Eine Spur von Gift

Tom und Elenna ritten am Waldrand entlang. Die Blätter der Bäume raschelten in der sanften Brise und die Äste bewegten sich leicht. Elenna saß hinter Tom auf Storms breitem Rücken. Silver trottete mit heraushängender Zunge neben dem Hengst her.

Elenna spannte ihren Bogen neu auf. Sie benutzte dafür eine Saite von der kleinen Harfe, die Aduro ihnen zusammen mit fünf weiteren magischen Gegenständen hinterlassen hatte.

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Erst vor Kurzem hatten die lieblichen Klänge der Harfe ihnen geholfen, Ursus zu besiegen. Ein Biest, das Malvel geschaffen hatte. Ursus war ein mächtiger Gegner gewesen und Tom war noch erschöpft vom Kampf. Aber er hatte keine Zeit, sich auszuruhen.

Tom wusste, dass der böse Magier Malvel noch mehr Biester erschaffen würde, die sich ihnen in den Weg stellen würden.

Aber das entmutigte ihn nicht. „Wir müssen Malvel aufhalten“, sagte er zu Elenna. „Das Schicksal aller Königreiche hängt davon ab.“

Malvel und seine Hexengehilfin Petra hatten den Stab des Hexenmeisters aus König Hugos Palast in Avantia gestohlen. Sie wollten den Stab in der Ewigen Flamme im Reich Seraph verbrennen. Wenn das geschah, würde Malvel Macht über alle Königreiche erhalten. Auch über Avantia.

„Wenn wir Malvel nicht besiegen, ist Aduro umsonst gestorben“, sagte Elenna.

Toms Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er erinnerte sich daran, wie der gute Zauberer plötzlich verschwunden und nur sein Umhang und sein Hut zurückgeblieben waren.

„Aber wir haben Aduros magische Gegenstände, die uns helfen werden“, sagte Tom zuversichtlich. Er klopfte gegen Storms Satteltasche, wo die Gegenstände aufbewahrt waren: ein Ledergeschirr mit Metallbeschlägen und einem grünen Juwel, ein Fläschchen, ein Kettenhemd, ein Dolch mit einer Glasklinge und eine Pfeife aus Jadestein. Diese Gegenstände würden ihnen helfen, die Biester zu besiegen, die Malvel und Petra auf sie hetzten. Allerdings nur, wenn Tom herausfand, was sie bewirkten.

Sie hatten noch einen weiteren Gegenstand, der ihnen hier in Seraph helfen konnte: Petra hatte eine Landkarte des Königreichs verloren und diese Karte würde Tom und Elenna zur Ewigen Flamme führen.

„Alles, was wir tun müssen, ist, die Biester zu besiegen, die Malvel uns in den Weg stellt“, murmelte Tom. Er zog die Karte heraus und betrachtete sie.

„Zeigt sie immer noch geradeaus?“, wollte Elenna wissen und warf einen Blick über Toms Schulter.

„Das tut sie“, erwiderte Tom. Ein glitzernder silberner Streifen schlängelte sich durch den Wald mitten in das weite Grasland hinein. Tom folgte der Linie mit seinen Augen. Der Silberstreifen endete schließlich an einem winzigen Bild von einem gewaltigen Stier.

„Ein Stier“, sagte Elenna. „Das Biest ist bestimmt sehr stark.“

Tom nickte. „Und durch Malvels Magie wird es zu wer weiß was fähig sein“, sagte er. Er rollte die Landkarte zusammen, steckte sie zurück in die Satteltasche und warf einen Blick über die Ebene. „Wir beeilen uns besser. Je schneller wir das Biest finden, umso eher können wir es von Malvels Zauber befreien.“

Nach einer Weile kamen sie an das Ende des Walds. Ein plötzlich aufkommender Wind rüttelte an den Ästen und schüttelte die Blätter durch.

„Die Wolken dort gefallen mir gar nicht“, sagte Elenna.

Mit großer Geschwindigkeit kamen gewaltige schwarze Wolken auf sie zugerollt. Sie verdeckten die Sonne und es wurde dunkel. Durch die plötzliche Finsternis wehte ein eisiger Wind, der die Blätter durch die Luft wirbelte.

„Da kommt ein Sturm“, sagte Tom. „Und es scheint kein harmloser zu werden.“

Der Wind peitschte den Hügel hoch und fegte durch den Wald. Silver bleckte die Zähne und knurrte. Storm rollte mit den Augen und zuckte mit den Ohren. Im stürmischen Wind knackten die Bäume und krümmten sich.

Tom sah Elenna mit grimmigem Gesicht an. Er musste schreien, um das Getöse des Sturms zu übertönen. „Kommt es nur mir so vor, oder fühlt sich das wie ein Sturm an, den Malvel heraufbeschworen hat?“

Dicke Regentropfen prasselten auf die Erde und klatschten in ihre Gesichter. Storm stemmte alle vier Hufe fest in den Boden und senkte den Kopf vor dem ungewöhnlichen Wetter.

„Sollen wir uns im Wald unterstellen?“, fragte Elenna mit hochgezogenen Schultern.

Tom hörte das laute Knarzen eines umstürzenden Baums. Äste flogen durch die Luft. Eine mächtige Eiche war dabei umzufallen und würde jeden Augenblick auf ihnen landen!