Kapitel Ein­und­zwanzig
Levi lief in seinem Apartment in New York City auf und ab, wählte eine Nummer und drückte die Daumen. Das musste funktionieren.
»Hallo, Levi. Ich wollte Sie gerade anrufen.« Mason klang, als befände er sich nebenan.
»Ich hab getan, was Sie verlangt haben. Ich hab Lucy bei der Sache mit den Kindern geholfen. Soweit ich weiß, haben Sie bekommen, was Sie wollten. Erinnern Sie sich daran, dass wir im Gegenzug über einen Gefallen gesprochen haben?«
»Nein« , antwortete Mason mit einem belustigten Unterton in der Stimme. »Frischen Sie mein Gedächtnis auf.«
Levi runzelte die Stirn und verstärkte den Griff um sein Handy. »Ich hab zu Ihnen gesagt, dass ich Sie vielleicht um ein paar Gefallen bitten muss, wenn alles klappt. Sie haben darauf erwidert, und ich zitiere: ›Sie müssen nicht darum bitten. Ich arbeite daran und sehe zu, was ich tun kann.‹ Erinnern Sie sich jetzt?« Er bemühte sich, den Zorn aus seiner Stimme zu verbannen. Levi konnte es nicht leiden, wenn Menschen ein Versprechen nicht einhielten.
»Ich meine, mich an etwas in der Art zu erinnern. Ich werde liefern. Aber ich brauche noch eine Kleinigkeit von Ihnen.«
Levi war nicht sicher, ob er sich davon abhalten könnte, Mason in seine Einzelteile zu zerlegen, wenn er denn Mann in Reichweite hätte. »Was?«, presste er knurrend hervor.
»In der Gegend, in der Sie Lucy zum ersten Mal begegnet sind, kommt es bald zu einer ziemlich großangelegten Razzia. Leider ist sie irgendwie auf der Watchlist des FBI gelandet, und ich brauche ungefähr einen Tag, um das zu klären. Zu lange. Das Feuerwerk wird schon davor hochgehen.«
Levis Zorn floss aus ihm ab, wurde abgelöst von Besorgnis. »Was soll ich tun?«
»Wenn ich Lucy zum Terminal Flushing – Main Street schicke, meinen Sie, dass Sie unsere gemeinsame Freundin dann von der Straße schaffen können, ohne beschattet zu werden? Wenn sie ins System gelangt, wird es kompliziert.«
»Flushing Main Street. Ja, ich denke, ich kann ein Chaos arrangieren, um Verfolger abzuschütteln. Wann?«
»Holen Sie Lucy in zwei Stunden ab.«
Levi zögerte, als er an all die Leute dachte, die er anrufen musste. Er würde künstliche Verkehrsstaus arrangieren müssen, Blockaden gegen Autos der Polizei oder Bundesbehörden ... die Sache würde definitiv einiges an Koordination erfordern. »Na schön, tun wir’s. Und danach rechnen wir ab?«
»Sie tun das für mich, und ich sorge dafür, dass Sie bekommen, was Sie brauchen.«
»In Ordnung.«
Mason legte auf, und Levi verbrachte die nächsten zwei Stunden am Telefon mit einem Dutzend Mitgliedern des Bianchi-Netzwerks.
Am späten Abend stand Levi vor dem Helmsley Arms und wartete, bis er den Wagen endlich sichtete. Er spürte, wie die Anspannung aus seinem Körper abfloss und blies den unbewusst angehaltenen Atem aus, als eine Limousine vor das Haus in der Park Avenue rollte. Ohne auf den Fahrer zu warten, öffnete sich die Tür hinten, und Lucy stieg aus. Als sie zu ihm aufschaute, wurden ihre Augen groß. »Du?«
»Ja, ich«, bestätigte Levi lächelnd.
»Mir war nicht klar, dass du involviert sein würdest.« Sie legte den Kopf schief, und eine untypische Emotion zeigte sich durch einen Riss in ihrer neutralen Fassade: Die Frau wirkte beinah erfreut.
Dann kam sie zu ihm und flüsterte: »Denk dran, nicht anfassen.« Und damit hängte sie sich bei ihm ein.
Die beiden Muskelprotze an der Tür des Gebäudes, das für die Nacht Lucys Unterschlupf werden sollte, lächelten sie beide an, als sie zu den Aufzügen gingen.
Als sich die Fahrstuhltüren schlossen, ließ Lucy ihn los, trat einen Schritt zurück und musterte Levi von Kopf bis Fuß. »Du hast dich ganz schön herausgeputzt. Ist das erste Mal, dass ich dich in ’nem Anzug sehe.«
Levi zuckte mit den Schultern. »Normalerweise entspricht eher das meiner Alltagskleidung.« Die Fahrstuhltüren öffneten sich, und Levi begleitete Lucy zu seinem Apartment. »Du hast mich bisher fast ausschließlich im Einsatzmodus gesehen. Da sehe ich anders aus als normal.«
Lucy zog die Augenbrauen hoch. »Ich finde allmählich, dass du in keiner Hinsicht sonderlich normal bist. Hab gesehen, was du an dem Bach zurückgelassen hast. Gute Arbeit mit den sechs Drecksäcken. Aber verursachst du immer so eine Schweinerei und erwartest dann, dass andere wie ich hinter dir aufräumen?«
Levi warf ihr einen verwirrten Blick zu, als er mit dem Finger über das biometrische Schloss seines Apartments fuhr.
Sie lächelte und schüttelte den Kopf. »Andererseits bist du vielleicht doch ein gewöhnlicher Kerl und überlässt immer anderen das Aufräumen. Das war eindeutig die Vorgehensweise meines Ehemanns.«
Er verdrehte die Augen, lächelte aber über ihre Sticheleien.
Mit einer schwungvollen Geste öffnete er die Tür und sagte: »Urteile selbst.«
Lucy betrat die Wohnung, sah sich um und nickte anerkennend.
Alles befand sich an seinem Platz. Und wenngleich Levi von Natur aus ein ordnungsliebender Mensch war, hatte er nicht vor zu erwähnen, dass täglich ein Hausmädchen zum Staubwischen und Staubsaugen vorbeikam.
»Wahrscheinlich hast du ein Hausmädchen.« Mit einer wegwerfenden Geste ließ sich Lucy auf einen Ledersessel plumpsen.
»Hungrig? Durstig?«
Lucy schüttelte den Kopf. »Ich hab schon gegessen.« Sie sah sich in der Wohnung um. »Wo übernachte ich?«
Levi zeigte zu einer angelehnten Tür am anderen Ende des Wohnzimmers. »Ich habe ein Gästezimmer. Ist schon alles vorbereitet. Es hat ein eigenes Badezimmer mit frischen Handtüchern.« Levi ergriff eine Süßigkeit aus einer Kristallschüssel auf dem Kaffeetisch. »Ich kann dir sogar was Süßes aufs Kopfkissen legen.«
»Nicht nötig.« Lucy zuckte mit den Schultern und seufzte. »Ich werd wohl ohnehin nicht viel schlafen.« Sie deutete zu den Fenstern. »Mir wird durch den Kopf gehen, was da draußen passiert.«
Levi nahm ihr gegenüber auf dem anderen Sessel Platz und fragte: »Willst du reden?«
Erneut zuckte sie mit den Schultern. »Was gibt’s schon groß zu sagen? Ich habe genug Beweise geliefert, um den Großteil der Geschäfte meines Ehemanns in den Staaten auszulöschen. Und mit den Beweisen, die ich Doug übergeben habe, werden es auch die Leute in Hongkong wahrscheinlich nicht schaffen, ungeschoren davonzukommen.«
»War das nicht von Anfang an dein Plan?«
»Doch, war es.« Lucy schürzte die Lippen. Ihre Miene wirkte beunruhigt. »Ist es immer noch. Aber du musst dir vor Augen halten, dass ich seit meinem elften Lebensjahr nichts anderes als das gekannt hab.« Als sie Levi über den Kaffeetisch hinweg ansah, glitzerten unvergossene Tränen in ihren Augen. »Ich muss mich davon ablenken. Wie bist du auf diesen Weg geraten? Wo genau ist der amische Junge falsch abgebogen?«
Levi lehnte sich zurück, streifte die Schuhe ab und begann, davon zu erzählen, wie er das erste Mal in die Stadt gekommen war.
Levi redete fast eine Stunde lang ununterbrochen. Über die ersten Jahre. Über Vinnies Vater, den früheren Boss, der sämtliche Regeln gebrochen und sich für ihn eingesetzt hatte, um ihn in den inneren Kreis der Familie zu holen. Er sprach über seine Ehe, den Tod seiner Frau, seinen Krebs und die unverhoffte Genesung. Auch von seiner Wanderschaft durch die Welt und seiner Rückkehr zur Familie erzählte er.
Lucy stellte aufmerksame Fragen und schien aufrichtig interessiert an jeder Einzelheit zu sein. Ihr fiel es sogar auf, wenn er ihrer Meinung nach etwas ausließ. Was er auch tat, einige Kleinigkeiten – Dinge, von denen er sich geschworen hatte, nie wieder über sie zu reden. Und sie ritt nicht darauf herum.
Als Levi gegen Mitternacht laut gähnte, stand Lucy auf und meinte: »Geh ins Bett. Ich leg mich hin und sehe noch fern oder so.«
Levi erhob sich und zeigte in Richtung der Küche. »Falls du Hunger oder Durst hast, da drin gibt’s etwas dagegen. Fühl dich einfach wie zu Hause. Sorgen musst du dir jedenfalls keine machen. In dieses Gebäude kommt niemand rein.«
Levi setzte sich auf, überwältigt von einer unverhofften Panikattacke. Im Apartment herrschte Totenstille. Nur sein Herzschlag dröhnte wie ein hämmernder Trommelschlag durch seinen Kopf. Ein eiskalter Schauder lief ihm über den Rücken.
Irgendetwas stimmte nicht.
Er schnappte sich die .45er vom Nachttisch und tapste langsam in Richtung Wohnzimmer, die Sinne in höchster Alarmbereitschaft.
Dann hörte er es.
Vorsichtig näherte er sich dem Gästezimmer. Die Tür war leicht angelehnt. Mit dem Zeigefinger über dem Abdruck verstärkte er den Griff um die Waffe. Behutsam öffnete er die Tür und trat ein.
Auf dem Boden lag ein Haufen zerknitterter Kleidung.
Seine Anspannung verflüchtigte sich, als er Lucy schlafend im Bett sichtete, eingerollt in Embryonalhaltung – und wieder mal nackt. Das Geräusch, das ihn geweckt hatte, war ihr Schnarchen.
Langsam wich er aus dem Zimmer zurück und schloss die Tür hinter sich.
Es war vier Uhr morgens – hatte keinen Sinn, sich wieder schlafen zu legen. Er brauchte eine Dusche.
Am besten eiskalt.
Levi stand mit Ryuki und Yoshi auf dem Rollfeld und wartete auf die Ankunft von Shinzo Tanakas Flugzeug.
Ryuki legte einen Arm um Levis Schulter und drückte sie. »Unglaublich, dass Sie das ermöglicht haben.«
Levi nickte, erwiderte jedoch nichts. Er konnte dem Mann nicht sagen, dass in Wirklichkeit ein Mann, der für einen geheimen Teil der US-Regierung arbeitete, die nötigen Fäden gezogen hatte, um die Visabeschränkung für den Boss des Tanaka-Syndikats aufzuheben.
»Und?«, fragte Yoshi. »Kommen Helen und June heute wirklich aus der Schutzhaft?«
Levi nickte. »Ja. Meine Kontaktperson hat mir mitgeteilt, dass gerade ein privates Treffen für die Entlassung arrangiert wird. Ich glaube, sie haben beide bereits mit Mr. Tanaka gesprochen, während er noch in der Luft war.«
»Mr. Tanaka spricht Englisch?« Yoshi wirkte überrascht.
Ryuki zuckte mit den Schultern. »Ich habe ihn nie eine andere Sprache sprechen gehört, und ich kenne ihn seit über 20 Jahren.«
In dem Moment bog eine ungekennzeichnete Gulfstream in ihre Richtung. Die zwei mächtigen Triebwerke brummten laut, als die Maschine langsam dahinrollte. Schließlich blieb das Flugzeug stehen. Der Triebwerkslärm verstummte rasch, und die Tür öffnete sich. Eine Treppe wurde ausgeklappt. Zoll- und Einwanderungsbeamte bestiegen das Flugzeug zur Überprüfung.
Wenig später kamen die Beamten wieder heraus. Levi lächelte, als er sah, wie Shinzo Tanaka am Ausgang der Maschine erschien – ein legaler Besucher in einem Land, das ihm die Einreise fast drei Jahrzehnte lang verwehrt hatte.
Die Fahrt vom Flughafen Dulles zur Turnhalle der Schule, wo das erste Treffen stattfinden sollte, dauerte fast eine Stunde. Levi hatte dafür einen neutralen Ort arrangiert, der zugleich allen ein wenig Privatsphäre bot. Die beiden Männer, die mit Tanaka angekommen waren, saßen in der Limousine vorne, während sich Levi, Yoshi und Ryuki hinten bei Tanaka befanden.
Tanaka lächelte ironisch, als er aus dem Fenster des Fahrzeugs blickte. »Ich kann immer noch nicht recht glauben, dass ich hier bin. Levi, das ist mir sehr wichtig.«
Levi hörte die Emotion, die in den Worten des Mannes mitschwangen. Er konnte sich nicht ansatzweise vorstellen, wie es sein musste, zum ersten Mal überhaupt seine einzige lebende Erbin zu treffen. So etwas würde wohl jedem unter die Haut gehen. »Ich bin froh, dass alles geklappt hat.«
Tanaka nickte und schaute aus dem Fenster.
Yoshi wirkte angespannt. Wohl nervös, weil er dem Yakuza-Boss wahrscheinlich noch nie zuvor persönlich begegnet war. Ryuki starrte stoisch auf die eigenen Knie. In Summe ergab sich eine merkwürdige, betretene Stille, die Levi Unbehagen verursachte. Lag es an der üblichen japanischen Gelassenheit oder an etwas anderem? Italiener konnten es sich nicht verkneifen, Geschichten zu erzählen oder Witze zu reißen, wenn es nichts zu tun gab. Die Stille und die gedrückte Stimmung machten Levi nervös.
»Tanaka-sama«, sagte er in sorgfältig bemessenem Japanisch. »Ich habe gehört, Sie haben schon mit June gesprochen. Stimmt das?«
»Hai . Aber für einen alten Mann wie mich ist es nicht einfach, eine neue Sprache zu lernen. Ich kenne bisher nur wenige Worte.« Tanakas Lächeln wurde breiter, als die Limousine auf einen großen Parkplatz bog.
Sie hatten ihr Ziel erreicht.
Levi stieg aus, öffnete die Tür für Tanaka und führte die Truppe dann zur Turnhalle. Mehrere FBI-Agenten warteten am Eingang des Gebäudes. Vermutlich waren sie zuständig für die Schutzhaft der Wilsons gewesen.
Einer der Bundesbeamten hob die Hand. »Mr. Yoder?«
»Ja, das bin ich.«
»Okay, Mr. Shinzo Tanaka und Sie werden hineinbegleitet. Sonst ist niemand zugelassen.«
Levi gab die Worte auf Japanisch an Tanaka weiter. Der Verbrecherboss nickte und bedeutete den anderen, zurückzubleiben.
Der Agent öffnete die Tür. Tanaka und Levi gingen hinein.
Levi folgte dem Japaner in eine hell erleuchtete Turnhalle. Er hörte das Geräusch eines hüpfenden Basketballs. Dem älteren Mann neben ihm rutschte ein leises Kichern heraus.
Tanaka hatte gerade zum ersten Mal seine Enkeltochter persönlich gesehen.
Helen winkte ihnen entgegen. Ihr rotes Haar hob sich wie ein Leuchtfeuer von ihrer eintönigen Aufmachung ab. Sie legte die Hand auf Junes Schulter und zeigte zu Levi und Tanaka.
Die Züge des kleinen Mädchens erstrahlten förmlich. June rannte ihnen entgegen und rief: »Sofu! Sofu! « Das japanische Wort für Großvater. Stürmisch warf sie sich Tanaka entgegen. Er hob sie hoch und umarmte sie innig.
Die beiden zu sehen, weckte auch in Levi Emotionen, vor allem, als er Tränen im Gesicht des alten Mannes erblickte.
June schob die Unterlippe vor und wischte seine Tränen weg. »Sofu , nicht weinen. Es ist alles gut. Jetzt sehe ich dich endlich.«
Helen ging zu den beiden, verneigte sich leicht und sagte in nicht allzu grauenhaftem Japanisch: »Es freut mich, dich kennenzulernen. Jun hat sehr liebevoll von dir gesprochen.«
Tanaka streckte den Arm aus, und die drei drückten sich. Tanaka sagte in nicht allzu grauenhaftem Englisch: »Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe, um herzukommen.«
Levi spürte, wie ihm jemand auf die Schulter tippte. Als er sich umdrehte, überraschte ihn nicht wirklich, Doug Mason vor sich zu sehen, selbstgefällig wie eine Katze, die gerade einen Kanarienvogel verspeist hat.
»Wirklich?«, fragte Levi. »Jetzt tauchen Sie auf?«
Mason legte den Zeigefinger an die Lippen und flüsterte: »Ich habe zwei Dinge für Sie. Erstens das hier.« Er reichte Levi ein Blatt Papier. Es handelte sich um die Kopie eines geheimen FBI-Berichts über die Anspach-Ermittlungen.
Nicholas Anspach, Aufenthaltsort unbekannt.
Anspachs Wohnsitz ist seit dem ersten Bericht über Gesetzwidrigkeiten versiegelt. Eine zweite Beweismittelerhebung hat wenig Neues ergeben, mit einer Ausnahme: Hinter einer versteckten Wand im Schlafzimmerschrank wurden alte Zeitungsausschnitte über die Ermordung eines Georgetown-Studenten namens Jun Tanaka gefunden.
Schlagartig sträubten sich Levi die Nackenhaare. Helens Worte, die sie vor einer gefühlten Ewigkeit zu ihm gesagt hatte, liefen in seinem Kopf ab.
Junes Vater ist vor ihrer Geburt gestorben. Er war Doktorand in Georgetown und wurde auf dem Weg zu seinem Wagen aus einem fahrenden Auto heraus erschossen.
Levi blinzelte, als ihm klar wurde, was das alles bedeutete.
Er schaute hinüber zu Helen und Tanaka. Beide bemühten sich redlich, sich miteinander zu verständigen. Und obwohl beide die jeweils andere Muttersprache nur spärlich beherrschten, gelang es ihnen irgendwie. June lehnte den Kopf an die Schulter ihres Großvaters und schlang die Arme um seinen Hals.
Levi wandte sich wieder dem Ausdruck zu.
Anspach war der Täter gewesen. Der eifersüchtige Drecksack hatte Junes Vater getötet und versucht, auch Yoshi auszuschalten – wahrscheinlich, weil er von der Beziehung zwischen ihm und Helen erfahren hatte. All die Fotos in Anspachs Haus ...
Er flüsterte Mason zu: »Bin gleich wieder da.«
Levi ging zum hinteren Ende der Turnhalle und wählte Dinos Nummer. Der Mafioso ging beim ersten Klingeln ran. »Ja, was gibt’s?«
»Ist unser Freund noch da?«
»Oh ja. Und wie. Aus irgendeinem Grund ist er unglücklich, der undankbare Arsch.«
»Falls du mir einen großen Gefallen tun könntest: Erinnerst du dich an die Pläne, die wir für ihn besprochen haben?«
»Ja.«
»Bringen wir das Paket auf den Weg.«
»Kein Problem. Kannst es als erledigt betrachten. Wann soll das Paket ankommen?«
Tanaka hatte nur ein Visum für sieben Tage.
»Sagen wir in zwei Wochen.«
»Wird gemacht.«
»Danke. Ich melde mich wieder.«
Levi verspürte einen Anflug von Befriedigung, als er zu den Wilsons und Tanaka zurückging. Er flüsterte Tanaka auf Japanisch ins Ohr. »Können wir kurz unter vier Augen reden? Ich muss Ihnen drei Dinge mitteilen. Der erste Punkt wird Sie mit Sicherheit aufregen, aber ich denke, der zweite kann das aufwiegen. Und beim letzten bin ich mir nicht sicher, ob es gut oder schlecht ist, aber ich fühle mich verpflichtet, es Ihnen zu sagen.«
Tanakas Gesichtsausdruck wurde ernst, als er nickte. Zu Helen sagte er in stockendem Englisch: »Entschuldige mich kurz.«
June war an der Schulter ihres Großvaters eingeschlafen, also hielt er sie weiter fest, als ihn Levi von den anderen wegführte.
»Was ist?«, fragte Tanaka.
Levi erzählte dem Yakuza-Boss, was er gerade über Anspach erfahren hatte, über Juns Ermordung, die Fotos von Helen und seine Theorie, warum der Mann das kleine Mädchen entführt hatte: ein kranker Versuch Anspachs, Helens Gunst zu erringen, indem er die Kleine »gerettet« hätte.
Tanaka lief puterrot an, behielt sich jedoch unter Kontrolle. »Und das Zweite?«
Levi grinste. »Wissen Sie noch? Ich habe Ihnen gesagt, dass der Entführer Ihrer Enkelin nie wieder jemanden belästigen würde, und das stimmt. Allerdings habe ich dabei nicht erwähnt, dass er von einigen meiner Freunde für mich festgehalten wird. Ich habe gerade veranlasst, dass er in zwei Wochen an Bord eines Frachtschiffs in Tokio eintrifft. Die Einzelheiten gebe ich Ihnen noch. Sie können mit ihm machen, was immer Sie wollen.«
Ein eisiges Lächeln breitete sich in den Zügen des anderen Mannes aus, der anerkennend nickte. »Sehr gut. Danke für das Geschenk. Ich stehe erneut in Ihrer Schuld. Und das Dritte?«
Levi rümpfte die Nase und zögerte. »Das ist kompliziert. Lassen Sie mich Ihnen zuerst erklären, dass beide Beteiligten unschuldig sind und sich nichts Unangemessenes abgespielt hat. Aber ... ich merke, dass Yoshi, Ryukis Bruder, in Helen verliebt ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es auf Gegenseitigkeit beruht.«
Tanaka zeigte keine Reaktion. »Woher wissen Sie das?«
Levi zuckte mit den Schultern. »Überwiegend merke ich es an Kleinigkeiten. Und Yoshi war bereit, sich für June zu opfern. Er war bei mir, als ich sie befreit habe. Als sie ihn gesehen hat, ist sie sofort zu ihm gerannt. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, Sie sollten es erfahren. Und Sie sollten auch wissen, dass Yoshi niemals Unehre über seinen Bruder bringen würde, indem er sich auf eine Beziehung ohne Zustimmung oder Segen einlässt. Allerdings würde er aus Angst vor einer Ablehnung auch nie um diesen Segen bitten.«
June rührte sich an der Schulter des Verbrecherbosses. »Sofu , bitte lass mich runter.«
Tanaka stellte die Kleine auf den Boden. Sie rannte zurück zu ihrem Basketball und fing an, damit zu dribbeln.
Der Japaner klopfte Levi auf die Schulter. »Danke für die Information. Kann Yoshi hereingeholt werden?«
Levi lächelte. »Ich bin sicher, das lässt sich machen.«
Er redete mit Mason. Wenig später betrat Yoshi die Turnhalle und sah unheimlich nervös aus.
»Yoyo!«, rief June begeistert. Sie stürmte auf Yoshi zu und warf die Arme um seine Taille.
Levi fiel auf, dass Tanaka die Interaktion zwischen den beiden intensiv beobachtete.
Als sich die Kleine wieder dem Spiel mit ihrem Ball zuwandte, trat Yoshi auf Tanaka zu und verbeugte sich tief. »Sie wollten mich sprechen?«
Tanaka schlang dem beunruhigten Mann einen Arm um die Schultern. »Sag mir, was du von meiner Enkelin und ihrer Mutter hältst.«
Plötzlich glich Yoshi einem Reh im grellen Scheinwerferlicht eines Lkw, die Augen weit aufgerissen. Er hatte sichtlich keine Ahnung, wie er reagieren sollte.
Levi murmelte auf Englisch: »Sagen Sie einfach die Wahrheit.«
Yoshi blinzelte heftig und sah aus, als würde er am liebsten im Erdboden versinken. Nach mehreren Sekunden des Schweigens flüsterte er kaum hörbar auf Japanisch: »Ich liebe sie beide sehr.«
»Und du passt seit mittlerweile Jahren auf die beiden auf, ist das wahr?«
Yoshi nickte mit Nachdruck.
»Muss schwierig sein, denn soweit ich weiß, wohnt ihr an unterschiedlichen Orten. Kann nicht einfach sein, sowohl June als auch Helen im Auge zu behalten.«
»Na ja, nein, ist es nicht, aber ich bemühe mich, beides hinzugekommen. Ich arbeite nachts bei einem Sicherheitsunternehmen, um auf sie aufzupassen, und tagsüber ehrenamtlich in Junes Schule, um in ihrer Nähe zu sein. Und dazwischen fahre ich zum Schlafen nach Hause.«
Levi lauschte mit gespitzten Ohren, was der Yakuza-Boss Yoshi zuflüsterte: »Hast du schon mal überlegt, ob es nicht einfacher wäre, am selben Ort zu wohnen?«
Yoshi nickte. »Hab ich auch versucht. Aber die Wohnanlage hat eine Richtlinie dagegen, dass Bewohner zugleich für die Sicherheit zuständig sind. Eine lächerliche Regel, aber ...«
Tanaka lachte. »Nein, das habe ich nicht gemeint. Du liebst sie beide, und June scheint dich sehr zu mögen. Ihre Mutter auch?«
»Ob sie ... mich sehr mag?« Yoshi wirkte sofort wieder nervös. »Ich denke schon, aber ich würde nie ...«
»Na schön, lass uns das klären.« Tanaka gab Helen ein Zeichen. Sie kam herüber.
»Ja?«
Tanaka sah Levi an und bedeutete ihm, ebenfalls näher zu kommen. »Dolmetschen Sie für mich.« Dann drehte er sich Helen zu. »Ich weiß, dass Yoshi verliebt in dich ist. Ich bin damit einverstanden, aber nur, wenn du es auch bist.«
Helen schaute zwischen Levi und Tanaka hin und her, während Levi übersetzte. Ihre Augen weiteten sich, als die Botschaft klar wurde. Überrascht sah sie Yoshi an.
»Also«, meinte Tanaka schließlich. »Wie sehen deine Gefühle aus?«
Helen lief rot an. Eine Phase, die Yoshi längst mehrfach hinter sich hatte. »Mir liegt viel an ihm.«
»Wärst du auch bereit, zu heiraten und meiner Enkelin ein stabiles Zuhause zu bieten?«, fragte Tanaka unverblümt.
Yoshi sah aus, als könnte er vor Sauerstoffmangel in Ohnmacht fallen.
Levi flüsterte Tanaka zu: »So wird das hier nicht gehandhabt, wenn ...«
Ein strenger Blick des Verbrecherbosses ließ Levi abrupt verstummen. Stattdessen übersetzte er für Helen.
Ihr Mund klappte auf. Tränen glitzerten in ihren Augen. »Wenn er dazu bereit ist, bin ich es auch.«
Tanaka schien ihre Antwort zu verstehen, denn er drehte sich zu Yoshi um und zog eine Braue hoch.
Yoshi räusperte sich und sah Helen in die Augen. Auf Englisch sagte er: »Ich wäre überglücklich, dich zur Frau zu nehmen.«
»Und ich sage Ja zu deinem Antrag.« Mit etwas großen Augen lächelte Helen.
Tanaka zog einen Schlüsselbund aus der Tasche und hielt ihn Yoshi hin. »Das ist mein Hochzeitsgeschenk.«
Alle starrten auf die Schlüssel, wussten nicht recht, was sie davon halten sollten.
Der mächtige Japaner erklärte es. »Ich unterhalte schon lange ein Haus in dieser Gegend. Eigentlich sollte es ein Geschenk zum College-Abschluss für meinen Sohn werden. Stattdessen habe ich entschieden, ein Hochzeitsgeschenk daraus zu machen.«
Levi übersetzte. Helen umarmte den älteren Mann innig und dankte ihm auf Japanisch.
Tanaka tippte auf seine Armbanduhr. »Ich habe dieses Jahr noch sechs Tage in den USA übrig. In der Zeit möchte ich gern der Hochzeit meiner Schwiegertochter beiwohnen. Es kann sogar eine Hochzeit im amerikanischen Stil sein, wenn ihr darauf besteht.«
Helen und Yoshi sahen sich gegenseitig an, dann begannen sie zu lachen.
June rannte zu den beiden und fragte neugierig: »Was ist so lustig?«
Helen kniete sich vor June und fragte: »Was würdest du davon halten, wenn Mami und Yoyo heiraten?«
June hüpfte aufgeregt auf und ab. »Kann ich beim Heiraten helfen?«
»Wie wär’s, wenn du das Blumenmädchen wirst?«, schlug Yoshi vor.
Levi entfernte sich von der Familienszene. Er sah schon, dass sich die Dinge beim Tanaka-Wilson-Watanabe-Clan gut entwickelten.