Kapitel Achtzehn
Levi beobachtete, wie die Umgebung vorbeiraste, während Lucy auf der I-5 nach Norden fuhr. Nach fast einer Stunde des Schweigens war mehr als offensichtlich, dass die Frau kein redseliger Typ war. Aber als sie die Ausfahrt 236 nahmen und in nördlicher Richtung weiterfuhren, hielt er es nicht länger aus.
»Wie um alles in der Welt haben Sie und Mason sich kennengelernt?«, fragte er.
»Ich gewinne.«
Er löste den Blick vom Fenster. »Was soll das heißen, Sie gewinnen?«
Lucy reagierte mit einer abfälligen Geste der rechten Hand. »Ist bloß ein Spiel von früher, als ich ein Kind war. Wollte nur sehen, wer das Schweigen als Erster bricht. Sie wollen wissen, wie mich Mason in unsere Sache reingezogen hat?«
»So nennen Sie das? ›Unsere Sache‹?«
La cosa nostra – oder LCN, auch bekannt als die Mafia – bedeutete wörtlich übersetzt »unsere Sache«.
Lucy schenkte Levi ein verhaltenes Lächeln, als wüsste sie, was ihm durch den Kopf ging. »Nein, so heißt es nicht. Es hat keinen richtigen Namen. Zumindest keinen, den mir Mason je verraten hat. Und was macht es für einen Unterschied, wie man’s nennt? Ist ja nicht so, als hätten wir irgendwelche Arbeitsverträge unterzeichnet. Der einzige Unterschied zu unseren gewöhnlichen Leben ist, dass Mason für uns Fäden ziehen kann, Infos Gott weiß woher bekommt und bei den Bundesbehörden oder beim Militär Dinge veranlassen kann, die für uns verdammt schwierig wären.«
»Also, ich weiß, dass mich Mason bei der Beerdigung eines ehemaligen Soldaten gesehen hat. Zumindest hab ich ihn da zum ersten Mal bemerkt. Und schließlich hat er mich aus heiterem Himmel angerufen. Was ist mit Ihnen? Wie sind Sie reingezogen worden?«
Lucy presste einige Sekunden lang die Lippen fest zusammen, bevor sie antwortete. »Das reicht zurück bis zur Ermordung meines Ehemanns. Ich bin noch an dem Tag aus Hongkong geflohen, an dem’s passiert ist, und Mason war da, als ich in Los Angeles gelandet bin. Zu dem Zeitpunkt habe ich ihn nur als einen der Kunden gekannt, an den ich nicht geliefert hatte.«
»Was hätten Sie denn liefern sollen?«
Sie bog nach rechts auf die Bow Hill Road, eine einsame Straße mit einer Fahrspur in jede Richtung, die durch dicht bewaldetes Gebiet führte. »Darüber hab ich noch nie wirklich geredet.« Sie sah ihn an. »Das verlässt nicht diesen Wagen?«
Levi nickte. »Niemals.« Er mochte im Leben schon viel getan haben, wofür er vermutlich die Hölle verdiente. Aber wenn man sich auf etwas verlassen konnte, dann darauf, dass er seine Versprechen hielt.
»Tja, ich schätze, bevor ich auf die ausgefallene Lieferung komme, muss ich Sie wohl darüber aufklären, wie die Dinge damals gelaufen sind. Mein Ehemann hatte beim Aufbau des Betriebs die Finger in vielem drin. Und Sie können mir glauben, er hat den Betrieb mit eiserner Faust geführt. Es gab eine streng hierarchische Struktur wie bei einem normalen Unternehmen. Nur hat sich unser Unternehmen mit allen möglichen illegalen Dingen beschäftigt. Glücksspiel, Drogen, Prostitution, nichts war tabu.
Als ich in seinen Haushalt gekommen bin, war ich mir erst nicht sicher, ob ich eine Ehefrau oder verkauft werden sollte. Aber mein Mann hat schnell herausgefunden, dass ich die geradezu unheimliche Fähigkeit habe, mir Dinge zu merken. Fakten, Zahlen, Namen, fast alles. Mein Verstand ist wie ein Stahltresor. Ich vergesse nie etwas.«
Konnte sie wirklich so wie er ein eidetisches Gedächtnis besitzen? Wie standen die Chancen dafür? Er konzentrierte sich auf die Frau, die keinen halben Meter entfernt saß, und wurde zunehmend neugieriger. Durch ihr Auftreten und ihre Lebenserfahrung fiel ihm schwer zu glauben, dass sie unter 30 sein könnte, obwohl sie durchaus danach aussah. Sie besaß eine reife Schönheit, zugleich jedoch etwas Altersloses. Ebenso gut konnte sie bereits über 40 sein. Es ließ sich schlichtweg nicht abschätzen.
»Na jedenfalls, ich war noch ein Teenager, als mein Mann angefangen hat, mich ins Geschäft einzubeziehen. Er hat mir Aufgaben übertragen, die ich alle sehr ernst genommen habe. Ich hab geholfen, wo ich konnte, und bin letztlich zu seiner Stellvertreterin aufgestiegen. Er hat niemandem mehr vertraut als mir. Und ganz ehrlich, ich hab wesentlich dazu beigetragen, den Betrieb zu einem milliardenschweren Unternehmen auszubauen. Wir haben uns über den Rest von Asien ausgebreitet und die Fühler in die USA ausgestreckt.
An der Stelle hab ich mit dem Versuch begonnen, das Geschäft von den meiner Meinung nach schmutzigeren Dingen weg zu manövrieren. Von Dingen, die in meinen Augen unter der Würde meines Ehemanns waren.«
»Zum Beispiel?«, fragte Levi.
»Handel mit Kindern.« Lucys Miene verfinsterte sich, als sie auf die WA-9 Richtung Norden bog. »Das war ein kleiner, aber schnell wachsender Teil unseres Geschäfts. Die Käufer überall in Kanada und den USA sind Schlange gestanden, auch der Nahe Osten war ein wachsender Markt. Aber es war falsch.«
Sie atmete tief und schaudernd durch. Ihre Augen wurden glasig vor Tränen, die sie nicht vergoss. Tränen, die Levi bei einer so beherrschten, nüchternen Person wie ihr nie erwartet hätte.
»Es war mein Werk. Ich habe meinen Mann überredet, sich daraus zurückzuziehen und den Transport von allen unter 15 abzublasen. Aber weil ich meinen Mann dazu umstimmen konnte, etwas Nachteiliges für unsere Geschäftsinteressen zu tun, wurde er von einem seiner Untergebenen in einen Hinterhalt gelockt und umgebracht.«
Levi zählte zwei und zwei zusammen. »Also sind Sie in die USA geflüchtet und bei der Ankunft von Mason in Empfang genommen worden. War er einer der Käufer, denen Sie abgesagt hatten?«
Lucy nickte. »Zu dem Zeitpunkt wusste ich seinen Namen nicht, aber er wusste irgendwoher, was ich getan hatte. Außerdem wusste er, dass mein Mann gestorben war und warum.«
»Und wie konnte er das wissen?«
»Keine Ahnung, war aber so. Er hat überall Augen.«
»Und verdienen Sie sich so Ihren Lebensunterhalt? Mit Missionen für Mason?«
Lucy nahm den Fuß vom Gas und sah Levi belustigt an. »Wie um alles in der Welt kommen Sie darauf? Mein Mann und ich hatten überall auf der Welt eine Menge Vermögenswerte gebunkert, die man leicht zu Geld machen kann. Glauben Sie ernsthaft, die hätte ich den Geiern überlassen, die ihn ermordet haben?«
Unwillkürlich verspürte Levi eine gewisse Bewunderung für diese unabhängige Frau. »Wohl nicht. Nur versteh ich dann nicht, warum Sie trotzdem für Mason arbeiten. Wieso liegen Sie nicht irgendwo am Strand und lassen es sich gutgehen?«
Lucy bog nach rechts auf den Mount Baker Highway. »Das ist eigentlich ganz einfach. Wäre ich bloß abgetaucht, hätten die Aasgeier nach Durchsicht des Vermögens meines Mannes – richtigerweise – vermutet, ich hätte mir eine Menge davon gesichert und würde mich damit verstecken. Dann müsste ich für den Rest meines Lebens auf der Hut vor ihnen sein. Stattdessen hab ich mich für die Rolle entschieden, die Frauen in meiner Gesellschaft seit Jahrhunderten spielen: die hilflose Witwe, die mit gerade genug entkommen ist, um das Auslangen zu finden. Immerhin haben sie sich ja wirklich einen gewaltigen Batzen des Reichtums meines Mannes zurückgeholt.«
Levi dachte an ihre Wohnung in New York zurück. Es musste ein kleines Vermögen gekostet haben, ein so prunkvoll ausgestattetes Apartment in einem so alten Gebäude einzurichten. »Aber wenn die sich das Geld Ihres Mannes zurückgeholt haben, wie kommen Sie dann über die Runden?«
»Ich bin keine Idiotin. Ich hab mehr als genug für mehrere Leben beiseite geschafft. Nur protze ich damit nicht. Ich stelle mich dumm, aber nicht so dumm, dass ich nutzlos wäre. Ich bin immer noch im Geschäft und hab dem aktuellen Boss geholfen, seine Macht zu festigen. Hab mich bei ihm angebiedert, damit er mir vertraut. Mein Rang ist jetzt zwar viel niedriger als früher, aber das ist völlig in Ordnung. Auf die Weise bleib ich dran am Geschehen.
So hab ich auch erfahren, dass der Geldhahn durch den Handel mit Kindern wieder aufgedreht worden ist. Und ja, das habe ich Mason gesteckt. Ich helfe ihm, die Lücken in den Informationen zu füllen, die er von seinen anderen Quellen bekommt. Aber ich habe Pläne für den Betrieb meines Mannes.«
»Wollen Sie ihn wieder übernehmen?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich will ihn dem Erdboden gleichmachen.«
Levi starrte in die sich verdichtenden Schatten des Walds, der sie umgab. Obwohl es erst fünf Uhr nachmittags war, wurde es schnell dunkel, als Lucy den Wagen am Ende eines Feldwegs anhielt. Sein Telefon vibrierte. Er blickte auf das Display. Eine Nachricht von Mason.
Spionagesatelliten bestätigen, dass ein großer Lastwagen in der Anlage drei Kilometer nördlich des Abfangpunkts eingetroffen ist.
Rechnen Sie heute Nacht mit Sondierung. Eigentlicher Deal morgen Nacht.
Seien Sie vorsichtig.
»Nachricht verstanden?«, fragte Lucy.
»Ja.« Levi stieg aus, schlang sich seinen Rucksack auf den Rücken, das Gewehr über die Schulter und folgte Lucy, als sie in nordöstlicher Richtung einen Wildpfad entlang aufbrach.
Nach etwa 50 Metern blieb sie stehen und riss einige schneebedeckte Föhrenzweige beiseite. Ein Quad kam darunter zum Vorschein. »Sie fahren, ich sitze hinter Ihnen.«
»Sollten nicht lieber Sie fahren?«, fragte Levi. »Ich hab keine Ahnung, wo dieser Abfangpunkt ist. Sie haben nur was vom Frost Creek gesagt, das hilft nicht.«
»Tut mir leid, aber Sie müssen vorn sein. Ich kann’s nicht haben, dass Sie mich anfassen.« Lucy holte ihr Handy heraus und zeigte ihm ein digitales Bild davon, wo sie sich befanden und wohin sie wollten. Sie deutete auf eine Linie, die durch etwas verlief, das nach einem Bach aussah. »Wir gehen davon aus, dass sie direkt von der kanadischen Grenze kommen. Das ist nur ein paar Kilometer Luftlinie von hier. Sollten wir in ungefähr einer Stunde schaffen.«
»Wenn’s nur ein paar Kilometer sind, können wir auch zu Fuß marschieren, damit sind wir besser bedient.«
»Nein. Ich brauche das Quad morgen, wenn ich die Grenze überquere.«
Levi betrachtete das geländetaugliche Fahrzeug und stellte fest, dass es keine Auspuffanlage hatte. »Ist es elektrisch?«
»Ja. Die ganze Operation hängt davon ab, dass wir keine Aufmerksamkeit erregen.«
Levi hievte sich das Gewehr höher auf die Schulter und lächelte. »Deshalb also der super-leichtgängige Repetiermechanismus und die Unterschallmunition.« Es lief auf etwas hinaus, was der russische KGB als »schmutzige Operation« bezeichnet hätte. Jemand würde sterben. Entscheidend war, dafür zu sorgen, dass es nicht Lucy oder er sein würde.
»Wie auch immer.« Lucy fuhr fort. »Den Frost Creek entlang verläuft ein einfacher Wanderweg. Wir vermuten, dass sie dem folgen werden. Wie Doug gesimst hat, werden sie ihn heute Abend auskundschaften, um sicherzustellen, dass sie auf nichts Unerwartetes treffen. Und morgen werden sie die Kinder herüberschmuggeln.«
Levi trat etwas von dem Unterholz vor dem Quad weg, bevor er aufstieg. Lucy ließ sich hinter ihm auf dem Sitz nieder und schlang die Arme um seinen Bauch. Er drückte den Starterknopf, und das Fahrzeug sprang geräuschlos an. Levi hörte nur die Atmung seiner Partnerin, als sie sich an ihn lehnte. Er drehte den Gasgriff und fuhr in Richtung ihres Ziels los.
Levi schwenkte den Blick über die Lichtung. Vom Frost Creek stieg leichter Nebel auf und verlieh dem Wald eine gespenstische Atmosphäre. Er beobachtete, wie sich Lucy etwas ins Ohr steckte. Dann reichte sie ihm denselben Gegenstand, der beinah wie geschwärzte Knetmasse aussah.
»Einfach leicht ins Ohr drücken. Härtet in einer Minute.«
Levi drückte die weiche Vorrichtung in sein Ohr und hörte auf Anhieb ein statisches Knistern.
Lucy richtete ein kleines, stabförmiges Gerät auf sein Ohr, und die Interferenzen verstummten schlagartig. Sie reichte Levi ein Kehlkopfmikrofon, das er um den Hals anbrachte und zurechtrückte.
Lucy wich ein paar Schritte zurück und hielt sich die Hand vor den Mund. »Test, Test, eins ... zwei ... drei.«
»Höre Sie klar und deutlich.«
»Umgekehrt genauso, habe deutlichen Empfang.«
Lucy kehrte zu Levi zurück, kniete sich hin und benutzte einen Stock, um während der nächsten fünf Minuten den Plan für die Nacht auf den Boden zu zeichnen.
Levi hatte die Kälte nicht berücksichtigt. Der dunkle Arbeitsanzug hatte ihn einigermaßen warm gehalten, solange die Temperatur über dem Gefrierpunkt gelegen hatte, doch mittlerweile ging es auf Mitternacht zu, und es wurde zunehmend kälter. Die Temperaturen mussten mit Sicherheit auf unter null gesunken sein.
Lucys Stimme drang aus seinem Ohrstöpsel. Sie klang atemlos. »Levi, ich bin ungefähr zwei Kilometer nördlich der Grenze und hab gerade einen SUV auf dem Weg nach Süden gesehen. Sind wahrscheinlich unsere Zielpersonen. Halten Sie die Augen offen.«
Mit dem Kehlkopfmikrofon nach wie vor am Hals flüsterte Levi: »Verstanden. Ich sehe Scheinwerfer.«
Er befand sich im Wald, nur ungefähr sechs Meter von der Grenze zu Kanada entfernt, einer Lichtung, von der er weiter zwischen die Bäume zurückwich. Er ging hinter einer dicken Kiefer in Position, spähte durch das am Gewehr montierte Zielfernrohr und vergrößerte die Ansicht auf das nahende Fahrzeug. Der Vollmond tünchte die schneebedeckte Landschaft in einen unheimlichen, silbrigen Schein.
Ringsum von Wald umgeben konzentrierte Levi die geschärften Sinne, um einen Hinweis auf seine Beute aufzuschnappen. Obwohl sich die Neuankömmlinge etwa 100 Meter entfernt befanden, hörte er deutlich, wie die Türen des SUV geöffnet und geschlossen wurden.
Es handelte sich um vier Männer. Levi konnte sich zwar nicht völlig sicher sein, aber nach der relativ geringen Körpergröße, dem dunklen Haar und dem ebenfalls etwas dunkleren Teint zu urteilen, hielt er sie für Asiaten. Was natürlich zu erwarten gewesen war.
Der Vorderste hielt etwas in der Hand, das kurz sein Gesicht erhellte, vielleicht ein Handy.
Eindeutig asiatisch.
Die anderen drei hatten Gewehre über den Schultern, als wären sie eine Jagdgesellschaft.
Der Anführer deutete in Richtung des Baches namens Frost Creek. Die Gruppe betrat den Wald und folgte dem noch nicht gefrorenen Wasserlauf.
Levi verharrte regungslos, als die Männer sein Sichtfeld querten. Alle trugen auch Handfeuerwaffen. An den Gürteln von zwei der Männer hingen Ferngläser.
Einer hob sein Fernglas an die Augen und schwenkte den Blick durch den Wald. Levi blieb hinter der Kiefer versteckt, doch ihm kam der Gedanke, dass der Mann dieses Fernglas nicht benutzen würde, wenn es nicht mit Nachtsicht oder Wärmebildtechnik ausgestattet wäre. Vermutlich mit Letzterem.
Ein Schuss ertönte. Trotz der Entfernung hörte Levi deutlich, wie ein Körper zu Boden fiel.
Dann folgte ein Husten.
Es klang beinah wie eine Katze, die ein Haarknäuel hochwürgte. Das hatte Levi schon öfter gehört.
Ein Reh war getroffen worden, wahrscheinlich in die Lunge.
Die Männer gingen auf das Tier zu. Nachdem sie sich vergewissert hatten, dass es keine Bedrohung darstellte, setzten sie den Weg den Bach entlang fort.
»Levi, ich bin vor der Lagerhalle. Mit dem FLIR sehe ich einen Haufen Körper, die zusammen in einem Frachtcontainer kauern. Ich würde zwischen 50 und 100 Kinder schätzen.«
Das FLIR war ein Wärmebildsystem, das Levi in der Vergangenheit schon bei der Suche nach Menschen im Wald benutzt hatte. Ein menschlicher Körper zeichnete sich damit wie ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit ab. Anscheinend hatte Lucy eine Version, mit der sie in einen Versandcontainer aus Metall sehen konnte.
Levi schlich auf das Geräusch des röchelnden Rehs zu. Gleichzeitig ließ er den Blick auf die vier Männer gerichtet, die sich den Wasserlauf entlang nach Süden entfernten.
»Unsere Zielpersonen hier scheinen ziemlich paranoid zu sein. Suchen den Wald nach Wärmesignaturen ab. Einer hat eben auf ein Reh geschossen. Sie bewegen sich gerade weiter nach Süden.«
»Passen Sie auf, dass Sie nicht entdeckt werden.«
Levi zog ein rasierklingenscharfes Messer aus einer Scheide an seinem Gürtel, bückte sich und erlöste das Reh von seinem Elend. »Machen Sie sich um mich keine Sorgen. Wenn die Jungs hier paranoid sind, dann sind es auch die bei Ihnen.«
»Nicht so sehr. Die haben hier ringsum Lagerfeuer angezündet. Wahrscheinlich, damit sich die Wachposten wärmen können. So oder so, sie sind praktisch nachtblind.«
Levi schüttelte den Kopf über solche Idiotie. Er war zwar nie beim Militär gewesen, aber durch die Jahre, die er bei lebenslangen Fährtenlesern, Jägern und Überlebenskünstlern gewesen war, hatte er gelernt, anders über die Natur zu denken als die meisten Menschen. Raubtier gegen Beute. Wäre er besorgt darüber, dass sich jemand oder etwas an ihn anpirschen könnte, würde er auf keinen Fall ein Lagerfeuer anmachen. Dadurch würde er zugleich nachtblind und verriete seine Position.
»Okay, passen Sie einfach auf sich auf. Wir treffen uns wie geplant in drei Stunden beim Auto.«
Levi kauerte am Waldrand, den Blick auf den Mietwagen gerichtet, mit dem sie angekommen waren. Irgendwo zu seiner Linken hörte er das Knirschen von Schnee und flüsterte: »Nähern Sie sich da?«
»Sie haben gute Ohren.«
Keine Minute später tauchte Lucy aus dem Wald auf wie ein Schatten vor dem gesprenkelten Hintergrund des schneebedeckten Geländes. Levi ließ sich von dem Aussichtspunkt fallen, den er sich zwischen zwei ineinander verflochtenen Bäumen gebastelt hatte.
Lucy schnappte nach Luft, und er hörte ihre Stimme sowohl direkt im Ohr als auch über die Lichtung. »Heilige Scheiße, wo zum Teufel kommen Sie denn her?«
Levi deutete zum Auto. »Reden wir im Wagen, ich frier mir hier draußen die Kronjuwelen ab.«
Nach etwa 30 Minuten fuhren sie endlich wieder auf Asphalt und traten den Rückweg nach Seattle an.
»Haben Sie alles, was Sie für heute Nacht brauchen?«, fragte Levi.
»Ich muss gleich Doug anrufen. Unter Umständen muss ich mir ein paar spezielle Dinge ins Büro liefern lassen.«
»Was wissen Sie über diese Kinder? Ihre Situation ...« Levi zögerte. »Ich weiß über die Sache mit dem Menschenhandel eigentlich nur, was ich von den Mädchen höre, die ich rausgeholt habe.«
Lucys Gesichtsausdruck verfinsterte sich, während sie weiter auf die Straße starrte. Es dauerte eine halbe Minute, bis sie antwortete. »Ich bin sicher, das Wesentliche wissen Sie. Diese Kinder sind Waisen oder wurden ausgesetzt, entführt, verkauft. Es spielt eigentlich keine Rolle, wie sie in diese Situation geraten sind. Schlimm ist der Albtraum, der ihnen blüht, wenn niemand eingreift.«
Bilder von Mei tauchten vor Levis geistigem Auge auf. So jung und so unpassend aufreizend herausgeputzt. Er konnte sich nicht überwinden, sich im Detail auszumalen, was sie vielleicht schon durchgemacht hatte. Lucy zeichnete das Bild für ihn mit einem erschütternden Anstrich von Realität.
»Wenn die Kinder wirklich Glück haben, bringt man sie in illegale Arbeitslager«, schilderte die Frau. »Man bringt ihnen Nähen bei, Landwirtschaft, was immer gefragt ist. Mir liegen vor allem die Unglücklicheren am Herzen. Die Hübscheren, insbesondere die Mädchen, sterben entweder schnell oder durchleben eine Hölle, die den Verstand übersteigt.
Stellen Sie sich vor, Sie sind 13 und werden fünf Jahre lang jeden Tag dreißigmal vergewaltigt. Für ein solches Ausmaß an Missbrauch ist der Körper nicht vorgesehen. Die meisten werden nicht mal 13. Manche entkommen und versuchen, in ihr verlorenes Leben zurückzufinden. Schaffen sie so gut wie nie. Andere sind von ihren Qualen derart gezeichnet, dass sie den Verstand verlieren. Sie vegetieren den Rest ihres Lebens gebrochen dahin. Wieder andere sind nach unzähligen Abtreibungen unfruchtbar oder fangen sich unheilbare Krankheiten ein. Dann verschwinden sie einfach.«
Levi ballte vor Zorn die Hände zu Fäusten, während er lauschte, wie Lucy nüchtern beschrieb, was mit den Opfern des Menschenhandels geschah. »Mit ›verschwinden‹ meinen Sie, dass Sie umgebracht und irgendwo begraben werden, richtig?«
Lucy zuckte mit den Schultern. »Umgebracht ja. Begraben? Damit würde ein gewisses Maß an Würde einhergehen. Ist in der Regel nicht drin. Seien wir ehrlich: Ihre Leute entsorgen Leichen wahrscheinlich auf ähnliche Weise. In Säure aufgelöst, zu Asche verbrannt, zerstückelt und im Meer als Fischfutter verteilt – es gibt jede Menge Möglichkeiten, Beweise loszuwerden.«
Levi deutete mit dem Daumen zurück in die Richtung, aus der sie kamen. »Tja, dann wollen wir mal sehen, was wir für die Wenigen tun können, von denen wir wissen.«
»Dafür machen wir das alles.«
Levi ging durch, was sie gerade beschrieben hatte. Er wusste so wenig über dieses Thema. Bisher hatte er nur oberflächlich durch die Handvoll der von ihm geretteten Kinder davon gewusst. Einzelheiten hatte er nie erfahren. Ein Teil von ihm wollte gar nicht wissen, dass Menschen zu solchen Abscheulichkeiten imstande waren.
Die Mafia und sogar die Familie Bianchi taten vieles, das Levi selbst nie tun würde, trotzdem bewahrten sie sich eine gewisse Ehre. Eine Ehre, die sogar die Skrupellosesten unter ihnen respektierten. Familien und insbesondere Kinder galten als tabu.
Schwer vorstellbar, dass die ganze Sache für ihn erst vor kurzem mit der Entführung der Enkelin eines japanischen Mafiabosses begonnen hatte.
Er sah auf die Armbanduhr. Es war fast vier Uhr morgens. In etwa zwölf Stunden nach der Ankunft in Seattle würden sie schon wieder aufbrechen. »Meinen Sie, Mason kann heute etwas in Ihrem Spind deponieren lassen?«
Lucy bog auf den Mount Baker Highway. »Keine Ahnung, wie er’s macht, aber er ist ziemlich schnell.«
Levi wählte Dennys Nummer.
»Hi, Levi. Ich bin grad dabei, für heute Schluss zu machen. Was gibt’s?« Denny hielt sich fast immer in der Kneipe auf und bastelte nach Sperrstunde in seiner Werkstatt an etwas. Allerdings war es in New York drei Stunden später, deshalb hatte Levi Glück gehabt, ihn noch zu erreichen.
»Dieser Taucheranzug, den du mir gezeigt hast. Ist der noch da?«
»Du meinst den Trockenanzug? Ja, den hab ich noch. Interessiert dran?«
»Ich denk schon. Aber ich brauche ihn sofort.«
»Verstehe. Wenn du ›sofort‹ sagst, kommst du ihn wohl abholen, richtig?«
»Das ist der Haken. Ich bin in Seattle. Irgendeine Chance, ihn noch heute zu mir zu schaffen – je früher, desto besser?«
»Verdammt, Mann. Warte, lass mich an den Computer gehen und nachsehen.« Levi hörte, wie auf einer Tastatur getippt wurde. »Okay, wenn du’s ernst meinst, kann ich sofort rüber zum LaGuardia düsen und das Teil bei Delta aufgeben. Wenn ich um acht dort bin, landet es kurz vor fünf am Nachmittag deiner Zeit in Seattle. Schneller geht’s nicht, soweit ich das hier sehe. Haut das hin?«
Levi wandte sich an Lucy und legte die Hand über das Mikrofon. »Sie kennen den Verkehr hier in der Gegend besser als ich. Wenn für mich um fünf am Nachmittag etwas am Frachtterminal von Delta eintrifft, bleibt uns dann noch genug Zeit?«
Lucy legte kurz die Stirn in Falten, dann nickte sie. »Das sollten wir schaffen.«
»Okay, Denny. Ich steh tief in deiner Schuld. Schick ihn her. Ich hol ihn in Seattle ab.«
»Wird gemacht, mein Freund. Okay, genug gelabert. War’s das? Ich muss mit dem Ding los, wenn ich’s rechtzeitig schaffen will.«
»Ja, das war’s. Danke.«
Als Levi auflegte, fragte Lucy: »Wozu um alles in der Welt brauchen Sie einen Taucheranzug?«
Levi lehnte sich zurück und lächelte. »Ich will lieber unsichtbar sein, wenn’s an der Zeit ist, die Bösen abzuknallen.«