Kapitel Zwanzig
Levi spähte durch das Zielfernrohr des Gewehrs und sah den Beginn der unregelmäßigen Linie der Kinder. Genau, wie Lucy es beschrieben hatte. Zwei Männer führten die stolpernden Kinder an und befanden sich etwa sechs Meter vor ihnen. In die Gürtel hatten sie sich aktivierte Leuchtstäbe gesteckt, vermutlich, damit ihre Ware ihnen in der Dunkelheit leichter folgen konnte.
Levi vergrößerte die Ansicht auf die Kolonne der Kinder. Sie kämpften, die Augen so weit aufgerissen, wie es ging. Alle konzentrierten sich auf den Vordermann. Auf einigen Wangen sah Levi das Glitzern von Tränen. Aus den meisten Gesichtern sprach nackte Angst. Er wandte den Blick von ihnen ab.
Wolken zogen auf. Das helle Mondlicht von vorhin verkam zu einem trüben Schimmer, der kaum bis zu den Ufern des Frost Creek reichte. Die zwei Männer vor den Kindern trugen offenbar Nachtsichtgeräte. Levi hingegen brauchte keine technischen Hilfsmittel.
Seine Sicht hatte sich vollständig an die Dunkelheit angepasst. Er konnte schon immer selbst bei schlechtesten Lichtverhältnissen wesentlich besser sehen als die meisten Menschen. So gut, dass ihm das gedämpfte Mondlicht reichte, um alles zu erkennen: die Männer auf dem Weg nach Süden und den Tross der verzweifelten Kinder, so lang, dass Levi das Ende noch nicht ausmachen konnte. Aber er konzentrierte sich vorerst ohnehin auf die beiden Männer an der Spitze der Kolonne.
Die Chancen, dass es ihm gelingen könnte, sechs bewaffnete Aufpasser auszuschalten, ohne die Kinder oder sich selbst in Gefahr zu bringen, gingen gegen null. Aber zumindest war er vorbereitet. Er hatte einen Plan.
Und die beiden Männer an der Spitze würden ihm gleich als unfreiwillige Ablenkung dienen.
Levi hatte auf beiden Ufern des Bachs eine Überraschung platziert: flache Gruben, bedeckt mit Stöcken, Schnee und verstreuten Kiefernnadeln.
Der erste Mann trat mit einem knirschenden Laut auf die schneebedeckten Stöcke, brach fast einen Meter tief ein und schrie auf.
Levi schwenkte das Gewehr auf den Partner des Mannes, dem es knapp gelungen war, der Fallgrube auszuweichen. Levi zielte und feuerte.
Geräuschlos traf das Projektil sein Ziel – ein Kopfschuss. Der zweite Aufpasser brach zu einem schlaffen Haufen zusammen.
Levi lud eine weitere Patrone ins Lager.
Vorne an der Linie brach Chaos aus, als der erste Aufpasser einen Schmerzensschrei ausstieß, der durch Mark und Bein ging. Mit größter Wahrscheinlichkeit hatte ihn mindestens einer der umkehrt in die Grube gerammten Speere gepfählt.
Die vordersten Kinder wichen zurück, als die anderen Aufpasser mit den Gewehren im Anschlag vorwärts stürmten.
Levi nahm sorgsam den Mann auf der anderen Seite der Kinder ins Visier. Er hielt den Atem an und spürte den langsamen Rhythmus seines Herzschlags, als er sich auf sein Ziel konzentrierte. Levi berücksichtigte Geschossabfall und Horizontalbewegung, als er leichten Druck auf den Abzug ausübte, den Moment zwischen zwei Herzschlägen abwartete und schließlich feuerte.
Das Geschoss raste mit einer Geschwindigkeit von fast 300 Metern pro Sekunde auf das Ziel zu. Als es einschlug, war die Wirkung, als hätte jemand die Fäden einer Marionette gekappt. Der Mann fiel mit dem Gesicht voraus, die Arme und Beine von sich gespreizt.
Lautlos lud Levi die nächste Patrone ins Lager und lächelte über die Aufmerksamkeit, die sich auf die Front der Kolonne richtete. Auch die beiden Wachmänner von hinten eilten mittlerweile in Sicht.
Er schwenkte die Mündung auf den verbliebenen Aufpasser aus dem Mittelteil der Gruppe. Kurz bevor der Mann seinen schreienden Partner erreichen und erneut Alarm geben konnte, entfesselte Levi den nächsten Schuss.
Auch dieser Mann fiel mit dem Gesicht nach vorn, sechs Meter von seinem in der Grube gepfählten Kollegen entfernt.
Plötzlich spritzte Rinde in der Nähe von Levis Kopf auf, und er huschte hinter den Stamm der Kiefer, in der er kauerte.
Wie können die ...
Und dann begriff er. Seine Waffe, insbesondere der Schalldämpfer, hatte durch die von ihm abgegebenen Schüsse enorme Hitze aufgebaut. Wenn diese Typen eine Wärmebildausrüstung hatten, würden sie das Gewehr wahrnehmen wie eine lichterloh brennende Fackel.
Levi warf die Waffe sechs Meter nach rechts und hechtete auf den Boden.
Er hörte mehrere Schüsse, als er sich von dem erhitzten Scharfschützengewehr entfernte. Unterwegs zog er zwei ausbalancierte, rasiermesserscharfe Bo-Shuriken, spezielle Wurfpfeile. Als er durch den Wald eilte, achtete er weder auf das Weinen der Kinder noch auf die Schreie des gepfählten Schleppers. Stattdessen konzentrierte er sich auf die beiden Männer, denen er sich näherte.
Beide trugen Kopfbedeckungen mit Monokularen.
Als sich Levi anpirschte, gab einer der beiden einen Schuss auf das zurückgelassene Gewehr ab.
Ein metallischer Schwirrlaut hallte durch den Wald, als Levi den ersten Wurfpfeil schleuderte.
Er schlug in das weiche Gewebe unter dem Kinn des Mannes ein. Bevor der Getroffene auch nur ein ersticktes Gurgeln von sich geben konnte, ließ Levi das nächste Geschoss folgen.
Allerdings prallte es von der Waffe des zweiten Schleppers ab, als dieser in seine Richtung herumwirbelte.
Ein Schuss ertönte, als Levi dem Mann die Beine unter dem Körper wegfegte, bevor er ihm mit den versteiften Fingern gegen den Hals schlug.
Er entriss ihm die Waffe, dann ließ er einen verheerenden Tritt seitlich gegen den Kopf folgen. Levi hörte das Knacken eines Wirbels, als das Genick des Mannes brach.
Er hob das erbeutete AK-47 an, zog den Ladehebel zurück und ließ ihn los, zielte und jagte eine Kugel in den Kopf des anderen Schleppers. Sicherheitshalber.
Schließlich hastete er zum Tross der Kinder und sagte auf Mandarin: »Habt keine Angst. Ich bin hier, um euch zu helfen.«
Mehrere der Kinder starrten ihn mit weit aufgerissenen Augen an und wichen zurück. Verständlich, so wie er aus den Schatten aufgetaucht war und ihre Aufpasser getötet hatte. Immerhin steckte er von Kopf bis Fuß in einem schwarzen, thermisch isolierten Trockenanzug und hielt eine automatische Waffe. Für sie mutete er wahrscheinlich wie ein Schreckgespenst aus einem Albtraum an.
Er löste die Gesichtsmaske, klappte sie nach oben und wiederholte die Botschaft.
Eines der Kinder sagte etwas in einem anderen chinesischen Dialekt. Prompt fingen die Kinder in Hörweite zu weinen an und zeigten ihm die Daumen hoch.
Levi streckte die Hand nach einem Mädchen aus, das unmöglich älter als zwölf sein konnte. Er ergriff ihr Kinn, schenkte der Kleinen das herzlichste Lächeln, das er zustande brachte, und sagte: »Es wird alles gut. Ich bin gleich zurück.« Er schaute zu dem immer noch schreienden Mann in der Grube, bevor er hinzufügte: »Ich muss etwas zu Ende bringen.«
Lucy spähte durch das Fernglas und stellte fest, dass sich die Wärmesignaturen mittlerweile in zwei verschiedenen Bereichen des Gebäudes befanden. Das war in Ordnung. Wichtig war vor allem, dass ihr Treiben draußen keine der beiden Personen veranlasst hatte, zur Tür zu hetzen.
Sie ging um das Gebäude herum, sichtete den Stromzähler und eilte hin. Ihre schulische Ausbildung hatte im Alter von zehn Jahren geendet, als sie zu ihrem Ehemann gezogen war. Das hatte sie jedoch nicht davon abgehalten, weiter zu lernen – und zu ihren Interessensgebieten gehörte Elektrik. Auf das Thema war sie gekommen, als sich ein Ochse ihres Vaters an einem Transformator gerieben hatte und einen Stromschlag bekam.
Das hatte ihr Angst gemacht – und sie hasste es, sich vor etwas zu fürchten.
Also hatte sie im Verlauf der Jahre getüftelt und gelernt. Und sie wusste, was sie nun als Nächstes tun würde.
Kanada unterhielt ein Stromnetz derselben Art wie die USA, und dass sie den Zähler gefunden hatte, vereinfachte die Sache erheblich. Sie musste sich mit keinem Transformator auseinandersetzen, und sie wusste, dass die Versorgung des Gebäudes über diesen einen Zähler lief.
Lucy holte aus dem Rucksack einen umgebauten Trafo, den sie aus einer Mikrowelle ausgebaut hatte. Normalerweise gab er nur ungefähr ein Ampere ab. Allerdings hatte sie ihn zerlegt, die Spule behalten und einige der metallischen Nebenwiderstände aus dem Transformatorkern entfernt. Dadurch gab er nun über 800 Ampere aus. Mehr als genug für ihre Zwecke.
Sie platzierte das Gerät unten im Stromzähler und wickelte zwei Silberdrähte um das dicke Kabel, wo die Zuleitung des Versorgungsunternehmens in die Verkabelung des Gebäudes mündete. Nur allzu oft wurde bei solchen Anschlüssen Kupfer verwendet. Wegen der Oxidation eine schlechte Wahl. Dadurch erhöhte sich der Widerstand an den Anschlussstellen. Darauf baute sie. Lucy stellte die Regler an der Zeitschaltuhr auf zwei Minuten ein, bevor sie zum Eingang des Gebäudes eilte.
An der Tür ging sie in die Hocke, drehte den Knauf und wartete.
Sie hatte alles vorausgeplant. Lucy wusste, was gleich passieren würde. Sobald die Zeitschaltuhr ansprach, würde die in ihre Vorrichtung eingebaute Versorgung den umgebauten Transformator speisen, und durch die Metallleitungen würde Strom fließen. Das leicht oxidierte Metall am Anschluss des Versorgungsunternehmens würde als Widerstand fungieren und sich bis zum Schmelzpunkt erhitzen.
Lucy tippte mit dem Finger auf ihr Knie und zählte die Zeit herunter.
Fünf ... vier ... drei ... zwei ... eins ... jetzt.
Sie stellte sich vor, wie das Kabel zu qualmen anfing. Ein roter Schimmer würde von der Hitze darin ausgehen. Dann hörte sie es plötzlich.
Elektrische Funken spritzten von der Lampe, die sie zerschossen hatte, und im Gebäude brüllte jemand.
Lucy ging hinein.
Die Beleuchtung war ausgegangen. Es gab keine Fenster oder sonstigen Lichtquellen, aber ihr Nachtsichtgerät warf einen breiten, unsichtbaren Infrarotstrahl. Mit dem linken Auge sah sie die Umgebung grünstichig dargestellt.
»Ich seh nicht das Geringste!«, rief ein Mann auf Kantonesisch. Er befand sich links vor Lucy.
Eine weitere Stimme, die einer Frau gehörte, hallte von irgendwo rechts durch die Finsternis. »Rühr dich nicht – sonst machst du noch was kaputt. Ich suche die Taschenlampe. Sie ist hier irgendwo.«
Lucy schlang sich die MP5 wieder über die Schulter, zog die mit einem Schalldämpfer bestückte .22er und steuerte den Gang hinunter auf die Frauenstimme zu. Sie passierte mehrere offene Türen, die in kleine Büros führten.
Dann hörte sie von weiter vorn das Geräusch der sich öffnenden Schublade eines Aktenschranks. Sie folgte den Lauten und betrat ein Büro.
Eine altbackene Asiatin starrte blind in ihre Richtung. »Gao Jie?« Ihre Augen leuchteten durch das reflektierte Infrarotlicht beinah wie die einer Katze.
Wortlos zielte Lucy und gab zwei Schüsse ab.
Die Frau packte den Aktenschrank, als sie rückwärts fiel. Der Metallschrank kippte auf sie und verursachte dabei gewaltigen Krach.
»Chen Bao! Alles in Ordnung?«
Lucy steckte die .22er in die Trageschlaufe ihres Rucksacks, brachte die MP5 wieder in Anschlag und trat hinaus in den Gang. Ein Mann kam stolpernd um eine Ecke, ertastete sich blind den Weg.
Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete.
Lucy drückte den Abzug.
Drei Schüsse, abgefeuert in weniger als einer Drittelsekunde. Alle drei direkte Treffer in die Körpermitte.
Der Mann wankte, murmelte etwas Unverständliches und brach auf die Knie zusammen. Blut quoll über seine Lippen.
Ohne die geringsten Skrupel gab Lucy eine weitere Dreiersalve ab. Der Mann fiel nach hinten, das Gesicht eine unkenntliche Masse.
Lucy wandte sich vom Korridor ab und kehrte ins Büro zu der toten Frau zurück, um die Akten des Betriebs durchzusehen.
»Lucy, hörst du mich?« Levis Stimme ertönte in ihrem Ohr.
»Ja. Der Umschlagsposten ist gesichert. Wie läuft’s bei dir?«
»Sechs Mann ausgeschaltet. Die Kinder sind zu Tode verängstigt, aber sie sind alle unversehrt. Wird nicht jemand nach ihnen suchen, wenn sie nicht in den nächsten Stunden dort auftauchen, wohin sie geliefert werden sollten?«
»Doch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass an der Übergabestelle jemand wartet. Deshalb müssen wir die Kinder wegschaffen.« Lucy grunzte, als sie den Aktenschrank von der Leiche der Frau hob. Sie wollte ihn gerade durchsuchen, als sie sich stattdessen dem von Akten übersäten Schreibtisch zuwandte. »Pass auf, uns bleibt nicht viel Zeit. Die Unterstützung, die uns Doug bereitstellen kann, hat ihre Grenzen. Geh mit ihnen zu unserem Wagen los.«
»Verstanden.«
Sie hörte, wie Levi Anweisungen auf Mandarin erteilte. Höchstwahrscheinlich würden ihn zumindest einige der Kinder verstehen.
Lucy öffnete einen der Aktenordner auf dem Schreibtisch. Er enthielt Informationen über die Kinder: Kontaktnamen, Telefonnummern, Alter, Größe, Status der Jungfräulichkeit und mehr. Sie holte ihr Handy heraus und schoss Fotos. Eine ganze Menge.
»Lucy, wir sind jetzt unterwegs zum Auto. In ungefähr einer halben Stunde sind wir dort. Und was dann? Offensichtlich können wir nicht alle in dem Wagen unterbringen. Wenn jemand kommt, um nach den Kindern zu suchen, werden wir nicht wirklich verbergen können, wohin wir gegangen sind.«
Lucy schickte den ersten Schwung Fotos an Dougs E-Mail- Adresse, dann simste sie ihm GPS-Koordinaten.
»Levi, wir haben hier ’nen Volltreffer gelandet. Ich hab Herkunftsdaten, Namen der Beschaffer, der Käufer, der Kinder, Preise, einfach alles.« Ihr Handy vibrierte mit einer SMS von Doug. »Und ich hab eben eine Info von Doug bekommen. Keine Ahnung, wie er’s angestellt hat, aber er lässt in dem Moment zwei Chinooks vom Militärstützpunkt Lewis-McChord in der Nähe von Tacoma abheben. Er sagt, sie sind in etwa 40 Minuten hier.«
»Wo hier? Bei deinem Wagen?«
»Die Koordinaten hab ich ihm geschickt.«
»Das glaub ich erst, wenn ich’s sehe. Aber egal, ich sorg dafür, dass die Kinder in die Hubschrauber steigen, dann warte ich beim Auto auf dich.«
Unverhofft verspürte Lucy in sich eine Wärme, die sie an etwas erinnerte, das sie vor langer Zeit verloren hatte. »Nein, flieg mit den Kindern. Die Jungs vom Militär werden dich zumindest so lange brauchen, bis ein Dolmetscher da ist. Bis ihr landet, bin ich mit dem Wagen unterwegs zurück nach Süden.«
»Lucy, bitte sei auf dem Rückweg vorsichtig. Und geh nicht am Bachufer entlang. Dort sind frisch ausgehobene, mit Spießen gespickte Gruben. Eine ist besetzt, von der anderen hab ich das Tarngestrüpp entfernt, aber es ist dunkel, und man weiß ja nie ...«
»Mir passiert nichts. Wir sind soweit fertig. Vielleicht begegnen wir uns bei einer anderen Gelegenheit wieder. Mach’s gut, Levi.« Damit entfernte Lucy den Ohrstöpsel und riss sich das Kehlkopfmikrofon vom Hals.
Da sie wusste, dass bald Leute eintreffen würden, rannte sie aus dem Büro, sprang über den toten Menschenhändler im Gang hinweg und konzentrierte sich darauf, es in einem Stück zurück nach Hause zu schaffen.
Einer der Triaden standen ausgesprochen unschöne Zeiten bevor.