber egal – Sie wollten reden.«
»War außer im Zusammenhang mit der Entführung jemand vom FBI bei Helen? Soweit ich weiß, haben Sie ja im Blick, wer kommt und geht.«
Yoshi zuckte mit den Schultern. »Sicher, jede Menge. Ich weiß noch, dass sie eine Party für June veranstaltet und viele ihrer Kollegen dazu eingeladen hat. Die meisten mit Kindern in Junes Alter, ein paar aber auch ohne Kinder.« Er presste die Lippen zusammen. »Eigentlich kann ich mich nicht genau erinnern, wer die Leute waren. Die meisten hab ich nicht gekannt. Und es war vor Monaten. Was es davon an Aufzeichnungen gegeben hat, ist inzwischen längst überschrieben.«
Der Lärm der Dudelsäcke war stetig lauter geworden. Als sie in die Prince Street bogen, wurde er beinah ohrenbetäubend.
Levi spürte, wie einer der Metallfortsätze seiner Mütze kribbelte – diesmal konstant, nicht flüchtig. Er spähte die Prince Street in die entsprechende Richtung entlang und versuchte, den Verursacher ausfindig zu machen.
Unmittelbar rechts der Kreuzung der South Union Street stand ein altes, viergeschossiges Gebäude. Etwas an einem Fenster im vierten Stock reflektierte funkelnd das Licht.
Levi sichtete einen Mündungsblitz und hechtete zu Yoshi. Dann spürte er einen sengenden Schmerz im Arm. Er packte
Yoshi am Hemdkragen und am Gürtel und hievte ihn hinter die Ecke eines Fahrradladens, wo er ausgestreckt auf dem Boden landete. Levi spürte einen weiteren Treffer im Rücken.
Mit einem gequälten Stöhnen stolperte er, fiel auf ein Knie und nahm einen heftigen Einschlag links der Brust wahr.
Und während all dem setzte die Weihnachtsparade der Dudelsackspieler ihren Marsch an ihnen vorbei fort.