Während draußen vor Levis Hotelzimmer die Sonne über den Horizont lugte, führte er eine schnelle Abfolge von Tritten und Schlägen durch. Schweiß lief ihm übers Gesicht, als er in Kampfpose blitzschnelle Hiebe auf ein unsichtbares Ziel abfeuerte, bevor er für einen Beinfeger tief in die Hocke ging. Sein rechter Arm schmerzte von dem Workout, doch er wusste, es wäre noch schlimmer, wenn er die in Mitleidenschaft gezogenen Muskeln nicht dehnte und bewegte. Durch den verletzten Bereich musste Blut zirkulieren, und die Schmerzen, die er spürte, erinnerten ihn an sein Ziel.
Noch fünf Tage. Aber Levi war sich ziemlich sicher, dass es keine Rolle spielen würde.
Nach dem Training duschte er und zog sich an. Statt des üblichen Anzugs trug er den dunklen Arbeitsanzug, den er von Esther bekommen hatte. Heute würde einer jener Tage werden.
Als er sein Handy überprüfte, fand er mehrere ungeöffnete Nachrichten von Dino vor. Er hoffte, es würden Antworten auf seine Mitteilungen der vergangenen Nacht sein. Als er sie durchsah, nickte er zufrieden über die Bilder, die Dino ihm geschickt hatte. Es war klar, dass sie aus dem Umschlag stammten, den Benson an Gino übergeben hatte.
Eines zeigte einen Ausdruck eines Ladeverzeichnisses eines
Schiffes mit einer sogenannten »Lieferung« sowie eine Reihe von Arbeitsvisa für eine Gruppe von Mädchen, die angeblich 18 waren. Ihre Fotos jedoch erzählten eine andere Geschichte. Die meisten sahen zu jung aus, um ein Auto zu lenken. Einige waren eindeutig vorpubertär.
Das Ladeverzeichnis stellte den Schlüssel zu der illegalen Lieferung dar. Es enthielt die Identifikationsnummern der Versandcontainer, den offiziell angegebenen Inhalt und eine Aufstellung darüber, welche Mädchen sich in welchem Container befanden. Die Dokumente gaben Namen und Daten für jedes Mädchen an, doch ihre Gültigkeit fand Levi höchst suspekt. Den Unterlagen zufolge stammten sie aus Großbritannien und Irland, allerdings besaßen sie alle einen dunkelbraunen Teint und ein äußerst nordafrikanisches Aussehen. Vermutlich Flüchtlinge aus Libyen oder Ägypten.
Levi schüttelte angewidert den Kopf und zog die Fotos auf die »Säuberungs«-App, die er von Denny bekommen hatte. Von dem Technikgenie hatte er unter anderem erfahren, dass digitale Fotos manchmal so genannte EXIF-Daten enthielten – im Bild verborgene Informationen. Wer wusste, wie es ging, konnte dadurch einiges über ein Foto erfahren, beispielsweise, wo es erstellt wurde.
Levi hatte nicht vor, Dinos Aufenthaltsort zu verraten, falls ihm der Mafioso versehentlich Bilder mit diesen verborgenen vertraulichen Informationen geschickt hatte. Levi wusste nicht, was man daraus vielleicht noch ablesen könnte – das gehörte nicht zu seinen Fachgebieten. Er wusste nur, es wäre für alle Beteiligten sicherer, wenn er jedes Foto, das er verschickte, zuerst durch Dennys Säuberungs-App jagte.
Danach gab er eine kurze Nachricht ein, in der er als Quelle der Bilder John Benson in Washington, D. C. nannte, tippte O’Connors E-Mail-Adresse und anschließend auf Senden.
Sein Telefon vibrierte. Eine Nachricht von Denny wurde angezeigt. Es handelte sich um eine gescannte Kopie der
militärischen Entlassungspapiere von Nicholas Anspach.
»Gerade rechtzeitig.«
Levi überflog das Formular: Eingerückt in Fort Benning, Qualifikation für die Special Forces in Fort Bragg, danach sieben Jahre als Waffenspezialist bei den Special Forces.
Anspach war kein bloßer Mitläufer. Und er wurde ehrenhaft entlassen. Ein Grund wurde nicht genannt.
Eine weitere Nachricht von Denny trudelte ein, diesmal mit der Personalakte des FBI. Anspach wohnte in Arlington, was Levi aufgrund der Anzeige der Ortungs-App bereits vermutet hatte. Er hatte einen Bachelor-Abschluss in Informatik und einen Master-Abschluss in Elektro- und Computertechnik, beide von der Georgia Tech. Der Mann war 38 und arbeitete seit acht Jahren beim FBI.
Levi rief die Ortungs-App auf. Die meisten Punkte bewegten sich wie erwartet, wahrscheinlich zur Arbeit.
Er vergrößerte auf Nummer 13, Anspach. Sein Wagen befand sich in Quantico und rührte sich nicht. Anscheinend ein Frühaufsteher wie die meisten Menschen, die beim Militär waren. Levi wechselte zu Nummer 14, dem Kerl, den er gerade ans Messer geliefert hatte. Sein Punkt traf eben beim Außenministerium ein.
Levi schnappte sich die Schlüssel vom Nachttisch und ging zur Tür hinaus. Noch hatte sich O’Connor nicht bei ihm gemeldet, doch er vermutete, das würde er. Und Levi wollte sich irgendwo mitten im Geschehen befinden, wenn es so weit wäre.
Levi saß in seinem Mietwagen, einem Ford Taurus mit V6-Motor. Eigentlich wollte er etwas mit ein bisschen mehr Power, doch zu dem Zeitpunkt war der Wagen das Beste, was auf Lager war. Er wartete darauf, dass sich jemand in
Bewegung setzte. Es würde O’Connor oder Benson sein, vielleicht sogar Anspach. Dieser Tag würde eine Wende herbeiführen, er konnte es fühlen.
Er befand sich in der PMI-Parkgarage, keine anderthalb Kilometer vom Gebäude des Außenministeriums entfernt und gerade mal etwas mehr als drei Kilometer von der FBI-Außenstelle, wo sich O’Connors Auto derzeit aufhielt.
Levi nutzte die Gelegenheit, um sich die Bewegungen der letzten 18 Stunden aller von ihm beobachteten Fahrzeuge anzusehen. Wo auch immer die Kleine versteckt sein mochte, gelegentlich musste Essen zu ihr gebracht werden. Er fing mit der Direktorin der Vorschule an, gefolgt von der Lehrerin. Nacheinander betrachtete der die zurückgelegten Strecken aller Peilsender.
Ihm fiel nichts Ungewöhnliches auf, bis er zu Anspach gelangte. Der Mann war nach seinem Halt beim Supermarkt noch ziemlich viel herumgefahren – nach Norden auf der New Hampshire Avenue ein gutes Stück aus Arlington hinaus in eine Gegend, die ländlich aussah, über 30 Kilometer von seiner Wohnadresse entfernt.
Levi vergrößerte die Ansicht. Die eingebaute Google Maps-Funktion zeigte ihm, dass es sich bei der New Hampshire Avenue um eine zweispurige Straße handelte. Laut der Ortungs-App hatte er sich ein gutes Stück davon entfernt. Im vergrößerten Satellitenbild des Gebiets konnte man nur Bäume erkennen. Keine offensichtlichen Häuser oder sonst etwas.
Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er verließ die Verlaufsansicht und kehrte zur aktuellen Anzeige zurück.
O’Connors Auto war in Bewegung.
»Oh Kacke!« Levi setzte aus der Parklücke zurück, legte den Gang ein und trat das Gaspedal durch.
Auch Bensons Wagen war unterwegs.
Levi verließ das Parkhaus. Der Motor des Taurus heulte auf, als er die Virginia Avenue hinunter beschleunigte, bevor er
scharf nach rechts auf die Twenty-First Street bog. Der App zufolge befand sich seine Zielperson irgendwo direkt vor ihm. Er ließ den Blick über die Straße wandern, als er sich der Constitution Avenue näherte, hielt Ausschau nach Bensons rotem Cadillac.
Ein weiterer Blick auf die App offenbarte, dass O’Connor im Tiefflug unterwegs sein musste. Sein Punkt raste die Constitution Avenue aus östlicher Richtung heran, schneller, als es angesichts des Verkehrs möglich sein sollte.
Hatte der FBI-Agent sein Blaulicht ausgepackt? Das würde es vielleicht erklären.
Weiter vorn sichtete Levi einen roten Wagen. Und tatsächlich, es war Bensons Cadillac, der nach rechts auf die Constitution bog.
Zähneknirschend hupte Levi und drängte sich durch den spätmorgendlichen Verkehr in der Bundeshauptstadt. Es kam einem Wunder gleich, dass er die Polizei noch nicht wegen rücksichtslosen Fahrens auf den Fersen hatte.
Als er am Lincoln Memorial Circle nach rechts bog, wurde ihm klar, dass Benson unterwegs aus der Stadt und über die Arlington Memorial Bridge über den Potomac sein musste.
Levi schlängelte sich durch den Verkehr, bearbeitete das Gaspedal hart. Der V6 des Wagens brüllte protestierend, aber der Abstand verringerte sich ... bis der stärkere Motor des Cadillac das Auto Wagen an einer Kolonne vorbeirasen ließ.
Ein Meer von Bremsleuchten flammte vor Levi auf. Er umklammerte das Lenkrad fester und scherte auf den Gehweg der Brücke aus. Menschen hasteten aus dem Weg, als er die langsameren Autos passierte, auf die Fahrbahn zurücklenkte und hinter Benson her beschleunigte.
Weiter vorn sichtete er noch mehr rote Leuchten – abbremsende Fahrzeuge. Ein Unfall. Eine Corvette war auf dem nassen Asphalt ins Schleudern geraten und verkehrt herum zum Stehen gekommen.
Die Welt schien sich zu verlangsamen, als Levi beobachtete, wie Bensons Cadillac auf die Corvette zuraste – und ungebremst hinein.
Aber durch die niedrige Karosserie des Sportwagens wurde es kein Crash, die Corvette wirkte vielmehr wie eine Startrampe. Bensons schwerer Wagen fuhr darüber hinweg, neigte sich nach oben und hob ab. Der frontlastige Cadillac stürzte fast sofort ab, krachte in die Betonleitplanke der Brücke, überschlug sich durch den eigenen Schwung und verschwand über die Seite der Arlington Memorial Bridge.
Levi trat heftig auf die Bremse.
Von hinten nahm er Blaulichter und Sirenen wahr. Fassungslos starrte Levi an die Stelle, an der das Auto von der Brücke gestürzt war. Innerhalb weniger Herzschläge trudelten mehrere ungekennzeichnete Wagen am Ort des Geschehens ein. Zu schnell für Einsatzfahrzeuge.
Mehrere FBI-Windjacken zeichneten sich unter den Personen ab, die aus den Autos sprangen.
Als Levi das Lenkrad scharf nach links drehte, um sich in die Kolonne einzureihen, die sich am Unfall vorbeibewegte, klingelte sein Handy – eine Nummer aus Washington, D. C., die er nicht erkannte. Er ging ran. »Ja?«
»Lazarus Yoder, vermute ich. Richtig?«
»Wer ist da?«
»Wir sind uns schon mal begegnet. Bei der Beerdigung eines bestimmten FBI-Agenten.«
Levi runzelte die Stirn, als er am Unfallort vorbeifuhr und allmählich beschleunigte. Der Einzige, den er dort kennengelernt hatte, war ein Mann namens Tim, und das war nicht seine Stimme.
»Ich habe Sie beobachtet. Ich denke, wir sollten uns treffen. Könnte für uns beide vorteilhaft sein.«
»Woher haben Sie meine Nummer?«
»Sie haben gerade einen bedauerlichen Unfall passiert. Fahren Sie
auf dem George Washington Memorial Parkway weiter nach Norden. Ich warte im Original Headquarters Building in Langley auf Sie. Ich schicke Ihnen die Adresse. Ach ja, Sie müssen durch einen Metalldetektor. Um unnötigen Ärger zu vermeiden, sollten Sie problematische Gegenstände im Auto lassen. Kommen Sie einfach zum Haupteingang. Ich kündige Sie dort mit Ihrem Namen an, dann bringt Sie jemand zu mir.«
Damit war die Leitung tot.
Am Ende der Brücke boten ihm Schilder an, auf der I-66 zu bleiben und nach Westen zu fahren oder die Abzweigung auf den George Washington Memorial Parkway zu nehmen.
Einen Moment lang zögerte er und fragte sich, wer zum Teufel wissen konnte, wo er sich aufhielt.
Dann bog er nach rechts auf den Parkway.
Als Levi die gekühlte Eingangshalle des Old Headquarters Building betrat, wie es CIA-Mitarbeiter nannten, erregte sofort das riesige CIA-Logo auf dem Boden seine Aufmerksamkeit. Der weiße Schild und der Adlerkopf hoben sich deutlich vom schwarz-grau-marmorierten Granit ab. Er ging durch ein Drehkreuz und näherte sich einer der Empfangsdamen, einer Frau mittleren Alters, die ein Headset trug.
Sie schaute zu Levi auf. »Kann ich Ihnen helfen, Sir?«
»Ja. Mein Name ist Levi Yoder und ...«
»Ja, Sir, Sie werden erwartet. Kann ich bitte einen Ausweis sehen?«
Levi holte die Brieftasche hervor und reichte ihr seinen Führerschein.
Sie hielt den Ausweis in einen Schlitz neben ihrem Terminal. Sofort wurde sein Führerschein hineingezogen. Aus dem Gerät drang Licht, dann wurde das Dokument wieder ausgespuckt. In die Wangen der Frau trat eine leichte Röte, als sie ihm den
Führerschein zurückgab. Sie reichte ihm außerdem einen Besucherausweis und deutete zu einer Reihe von Stühlen auf der gegenüberliegenden Seite der Eingangshalle. »Es kommt gleich jemand, der Sie begleitet, Mr. Yoder.«
Er wusste nicht recht, weshalb er hergekommen war, aber ihn hatte nervös gemacht, wie der Mann am Telefon geredet hatte. Wie konnte der Kerl haargenau wissen, wo er sich in dem Moment befunden hatte?
Ich habe Sie beobachtet.
Darauf war Levi nicht gefasst gewesen.
Fast fünf Minuten saß er wartend in der Eingangshalle, bevor er sein Handy hervorholte. Vermutlich hatte er einen Fehler begangen, indem er hergekommen war. Es gab einen Ort, an dem er dringender sein musste. Hierher hatte ihn blanke Neugier geführt. Er simste Yoshi: Treffen Sie sich mit mir um drei
. Am Vortag nach den Schüssen war Levi besorgt darüber gewesen, dass Yoshis Kommunikation überwacht werden könnte, deshalb hatten sie sich eine Lösung überlegt.
Eine Frauenstimme drang durch die Eingangshalle. »Mr. Yoder?«
Levi stand auf und ging auf eine attraktive Brünette zu. Sie trug bescheidene Business-Kleidung, besaß jedoch eine Model-Figur, die sich darunter schwer verbergen ließ. Er verspürte einen Anflug von Schuldgefühlen, weil er eine Frau so beäugte. Dann jedoch fiel ihm ein: Er war wieder Single. Das war er jahrelang gewesen, dann eine Weile nicht, doch Madison hatte sich recht deutlich ausgedrückt, und er war nicht der Typ, mit dem man mehrfach Schluss machen musste.
Er schüttelte der Frau die Hand, und sie bedeutete ihm, ihr zu folgen.
»Wen treffe ich hier eigentlich?«, erkundigte er sich. »Das wurde mir nicht wirklich mitgeteilt, Miss ...«
»Kubs. Mindy Kubs. Direktor Masons Assistentin. Die Vorstellung überlasse ich ihm. So ist es ihm lieber.«
Levi ging durch zwei Metalldetektoren, ließ sich von jemandem mit einem Tuch die Hände abwischen – vermutlich auf der Suche nach Sprengstoffrückständen – und wartete geduldig, während ihn ein anderer Sicherheitsmitarbeiter von Kopf bis Fuß mit einem Handscanner abtastete.
Nach der Sicherheitskontrolle führte ihn Mindy einen Gang hinab, bei dem es sich um den Hauptkorridor des Gebäudes zu handeln schien. Schließlich bog sie nach rechts und noch einige weitere Male ab, ehe sie vor einer großen Tür mit Holzmaserung stehen blieb. Sie zog ihren Ausweis durch die Zugangskontrolle, und die beiden betraten einen langen, holzgetäfelten Korridor.
Etwa 15 Meter den Flur hinunter öffnete sich an der Seite eine Tür, und ein gut gekleideter Mann trat heraus.
Levi erkannte ihn auf Anhieb – der Mann von der Beerdigung. Derjenige, der ihn von der anderen Seite der Trauergemeinde angestarrt hatte.
Er war klein – kaum mehr als ungefähr 1,70 Meter. Nach den feinen Fältchen um die Augen und auf der Stirn zu urteilen, musste er über 50 sein. Hellbraunes Haar mit etwas zurückweichendem Haaransatz, dazu sehr helle, beinah silbrig wirkende Augen.
Der Mann lächelte, als er Levi die Hand schüttelte. »Bevorzugen Sie Lazarus oder Levi?«
»Nur meine Mutter nennt mich Lazarus.«
»Also gut, dann Levi. Ich bin Doug Mason, und ich entschuldige mich für die Nacht-und-Nebel-Aktion. Aber Sie stecken mitten in etwas, an dessen Lösung wir beide interessiert sind, wie ich denke.«
Levi legte den Kopf leicht schief und musterte den Mann. Mason besaß eine starke Ausstrahlung. Levi nahm keinerlei Feindseligkeit wahr, nur ein Gefühl von Selbstsicherheit, das der Mann vermittelte. Was Levi noch nervöser werden ließ. Es fühlte sich an, als hätte Doug Mason alle Trümpfe in der Hand,
wüsste alles und täte Levi irgendeinen Gefallen. Und was ihn störte, war: Er wusste nicht, ob das zutraf oder nicht.
»Und was genau wäre diese Sache, die gelöst werden muss?«, fragte Levi.
»Stehen wir lieber nicht im Flur herum.« Mason trat durch die Tür in einen Konferenzraum. Levi folgte ihm. Mindy war bereits unauffällig wieder den Gang hinunter verschwunden.
Levi hielt inne, als er sich in dem Raum umsah. Fotos waren an die Wand geheftet, weitere lagen auf dem langen Besprechungstisch ausgebreitet. Fotos von Leuten, die Levi kannte.
Fotos von Kindern – seinen
Kindern – beim Spielen auf der Farm seiner Eltern.
Ein Foto seiner Mutter.
Ein Foto von Levi auf einer Parkbank mit Dino.
Ein Foto vor dem Helmsley Arms, wo Levi und zahlreiche Leute aus dem inneren Kreis der Familie Bianchi wohnten.
Ein Foto von Levi auf der Straße in Chinatown.
Er beim Einsteigen in einen Privatjet am Flughafen LaGuardia.
Er in Handschellen im Verhörraum des FBI.
Zorn stieg in Levi hoch.
Mason ergriff eine Fernbedienung und schaltete einen Bildschirm an der Wand ein. Der Monitor zeigte eine aktive Videoübertragung eines Lenkrads.
Levis Mund klappte auf. Das Lenkrad eines Ford Taurus. Das Lenkrad von Levis Mietwagen.
Er konnte nicht fassen, was für ein Idiot er war. Irgendwie war es diesem Kerl gelungen, jemanden in sein Auto einbrechen und es verwanzen zu lassen, ohne dass es Levi bemerkt hatte. Natürlich. Sein Auto parkte unter freiem Himmel.
Mit angespannter Kiefermuskulatur konzentrierte er sich auf den Mann, der ihn hergeholt hatte. Er wusste, dass man ihn
nicht verhaften würde – sonst würde er sich nicht allein mit diesem Mason in diesem Raum aufhalten.
»Was wollen Sie?«, fragte er.
Mason ergriff eines der Fotos vom Tisch. Es zeigte Mei. »Wir waren besorgt darüber, was Sie vorhaben. Mit all den Kindern.« Der Mann ging zu etwas, das wie ein hoher, transparenter Mülleimer mit einem weißen Deckel mit einem Schlitz darin aussah. Er führte das Foto dem Schlitz zu.
Das Geräusch eines Aktenvernichters brummte durch den Raum. Winzige Schnipsel des Fotos rieselten in den Auffangbehälter darunter.
Mason griff sich weitere Bilder und vernichtete auch sie, während er fortfuhr. »Levi, ich vertrete eine Organisation, die sich damit befasst, Dinge zu erledigen, ohne sich groß um taktische Aspekte zu scheren. Wir halten uns nicht unbedingt an dieselben Regen wie mit uns verwandte Behörden.«
»Ich verstehe nicht«, gestand Levi. »Offensichtlich sind Sie in einem Trakt der CIA untergebracht. Also gelten für Sie dieselben Regeln und ...«
»Na, na, na.« Mason schwenkte verneinend einen Finger. »Glauben Sie nicht, dass wir uns hier treffen, hätte irgendetwas mit meiner Behörde zu tun. Wären Sie gekommen, wenn ich gesagt hätte, wir treffen uns bei Ihrem Stammlokal Denny’s?
Ich glaube nicht.«
Levi sah auf die Armbanduhr. Ungeduld breitete sich in ihm aus. »Wo wir schon dabei sind, warum
haben Sie mich hergebeten?«
Mason setzte sich an den Tisch und bedeutete Levi, ebenfalls Platz zu nehmen. »Ich bin der Leiter einer kleinen Organisation. Jedes Mitglied bringt etwas ein, was man sonst nirgends finden kann.«
»Und was?«
»In Ihrem Fall einen Engel in Teufelsgestalt.«
Schlagartig sträubten sich Levi die Nackenhaare. Diese
Formulierung hatte er schon einmal gehört.
Mein Freund, du bist ein Engel in Teufelsgestalt.
Vinnie hatte dieselben Worte zu ihm gesagt. Auf einmal hatte Levi gar keine Ahnung mehr, womit er es zu tun hatte.
»Was hat das zu bedeuten?«, verlangte er zu erfahren.
Mason schnippte sich ein unsichtbares Staubkörnchen vom Revers seines Tausend-Dollar-Anzugs. »Es kommt sehr selten vor, dass man jemanden findet, der bereit ist, schreckliche Dinge zu tun, in Wirklichkeit aber ein ehrenwerter Mensch ist. Der Dinge aus den richtigen Gründen tut, und wenn sie noch so grauenhaft sind.«
Levi schüttelte den Kopf. »Das fällt mir schwer zu glauben.«
»Nun, es ist schon mehr als das. Sicher, wir könnten vielleicht einen Tankwart in Des Moines mit ähnlichen Eigenschaften finden, nur würde der vermutlich schnell im Gefängnis landen. Ihm würde die Cleverness von der Straße fehlen. Ein Lügendetektor würde ihn zu Fall bringen.« Mason setzte ein wissendes Lächeln auf. »Er hätte nicht die nötigen Fähigkeiten, um in dieser Branche zu überleben. Er wäre auch nicht in der Lage, strategisch zu denken. Meine Organisation gibt sich nicht mit Durchschnittstypen ab. Wir suchen nach einem sehr speziellen Menschenschlag.
Ich könnte zum Beispiel ein Dutzend Gesetze aufzählen, gegen die Sie bei der Entführung dieser Kinder verstoßen haben – Beschaffung illegaler Dokumente, Fälschung von Bundesaufzeichnungen, Behinderung polizeilicher Ermittlungen, Körperverletzung. Die Liste lässt sich noch ellenlang fortsetzen. Aber unter dem Strich überwiegt das Gute, das Sie für diese Kinder getan haben, bei Weitem Ihre Vergehen. Und so, wie Sie es angestellt haben, wird nie jemand etwas davon mitbekommen.
Ich weiß auch, dass Sie damit beschäftigt sind, Shinzo Tanakas Enkeltochter zu retten. Und dass Sie nicht dafür bezahlt werden.«
Levi fehlten die Worte. Er konnte nicht fassen, dass dieser durchschnittlich wirkende Bundesagent von seiner Vereinbarung mit Tanaka wusste. Wie konnte das sein? Steckte Vinnie etwa mit diesem Kerl unter einer Decke? Ein Mafiaboss einer der New Yorker Familien mit Verbindungen zu den Bundesbehörden? Unmöglich.
»Wie können Sie das alles wissen?«
Mason trommelte mit den Fingern auf dem Besprechungstisch. Ein listiges Grinsen trat in seine Züge. »Ich weiß mehr, als Sie ahnen. Aber ich habe eine Frage. Warum tun Sie es?«
Levi schüttelte den Kopf. »Sie ist ein fünfjähriges Kind. Und Sie haben noch nicht meine Frage beantwortet. Warum haben Sie mich hergebeten?«
»Nun, ich dachte, das wäre ziemlich offensichtlich.« Mason lächelte. »Ich möchte Sie rekrutieren.«
Levi schnaubte. »Ich als Bundesagent?«
»Nein, kein Bundesagent. Die Leute, die für mich arbeiten ... Lassen Sie mich das korrigieren. Sagen wir lieber, wir arbeiten zusammen. Jedenfalls haben meine Leute keinen Ausweis. Und Sie wären kein Teil des Systems. Das System ist kompromittiert, wie Sie selbst nur zu gut wissen. Zu viele Finger, die in zu viele Töpfe greifen.
Stellen Sie sich uns als Gleichgesinnte vor. Sie und ich, wir wollen dasselbe. Und meine Organisation kann dabei helfen, Dinge zu finanzieren und zu ermöglichen, die für Sie allein vielleicht schwer zu bewältigen wären. Im Gegenzug würden wir Sie gelegentlich um einen Gefallen ersuchen. Im Verlauf der Zeit könnten wir einen Teil Ihrer Energie vielleicht in bestimmte Richtungen lenken.«
Diese Masche kannte Levi. Die Mafiabosse zogen sie ständig ab. Ein jetzt angenommener Gefallen bedeutete einen später eingeforderten Gefallen, und mit der Zeit stand man in der Pflicht und verlor seine Unabhängigkeit. Auf keinen Fall.
»Es kommt nicht infrage, dass ...«
»Bevor Sie etwas sagen, möchte ich Ihnen jemanden vorstellen. Tatsächlich sind Sie sich bereits begegnet.« Mason zog einen Stift aus der vorderen Tasche und sprach hinein. »Kommen Sie rein. Er ist hier.«
Levis Herz begann zu rasen, als ihn tausend Gedanken auf einmal bestürmten. Würde gleich Vinnie durch die Tür kommen? Unmöglich! Madison vielleicht?
Als sich die Tür öffnete, war es weder der eine noch die andere. Herein kam eine statuenhafte Asiatin mit langem schwarzem Haar.
Levis Mund klappte ebenso auf wie ihrer.
Mason trat zwischen die beiden und lächelte. »Lucy, ich glaube, Sie sind Levi bereits begegnet. Er ist Problemlöser der Familie Bianchi, außerdem mehrsprachig und von einem der besten Kampfkünstler ausgebildet, die je auf der Erde gewandelt sind. Levi, das ist Lucy. Sie ist die Witwe des Gründers einer der größten Triaden Hongkongs, ebenfalls Kampfsportlerin, und sie hat einen IQ jenseits der messbaren Grenzen.«
Levi streckte die Hand aus, doch sie wich mit einem angewiderten Blick zurück. »Ich hab Ihnen schon mal gesagt, Sie sollen mich nicht anfassen.« Sie warf Mason einen finsteren Blick zu. »Doug, Sie wissen, dass ich’s nicht leiden kann, angefasst zu werden.«
Mason forderte Levi mit einer Geste und einem entschuldigenden Gesichtsausdruck auf, ein Stück zurückzutreten. »Tut mir leid, ich dachte, Sie beide hätten auf einem besseren Fuß miteinander angefangen.«
Levi musterte die Frau verwirrt. Das ist dieselbe Frau, die mich mitten auf der Straße geküsst hat.
Ohne den mürrischen Blick von Mason zu lösen, zeigte sie auf Levi. »Er hat mich an der Schulter gepackt.«
»He«, rechtfertigte sich Levi, »ganz so ist es nicht gewesen
...«
Sie schwenkte den finsteren Blick auf ihn, und er rechnete beinah damit, ihre Augen würden Laserstrahlen abfeuern.
»Na schön, vielleicht doch, und ich entschuldige mich dafür. Aber ich bitte Sie, ich hatte die Befürchtung, Sie könnten alles gefährden, woran mir etwas liegt. Denken Sie mal darüber nach: Wenn Sie einen Unbekannten zu Hause bei Ihrer Mutter und bei Ihren Kindern anträfen, wären Sie auch nicht besonders erfreut.«
Ihr Gesichtsausdruck wurde milder, als sie zwischen Mason und Levi hin und her schaute. Dann schniefte sie laut. »Entschuldigung angenommen.« Sie zog sich einen Stuhl heraus, setzte sich und schlug die langen Beine übereinander. An Mason gewandt fragte sie: »Warum sind wir hier, Doug?«
Mason zog eine Reihe von Fotos aus der Innentasche seines Jacketts und warf sie auf den Tisch. »Bitte sehr.«
Levi nahm Platz, achtete darauf, einen Stuhl zwischen sich und der temperamentvollen Frau zu belassen, und spähte auf die Fotos.
Es handelte sich um dieselben Bilder, die Levi an O’Connor geschickt hatte. Ob O’Connor sie an Mason weitergeleitet hatte? Oder hatte Mason so tiefen Zugriff ins System, dass er sie aus O’Connors Posteingang geholt hatte?
»Wie es aussieht, hat Levi eine der Ratten im Außenministerium enttarnt«, sagte Mason. »Dieser Mann hat einige der Menschenhändler bei ihrer Arbeit unterstützt.«
Lucy zog die Fotos näher zu sich heran und runzelte die Stirn. »Das entspricht ziemlich dem, was ich erwartet habe. Tatsächlich ist das ein kleinerer Betrieb als das, was dem Vernehmen nach über die kanadische Grenze und an der Westküste hereinkommt. Könnte aber auch sein, dass nur die Lieferung kleiner als sonst ist. Ich vermute, Sie haben die Käufer bereits ausfindig gemacht, richtig?«
»Ja. Und mit Levis Hilfe sind wir auf ein Rattennest von
geplanten Lieferungen in den nächsten zwei Wochen gestoßen.«
Levi fühlte sich verwirrter denn je zuvor. »Wie genau hab ich dabei geholfen, irgendwas aufzudecken?«
Mason richtete die Aufmerksamkeit auf ihn, und Levi spürte auch Lucys Blick. In ihrem lag kaum verhohlene Belustigung. »Wissen Sie noch, dass ich gesagt habe, ich beobachte Sie? Tja, das war nicht gelogen. Ich wusste zwar von Benson, aber nichts von seinen Kontakten an der Ostküste. Als Sie herausgefunden haben, dass Giancarlo Fiorucci der Mittelsmann für eine Reihe von Käufern war, musste ich nur noch zwei und zwei zusammenzählen.« Mason zog eine Augenbraue hoch und fügte in verschwörerischem Ton hinzu: »Wissen Sie, dieser Fiorucci ... Ich versuche, ihn aufzuspüren, aber aus irgendeinem Grund ist er verschwunden. Interessant, finden Sie nicht auch?«
Gino war vermutlich zu Dünger zerhackt und über einen stattlichen Teil des Atlantiks verstreut. Aber selbst, wenn Levi es mit Sicherheit wüsste, was er nicht tat, würde er nie darüber reden. »Zu dem Kerl fällt mir wirklich nichts ein.«
Lucy legte die Hand über den Mund und lachte, als sie auf Levi zeigte. »Als ich Sie zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich wirklich, Sie wären ein verpeilter Tourist. Das ist einfach zu komisch.« Sie wandte sich an Mason und deutete mit dem Daumen auf Levi. »Ich wette um ein gepflegtes Steak, dass er ihn umgebracht und irgendwo verscharrt hat, wo ihn nie jemand finden wird.«
Levi sah auf die Armbanduhr. »Ich weiß, das wollen Sie nicht hören, aber können wir das alles auf ein andermal verschieben? Ich ...«
»Sie müssen ein kleines Mädchen retten«, fiel ihm Mason ins Wort.
»Also, ich weiß nicht, ob ... Na schön, ja, ich schätze, das versuche ich.« Er ließ den Blick zwischen den beiden
merkwürdigen Charakteren im Raum hin und her wandern. »Können wir dieses Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen?«
Mason erhob den Finger in Levis Richtung. »Ihnen muss nur klar sein, was ich Sie gleich fragen werde, dreht sich nicht nur um ein
kleines Kind. Wir reden hier von Hunderten
Jungen und Mädchen. Unschuldige, deren Versklavung unser Land zulässt. Und ich brauche Sie beide, um dagegen anzugehen. Soweit ich das beurteilen kann, verfügen Sie beide über genau die richtigen Fähigkeiten und Beziehungen, die wir brauchen, um diesem Menschenhandel einen Dämpfer zu verpassen. Gehen Sie und kümmern Sie sich um das Tanaka-Mädchen, aber kann ich auf Ihre Hilfe zählen?«
»Sie wissen, dass ich dabei bin«, erwiderte Lucy, ohne zu zögern.
Levi hätte nicht für möglich gehalten, dass sein Leben noch komplizierter werden könnte, als es bereits war. »Hunderte Kinder werden ins Land geschafft und versklavt? Prostituiert?«
»Und Schlimmeres«, sagten Lucy und Mason gleichzeitig.
Mit einem tiefen Seufzen schüttelte Levi den Kopf. »Ich kann nicht fassen, dass ich das sage: Nach schön, ich versuche zu helfen. Nachdem
ich das Tanaka-Mädchen gefunden habe.«