Kapitel Vierzehn
Levi stieß Yoshi beinah um, als er in Sicherheit flüchtete.
»Levi! Was zum Teufel soll das?«, brüllte Yoshi, als er sich Dreck aus dem Gesicht wischte.
Levi zuckte zusammen, als er die eigene Schulter abtastete und überprüfte, ob etwas gebrochen war. Sein Arm pochte vor Schmerzen, als er einen Finger in das Loch in seinem Anzug schob. Etwas rutschte durch den Ärmel des Jacketts nach unten, und ein Projektil fiel auf den Bürgersteig.
»Heilige Scheiße.« Yoshi rappelte sich auf die Beine und schaute von der Kugel zu Levi auf. »Sie sind angeschossen worden?«
Levi bewegte den Arm hin und her. Fühlte sich nicht gebrochen an, allerdings kribbelten die Finger der rechten Hand. Vermutlich durch die Erschütterung von den Treffern.
Irgendwo in der Ferne heulte eine Sirene. Rauchgeruch breitete sich durch die Luft aus. Levi spähte um die Ecke des Fahrradladens und sah Flammen, die vom Dach des Gebäudes züngelten, in dem er das Mündungsfeuer gesehen hatte.
»Levi? Sie haben da ein Einschussloch am Rücken. Ich rufe ...«
»Mir geht’s gut.« Levi drehte sich Yoshi zu und schüttelte den Kopf. »Ich trage Körperpanzerung.«
»Trotzdem muss es ... Ich meine, Ihr Arm kann doch nicht gepanzert sein, oder? Ich kapier das nicht. Wie können Sie überhaupt noch aufrecht stehen?«
Levi ignorierte die Frage. Er beobachtete, wie die Menschenmenge vom Brand zurückwich, als Feuerwehrautos am Schauplatz eintrafen. Wer immer geschossen hatte, musste das Feuer als Ablenkung gelegt haben und war vermutlich bereits aus der Gegend geflüchtet. Plötzlich wirbelte er zu Yoshi herum. »Woher wissen Sie, dass Ihr Bruder Sie hierher geschickt hat?«, fragte er. »Haben Sie mit ihm telefoniert?«
Yoshi schüttelte den Kopf. »Nein, er sitzt gerade im Flugzeug nach Tokio.«
»Wie kann er Ihnen dann eine E-Mail geschickt haben?«
Mit zweifelndem Blick erwiderte Yoshi: »Keine Ahnung. Ich hab selbst schon WLAN im Flugzeug benutzt, also dachte ich ... Worauf wollen Sie hinaus? Glauben Sie, das war eine Falle? Von jemandem, der Ryukis E-Mail-Adresse gefälscht hat?«
Levi hob das Projektil vom Boden auf und ließ es auf der Handfläche hüpfen. Jedenfalls konnte nicht er das beabsichtigte Ziel gewesen sein – der Schütze konnte nicht wissen, dass Levi hier aufkreuzen würde. Somit musste es sich so gut wie sicher um einen Hinterhalt für Yoshi gehandelt haben. Aber warum?
Er hob den Arm, um seine Mütze zurechtzurücken. Durch den Arm pulsierten im Takt seines Herzschlags dumpfe Schmerzen. Dann schob er Yoshi in die Richtung des Parkplatzes zurück, von dem sie gekommen waren. »Ja, genau das glaube ich. Man hat Sie in die Falle gelockt. Nur hab ich nicht den leisesten Schimmer, warum.«
Levi zuckte zusammen, als er seine Weste auszog. Eines der noch im Futter verfangenen Projektile fiel klirrend auf den Waschtisch im Badezimmer. Levi betrachtete das Geschoss im Licht und sichtete die sägezahnförmigen Schleifspuren an der geplätteten Patrone.
Er ließ die Sekunden des Ereignisses im Kopf ablaufen. Trotz des Lärms der nur sechs Meter entfernten Dudelsackparade hätte er damit gerechnet, den Knall des Schusses zu hören. Sogar mit Schalldämpfer hätte das Abfeuern des Geschosses ein Geräusch verursacht.
Es sei denn, es hatte sich um Unterschallmunition gehandelt.
Ein Unterschallgeschoss wäre immer noch tödlich genug gewesen, aber mit einem Schalldämpfer und der Dudelsackparade hätte niemand auch nur das Geringste gehört.
Wahrscheinlich hatte man Yoshi aus dem Grund zu genau dieser Zeit an genau diesen Ort bestellt.
Brillant.
Levi drehte die Überreste des Projektils in den Händen. Er war so gut wie sicher, dass es von Hand abgefeilt worden war, um maximalen Schaden anzurichten. Da der Schuss aus etwa 150 Metern Entfernung abgegeben wurde, musste der Drall des Laufs speziell angepasst worden sein, um das Unterschallgeschosses zu stabilisieren.
Levi zog das T-Shirt aus und sah, dass sich sein rechter Arm von der Schulter fast bis zum Ellbogen dunkelblau verfärbt hatte. Aber das Kribbeln in den Fingern hatte nachgelassen. Er war dankbar, dass die Kugel nicht mehr Schaden angerichtet hatte. »Esther, ich steh tief in Ihrer Schuld für den Anzug. Bin Ihnen echt dankbar.«
Er drehte sich mit dem Rücken zum Spiegel und erblickte einen leichten Bluterguss von den Treffern am Oberkörper. Einen spürte er auch, wenn er tief einatmete – wahrscheinlich eine geprellte Rippe –, den anderen hingegen gar nicht. Nicht zum ersten Mal hatte ihm Körperpanzerung von Esther die Haut gerettet.
Sein Telefon klingelte auf dem Nachttisch. Er lief hin, ging ran und hielt sich das Handy ans Ohr. »Was gibt’s?«
»Levi «, drang Dennys Stimme knisternd über die schlechte Verbindung. »Ich hab Neuigkeiten über deine Wanzen. Sind alle von der Regierung.«
»Welcher Regierung? Unserer?«
»Ja. Und ich hatte Glück. Eine davon war aus einer Charge von Geräten, die ich aus ’nem anderen Grund aufspüren musste. Zumindest eines dieser fiesen Dinger ist vom FBI eingekauft worden. Wahrscheinlich ist’s bei den anderen genauso, aber das kann ich noch nicht bestätigen. Nur so, wie sie aussehen, würde ich auf eine Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent tippen.«
Helen Wilson arbeitete beim FBI. Warum sollte die Behörde die Wohnung einer eigenen Mitarbeiterin verwanzen?
»Denny, danke für die Info...«
»Warte, ich hab noch mehr. Die Abdrücke, die du mir aus der Wohnung der Mutter geschickt hast: Einer davon hat was ergeben – der, den du mit ›Kaffeetisch‹ beschriftet hast. Gehört jemandem vom FBI, einem Kerl namens Nicholas Anspach.«
Levi wäre das Telefon beinah aus der Hand gefallen. Was um alles in der Welt hatte Anspach mit Helen Wilson zu tun?
Seine Gedanken kehrten blitzartig zurück zu dem Tag, an dem er den Kriminaltechniker kennengelernt hatte. Das platinblonde Haar, die Brandnarben im Gesicht, die fehlenden Teile am kleinen Finger und am Ringfinger. Sein geistiges Auge sah die Fotos an der Wand im Büro des Mannes durch – Fotos von Partys und Menschen. Er konzentrierte sich auf die Einzelheiten, obwohl er die Bilder nur das eine Mal gesehen hatte.
Ja. Auf einem der Fotos war definitiv Helen Wilson. Nein, auf mehr als einem.
»Heilige Scheiße!«
»Levi? Alles in Ordnung?«
»Denny, wie schnell kannst du mir alles rausfinden, was es über Nick Anspach zu wissen gibt?«
»Ich kann nicht direkt auf deren Personalakten zugreifen. Dafür hab ich Kontakte. Lass mich ein paar Leute anrufen. Ist schon spät, wahrscheinlich erreiche ich vor morgen früh niemanden, aber ich werd mal sehen, was ich machen kann.«
»Tu alles, was du kannst. Wenn Geld hilft, lass ich mir dazu was einfallen. Irgendwie komm ich dafür auf.«
»Ich werd tun, was ich kann. Aber eigentlich hatte ich dir noch mehr zu erzählen. Falls du’s noch hören willst.«
»Klar. Schieß los.«
»Ich hab dir eine App aufs Handy geschickt. Damit kriegst du eine Kartenansicht davon, wo deine ganzen Peilsender sind. Ich seh mir die App gerade an. Leider haben die Geräte kein vernünftiges Beschriftungssystem. Wenn du die App aufrufst, siehst du nur Punkte mit zugeordneten Nummern. Die Nummern geben die Reihenfolge an, in der die Sender online gegangen sind.«
»Was bestimmt, wann die Dinger online gehen?«
»Sobald der Magnet an etwas angebracht wird, geht der Sender online. Die Beschriftung entspricht also der Reihenfolge, in der du sie an den Autos platziert hast. Das erste Gerät ist am ersten Wagen, das zweite am zweiten und so weiter.«
Levi ging in Gedanken die Autos durch, denen er Peilsender untergejubelt hatte. »13. Anspachs Auto ist Nummer 13.«
Er schaltete das Handy auf Lautsprecher, sichtete auf dem Startbildschirm die neue App und tippte darauf.
Es dauerte einige Sekunden, bis sie startete, dann einige weitere, um eine Karte der Umgebung aufzubauen. Schließlich erschienen die Punkte auf dem Bildschirm, jeder mit einer winzigen Zahl daneben. Zwei bewegten sich, der Rest stand still. Nummer 13 befand sich etwas außerhalb von Arlington, Virginia.
»Okay, ich seh ihn. Gibt’s auch eine Möglichkeit, zu überprüfen, wo die Autos gewesen sind?«
»Sicher. Siehst du die Sanduhr unten rechts auf der Anzeige? Halt einfach den Finger drauf und zieh die Sanduhr nach links. Dadurch kannst du in der Zeit so weit zurückgehen, bis das erste Auto online gegangen ist.«
Levi versuchte es, und die Punkte bewegten sich herum. Oben an der Karte erschien eine Uhr, die anzeigte, wie weit er zurückging. Er zog Nummer 13 von Arlington bis zurück nach Quantico, dann ließ er den Verlauf von dort weg abspielen.
»Das ist vorerst alles, was ich hab. Jetzt werd ich mal sehen, was ich tun kann, um Infos über diesen Typen zu finden. Wenn er beim Militär war, kenn ich an der Westküste jemanden, der vielleicht Unterlagen für mich ausgraben kann.«
»Ihm fehlen Teile der rechten Hand, und er hat eine mächtige Narbe im Gesicht, die aussieht, als könnte sie von einer Phosphorverbrennung stammen. Vielleicht Kampfmittelbeseitiger beim Militär oder ehemaliger Bulle, wahrscheinlich Bombentechniker.«
»Ich melde mich, sobald ich was habe.« Damit legte Denny auf.
Levi beobachtete weiter den Verlauf der Anzeige der Ortungs-App.
Anspachs Wagen fuhr auf der I-95 in nördlicher Richtung. Levis Gesicht wurde warm vor Zorn, als er sah, dass er die Ausfahrt 177 nach Alexandria nahm. Und kurz nach vier Uhr nachmittags rollte Anspach auf der US 1 Richtung Norden.
»Er war der Schütze«, murmelte Levi. »Darauf würd ich alles wetten.«
Aber wo war die Verbindung zu Yoshi? Warum sollte er ihn in eine Falle locken?
Levi scrollte weiter zur aktuellen Zeit. Der Wagen fuhr nach Arlington und blieb stehen. Er vergrößerte die Karte so weit, wie es die App zuließ.
Der Wagen parkte ausgerechnet vor einer Safeway-Filiale. Wahrscheinlich kaufte sich der Kerl nach seinem Mordversuch ein Steak zum Abendessen.
Vermutlich hält er es für mehr als einen Versuch , dachte Levi. Er hat mich stolpern gesehen. So, wie die Projektile verformt waren, wären sie tödlich gewesen, vor allem dort, wo er mich getroffen hat.
Anspach hält mich für tot.
Levi schickte eine kurze Nachricht an Dino.
Sein Magen knurrte ungeduldig. Es war fast Mitternacht, und er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt gegessen hatte. Levi spielte mit dem Gedanken, den Zimmerservice anzurufen, entschied sich jedoch dagegen. Schlaf brauchte er dringender. Also legte er sich ins Bett und versuchte, sowohl seinen Hunger als auch seinen Drang zu ignorieren, irreparable Schäden an Anspach zu verursachen.
Beides würde warten müssen.
Levis innerer Wecker erinnerte ihn daran, dass ihm nur noch fünf Tage blieben, als er die Augen schloss. Er war überzeugt davon, dass ihm der nächste Tag etliche Antworten bescheren würde.
Ketten rasselten an der Tür am oberen Ende der Leiter. June rührte sich in der Dunkelheit und wimmerte, als ein Teil der Weste an ihrem Genick rieb. Das tat genauso weh wie damals, als sie einen Sonnenbrand hatte.
Das Knarren der Tür und das Poltern der schweren Schritte die Sprossen herunter kündigten die Ankunft des Roboters an. Oder des Mannes, der wie ein Roboter klang.
June war sich ziemlich sicher, dass es keine Robotermenschen gab. Obwohl sie mal einen in einer alten Fernsehserie gesehen hatte, die Mama einen Klassiker nannte, was immer das bedeuten mochte. Etwas namens Verschollen zwischen fremden Welten . June glaubte nicht, dass Robby, der Roboter, die Leiter herunterklettern könnte. Seine Füße waren zu groß.
»Ich habe dein Essen und deine Milch dabei.« Der Roboter sprach mit der üblichen metallischen Stimme.
»Danke, Mr. Roboter. Kann ich jetzt bald meine Mama sehen?« June kämpfte mit Tränen. Dabei hatte sie sich fest vorgenommen, nicht mehr zu weinen.
»Bald.«
Sie hörte, wie er in der Dunkelheit hantierte, sehen konnte sie jedoch nur das winzige rote Licht an der Weste.
»Mr. Roboter, können Sie machen, dass die Weste aufhört, in meinem Genick zu reiben? Das tut richtig doll weh. Ich kann nicht schlafen, wenn’s wehtut.«
»Halt still.« June spürte ein leichtes Ziehen hinten an der Weste und eine Hand, die auf ihre Wange drückte. Die Hand eines Mannes, keines Roboters. Aber sie roch komisch – wie Mama, wenn sie Schießübungen gemacht hatte. Genauso roch sie.
Der Robotermann ließ sie los und sagte: »Ich bin gleich wieder da.«
Sprossen knarrten, die Tür öffnete und schloss sich. Fast sofort öffnete sie sich erneut.
Polter ... polter ... polter ... Die schweren Schritte des Robotermanns näherten sich.
Eine Hand drückte auf Junes Hinterkopf. »Senk das Kinn auf die Brust.«
Sie tat, was er verlangte, und spürte etwas Kaltes im Nacken.
»Nicht bewegen.«
Das Schnappen eines Tackers ertönte unmittelbar hinter ihrem Kopf und erschreckte sie.
»Ich komme später wieder und bringe dir mehr zu essen und zu trinken.«
Polternde Füße auf der Leiter. Die Tür öffnete und schloss sich. Ketten rasselten. Dann ging das Licht wieder an.
June hob den Kopf. Wo zuvor die Weste an ihrem Genick gerieben hatte, spürte sie etwas, das sich wie ein Gummikissen anfühlte. Er musste es an der Weste befestigt haben.
»Danke, Mr. Robotermann.«
June kroch zu dem Karton, den er gebracht hatte. Neben den üblichen Uncrustables und Milch enthielt er diesmal auch eine Banane und einen Apfel. Damit wäre Mama sicher einverstanden.
Während June die Banane schälte und einen Bissen davon nahm, wünschte sie, ihre Mutter könnte sehen, wie tapfer sie war.