»Wie soll ich dich zu Vernunft verführen, wenn du nie was anderes als Selters trinkst?«
Levi trank einen weiteren Schluck Wasser und starrte über den Tisch eine attraktive Asiatin Mitte 30 an. Sie saßen in Gerard’s
, seiner Lieblingskneipe im New Yorker Stadtteil Little Italy. An der Theke plauderten Gäste gesellig miteinander, aus der Küche wehte der Geruch von Knoblauch und Marinara.
»Nur weil du meinst, recht zu haben, bin ich noch lange nicht einverstanden«, gab er zurück. »Ich bin nicht der Engel, für den du mich hältst.«
Lucy Chen hatte einen Scotch mit Soda. Sie lehnte sich vor und schüttelte den Kopf. »Ich hab dich nie als Engel bezeichnet«, gab sie mit ihrem leicht russischen Akzent zurück. »Ich kenne dich einfach. Du bist bereit zu tun, was immer nötig ist, um eine Aufgabe zu erledigen. Du bist bloß wählerisch, wenn’s darum geht, welche Aufträge du annimmst. Zu wählerisch.« Diskret deutete sie auf zwei kräftige Männer, die sich über riesige Portionen Pasta hermachten. »Du bist loyal zu deiner Familie, das versteh ich. Das bewundere ich. Aber ich will, dass du und ich bei der Sache zusammenarbeiten. Wenn wir kooperieren, können wir auf dieser beschissenen Welt so viel Gutes bewirken. Ich brauch dabei einen Partner.«
Diese Debatte zog sich seit mittlerweile über einen Monat
hin. Lucy wollte, dass Levi in ihr »Unternehmen« einstieg, doch er hatte andere Verpflichtungen. Abgesehen davon wusste er immer noch nicht, was er von ihr halten sollte. Das Schwelen hinter diesen dunkelbraunen Augen war ... intensiv. Tatsächlich wirkte alles an ihr auf höchste Stufe geregelt. Als Witwe eines chinesischen Triaden-Bosses verkörperte sie den Inbegriff des Klischees einer Drachenlady. Und durch eine seltsame Wendung des Schicksals war Levi mit ihr verstrickt.
Er vertraute ihr. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Immerhin wusste sie mehr über ihn als die meisten Menschen. Abgesehen von seinem Bekanntenkreis bei der Mafia wusste kaum jemand, dass er ein Vollmitglied der Verbrecherfamilie Bianchi war.
Denny, der Besitzer der Kneipe, kam herüber und ging in die Hocke, damit er sich auf Augenhöhe mit ihnen befand. »Kann ich euch was zu essen bringen? Die Mädels in der Küche arbeiten mit Ginos Rezepten.« Er deutete mit dem Daumen auf die beiden schlingenden Vollstrecker der Mafia. »Ist ziemlich gut, wenn ich mir das Eigenlob gestatten darf.«
Levi lächelte wehmütig, als ihm klar wurde, wie sehr sich Gerard’s
im vergangenen Jahr verändert hatte. Aus der einst kleinen, gemütlichen Kneipe an der Ecke, die nur Getränke ausgeschenkt hatte, war ein Mafia-Treffpunkt mit vollwertiger Speisekarte geworden. Ihm war das Lokal als ruhiger Ort lieber gewesen. Denny war nämlich nicht nur der Besitzer – der schlanke, in Brooklyn geborene und aufgewachsene Schwarze war zugleich Levis Hauptbeschaffungsquelle für vertrauliche Informationen. Außerdem ein Tüftler, ein Genie in Sachen Elektronik und jemand, der sich über so gut wie alles auf dem Laufenden hielt.
Lucy schüttelte den Kopf. »Levi und ich gehen noch aus, also sollten wir uns besser nicht den Appetit verderben.«
Levi hatte schwer zu tun, um sich eine skeptische Miene zu verkneifen.
Die Klingel an der Eingangstür bimmelte. Mit einem Lächeln wandte sich Denny ab, um seinen neuesten Gast zu begrüßen.
Lucy lächelte ebenfalls, als sie Levi anstarrte – und ihn beschlich das Gefühl, sie könnte seine Gedanken lesen. Sie beugte sich vor und flüsterte: »Du weißt verdammt gut, dass uns jeder, der weiß, dass ich bei dir wohne, für ein Paar hält. Und wenn rauskommt, dass wir das nicht sind, kommen unangenehme Fragen, die ich mir lieber ersparen möchte.«
Levi lehnte sich zurück und nickte. Natürlich hatte sie recht, was ihn unheimlich ärgerte. Sie lebte seit sechs Wochen bei ihm – seit das FBI die örtliche Chinesenmafia hochgenommen hatte, mit der sie in Verbindung stand. Gleichzeitig war eine der großen Triaden Hongkongs zerschlagen worden – die Organisation, deren Oberhaupt Lucys verstorbener Ehemann gewesen war. Levi war nicht sicher, wie sehr sie an diesem Akt der Rache mitgewirkt hatte. Etwas jedoch wusste er zweifelsfrei: Sie stand auf der Abschussliste, und er hatte ihr an Schutz geboten, was er konnte, bis sich die Lage beruhigte.
Denny kam mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht zu ihnen zurück. Er beugte sich herab und deutete mit dem Daumen zur Tür. »Levi, die Frau sagt, sie sucht nach dir. Aber ich hab den deutlichen Eindruck, sie weiß nicht wirklich, wer du bist. Soll ich sie wegschicken?«
Levi drehte sich auf dem Stuhl um. An der Tür stand eine Frau über 50 ganz in Schwarz. Sie rang die Hände und wirkte, als fühlte sie sich überhaupt nicht wohl. Er winkte ihr zu, erlangte ihre Aufmerksamkeit und lud sie mit einer Geste zum freien Platz an seinem Tisch ein.
Denny zuckte mit den Schultern und kehrte zur Theke zurück.
Das Unbehagen der Frau ließ sich nicht übersehen, als sie sich den Weg zwischen den Tischen und Gästen hindurch bahnte und dabei versuchte, nichts und niemanden zu berühren. Schließlich zog sie den ihr angebotenen Stuhl
heraus, nahm Platz und erklärte: »Man hat mir gesagt, ich soll hierher kommen und Mr. Yoder würde mir bei meinem Problem helfen.« Sie sah Levi an. »Sind Sie das?«
Levi streckte die Hand aus. »Ich bin Levi Yoder. Und Sie sind?«
Die Frau betrachtete seine ausgestreckte Hand und schüttelte leicht den Kopf. »Ich bin Rivka Cohen.«
Lucy ergriff ihre Hand und fragte: »At hassidi?
«
Als die Frau nickte und Lucy die Hand schüttelte, begriff Levi. Er sprach weder Hebräisch noch Jiddisch und war etwas überrascht, dass Lucy es konnte. Dennoch bekam er genug mit, um zu merken, dass sich diese Frau Cohen völlig fehl am Platz fühlte. Als Chassiden bezeichnete man Anhänger einer ultra-orthodoxen jüdischen Bewegung. Kein Menschenschlag, der Levis Weg oft kreuzte, doch es gab sie zu Hauf in Crown Heights, nur 20 Minuten entfernt. Und es erklärte, warum sie ihm die Hand nicht schütteln wollte, nur die von Lucy.
Weil er ein Mann war.
Levi lächelte und bemühte sich, dafür zu sorgen, dass sich diese Frau, ein einziges Nervenbündel, ein wenig wohler fühlte. »Tut mir leid, ich würde Sie ja auf ein Getränk einladen, weiß aber, dass Sie ablehnen würden. Also, wie kann ich Ihnen helfen?«
Die Augen der Frau wurden glasig, als könnte sie jeden Moment zu weinen anfangen. »Mein Onkel Menachem, er ist Juwelier in einem Geschäft in der Franklin Avenue. Er hat gesagt, Sie haben einmal etwas bei ihm gekauft und ihm ein Versprechen hinterlassen. Erinnern Sie sich daran?«
Levi atmete tief durch, als seine Gedanken viele Jahre zurück in die Vergangenheit rasten – zu einer Zeit, in der er nach einem Verlobungsring für seine inzwischen verstorbene Frau gesucht hatte. »Menachem Shemtov?«, fragte er. »Der Menachem, der in einem Juweliergeschäft zwischen Franklin Avenue und Park Place gearbeitet hat?«
Die Frau nickte.
»Mein Gott, das war vor einer Ewigkeit. Ihr Onkel hat diesem Goi
bei einem Kauf einen großen Gefallen getan. Überrascht mich, dass er sich an mich erinnert. Ich hab ihm versprochen, den Gefallen eines Tages zu erwidern. Was kann ich für Sie tun?«
Rivka rang mit gequältem Gesichtsausdruck die Hände. »Mein Mann ist vor vier Monaten gestorben. Die Polizei behauptet, es war Selbstmord. Aber ich weiß, dass er sich nie selbst das Leben genommen hätte.« Sie nahm allen Mut zusammen, obwohl sich die ersten Tränen lösten und über ihre Wangen kullerten. »Die sagen, er hätte eine Affäre gehabt, aber ich weiß, auch das ist unmöglich. Ich habe Beweise dafür. Können Sie mir helfen, seinen Namen reinzuwaschen? Das ist sehr wichtig für mich, unsere Kinder, unsere Familie. Viel Geld habe ich zwar nicht, aber ich denke, ich kann helfen, die Spesen zu decken.«
Levi versuchte, sich nicht im Gesicht anmerken zu lassen, was ihm durch den Kopf ging. Das fiel nicht unter die Dinge, mit denen er sich in der Regel befasste. Und was sie beschrieb, klang nach einem logischen Szenario. Ein religiöser Mann, der Sex mit einer willkürlichen – oder vielleicht auch nicht so willkürlichen – Frau hatte, sich schuldig fühlte und sich deshalb umbrachte. Ein Fall, der nach Enttäuschung schrie.
»Was meinen Sie damit, dass Sie Beweise haben?«, hakte Lucy nach.
Rivka schaute zwischen ihr und Levi hin und her.
Lucy schwenkte wegwerfend die Hand in Levis Richtung und erklärte: »Ist schon gut, wir arbeiten zusammen.«
Levi wollte gerade protestieren, als sich Rivka ihm zudrehte und fragte: »Haben Sie etwas dagegen, wenn ich nur mit ihr rede? Das wäre viel einfacher für mich.«
Er öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder.
Lucy winkte ihn zu einem anderen Tisch. »Lass uns Frauen
ein bisschen Freiraum.«
Etwas verärgert griff sich Levi sein Glas Selters und setzte sich an einen anderen Tisch. Während er an seinem Wasser nippte, spitzte er die überdurchschnittlich guten Ohren und konzentrierte sich darauf, was besprochen wurde. Leider herrschte im Lokal zu viel Hintergrundlärm, der überwiegend von einer lauten Gruppe an einem nahen Tisch ausging, wo ausgelassen gelacht wurde. Er verstand kein Wort.
Nach einigen Minuten einer leisen Unterhaltung zwischen den zwei Frauen ergriff Lucy die Hände dieser Rivka und bedachte sie mit einem mitfühlenden Blick. Die Jüdin holte einen Umschlag hervor und schob ihn der Asiatin zu.
Levi zog die Augenbrauen hoch, als Lucy hineinspähte, nickte und den Umschlag in ihrer Jackentasche verschwinden ließ.
In was zum Geier reitet sie uns gerade rein?
Rivka stand auf, küsste Lucy auf beide Wangen und verließ Gerard’s
ohne einen weiteren Blick zu Levi.
Lucy trank ihren Scotch mit Soda aus, bevor sie herüberkam und Levi einen Schmatz auf die Wange drückte. »Alles erledigt.«
Levi stand auf. »Was ist erledigt? Was hast du zugesagt?«
Lucy tat die Frage mit einer abfälligen Geste ab, dann winkte sie Denny zu und setzte sich in Richtung der Tür in Bewegung.
Levi folgte ihr. »Lucy. Ernsthaft. Was hast du der Frau zugesagt?«
Sie hielt die Tür für ihn auf und lächelte. »Ich glaub ihre Geschichte und hab ihr gesagt, dass wir ihr helfen.«
»Wir?«
Lucy hängte sich bei ihm ein, als sie die Kneipe verließen. »Zerbrich dir nicht den Kopf. Wir reden beim Essen darüber.«
Levi hatte auf der Arbeitsplatte in der Küche eine Panierstation eingerichtet. Dort bestäubte er die aufgeschnittenen, geschälten Auberginen mit Mehl, tunkte sie in Ei und wälzte sie anschließend in gewürzten Bröseln. Er schaute zu Lucy, die frische Roma-Tomaten für den Salat in Scheiben schnitt. Levi hatte versprochen, für ihre Sicherheit zu sorgen, aber die einzigen sicheren Orte waren sein Wohngebäude und Denny’s
. Statt fein auszugehen, kochten der amische Problemlöser und die chinesische Drachenlady daher in einem von der Mafia geschützten Apartment – schon wieder.
»Erzählst du mir jetzt, was es mit dieser Cohen auf sich hat? Warum hast du ihr Geld genommen und zugestimmt, ihr zu helfen? Bei der Geschichte gibt’s nichts zu gewinnen.«
Lucy sah ihm in die Augen, während sie die Tomaten auf einem Servierteller anordnete und begann, frischen Mozzarella aufzuschneiden. »Warum hältst du ihren Fall für eine so verlorene Sache?«
Levi schüttelte den Kopf, als er die panierten Auberginenscheiben vorsichtig ins heiße Öl legte. »Ist mir egal, ob der Mann religiös war – wenn sich die Lust einschleicht, kann er der Versuchung genauso erlegen sein wie jeder. Ich wette, er hat’s mit einer Frau getrieben, mit der er zusammengearbeitet hat. Wahrscheinlich nicht mal Jüdin. Danach hatte er unheimliche Schuldgefühle und hat sich selbst um die Ecke gebracht. Passiert ständig. Ist mir schleierhaft, warum du das nicht so siehst. Männer können nun mal so sein. Ich muss es schließlich wissen.«
»Sag die Wahrheit«, konterte Lucy. Sie hatte den Käse auf die Tomaten gelegt und schnitt mittlerweile rote Zwiebeln in dünne Scheiben. »Ich wette, du hast im Leben noch nie jemanden betrogen.«
Levi ging in Gedanken die wenigen Male in seinem Leben durch, die er etwas mit einer Frau hatte, mit der er nicht verheiratet war. Er schürzte die Lippen und bedachte Lucy mit
einem mürrischen Ausdruck.
»Siehst du?« Sie lachte. »Wusste ich’s doch. Hast du nie, oder?«
Levi holte die goldbraunen Auberginenscheiben aus dem Öl und legte neue hinein. »Nein, aber um mich geht’s hier auch nicht. Wenn die Cops glauben, er hatte eine Affäre, dann gibt’s bestimmt einen Grund dafür.«
»Da hast du recht, aber um Sex kann’s nicht gegangen sein.«
»Wieso nicht?«
»Rivka und ihr Mann haben sieben Kinder. Mehr sind es nur deshalb nicht, weil ihr Mann durch seine Diabetes schließlich keinen mehr hochbekommen hat. Rivka hat gesagt, sie haben’s sogar mit Viagra versucht. Hat nicht funktioniert.« Lucy verteilte die Zwiebeln auf die Tomate und den Mozzarella. »Sie sagt, sie hat medizinische Unterlagen, die es beweisen.«
Levi runzelte die Stirn, als er die letzte Aubergine aus dem Öl fischte und die Herdplatte ausschaltete. »Und das hat die Polizei nicht berücksichtigt? Was ist mit der Frau, mit der er angeblich eine Affäre hatte? Hat man von ihr eine Aussage eingeholt?«
Lucy zuckte mit den Schultern, als sie gehacktes Basilikum über das frisch zubereitete Essen streute und sich eine Flasche Balsamico-Essig griff. »Wie gesagt, es gibt noch viele offene Fragen. Sie hat uns für morgen zum Abendessen eingeladen. Rivka hat angekündigt, dass sie uns Kopien von allem gibt, was sie hat, uns sein Heimbüro ansehen lässt und jede unserer Fragen beantwortet.«
Mit einem Schnauben ergriff Levi den Teller mit gebratenen Auberginen und einen Topf frisch zubereiteter Marinara, dann trug er beides ins Esszimmer. »Dass es verdächtig klingt, heißt noch lange nicht, dass wir dabei helfen können. Hab ich dabei gar nichts mitzureden?«
Lucy stellte ihren Teller auf den Tisch und begann, Portionen des Caprese-Salats anzurichten. »Sicher doch. Nur
hast du grade selbst festgestellt, dass bei der Sache ein Menge Fragen offen sind. Was damit zu tun haben könnte, dass ein Mord vertuscht werden soll. Außerdem hat es sich so angehört, als würdest du der Familie einen Gefallen schulden. Du bist nicht der Typ, der ein Versprechen bricht. Muss ich dich also wirklich fragen, ob du dabei bist?«
Levi lud zwei Stück perfekt gebratene Auberginen auf ihren Teller und löffelte etwas Marinara darauf. Als er sich selbst bediente, warf er Lucy einen finsteren Blick zu. Sie gehörte zu den frustrierendsten Menschen, die er je kennengelernt hatte. »Wäre schon nett«, meinte er.
Sie schenkte sich selbst ein Glas Mondavi White Zinfandel und ihm ein Glas Perrier ein. »Und? Bist du dabei? Oder soll ich allein hingehen?«
Sie stießen miteinander an. »Wann sollen wir
denn dort sein?«, fragte er.
Lucy lächelte, und Levi vergaß für einen Moment, dass er es mit einer ehemaligen Verbrecherin zu tun hatte, die ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen versuchte. Stattdessen sah er nur eine attraktive Frau, intelligent, selbstsicher und überaus eigensinnig. Er konnte nie erraten, was als Nächstes aus ihrem Mund kommen würde. Das war anstrengend.
»Vor Sonnenuntergang. Ich würde sagen, wir sollten gegen halb sechs dort sein.«
Levi probierte von dem Salat. Es fehlte eine Prise Salz.
Lucy kostete ihren eigenen Salat und schaute skeptisch drein. »Ich hab das Salz vergessen.« Sie stieß sich vom Tisch ab, holte aus der Küche den Salzstreuer und fügte sowohl seiner als auch ihrer Portion eine Prise hinzu. »Probier ihn jetzt, sollte besser sein. Ach ja, und du musst dich für den Besuch in Schale schmeißen.«
Kopfschüttelnd bemühte er sich, ein Lächeln zurückzudrängen. »Ja, Ma’am.« Er betrachtete das enganliegende, weiß geblümte Kleid, das sie trug. Es
schmiegte sich an ihre schlanken Kurven und schien nicht unbedingt angemessen für ein Essen im Haus streng religiöser Menschen zu sein. »Und was wirst du anziehen?«
»Wir gehen morgen früh shoppen. Ich weiß genau das richtige Outfit. Hab es bei Bergdorf gesehen.«
Paulie öffnete die Hintertür auf der Beifahrerseite des Lincoln Town Car. Levi und Lucy stiegen aus.
Levi schüttelte dem Mafioso die Hand, einem riesigen, über zwei Meter großen Kerl mit der Statur eines Bodybuilders. Neben ihm stand sein Kollege Tom, der auf dem Beifahrersitz gesessen hatte.
»Dauert wahrscheinlich ein paar Stunden«, sagte Levi. »Ihr könnt inzwischen essen gehen oder so. Ich ruf euch an, wenn wir fertig sind.«
Lächelnd schüttelte Paulie den Kopf. »Läuft nicht.« Er zeigte auf eine freie Parklücke am Lincoln Place. »Wir parken da drüben und behalten die Umgebung im Auge. Anordnung vom Don.«
»Okay, ich verstehe. Dann ruf ich an, kurz bevor wir fertig werden.« Levi wusste, dass es keinen Sinn hätte, zu widersprechen. Vinnie wusste als Oberhaupt der Familie Bianchi natürlich über Lucys Lage Bescheid und ergriff jede erdenkliche Vorsichtsmaßnahme.
Levi schaute zu Lucy und ließ zum ersten Mal die Einzelheiten ihrer Aufmachung auf sich wirken. Sie hatte ihm erklärt, dass es sich um ein Kay Unger Mikado-Kleid handelte, was ihm nichts sagte, aber das figurbetonte Kleid mutete für sein Empfinden asiatisch an. Es war ein dunkles, schimmerndes Modell mit bunter Paillettenstickerei, die ihn an ihre Drachentätowierung erinnerte. An der Seite wies es einen langen Schlitz auf, der ihren athletischen Körperbau erahnen
ließ.
»Mit dem Outfit wirst du die Rabbis reihenweise umkippen lassen«, meinte er.
»Wenn sie wirklich gottesfürchtige Männer sind, werden sie nicht drauf achten. Außerdem hatte ich das gute Stück schon ewig im Blick, und es war endlich im Angebot. Bin froh, dass es dir gefällt.« Lucy hängte sich bei ihm ein und zwinkerte. »Gehen wir. Ich will Rivka bei den Vorbereitungen fürs Essen helfen, wenn sie mich lässt.«
Von Paulie und Tom beobachtet stiegen sie die Stufen zur Tür des Stadthauses hinauf.
Levi drückte den Klingelknopf. Kurz darauf vernahm er das Geräusch von Schritten. Als sich die Tür öffnete, begrüßte sie ein älterer Mann mit üppigem weißem Vollbart und neugierigem Gesichtsausdruck. »Du meine Güte, Mr. Yoder, Sie sind überhaupt nicht gealtert, obwohl es 20 Jahre her sein muss. Gott hat Sie wahrlich gesegnet. Erinnern Sie sich an mich?«
Levi lächelte, als er an die jüngere Version des Mannes vor ihm zurückdachte. »Menachem, bitte nennen Sie mich Levi. Und natürlich erinnere ich mich an Sie.«
Sie umarmten sich und küssten sich auf die Wangen. Levi deutete auf Lucy. »Das ist meine Geschäftspartnerin Lucy.«
Menachem lächelte sie an und verneigte sich vor ihr, bevor er beiseite ging, damit sie eintreten konnten. »Freut mich, Sie kennenzulernen.«
»Lucy! Mr. Yoder!« Rivkas Stimme hallte durch den Flur, als sie mit einem Lächeln im Gesicht zur Tür geeilt kam. »Gut Shabbes
Ihnen beiden. Es freut mich sehr, dass Sie gekommen sind, noch dazu gerade rechtzeitig.«
Im Nu war Rivka mit Lucy in der Küche verschwunden. Menachem nahm Levi ins Wohnzimmer mit, wo sich fast ein Dutzend Männer versammelt hatten.
Menachem räusperte sich und wandte sich an sie. »Das ist
Levi Yoder. Er ist der Gast, von dem ich vorhin gesprochen habe.«
Die Männer stellten sich vor, danach nahm Levi auf einem der Holzstühle Platz.
Die Männer trugen traditionelle, schwarze jüdische Gewänder. Unter den förmlichen Jacken lugten Fransen ihrer Gebetsschals hervor. Alle trugen eine Kopfbedeckung, die man Kippa
nannte, wie Levi wusste.
Er fasste sich ans Haupt und fragte: »Soll ich auch eine Kippa
tragen?«
Die meisten Augen wurden groß, aber der Älteste der Gruppe schmunzelte und meinte: »Wenn es Sie nicht stört, eine Jarmulke
zu tragen, wäre das eine sehr nette Geste.« Er zog aus der Tasche eine handgroße, runde Kopfbedeckung mit eingenähten hebräischen Buchstaben und reichte sie Levi.
»Ich bin vielleicht ein Goi
, aber ich lebe schon lang genug in New York, um zu wissen, dass es einige Traditionen gibt, die man respektieren sollte.« Levi setzte die Gebetskappe auf. Die Stimmung wurde lockerer, und die Männer fingen an, sich über ihren Tag zu unterhalten.
Plötzlich rannte eine gefühlt endlose Kolonne von Kindern durch den Raum. Ein etwas älteres Kind hetzte hinterher und rief: »Putzt euch für den Schabbat heraus, wir haben nur noch 15 Minuten!«
Menachem zog den Stuhl neben den von Levi, klopfte ihm auf den Rücken und flüsterte: »Wir unterhalten uns nach dem Essen weiter.«
Das Esszimmer war nicht groß genug für alle, daher erstreckten sich die Tische auf der einen Seite in die Küche hinein, auf der anderen in ein weiteres Zimmer. Levi platzierte man neben Zalman, den Ältesten der Familie Cohen, der ihm die Kippa
gereicht hatte und den Vorsitz einnahm. Lucy saß am anderen Ende, aber noch im Esszimmer. Lächelnd plauderte sie mit den anderen Frauen, von denen viele dabei halfen, die fast zwei Dutzend versammelten Kinder zu bändigen.
Als sich Zalman erhob, wurde es in allen drei Räumen schnell still. »Wir haben heute Gäste, die vielleicht nicht um die Bedeutung dieses Tages wissen, daher ist es eine Mitzwa
, ein Segen für uns alle, ihnen zumindest verstehen zu helfen, was wir warum tun.
Heute Abend beginnt der Schabbat, der siebte Tag der Woche. Die gleich folgenden Gebete schildern, wie der Allmächtige am siebten Tag ruhte und ihn heiligte. Danach haben wir eine Segnung beim Wein und eine Segnung als Dank an den Herrn, dass er uns diesen Tag der Ruhe geschenkt hat.«
Zalman erhob ein Glas, das beinah vor Wein überquoll, und richtete den Blick auf die Flammen der auf dem Tisch flackernden Sabbatkerzen. Rivka hatte sie zuvor angezündet. Mit tiefer Stimme begann er, Gebete aufzusagen.
»Yom Ha-shi-shi. Va-y’chu-lu Ha-sha-ma-yim v’ha-a-retz, v’chawl^ts’va-am.
Va-y’chal e-lo-him ba-yom ha-sh’vi-i, m’lach-to a-sher a-sa
Va-yish-bot ba-yom ha-sh’vi-i, mi-kawl^m’lach-to a-sher a-sa.
Va-y’va-rech e-lo-him et yom ha-sh’vi-i, va-y’ka-deish o-to ki vo sha-vat mi-kawl^m’lach-to a-sher ba-ra e-lo-him la-a-sot.«
Der Mann neben Levi zeigte ihm ein englisch verfasstes Gebetsbuch und die Übersetzung der Worte, die Zalman sprach.
Der sechste Tag. So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte
ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.
Während Zalmans Gebet durch die Wohnung hallte, betrachtete Levi die um den Tisch Versammelten. Ihre Lippen murmelten die Worte mit, die Häupter leicht geneigt.
Danach wurde über dem Wein gebetet und schließlich über dem Brot. Und letztlich war es Zeit zum Essen.
Levi schaute zu Lucy. Ihre Blicke begegneten sich. Sie lächelte und zwinkerte ihm zu.
Das Beisammensein vermittelte eine erbauliche Atmosphäre. In mancherlei Hinsicht erinnerte es Levi an seine amische Erziehung. Er hatte seine Gemeinschaft zwar im Alter von 18 Jahren verlassen und es nie wirklich bereut, aber er hatte auch die formale Religion nie unverhohlen als Glaubensgrundlage abgelehnt. Diese Leute glaubten genau wie seine eigene Familie an das, was sie praktizierten. Das konnte er nachvollziehen, auch wenn er selbst nichts damit am Hut hatte.
Menachem reichte ihm ein Stück des geflochtenen Challa-Brots, das traditionell zum Sabbat gehörte. »Ich frage mich«, sagte er, »ob Sie gefillten Fisch mögen.«
Levi zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, was gefillt bedeutet, aber Fisch mag ich. Eigentlich probiere ich alles, was Sie mir vorsetzen.«
Zalman beugte sich mit einem amüsierten Gesichtsausdruck zu ihm. »Ist in Ordnung, wenn Sie ihn nicht mögen. Ich bin auch kein Fan davon.«
Damit entfachte er eine hitzige Debatte über gefillten Fisch, die zu anderen unterhaltsamen, fast zwei Stunden andauernden Diskussionen führte.
Nach dem Abendessen führte Rivka sowohl Levi als auch Lucy die schmale Treppe hinauf zu einer geschlossenen Tür. Menachem begleitete sie. Rivka holte einen Schlüssel aus einer versteckten Tasche ihres Kleids und schloss auf. »Das ist Mendels Arbeitszimmer. Seit dem Einbruch wurde nichts angerührt. Bitte, nur zu.«
Lichter gingen automatisch an, als sie den Raum betraten. Levi hatte im Verlauf seines Besuchs bereits erfahren, dass es sich dabei um eine Eigenart mancher orthodox-jüdischen Haushalte handelte.
Er folgte Menachem und Lucy in ein beengtes Arbeitszimmer mit einem großen Schreibtisch. Hier wurde tatsächlich gearbeitet, das ließ sich nicht übersehen. An zwei der Wände quollen Regale vor Büchern über. Nichts Ausgefallenes, nur haufenweise Bücher über verschiedene Themen, darunter eine Encyclopedia Britannica aus dem Jahr 1969, die ein ganzes Regal einnahm. Viele der Bücher hatten hebräische Buchstaben auf den Rücken.
Levi wandte sich an Rivka. »Können Sie ganz von vorn beginnen? Was genau hat Ihr Ehemann gemacht?«
Sie schloss die Tür des Arbeitszimmers. »Er war Verbraucherreporter. Das war seine Leidenschaft.« Sie lächelte und wirkte wesentlich ruhiger als zuletzt in der Kneipe. »So haben wir uns vor vielen Jahren kennengelernt.«
»Über welche Dinge hat er berichtet? Und wo? Für Fernsehsender, Zeitungen?«
»Größtenteils Zeitungen, aber manchmal wurde er auch vom Fernsehen interviewt. Am Anfang hatte er eine Kolumne in den Lokalzeitungen.« Sie errötete und schürzte die Lippen. »Wahrscheinlich finden Sie das albern, aber damals hat er koschere Restaurants untersucht und sämtliche Verstöße oder fragwürdigen Verhaltensweisen gemeldet, um andere zu warnen. Das hat ihn schließlich dazu geführt, über internationale Lebensmittelimporte und -exporte zu berichten, und dann hat ihn der Intelligencer
engagiert.«
Der Intelligencer
war eine riesige Zeitung mit Millionen Lesern täglich. »Hat er dort zuletzt gearbeitet?«, fragte Levi.
»Ja. Und er wurde aufgebracht über Dinge bei der Arbeit. Ich vermute, das ist für Sie interessant. Einen Teil davon hat er mir erzählt. In den letzten Jahren ist ihm aufgefallen, dass aus seiner Arbeit beispielsweise immer wieder Namen entfernt wurden, oder seine Artikel wurden überhaupt nicht gebracht, obwohl der örtliche Redakteur sie abgesegnet hatte.«
»Ist das nicht ziemlich normal?«, fragte Lucy. »Soweit ich weiß, werden immer mehr Artikel geschrieben, als aus Platzgründen gedruckt werden können, oder?«
Rivka nickte. »Stimmt. Aber Mendel hatte das schon seit über 20 Jahren gemacht. Ich meine ... so lange schon.« Sie seufzte. »Und obwohl es seine Aufgabe war, die Menschen vor Problemen zu warnen, hat er den Zielpersonen seiner Artikel immer einen Vertrauensvorschuss eingeräumt. Es hätte ihn beruflich ruiniert, wenn er etwas Unzutreffendes oder Irreführendes geschrieben hätte.
Aber er hat mir etwas anvertraut, das er noch nicht in Druck geben wollte. Tatsächlich war er sich nicht sicher, ob er es je würde drucken lassen. Er war überzeugt davon, dass die Zeitung, für die er gearbeitet hat, ihre Leser bewusst täuschen wollte. Um deren Meinung zu formen, wenn man so will.«
Levi runzelte die Stirn. »Das versteh ich nicht. Ist das nicht die Aufgabe einer Zeitung? Ich lese ständig Haarsträubendes in Zeitungen.«
»Im redaktionellen Teil, ja. Mein Ehemann hat in einem Bereich gearbeitet, der in der Branche als Hard News
bezeichnet wird. Dabei haben Meinungen nichts verloren, nur Fakten. Aber Mendel war überzeugt davon, dass die Geschäftsleitung der Zeitung kein Interesse daran hatte, ihren Millionen Lesern die Wahrheit zu sagen.«
»Okay«, sagte Levi. »Ich kann verstehen, dass Ihr Mann
darüber aufgebracht war. Aber glauben Sie wirklich, das ist ein ausreichender Grund dafür, dass er ermordet wurde?«
Menachem räusperte sich. »Mein Schwager war ein äußerst rechtschaffener Mann. Er hat es als seine Berufung angesehen, den Menschen die Wahrheit zu überbringen. Was die Zeitung getan hat, war in seinen Augen eine Sünde, das müssen Sie wissen. Auch ich habe im letzten Jahr von ihm viel zu dem Thema zu hören bekommen. Er hat deutlich zum Ausdruck gebracht, dass die Zeitung zwar nicht unverhohlen lügt, aber die öffentliche Meinung formt, indem bestimmte Dinge nie gedruckt werden. Eine Unterlassungssünde.«
Lucy nickte verständnisvoll. »Schätze, das ist ungefähr so, wie wenn man über ’nen Polizisten redet, der auf der Straße einen Teenager erschossen hat, und wenn man dabei die Tatsache verschweigt, dass der Teenager mit einer Waffe auf ihn gezielt hat.«
»Ganz genau«, bestätigte Rivka. »Jedenfalls war Mendel in den Tagen vor seinem Tod besonders aufgebracht. Er wollte nicht darüber reden, nicht mal mit mir. Und dann ... dann war er tot.«
»Und Sie glauben, er wurde ermordet, weil ...«
Rivka ergriff vom Schreibtisch einen Aktenordner und reichte ihn Levi. »Das ist der Bericht des Gerichtsmediziners. Darin heißt es, es wurde vergiftet, obwohl die Todesursache offiziell als unbekannt gilt.« Schaudernd holte sie tief Luft. »Aber später wurde die Todesart in Selbstmord geändert, und zwar aufgrund der Aussage von jemandem, der lügt.«
Levi dachte daran zurück, was ihm Lucy über eine angebliche Affäre erzählt hatte. Darauf wollte er vorerst nicht herumreiten. Er blätterte durch den Ordner, der unter anderem einen Polizeibericht mit einigen geschwärzten Namen enthielt.
»Sie haben einen Einbruch erwähnt«, sagte Levi. »Erzählen Sie mir davon.«
Rivka verbarg das Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen. Menachem tätschelte ihre Schulter, Lucy rückte näher zu ihr und reichte ihr ein Taschentuch aus einer nahen Box.
Ihr Onkel antwortete für sie. »Es ist während Mendels Beerdigung passiert. Jemand ist eingebrochen und hat dieses Büro durchwühlt, aber sonst nichts im Haus angefasst. Wer immer der Täter war, muss gewusst haben, dass wir bei der Beerdigung waren.«
Levi dachte an die silberne Menora und all die anderen Wertgegenstände, die er unten gesehen hatte. »Was war hier drin und so wertvoll, dass der Rest des Hauses ignoriert wurde?«
»Wissen wir nicht.« Rivka wischte sich das Gesicht ab, wirkte zugleich aufgelöst und verlegen. »Der Täter hatte sämtliche Bücher aus den Regalen geholt und seine Schubladen geleert. Das Einzige, was fehlt, ist seine Arbeit.«
»War sie auf seinem Laptop?«
»Nein, in einem spiralgebundenen Notizbuch. Mendel hat Dinge lieber handschriftlich festgehalten. Ich weiß, dass es wie immer auf seinem Schreibtisch gelegen hat. Danach war es weg.«
Levi betrachtete das Büro. Irgendetwas an der Sache stimmte eindeutig nicht. Was konnte in den Notizen eines Reporters so wichtig gewesen sein, dass jemand eigens eingebrochen war, um sie zu stehlen?
Levi trat zum Mahagonischreibtisch und zog eine der Schubladen auf. Sie enthielt leere Aktenordner. Das Notizbuch hatte also unübersehbar auf dem Schreibtisch gelegen, trotzdem schien sich der Eindringling die Mühe gemacht zu haben, auch die Schubladen und Regale zu durchwühlen.
»Wissen Sie, was er in diesen Schubladen aufbewahrt hat?«, fragte er.
»Nicht genau«, antwortete Rivka. »Beim Aufräumen haben
wir alles zurückgelegt, wo wir dachten, dass es hingehört.«
Levi wechselte einen Blick mit Lucy. So gut wie sicher ging ihnen dasselbe durch den Kopf. Nicht nur ein Notizbuch fehlte.
Auf dem Schreibtisch lag ein Buch in hebräischer Schrift. Levi blätterte durch die Seiten voll für ihn unverständlichen Zeichen und hielt inne, als er eine gelbe Haftnotiz entdeckte. Mehrere Namen standen darauf, und ein Pfeil zeigte auf einen Abschnitt des hebräischen Texts im Buch.
Er drehte es zu Menachem und Rivka herum. »Was steht in dem Abschnitt, auf den der Pfeil zeigt?«
Menachem beugte sich vor und kniff die Augen hinter der dicken Brille zusammen. »Ah, dieses Kapitel der Bibel entspricht dem, was Sie die Sprüche nennen. Hier steht: ›Ein falscher Zeuge bleibt nicht ungestraft; und wer frech Lügen redet, wird umkommen.‹«
Rivka lächelte. »Das sieht Mendel ähnlich. Er hat gern Passagen herausgesucht, die eine Bedeutung für ihn hatten.«
Levi trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Er war sich nicht sicher, was er von all dem halten sollte. Aber er könnte zumindest herausfinden, von wem die Zeugenaussage stammte, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen.
Als er die Haftnotiz aus dem Buch entfernte, bemerkte er, dass auf der Rückseite noch mehr in hebräischer Schrift stand. Er zeigte es Rivka. »Und was steht hier?«
Sie lehnte sich näher und erbleichte. »Hier steht: ›Es sind die Nazis.‹«