Bevor Levi die rätselhafte Lucy und Mason verlassen hatte, ließ er sich noch dazu überreden, sich vor ein Gerät zu stellen, das einen 360-Grad-Scan seines Kopfs anfertigte und Lichter in seine Augen blitzte. Mason hatte gemeint, der Scan würde künftig als sein Ausweis dienen – was immer das bedeuten mochte.
Mittlerweile rollte Levi auf den Parkplatz, wo er sich zuletzt mit Yoshi getroffen hatte. Der ehemalige FBI-Agent sprang aus seinem Wagen und setzte sich in Levis Richtung in Bewegung. Levi jedoch parkte ein und bedeutete Yoshi, umzukehren. »Wir nehmen nicht mein Auto.«
»Okay. Aber warum nicht? Was ist los?«, fragte Yoshi.
Levi hatte nicht das nötige Werkzeug dabei, um zu entfernen, was immer Mason ihm untergejubelt hatte, ohne dass der Mietwagen danach aussehen würde, als hätte sich eine Meute Straßenkatzen darin ausgetobt. Also hob er einen Finger an die Lippen, deutete Stille an.
Er öffnete den Kofferraum und verstaute seine Ausrüstung in einem Rucksack. Dann suchte er mit seinem tragbaren Wanzenscanner den Innenraum von Yoshis Wagen ab, das Fahrgestell und den Kofferraum. Nichts. Schließlich stiegen Yoshi und er in Yoshis Auto.
Levi drehte sich seinem Begleiter zu und nannte ihm die
Kreuzung, die er ins Navi eingeben sollte. »Wir haben etwa eine Stunde Fahrt nach Norden vor uns, nehmen die US 1, und wenn wir dort sind, navigieren wir nach Gefühl.«
»In Ordnung.« Yoshi setzte mit dem Wagen aus der Parklücke zurück und fuhr los. »Klären Sie mich auf, was eigentlich los ist?«
Levi verarbeitete noch, was er in den vergangenen 24 Stunden erfahren hatte, und wollte nicht zugeben, dass er überwiegend instinktgesteuert handelte. »Ich will Ihnen noch keine allzu großen Hoffnungen machen, aber ich habe eine Spur, bei der die Chance, unsere kleine Prinzessin zu finden, fifty-fifty sein könnte.«
Yoshi verstärkte den Griff um das Lenkrad und trat etwas mehr aufs Gas. »Nicht Ihr Ernst, oder?«
Levi fielen die subtilen Anzeichen von Emotionen in Yoshis Gesicht auf. Er blinzelte schnell, seine Atmung ging tiefer als normal, seine Züge waren leicht gerötet. Gut.
»Über so was mach ich keine Scherze, Yoshi. Ich überwache jemanden und hab gesehen, dass er spätabends in ’ne ländliche Gegend gefahren und kurz darauf umgekehrt ist.« Er zeigte zu einer Ausfahrt. »Wissen Sie was? Ignorieren wir Ihr Navi. Nehmen Sie die I-29 nach Norden und dann die Ausfahrt für die New Hampshire Avenue. Der folgen wir fast bis zum Ende.«
Yoshi hielt sich an Levis Beschreibung, und sie fuhren lange schweigend dahin.
Schließlich deutete Levi nach rechts. »Georgia Avenue. Fahren Sie hier ab.«
»Wie behalten Sie das alles im Kopf?«, fragte Yoshi.
Levi hatte nicht vor, ihn über sein nahezu perfektes Gedächtnis zu informieren, weil er keine rationale Erklärung dafür hatte. »Ich hab mir die Karten für die Fahrt eingeprägt.« Was zumindest ein Teil der Wahrheit war. »An der Straße da nach rechts.«
Dichte Wälder erschienen zu beiden Seiten der Fahrbahn, und vor ihnen tauchte ein Sackgassenschild auf. Es fühlte sich um einige Grad kälter an. Befanden sie sich etwa auf einer anderen Meereshöhe? Vereinzelt lag Schnee. Dann endete der Asphalt abrupt, und es verblieb nur ein Feldweg, umgeben von Bäumen.
Levi blickte auf sein Handy. Kein Empfang. Seltsamerweise schien das GPS-System trotzdem zu funktionieren. Er rief den Verlauf von Anspachs Peilsender auf, als sie dem Feldweg folgten. Als sie sich genau dort befanden, wo der Kriminaltechniker angehalten hatte, hob er die Hand.
»Halten Sie an und schalten Sie den Motor aus. Gehen wir zu Fuß weiter.« Levi stieg aus Yoshis Auto und sah sich um. »Unser Verdächtiger hat genau hier angehalten. Scheint mir ein guter Ort zu sein, um etwas zu verstecken.«
»Zum Beispiel ein kleines Mädchen«, meinte Yoshi mit grimmigen Gesichtsausdruck.
Levi zeigte auf den Rand der Wälder, wo ein Jagdweg von der unbefestigten Straße abzweigte. »Mal sehen, was wir finden.« Er sah Yoshi an. »Sind Sie bewaffnet?«
Yoshi hob Jacke und Hemd an. Darunter zeichnete sich ein Innenholster am Hosenbund ab, aus dem der Griff einer .45er ragte.
»Gut«, befand Levi. »Volle Konzentration. Ich hab keine Ahnung, was da hinten ist. Könnten Bären, Rehe oder böse Jungs sein. Seien Sie auf alles gefasst.«
Levi hatte fast zwei Jahre lang gelernt, wie man Wildfährten folgte, und wusste, auf welche Zeichen es zu achten galt. Zertretene Grashalme, geknickte oder abgebrochene Zweige, sogar der Geruch in der Luft – alles Hinweise.
Aber Yoshis Schritte hinter ihm erinnerten an einen Hammer, der auf einen Amboss eindrischt.
»Schhh.« Levi gab Yoshi das Zeichen zum Stehenbleiben, dann konzentrierte er sich, entsandte die Sinne. Beinah konnte
er die Welt atmen hören.
Er hörte Eichhörnchen hoch oben in einem Baum im Nordosten. Als er tief einatmete, wittert er etwas in der Luft ... den Moschusgeruch eines Schwarzbären. Der Wind drehte leicht aus Osten, und der Geruch wurde stärker. Als Levi die Augen schloss, nahm er ihn noch deutlicher wahr. Er hörte ein leises Brummen ... und das Geräusch tiefer Atmung. Der Bär hielt Winterschlaf.
Levi drehte sich Yoshi zu, zeigte nach links und flüsterte: »Bär.« Dann deutete er auf Yoshis Füße. »Leise.«
Yoshis Augen weiteten sich. Seine Schritte erwiesen sich als deutlich leiser, als sie den Weg fortsetzten.
Nachdem sie dem Weg 15 Minuten gefolgt waren, sichtete Levi eine Lichtung etwa 20 Meter entfernt. Er zog seine Glock, bei der er immer eine Patrone im Lager ließ, und hörte, wie Yoshi seinem Beispiel folgte. Zusammen verließen sie den Pfad und bewegten sich auf die Lichtung zu.
In der Mitte stand eine einsame Hütte. Vom Dach verliefen Kabel zu einem nahen Baum. Von seinem Blickwinkel aus konnte Levi nicht erkennen, woran sie befestigt waren. Es schien sich um eine Art Plattform zu handeln, allerdings zu schwach, um eine Person zu tragen.
Yoshi zeigte zu dem Baum und flüsterte: »Solarzellen. Von da oben bezieht die Hütte ihren Strom.«
Levi hob die Hand an die Stirn, um die Augen abzuschirmen. Die Sonne funkelte auf einem schwarzen, quadratischen Muster, was Yoshis Einschätzung bestätigte. Er hievte den Rucksack auf den Schultern höher und flüsterte: »Bleiben Sie hier. Ich seh mir das mal an.«
Levi zog einen Laserpointer aus dem Rucksack, schaltete den grünen Strahl ein und schwenkte ihn über den Weg. Es war ein alter Trick, den ihm vor Jahren sein Cousin beigebracht hatte, nachdem er Ranger bei der Armee geworden war. Der Strahl des Lasers würde hell aufflackern, wenn er einen
Stolperdraht kreuzte. Es wäre nicht das erste Mal, dass ihn dieser Kniff vor einer tödlichen Falle bewahrt hatte. Diesmal jedoch fand er nichts.
Als er sich der Veranda der Hütte näherte, stellte er fest, dass sich der Schnee ungleichmäßig über die Holzbretter verteilte. Levi richtete den Laser auf den leicht erhöhten Abschnitt vor der Tür, wich von der Veranda zurück und bewegte die Schultern, um die Anspannung zu lösen, die sich darin aufbaute. Er nahm den Rucksack ab, kramte einen Metalldetektor hervor und fuhr dessen Teleskoparm bis zum Anschlag aus. Als er ihn einschaltete, blinkte eine rote LED einmal, zweimal, dreimal. Dann war das Gerät bereit.
Levi hievte den Rucksack wieder auf die Schultern und schaute zurück zu Yoshi. Der Mann war mit gezogener Pistole in die Hocke gegangen. Sein Blick wanderte von dem Weg, über den sie gekommen waren, zur Hütte und zurück. Genau, wie es Levi getan hätte, um Wache zu halten.
Levi rückte wieder näher zur Veranda und schwenkte dabei das runde Kopfteil des Metalldetektors hin und her. Als er das unebene Brett erreichte, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte, blinkte die rote LED.
Ein Kribbeln raste Levi über den Rücken.
Leise kehrte er zu Yoshi zurück.
»Sieht so aus, als wäre die Eingangstür mit einer Falle versehen.«
»Scheiße«, fluchte Yoshi. »Was haben Sie jetzt vor?«
Levi holte tief Luft. »Ich trage mich mit dem Gedanken, was echt Dummes zu tun.«
»Und was?«
»Bleiben Sie hier.« Levi entsperrte sein Handy und reichte es Yoshi. »Falls was passiert, rufen Sie Ihren Bruder mit meinem Handy an. Ich glaube, Ihres wird von Junes Entführern überwacht.«
Levi bedeutete Yoshi erneut, zurückzubleiben, während er
wieder zur Hütte ging. Er schwenkte den Metalldetektor unablässig hin und her, während er das gesamte Umfeld der Hütte abschritt. Sie besaß keine Fenster, und er entdeckte nirgendwo sonst auf dem Boden Unregelmäßigkeiten. Die Eingangstür war der einzige Weg hinein.
Mit angespanntem Körper stieg Levi auf die Veranda und mied das verdächtige Brett. Er kniete sich vor die Tür und untersuchte das Schloss. Sah recht einfach aus – ein typisches Zylinderschloss. Er legte den Metalldetektor beiseite, holte seine Dietriche hervor und wählte aus, was er brauchte.
Levi schob einen Drehmomentschlüssel in den Schlitz und sondierte und tastete mit dem Dietrich herum. Während er ein wenig Druck auf die Zuhaltung ausübte, schabte er über die Stifte, die nacheinander mit einem Klicken einrasteten. Danach ließ sich das Schloss drehen.
Langsam schob Levi die Tür auf.
Nichts geschah.
Aus der Kabine hörte er das Brummen eines Kompressors, außerdem spürte er von drinnen leichte Wärme. Es wurde mit irgendeinem Ofen und Luftumwälzung geheizt.
Er hob den Metalldetektor wieder auf und fuhr damit über das verdächtige Brett. Das Gerät bestätigte erneut, dass sich darunter etwas Metallisches verbarg. Levi schob die Tür mit dem Detektor weiter auf.
Als sich im Eingangsbereich kein offensichtliches Metall offenbarte, trat Levi ein.
Was er vorfand, überraschte ihn.
Er hatte mit einer überwiegend kahlen Hütte gerechnet, vielleicht mit einer Pritsche und hoffentlich mit einem kleinen Mädchen. Stattdessen erblickte er eine Art Werkstatt. Der Raum maß kaum viereinhalb mal viereinhalb Meter. Am gegenüberliegenden Ende standen zwei Werkbänke mit Werkzeug für Elektronikbastler: Strommessgeräte, Batterien, Epoxidtuben, Steckbretter zum Verdrahten von Schaltungen,
verschiedenste Kabel mit Krokodilklemmen ... und zwei in olivfarbene Folie eingewickelte Blöcke. Auf der Folie stand: Sprengladung M112 mit Taggant (1 1/4 lbs C4).
Militärische Sprengstoffe.
Levi hatte das Versteck eines Sprengstoffexperten entdeckt.
Mit einer teilweise abblätternden roten Schablone war ein Gerät aus grauem Kunststoff als Stimmenverzerrer
beschriftet worden. Levi hob es auf, drückte die Taste daran und sprach hinein. Seine herausdringende Stimme klang wie die eines Roboters.
Genau wie die Roboterstimme in der Tonaufzeichnung der Lösegeldforderung.
Kribbelnde Erregung durchströmte ihn.
Er schwenkte seine Taschenlampe über die Wände, fand einen Lichtschalter und betätigte ihn. Nichts geschah, aber irgendwo hörte er, wie sich jemand bewegte. Mit angehaltenem Atem lauschte er.
Er hörte ein Wimmern.
»June Wilson!« Levi richtete die Stimme an die Wände. Er war sich nicht sicher, woher das Geräusch kam. »Kannst du mich hören?«
Einige Sekunden lang fühlte sich die darauffolgende Stille bedrückend an. Dann antwortete eine leise, gedämpfte Stimme. »Ich höre Sie!«
»Wie heißt deine Mutter?«
»Helen! Bitte helfen Sie mir!«
Jeder Quadratzentimeter von Levis Haut prickelte bei der Erkenntnis, dass er sich am richtigen Ort befand. Er hatte sie tatsächlich gefunden!
Levi beruhigte seine Atmung und lauschte erneut. Das Mädchen weinte. Und das Geräusch stammte von irgendwo unter ihm.
Als er den Strahl der Taschenlampe über den Boden schwenkte, sichtete er die Umrisse einer Falltür unter einer der
Werkbänke.
»Ich bin gleich bei dir!«, rief er.
Von einem der Geräte auf der Werkbank ging ein Piepton aus.
»Bitte schalten Sie das Licht wieder ein. Ich hab Angst.«
Levi stellte den Lichtschalter zurück in die ursprüngliche Position und entfernte sich langsam rückwärts aus der Hütte. Er winkte Yoshi zu sich.
»Sie ist es«, sagte Levi. »Sie ist hier.«
Obwohl Yoshi Tränen in die Augen traten, hätte sein Lächeln kaum breiter sein können.
»Kommen Sie mit rein, damit sie ein bekanntes Gesicht sieht, dem sie vertraut.« Er zeigte auf das verdächtige Brett. »Passen Sie nur auf das Brett links vor der Tür auf. Würde mich nicht überraschen, wenn dieser Kerl ’ne Art Landmine für unerwartete Besucher gelegt hat.«
Die Werkbank hielt die Falltür geschlossen. Levi schob sie vorsichtig zur Seite. Die Werkbank verursachte ein fürchterliches metallisches Klirren, als sie über den Boden der Hütte schrammte. Er öffnete die Falltür – und erblickte die Gesuchte. Am Fuß einer schrägstehenden Leiter sah das tränenverschmierte Gesicht eines kleinen blonden Mädchens zu ihm hoch.
June.
Sie begann, die Leiter hochzuklettern. Das Gerät auf der Werkbank piepte schneller.
Dann fiel Levi auf, was sie trug.
»Warte!«, rief er. »Geh wieder runter. Ich komm und helf dir.«
Levi hatte Westen wie die von June bei seiner Reise durch die nördliche Kaschmir-Region Indiens und in Afghanistan gesehen. Und er hatte erlebt, was sie beim Träger und Menschen im Umfeld bewirkten.
Er kletterte die Leiter hinunter. Yoshi folgte ihm.
»Yoyo!« June sprang in Yoshis Arme und fing hemmungslos zu schluchzen an.
Yoshi hielt sie innig fest. »Jetzt wird alles gut. Wir haben dich gefunden. Niemand wird dir wieder wehtun.«
Levi gab Yoshi ein Zeichen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen, dann bildeten seine Lippen das Wort Sprengstoffweste
.
Yoshi erbleichte. Er nickte mit grimmiger Miene. Als June das Gesicht an seinem Hals vergrub, flüsterte er: »Können Sie das Ding entschärfen?«
Levi zögerte kurz, bevor er langsam nickte, um Yoshi zu beruhigen. Er wusste, dass Yoshi keine Erfahrung im Umgang mit Sprengstoff besaß – Denny hatte ihm die Personalakte des ehemaligen FBI-Agenten besorgt. Allerdings hatte Levi auch nicht viel mehr Ahnung. Er hatte zwar über das Thema gelesen und gehörte vermutlich zu nur einer Handvoll Menschen, die noch lebten und je eine 50 Jahre alte Atombombe entschärft hatten. Allerdings war ihm das unter Madisons Anleitung gelungen. Aber eine Sprengstoffweste? Damit hatte er sich noch nie auch nur theoretisch befasst.
Yoshi flüsterte: »Schatz, ich stell dich jetzt auf den Boden, damit sich Mr. Yoder ansehen kann, was du da trägst, in Ordnung?«
»Nein.« June schüttelte den Kopf und begann erneut zu schluchzen. »Yoyo, es tut so, so weh.«
»Was tut weh?«, fragte Levi.
Sie zeigte auf ihren Hals und schniefte laut. »Der Robotermann hat mir ein Kissen gemacht, aber es ist runtergefallen, als ich geschlafen hab.«
Levi sah auf den Boden und erblickte ein zusammengerolltes, mit schwarzem Isolierband umwickeltes Bündel aus Schaumgummi. Oben an der Weste hatten sich ein paar Fetzen zerrissener Schaumgummi verfangen.
Von der Weste ging ein ähnlicher Piepton wie von dem
Gerät oben aus. Und die Frequenz steigerte sich.
June ergriff mit zitternder Stimme das Wort. »Das Geräusch hat angefangen, als ich die Leider raufklettern wollte. Ich hab dem Robotermann versprochen, dass ich nicht zur Leiter gehen würde. Aber als die Tür aufgegangen ist, hab ich’s vergessen.«
Levi schaute zurück zur Leiter und fragte sich, ob sie einen Näherungssensor ausgelöst hatte. Stellten die Pieptöne einen Countdown dar?
Ein Schweißtropfen lief ihm das Genick hinab, als Yoshi das Mädchen auf den Boden stellte und der Kleinen versicherte, dass alles gut werden würde.
Levi hob ihr schulterlanges Haar hoch und sah gerötete Haut und Blutblasen, die sich durch das Scheuern der Weste gebildet hatten. Natürlich hatte sie Schmerzen. »Also gut, Liebes. Lass mich dich umdrehen, damit ich sehen kann, was du da anhast.«
June machte mit, als er sie drehte und die Weste aus jedem Winkel betrachtete. Sie war so gebaut, dass man sie nicht entfernt konnte, ohne die Klemmen zu lösen, und die Verbindungen sahen wie verdrahtete Kontakte aus. Eine klassische Konstruktion, die er in einigen von Madisons Skizzen gesehen hatte.
»June, stell dich mal mit weit gespreizten Füßen hin. Ich will mir die Weste von unten ansehen. Ich muss herausfinden, welche Stelle ich benutzen kann, um dich herauszuholen.«
Sie kam seiner Aufforderung nach. Mit der Taschenlampe folgte Levi den beiden um ihre Beine geschlungenen Riemen. Er tastete das Material mit den Fingern ab und fühlte Drähte, die entlang der Riemen verliefen. Er folgte ihnen weiter zum Hauptteil der Weste. Darunter erspähte er eine kastenartige Erhebung.
Er holte ein Klappmesser hervor. »Keine Angst, June, ich will mir mit dem Messer nur genauer ansehen, was du da
hast.«
Die Kleine nickte und setzte ein tapferes Gesicht auf, obwohl ihr Kinn bebte.
Mit möglichst geringem Druck schnitt Levi einen Schlitz in den äußeren Stoff, leuchtete mit der Taschenlampe in das Loch und erblickte ein Kunststoffgehäuse mit Drähten, die sich in verschiedene Richtungen davon weg erstreckten. Solides Epoxid versiegelte die Vorrichtung so, dass es nahezu unmöglich erschien, sie zu manipulieren. Wahrscheinlich enthielt sie mehr als genug C4, um June und jeden im Umkreis von drei Metern restlos zu zerfetzen.
Es gab eigentlich nur eine Möglichkeit.
Levi nahm das Gesicht der Kleinen in die Hände und sah ihr in die Augen. »Ich verspreche dir, dass wir dich zu deiner Mama bringen. Aber zuerst musst du für mich tapfer sein. Yoyo und ich gehen kurz nach oben, und er muss zurück zu unserem Auto, damit er deine Mama anrufen kann. Ich komme gleich wieder runter und helfe dir aus dem Ding raus. Okay?«
June schaute zu Yoshi auf.
Er legte ihr die Hand auf den Kopf und nickte zuversichtlich.
Sie drehte sich wieder Levi zu. »Okay. Ich kann tapfer sein. Bin ich schon gewesen.«
Levi lächelte. »Bleib einfach hier. Rühr dich nicht.«
Yoshi gab dem Mädchen einen Schmatz auf die Wange und flüsterte: »Es wird alles gut.«
Als sie die Werkstatt erreichten, piepte das Gerät auf der Werkbank schneller als zuvor. Levi hielt Ausschau nach einer Fernbedienung oder irgendeinem Werkzeug zum Deaktivieren der verfluchten Weste. Er entdeckte nichts.
»Wie ist der Plan?«, fragte Yoshi.
Levi deutete zur Tür. »Denken Sie an die Falle. Gehen Sie irgendwohin zurück, wo Sie Empfang haben, und rufen Sie O’Connor an. Rufen Sie die Polizei an. Jeden, der Ihnen einfällt.« Er streckte die Hand aus. »Geben Sie mir mein
Handy.«
Yoshi reichte es ihm, und Levi verschickte eine Reihe kurzer Nachrichten. Dann gab er Yoshi das Gerät zurück.
»Behalten Sie das Telefon einfach bei sich. Sobald es Empfang bekommt, sollten meine Nachrichten automatisch durchgehen. Bis Sie wieder hier sind, werden wir auf die eine oder andere Weise fertig sein.«
»Äh, Levi?« Yoshis Besorgnis ließ sich nicht übersehen. »Meinen Sie nicht, wir sollten auf die Bombenexperten waren?«
Levi runzelte die Stirn. »Ich will ehrlich sein: Ich bin mir nicht sicher. Dieses Piepen könnte alles Mögliche bedeuten. Aber wenn ich sicherstellen wollte, dass mein Entführungsopfer nicht entwischt, würde ich die Weste mit einem Näherungssensor koppeln. Und wenn sie dem Ausgang zu nah kommt oder sich zu weit davon entfernt ...« Den Rest ließ er unausgesprochen.
Yoshi nickte mit verkniffener Miene. »Ich bin so schnell wie möglich wieder da.«
Levi richtete sich auf dem Boden des versteckten Kellers einen Arbeitsbereich ein. Er legte sich die Gegenstände von den Werkbänken oben zurecht und ein Verlängerungskabel, das er gefunden hatte und das zu den Solarzellen verlief.
Er setzte sich mit untergeschlagenen Beinen vor June und bedachte sie mit einem zuversichtlichen Lächeln. »Also, ich werd dir erklären, was ich mache. So lernst du vielleicht was Cooles. In Ordnung?«
June nickte und betrachtete neugierig, was er von oben mitgebracht hatte.
Levi stellte fest, dass er schwitzte, als die Pieptöne der Weste praktisch zu einem durchgehenden Ton verschmolzen.
Er hatte keine Ahnung, was das bedeutete – ob ihm Sekunden oder Minuten blieben oder ob die Töne völlig harmlos waren.
Levi wischte sich den Schweiß von der Stirn und griff sich sein Messer. »Also, das Ziel ist, dich wohlbehalten aus dem Ding rauszukriegen, in das dich der böse Mann gesteckt hat. Zuerst werf ich einen Blick in den Riemen an deiner linken Schulter.«
June schaute nach rechts.
»Links von dir aus, Liebes.« Vorsichtig schlitzte Levi das Segeltuchmaterial an beiden Seiten auf. Zum Vorschein kamen ein roter und ein schwarzer Draht. »Okay, ich sehe zwei Drähte. Weißt du, was ein Ring ist?«
»Ein Ring?«, fragte June nach. »Ich glaub schon. So was wie ein Kreis, oder?«
»Genau. Die Drähte in dem Riemen bilden einen großen Kreis. Gehen wir einen Schritt weiter und nennen wir den Kreis einen Schaltkreis. Im Moment fließt durch diesen Schaltkreis Strom ...«
»Wie bei einem Fernseher?«
»Ganz genau, wie bei einem Fernseher. Aber wenn ich den Draht durchschneide, fällt der Schaltkreis zusammen. Dann ist er kein Kreis mehr.«
»Wie wenn man den Fernseher aussteckt«, meinte June. Neugier verdrängte die Angst in ihrer Stimme.
»Richtig. Wenn der Schaltkreis zusammenbricht, wäre das so, wie wenn man einen Fernseher aussteckt. Und wir wollen nicht, dass der Fernseher ausgeht. Der Strom kommt aus dem kleinen Kästchen an deiner Brust. Und weil ich in das Kästchen nicht reinschauen kann, muss ich ein spezielles Werkzeug benutzen, um zu sehen, wie viel Strom durch die Drähte fließt. Dafür brauch ich deine Hilfe.«
Sie nickte.
Levi schaltete das Multimeter ein, um den Strom zu messen. Er schloss ein Ende des Fühlers an das Multimeter an und
befestigte das Ende mit der Krokodilklemme am schwarzen Draht.
»Okay, sieht aus, als würden 700 Mikroampere durch diesen Draht fließen. Kannst du dir die Zahl für mich merken?«
»700.«
»Spitze.«
Die Kleine beobachtete ihn aufmerksam, was Levi unendlich viel besser fand, als wenn sie sich vor Angst wände, während er arbeitete.
Er schaltete die Einstellung am Messgerät um und las eine Spannung von 1,4 Volt ab. Dann verlagerte er die Krokodilklemme auf den anderen Draht und überprüfte den Strom. Levi erhielt die gleichen Werte wie zuvor.
»Also, jetzt werd ich diesen Draht nehmen und ihn an dieses Ding anschließen, das man Netzgerät nennt. Weißt du noch die Zahl, die du dir merken solltest?«
»700«, antwortete June selbstsicher.
Levi passte das Netzgerät an den durch die Drähte fließenden Strom an. Dann schloss er vier Fühler daran an. »Ich nehme jetzt diese Drähte und befestige sie an den Drähten deiner Weste. Dieser Kasten hier sorgt dafür, dass der Schaltkreis intakt bleibt und nicht zusammenbricht.«
»Das versteh ich nicht.«
Das Piepen klang mittlerweile fast wie ein leicht schwingender, durchgehender Ton.
Levi klemmte zwei stromführende Patchkabel an die Drähte der Weste. »Stell dir vor, die Drähte sind eine große Schleife. Dieser Kasten hält jetzt Händchen mit den Drähten in deiner Weste. Ich werd die Drähte zwischen den Stellen durchschneiden, wo sie Händchen mit dem Kasten halten. Obwohl die Drähte in der Weste dann nicht mehr verbunden sind, ist der Kreis nicht unterbrochen, weil dieses Netzgerät immer noch Händchen mit den Enden der Drähte deiner West hält. Hast du das verstanden?«
»Ich glaub schon. Aber dann ist es kein Kreis mehr. Es hat dann eine merkwürdige Form, oder?«
Levi ergriff einen Seitenschneider. »Da hast du recht. Es hat eine merkwürdige Form. Also gut, los geht’s.«
Er setzte den Seitenschneider zwischen den Patchkabeln an, durchtrennte die Drähte, und ...
Nichts.
Kein großer Knall.
Levi nahm sein Messer und schnitt durch den Rest der Riemen aus Segeltuch. »Okay, jetzt ganz vorsichtig. Das Netzgerät muss weiter Händchen mit den Drähten halten.« Er zog June näher und befreite behutsam erst eine Schulter aus der Weste, dann die andere. Nach wenigen Sekunden packte er die Kleine um die Taille und hob sie das restliche Stück heraus.
Dann umklammerte er sie fest, kletterte einhändig die Leiter hinauf, wich auf dem Weg nach draußen dem verminten Brett am Eingang aus und sprang von der Veranda.
Ein dumpfer Knall erschütterte den Boden hinter ihnen. Die Augen des Mädchens wurden groß, und Levis Herz drohte, den Brustkorb zu sprengen.
Nachdem er tief Luft geholt hatte, entfernte er sich mit dem Mädchen in den Armen langsam von der Hütte. Rauchgeruch stieg ihm in die Nase.
Yoshi kam auf die Lichtung gelaufen und lächelte, als er June erblickte. Sie befreite sich aus Levis Armen und sprang in die von Yoshi. Irgendwo in der Ferne hörte Levi das Geheul von Sirenen.
»Die Einsatzkräfte sind unterwegs«, sagte Yoshi. »Die örtliche Polizei, dicht gefolgt vom FBI aus Washington.«
Flammen züngelten durch die Tür der Hütte heraus.
Levi nahm sein Telefon von Yoshi zurück. »Kann ich mir Ihr Auto leihen? Ich muss was erledigen.«
Yoshi warf Levi die Schlüssel zu. »Sicher. Ich fahre bei den
Leuten vom FBI mit.«
Levi streichelte über Junes an Yoshis Hals vergrabenen Kopf. »June war sehr tapfer.« Damit wandte er sich ab und rannte zum Auto.
Er hatte eine Verabredung mit Junes Entführer, die er nicht verpassen durfte.