26

Fast eine Woche dauerte das Morden in Berlin noch an.

Die Toten zählte man nie – es waren Hunderte. Sicher Tausende mit den Opfern der Unruhen in München und im Ruhrgebiet. Die Freikorps im Westen standen unter dem Befehl Oskar von Watters: des Offiziers mit den kältesten blauen Augen und der rücksichtslosesten Marschroute, die man sich nur vorstellen konnte. Beinahe noch grausamer als die Gewaltexzesse der Noskegarden war für mich aber die juristische Aufarbeitung der Gräuel in den Folgewochen und -monaten: Sie verhöhnten die Opfer ein zweites Mal.

Oberleutnant Marloh wurde für den feigen Matrosenmord freigesprochen, genau wie die wahren Mörder von Luxemburg und Liebknecht, was nicht weiter überraschte, da ausgerechnet ein Gericht der GKSD über die eigenen Männer urteilen durfte. So musste nur der in der Hierarchie ganz unten stehende Husar Otto Runge für seine Schläge mit dem Gewehrkolben gegen Liebknechts und Luxemburgs Kopf zwei Jahre hinter Gitter. Oberleutnant Vogel bekam zwei Jahre und vier Monate für die Beiseiteschaffung von Luxemburgs Leiche, die er aber nicht absitzen musste: Man verhalf ihm einfach zur Flucht in die Niederlande, wo er sich ebenso unbehelligt seines Daseins erfreuen konnte wie der Kaiser auch.

Der Mörder von Leo Jogiches, Kriminalwachtmeister Ernst Tamschik, der, zwei Monate nach dem Tod Jogiches, einen Kommandeur der Volksmarinedivision auf gleiche Weise umbrachte, wurde befördert.

Waldemar Pabst oder Falk Boysen wurden nicht einmal angeklagt.

Die Richter in allen Teilen des Reichs attestierten den Beschuldigten glühende Liebe zum Vaterland, was auch ihre Milde erklärte, denn Dinge, die man aus selbstloser Liebe tat, konnten in ihrem Wesen ja nicht schlecht sein.

Berlin versank in Agonie.

Isi war wegen Theos Tod so außer sich gewesen, dass Artur und ich die allergrößte Mühe hatten, sie davon abzuhalten, sich den Spartakisten erneut anzuschließen, um wenigstens Marloh umzubringen. Sie beruhigte sich erst nach Tagen und gab sich anschließend für Wochen tiefer Melancholie hin.

Endlich kam der Frühling.

Und mit dem Licht schmolz auch der Winter in unseren Herzen.

Isi und ich spazierten an der Spree entlang und querten die Jannowitzbrücke, an der ich sie an jenem 12. März weinend und tobend in Empfang genommen hatte. Die restlichen Tage der Unruhen saßen wir beide mit Hans und Harry in dem kleinen Souterrainzimmer ab. Dort hatten wir auch aus den Zeitungen erfahren, dass die Meldung vom Lichtenberger Polizistenmord tatsächlich eine Erfindung gewesen war.

Wir hielten auf der Mitte der Brücke und blickten die Spree hinauf.

Eine Leiche trieb bäuchlings im Wasser.

Eine Frau, deren lange Haare weit gefächert um ihren Kopf schwebten.

In jenen Wochen spülten Spree und Landwehrkanal viele von ihnen auf. Anonyme Opfer einer beispiellosen Hatz, ins Wasser geworfen wie Müll. Manchmal fand man ihre Identitäten heraus, die meisten aber blieben unbeweint. Nur eine rührte die Öffentlichkeit: Rosa Luxemburg. Ihre Leiche barg man Ende Mai aus dem Landwehrkanal.

Andere hatten keine Namen.

Viele wurden in der Berliner Zentral-Leichenhalle aufgebahrt, nackt hinter Glasfenstern, das Bündel Kleidung, das sie getragen hatten, auf ihren Leib gelegt, darauf eine Nummer. Bis nach draußen konnte man da das Schreien und Schluchzen der Verwandten hören, wenn sie einen der Ihren erkannt hatten. Und die Stille der Toten, wenn niemand kam.

»Haben dir Theos Eltern zurückgeschrieben?«, fragte ich Isi.

Sie schüttelte den Kopf.

»Aber er ist nach Kiel gebracht worden, oder?«

Sie nickte.

Eine Weile sagte keiner von uns etwas.

Die Leiche verschwand langsam unter der Brücke: Wer sie wohl war?

»Was ist mit dir?«, fragte ich schließlich.

»Was soll mit mir sein?«, fragte sie zurück.

»Wie soll es für dich weitergehen?«

Sie wandte sich mir zu: »Du meinst, ob ich immer noch kämpfen will?«

Ich nickte.

»Nein, ich will nicht mehr kämpfen. Ich hasse das Militär so sehr, dass es fast keine Worte dafür gibt, aber ich will leben, nicht sterben.«

»Das ist gut.«

Sie lächelte schief: »Artur würde mir bestimmt Waffen geben!«

»Artur würde dir auf keinen Fall Waffen geben!«, schnappte ich zurück. »Und ich mag es nicht, wenn du Witzchen über so etwas machst.«

»Sehr wohl, gnädiger Herr!«, gab sie zurück und knickste vor mir.

Ich stieß sie spielerisch gegen die Schulter.

Dann sagte ich: »Falk ist verschwunden.«

Sie nickte. »Der kommt wieder. Da kannst du sicher sein.«

Hinter uns hatte jemand die Leiche entdeckt und rief aufgeregt nach der Polizei. Weder Isi noch ich hatten Lust, uns umzudrehen.

»Und du?«, fragte sie schließlich.

Ich lächelte sie unsicher an. »Ich glaube, ich behalte Hans bei mir.«

Sie seufzte: »Carl …«

»Er hat niemanden, Isi!«, beeilte ich mich zu sagen. »Und ich weiß, wie es ist, ohne Mutter zu sein. Ich möchte wenigstens, dass er einen Vater hat.«

»Du bist nicht sein Vater!«

»Ist das denn alles seine Schuld?«

Sie blickte wieder auf den Fluss.

»Nein«, sagte sie schließlich nach langer Pause.

Wieder schwiegen wir.

Schließlich machten wir uns auf den Heimweg.

»Carl?«

»Ja?«

»Plan mich bloß nicht als Mutter für Hans ein, in Ordnung?«

»Nein, mache ich nicht. Höchstens Tante.«

Sie lächelte.

27

Es war leicht gewesen, die Entscheidung, jemandes Vater sein zu wollen, auszusprechen, viel komplizierter dagegen das, was es tatsächlich bedeutete: Hans war traumatisiert. Nicht weiter verwunderlich bei allem, was er hatte durchmachen müssen. Und so erfreulich es war, dass er ein wenig Zutrauen zu mir gefunden hatte, so schwierig war es bald für mich, morgens zur Arbeit zu gehen, denn der Kleine litt unter solchen Verlustängsten, dass er sich an mein Hosenbein klammerte, weinte und schrie, weil er glaubte, ich würde ihn für immer verlassen. Da halfen weder gutes Zureden noch liebevolle Versicherungen: Er ließ sich nicht beruhigen.

So endete jeder Morgen damit, dass ich ihn dem Dienstmädchen Alma, das zuvor Theo betreut hatte, in den Arm drückte, um anschließend wie ein Dieb in der Nacht aus meinem eigenen Zuhause zu schleichen.

Dennoch war ich optimistisch, dachte, dass Hans mit der Zeit wieder festen Boden unter die Füße bekommen würde.

Aber dann kam Madame Dubarry, und ich wusste, ich würde eine Entscheidung treffen müssen: Konnte ich ihm wirklich ein Vater sein?

Fast über Nacht waren auf dem kahlen Tempelhofer Feld ganze Pariser Straßenzüge des achtzehnten Jahrhunderts quasi aus dem Boden gewachsen, eine Täuschung, die so perfekt war, dass ich nur noch staunen konnte. Mit Madame Dubarry bekam ich das erste Mal eine Vorstellung davon, wozu Film wirklich in der Lage war: Nicht nur, dass mit Pola Negri, Harry Liedtke und vor allem Emil Jannings die größten Sterne unserer Zeit in der Produktion auftraten, es zeigte sich darin auch, wie aufwendig produziert werden konnte, wenn man die Glashäuser einmal verließ.

Was für talentierte Menschen die PAGU, oder besser gesagt: die UFA, die sie vor gut einem Jahr aufgekauft hatte, doch beschäftigte! Hier arbeiteten die besten, künstlerischsten, kreativsten Leute, zu denen auch die wahren Zauberer dieses Gewerbes gehörten: die Bühnenbauer und Requisiteure. Während andere im Rampenlicht standen, schufen sie die Welten, in denen Geschichte und Geschichten überhaupt erst möglich waren.

So viele Begabungen!

Und ich durfte ein Teil von ihnen sein.

An einem schönen Frühlingstag spazierte ich also voller Bewunderung in meiner Mittagspause durch eine Häuserfront des späten Absolutismus und stellte mir gerade vor, wie die Menschen vor der Französischen Revolution gelebt haben mussten, als Lubitsch mich entdeckte und zu sich rief.

Er fragte: »Was halten Sie davon, wenn Sie bei diesem Film meinem Kameramann Sparkuhl assistieren, Friedländer?«

»Wirklich?«, rief ich völlig überrascht.

»Wollen Sie?«

»Aber natürlich!«, antwortete ich entzückt.

Er lächelte kurz, dann lief er zurück ins Glashaus, während der Rauch seiner Zigarre seinen Kopf umdampfte.

Und dann dachte ich: O Gott, wie soll das nur werden?

Denn da war ja Hans!

Wie sollte ich diese einmalige Möglichkeit wahrnehmen? All die Überstunden, die tagelangen Außenaufnahmen an Schloss Sanssouci, die allumfassende Präsenz, die ein solches Unternehmen erforderte! Ich schaffte es ja nicht einmal, den Jungen morgens von meinem Hosenbein zu lösen, ohne dass für ihn dabei die Welt unterging. Wie würde es erst sein, wenn er mich über Monate kaum zu Gesicht bekam? Es war eine Sache, einem unschuldigen Kind eine Chance auf ein Zuhause anzubieten, eine andere, dann noch sein eigenes Leben zu gestalten. Ich war gerade mal dreiundzwanzig Jahre alt, und ohne Arturs Hilfe hätte ich als Schlafgänger bei einer verarmten Witwe gehockt und wäre froh gewesen, zweimal am Tag etwas zu essen zu bekommen. Wie konnte ich da einem traumatisierten Kind Halt geben?

Ich hätte es besser wissen müssen.

Artur und Isi hatten mich inniglich gewarnt.

Versuchten mir die ganze Zeit schon klarzumachen, wie viel Verantwortung ein Kind tatsächlich bedeutete und welche Einschränkungen meine Entscheidung noch nach sich ziehen würde. Ich aber verteidigte mich damit, selbst keine Mutter gehabt zu haben, es meinem Vater nachtun zu wollen, der mir stets sicherer Hafen und liebevoller Halt gewesen war. An den ich bis zu meinem letzten Atemzug voller Bewunderung, Dankbarkeit und Liebe denken würde.

»Du möchtest also geliebt werden?«, fragte Artur.

»Ich möchte etwas zurückgeben«, antwortete ich.

»Carl!«, mahnte Artur. »Dein Vater war ein ganz besonderer Mensch. Und ich verstehe, dass du das Gefühl hast, in seiner Schuld zu stehen. Selbst ich tue das, denn ohne seine Geschichten von Riga hätte ich den Krieg wohl nicht überlebt. Und Isi wäre ohne die Schneiderei als Versteck wahrscheinlich von Polizeikommandant Tessmann eingesperrt worden. Aber: Dein Vater hätte nicht gewollt, dass du deine gefühlte Schuld auf diese Art und Weise begleichst.«

»Papa hätte es verstanden!«, behauptete ich.

»Dein Vater wollte, dass du glücklich bist. Mit diesem Kind wirst du nicht glücklich!«

»Das weißt du nicht!«

Artur seufzte: »Gib den Jungen in ein Heim, Carl.«

»In ein Heim? Weißt du, wie es da zugeht, Artur? Da war er ja mit Frau Meng noch besser bedient!«

»Je länger du damit wartest, desto schlimmer wird es für ihn.«

»Isi!«, rief ich. »Sag doch auch mal was!«

Sie nickte: »Er hat recht, Carl. Dieser Film ist vielleicht die Chance deines Lebens, und du weißt ja nicht mal, wer Hans’ leiblicher Vater ist! Vielleicht ist der Kleine das Kind eines Wahnsinnigen? Eines rechtsradikalen Holzkopfs? Oder eines Ganoven?«

»Artur ist auch ein Ganove«, maulte ich.

»Ja, aber er ist unser Ganove, Carl! Dieser Junge hat weder mit dir noch mit uns etwas zu tun.«

»Er ist Marlies’ Sohn. Er hat mit mir zu tun!«

»Du bist stur wie ein Muli!«, rief Isi.

Das stimmte allerdings.

Je länger die Diskussion voranschritt, desto mehr verteidigte ich meine Position. Ich hatte das Gefühl, dass mich die beiden wieder einmal beschützen wollten. Aber ich war es leid, beschützt zu werden. Und so kam es, dass meine anfängliche Unsicherheit, was Hans betraf, sich fast schon aus kindischem Trotz in eine große Sicherheit verwandelte. Hätten sie nicht versucht, mir die Idee wieder auszureden, hätte ich vielleicht anders reagiert, so aber wollte ich ihnen schlicht beweisen, dass ich beides konnte: an dem wichtigsten Film des Jahres mitwirken und ein Vater sein.

Was das wirklich bedeutete, begriff ich erst viel später.

28

Insgeheim hatte ich wohl ein wenig gehofft, dass Isi sich doch noch erweichen lassen würde, Hans vielleicht eine Art Ersatzmutter zu sein, was aber eher meinen naiven Charakter doppelt unterstrich, als dass es eine korrekte Einschätzung des ihrigen war, denn sie hätte das meiner Bockigkeit wegen schon allein aus pädagogischen Gründen niemals getan. Mal ganz abgesehen davon, dass sie eigene klare Vorstellungen eines selbstbestimmten Lebens hatte. Ja, es war nicht weiter verwunderlich, dass sie ungewöhnliche Wege einschlug. Aber dass sie es tatsächlich fertigbrachte, sich, wenn auch unbeabsichtigt, in die größte Verschwörung der frühen Zwanzigerjahre verstricken zu lassen, machte dann sogar Artur fassungslos.

Doch wie nur geriet man in ein solches Komplott?

Wie schlitterte eine junge, hübsche, blitzgescheite, zu Unrecht vorbestrafte Frau in die Kreise wahrer Macht, Männern ausgesetzt, die weder Skrupel noch Grenzen kannten? Nun, ich wage es kaum niederzuschreiben, aber alles begann mit einem Ei.

Mit einem einfachen Hühnerei.

Und natürlich dem Umstand, dass Isi nicht im Traum daran dachte, sich für einen mickrigen Lohn, wie ich ihn beispielsweise bekam, abzurackern. Sie fühlte sich allein ihrem Charisma, ihrem Mut, ihrem Jagdtrieb, ihrem einzigartigen hochstaplerischen Talent verpflichtet, das ihr geradezu verbot, ihr Leben als Mütterchen am Herd, Fräulein vom Amt oder Verkäuferin im Kaufhaus zu verschwenden.

Also, ein Ei.

Seit Silvester war sie gern gesehener Gast im KaLeu, sodass es nicht lange dauerte, bis sie jeden und jeder sie kannte. Vom armen Schlucker zur frechen Prostituierten, vom spießigen Angestellten zum windigen Betrüger war alles dabei, was Berlin an Bevölkerungsquerschnitt zu bieten hatte.

Nur die wirklich Wohlhabenden, die es bei aller Armut natürlich auch gab, hielten sich zunächst zurück. Die einflussreichen Politiker und Militärs, der Hochadel, die Industriellen, die Kriegsgewinnler, die großen Schieber oder die, die einfach immer schon reich gewesen waren, kamen anfangs nicht ins KaLeu. Es waren Menschen, die ein Frühstück im Peltzer in der Wilhelmstraße für einhundertfünfzig Mark in dem Wissen genossen, dass ein Arbeiter im Monat keine sechshundert mit nach Hause brachte.

Es gab wenig, was die hartgesottene, vergnügungssüchtige bessere Gesellschaft beeindruckte. Frackbewehrt und diamantglitzern hatten sie die Ödnis zu einer Kunstform stilisiert.

Doch nach und nach suchten die Wagemutigen unter ihnen das Abenteuer, den wilden Wind des Lebens, der sie durchpusten und auf neue Gedanken bringen sollte.

Kurz: Sie suchten die Nähe zur Unterwelt.

Als dann die blutigen Kämpfe endlich endeten, dauerte es nicht lange, da tauchten die Ersten von ihnen im KaLeu auf. Natürlich im Smoking und Abendkleid, so viel Noblesse musste dann doch sein, und voller Erwartung, hier, in dem mittlerweile berühmten und vielleicht auch berüchtigtsten Lokal Friedrichshains ein paar echte Ganoven zu erleben. Oder wenigstens hübsche Prostituierte. Was mich zuerst irritierte und dann zunehmend wütend machte, war, dass sie fast alle Cachenez trugen, Halbmasken aus Seide, um ihre Identität zu verschleiern. Mehr als einmal beobachtete ich Artur heimlich an diesen Abenden, um herauszufinden, ob ihn diese Auftritte verletzten, denn seine Maske war kein Spaß, kein modisches Accessoire, sondern bitterer Ernst.

Er ließ sich nie etwas anmerken.

Kamen sie, ließ er sie feiern, gaffen und darüber spekulieren, wer von den Gästen wohl der Mann war. Der Gefährlichste unter ihnen, derjenige, der die Fäden zusammenhielt. Zu meinem Amüsement kamen sie nie auf Artur, den sie schlicht für einen Kriegskrüppel hielten, der sich hier seinen kargen Lohn verdiente und auf großzügiges Trinkgeld mitleidiger Gäste hoffte.

Dass sie, die Ausschau nach Gaunern hielten, selbst beobachtet wurden, fiel ihnen nie auf. Eine von denen, die sie taxierten, war Isi, die, genau wie Artur, eine gute Witterung dafür hatte, wen man am leichtesten übers Ohr hauen konnte. Sie war es schließlich auch, die Artur die Tür zu Informationen öffnete, die ihm geradezu märchenhafte Gewinne bescheren würden.

Einstweilen bezogen die Vermögenden ein extra für sie freigeräumtes Eckchen im KaLeu, orderten Flasche um Flasche und bemerkten dabei nicht, dass die Kellner sie munter betrogen, indem sie zu den ausgetrunkenen Flaschen einfach ein paar leere dazustellten und dann alle zusammen abrechneten.

Der Zufall wollte es, dass an einem dieser Abende eine Gesellschaft auftauchte, bei der neben den lebenshungrigen jungen und jung gebliebenen Leuten auch einige Herrschaften älteren Semesters dabei waren, darunter auch eine abergläubische Alte, die Isi mit ein paar Marotten auffiel, wie beispielsweise, dass sie ihre Tasche nicht auf den Boden stellen wollte, weil das angeblich Unglück brachte, oder einem lachenden jungen Ding über den Mund fuhr und mahnte, dass wer freitags viel lache, sonntags Grund zum Weinen haben würde.

»Aber es ist Donnerstag, Tantchen!«, rief die junge Frau.

Und die Alte antwortete nur: »Es ist Mitternacht.«

Für Isi ausreichend Information.

Sie wartete, bis das reiche Tantchen einem menschlichen Bedürfnis nachging, und folgte ihr auf die Damentoilette, wo sie sich vor dem einzigen Waschbecken postierte. Als die Alte den Abort verließ, stand da Isi, wusch sich die Hände und blickte die Frau hinter sich über den Wandspiegel so lange an, bis die sich darüber mokierte.

»Sie starren!«

Isi nickte schüchtern und wandte den Blick ab, aber nur, um sie scheinbar heimlich gleich wieder anzusehen.

»Sie sind wirklich garstig, junges Fräulein!«, beschwerte die Alte sich.

»Es tut mir leid, gnädige Frau, es ist nur … Ich …«

»Was?«

Isi schüttelte den Kopf: »Nichts, gnädige Frau.«

Die Neugier der gnädigen Frau war geweckt.

»Nun sagen Sie schon!«

»Ich möchte Sie nicht erschrecken, gnädige Frau.«

Jetzt war es an der Alten, Isi anzustarren.

»Wie meinen Sie das?«

»Sie haben einen großen Verlust erlitten, nicht wahr?«

Ein Schuss ins Blaue.

Isi hatte nicht die geringste Ahnung, ob dem so war, aber die Dame war nicht mehr die Jüngste und der Krieg erst ein paar Monate vorbei. Wer hatte da keine Verluste zu beklagen?

»Woher wissen Sie das?«, krächzte die Dame erschrocken.

»Der Spiegel, gnädige Frau.«

»Was ist mit dem Spiegel?«, fragte sie.

»Man kann darin sehen

»In diesem Spiegel?«, antwortete sie erschrocken.

Isi nickte ihrem eigenen Abbild zu und dachte nur, dass sich vor ihr wohl der dreckigste Spiegel Berlins befand.

»U-und Sie haben darin … meinen … Georg …?«, stotterte die Dame bleich.

Isi vernahm den Namen und tippte auf den Ehemann, obwohl die Frau natürlich auch einen Sohn verloren haben könnte.

»Ja.«

»Oh, mein Gott!«, rief die Dame und fasste unwillkürlich mit der rechten Hand den Ringfinger der linken Hand.

Ehemann.

Isi nickte: »Es tut mir sehr leid um Ihren geliebten Mann.«

Geschockt fuhr ihre Hand vor den Mund: »Sie wissen es ja wirklich!«

Isi schwieg und drehte sich dann zu der Dame um: »Für mich ist diese Gabe ein große Last.«

»Was haben Sie gesehen, Fräulein?«

»Ich … ich muss jetzt gehen.«

Sie wandte sich ab, aber die Alte fasste sie schnell am Arm und hielt sie fest.

»Geht es Georg gut?«

Isi schwieg vielsagend.

Da brach die Dame in Tränen aus und flehte: »Bitte, sagen Sie mir, dass es ihm gut geht!«

Isi sah sich um, ob jemand sie hören konnte, dann sagte sie leise: »Es gibt da tatsächlich etwas, das Sie wissen sollten!«

»Was? Bitte sprechen Sie!«

»Kommen Sie morgen wieder. Bis dahin dürfen Sie mit niemandem über mich reden!«

»Nein, bestimmt nicht.«

»Ich würde es merken. Und dann kann ich nichts mehr für Sie tun.«

»Ich werde gewiss nichts sagen!«

Isi umfasste die Hände der Dame und sah sie beschwörend an: »Haben Sie keine Angst. Es besteht noch Hoffnung! Ich verspreche es!«

»Hoffnung?«, fragte die Alte schockiert zurück.

»Kommen Sie morgen zu mir!«

Sie nickte hektisch und ließ sich von Isi unsere Adresse nennen.

29

Wie sich herausstellte, hieß die gnädige Alte Wilhelmina von Lossow und entsprang einem brandenburgischen Adelsgeschlecht, dessen einzig erkennbare Leistung es war, immer schon große Ländereien besessen zu haben. Die brachten ihnen gerade traumhafte Erträge, denn wenn diese Stadt etwas brauchte, dann waren es Lebensmittel, und wer sie besaß, konnte verbrecherische Preise dafür verlangen. So gesehen war bereits der Krieg ein großer Segen für die von Lossows gewesen, denn der Markt regelte die Preise, und ihre Familie legte dasselbe Geschäftsgebaren an den Tag wie damals die Boysens in Thorn.

Sie kam am frühen Abend zu uns, ließ sich von ihrem Chauffeur bis an die Haustür begleiten. Sie spinkste in den Flur, als Isi ihr öffnete. Einen Moment sah es so aus, als wollte sie ihre Begleitung mit hineinnehmen, aber bevor sie ihren Wunsch aussprechen konnte, zog Isi sie geheimniskrämerisch hinein und schloss die Tür vor der Nase des Fahrers. Zusammen traten sie in unser Wohnzimmer, wo ich mit Hans auf dem Sofa saß.

»Sind wir nicht allein?«, fragte Frau von Lossow vorsichtig.

»Beachten Sie die beiden nicht«, gab Isi zurück. »Wir brauchen gleich ihre Hilfe, aber das soll Sie nicht weiter kümmern.«

Sie setzten sich an den Tisch, und Frau von Lossow erzählte, wie ihr geliebter Mann im letzten Jahr der Spanischen Grippe erlegen war. Sie wurde nicht müde zu betonen, was für ein edler Mensch ihr Georg gewesen war, ein Lehnsherr alter Schule, streng, aber gerecht, respektiert und angebetet von jedermann.

»Er war ein Heiliger!«, beteuerte Frau von Lossow tränenschwer. »Ein Heiliger!«

Das war sogar für mich leicht zu übersetzen: Georg von Lossow war ein Scheusal gewesen, genau wie der alte Boysen in Thorn. Ein Lehnsherr alter Schule? Streng, aber gerecht? Da drehte sich mir der Magen um.

Insgeheim schien Frau von Lossow diese Strenge, diese Gerechtigkeit auch nach seinem Tod noch zu fürchten, gab aber vor, sich vor allem darum zu sorgen, welches Ungemach ihrem Heiligen im Jenseits drohte.

Isi hielt ihre Hände und sprach ihr einfühlsam Trost zu.

Dann stand sie auf, ging in die Küche und kam mit zwei kleinen Schüsseln zurück: eine leer, die andere gefüllt mit fünf Eiern.

Sie hielt Frau von Lossow die Schüssel mit den Eiern hin: »Wählen Sie eines!«

»Irgendeines?«

»Sie sind alle gleich!«

Frau von Lossow nickte, hob eines heraus und hielt es ratlos in den Händen.

»Schlagen Sie es auf!«

Sie zerbrach das Ei in der leeren Schüssel: Der Dotter war schwarz.

Frau von Lossow starrte entsetzt darauf.

»Aber … das kann nicht sein!«

Schnell nahm sie noch eines und schlug auch das auf: Der Dotter war wieder schwarz.

Isi gab mir die Schüssel mit den restlichen drei Eiern und wandte sich dann Frau von Lossow zu: »Ich hatte es befürchtet!«

»O Gott, was ist denn nur?«

»Sie schweben in Gefahr. Aber Ihr Georg sendet Ihnen eine Botschaft!«

Frau von Lossow wurde so bleich, dass Isi schon fürchtete, sie könnte das Schicksal ihres Mannes ereilen.

»Welche Botschaft?«

»Ihr Mann wünscht, dass Sie nicht sein Schicksal teilen und leben! Ist das auch Ihr Wunsch?«

Sie nickte schnell.

»Dann werde ich versuchen, Sie zu retten!«

Sie winkte Hans zu sich, der an den Tisch trat und Frau von Lossow ansah.

»Wir tauschen jetzt die Schicksale, Frau von Lossow. Ihres gegen seines, seines gegen Ihres.«

»W-wer ist der Junge?«, fragte sie zitternd.

»Spielt das eine Rolle?«, fragte Isi zurück.

Frau von Lossow schüttelte den Kopf.

»Gut, dann nehmen Sie jetzt seine Hand!«

Sie tat es.

Isi legte ihre Hände auf die Stirn von Hans und auf die von Frau von Lossow.

Schloss die Augen.

Hielt eine Minute inne.

Und riss dann plötzlich mit einem schnappenden Einatmen ihre Hände von beiden Köpfen zurück.

Erschöpft keuchte sie: »Sententia est.«

Dann nickte sie mir zu.

Ich brachte die Schüssel mit den drei Eiern zurück an den Tisch: Isi gab Frau von Lossow mit einer Geste zu verstehen, dass sie eines aufschlagen sollte.

Sie tat es, und der Dotter war gelb.

Da griff Isi selbst in die Schüssel und gab Hans ein anderes Ei.

Er schlug es auf, und es war schwarz.

Frau von Lossow hob erschrocken ihre Hand vor den Mund, als Isi sie schon am Arm packte und mit nach draußen zog: »Gehen Sie, Frau von Lossow! Schnell!«

»Was geschieht jetzt?«, fragte sie bang.

»Nichts. Sie sind gerettet!«

»Und der Junge?«

»Ist das wichtig?«

Da umarmte die Alte Isi erleichtert: »Nein, natürlich nicht. Wie kann ich Ihnen nur danken?«

Isi schenkte ihr ein kleines Lächeln: »Da fällt mir sicher etwas ein, Frau von Lossow.«

Sie öffnete die Tür und entließ ihre erste Kundin zu ihrem Fahrer.

30

Woher Isi den kleinen Trick hatte, verriet sie mir nie, vermutlich aber flogen ihr solche Dinge einfach im Schlaf zu. Dabei war der Coup so verblüffend einfach, dass ich ihn selbst niemals gewagt hätte aus lauter Angst, damit aufzufliegen. Aber nicht die Kompliziertheit eines Betrugs macht ihn erfolgreich, sondern seine Präsentation. Mir hätte schlicht das Selbstvertrauen gefehlt, ein solches Manöver durchzuführen. Isi dagegen hatte bereits im Alter von dreizehn Jahren den damals schon erwachsenen Falk Boysen derart übers Ohr gehauen, dass mir vor Staunen und Ehrfurcht die Kinnlade nach unten geklappt war.

Was also hatte sie getan?

Sie hatte schwarze Tinte in sechs Eier gespritzt, die kleinen Löcher mit Leim verschlossen und die Stellen mit Kalktünche übermalt. Während Frau von Lossow zwei der fünf Eier aus der Schüssel aufschlug und sich in den Gedanken hineinsteigerte, dass ein Fluch auf ihr lastete, nahm ich heimlich die restlichen drei Eier und tauschte sie in der Küche gegen normale.

Als Isi die Dame dann von ihrer angeblichen Verwünschung befreite, schlug die ein normales Ei auf. Hans dagegen bekam von Isi das sechste präparierte, das sie schon die ganze Zeit in einer kleinen Tasche ihres Kleides getragen hatte. Geschickt griff sie in die Schüssel und tauschte dabei ein normales gegen das präparierte Ei. Das überschüssige steckte sie zurück in ihr Kleid.

So wurde Frau von Lossow gerettet.

Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass ich zunächst gegen diese Scharade war. Mochten es Artur und Isi nicht so genau mit den Gesetzen nehmen, ich war anders, und jemanden zu betrügen missfiel mir zutiefst. Isi aber hatte nicht lockergelassen, und so einigten wir uns auf einen Kompromiss: Wenn Frau von Lossow wider Isis Erwarten nicht bereit gewesen wäre, das Leben von Hans zu ihrem eigenen Vorteil zu opfern, hätte sie ihr kleines Schauspiel abgebrochen und auf einen anderen Tag in anderer Konstellation verschoben.

Nun, sie musste nichts verschieben, und mir tat es nicht leid, dass Isi sie jetzt am Haken hatte.

Und die dachte strategisch.

Natürlich hätte sie die abergläubische Frau von Lossow einfach schröpfen können, denn wenn man die Lebenserwartung eines kleinen Jungen geschenkt bekam, dann hätte darauf schon eine saftige Rechnung folgen dürfen, aber Isi war sich sicher, dass die Verbindungen der von Lossows in die bessere Gesellschaft mehr wert waren als eine einmalige Zahlung. Für Geld konnte man im Moment sowieso nichts kaufen, weil schlicht und ergreifend nichts da war, was man hätte erwerben wollen.

Und so schlich sie sich in die Kreise der wohlhabenden, aber fantasielosen Ehefrauen und Großmütter, die den glänzenden Zeiten großer Apartheit, großer Gesten und großer Noblesse hinterhertrauerten. Den Jahren, als ihre Welt noch allein aus Puder, Parfüm und Personal bestand und sie von einer Lustbarkeit in die nächste taumelten, wobei die schlimmste Sorge war, dass die beste Freundin und gleichsam größte Konkurrentin wohlmöglich das schönere Kleid tragen könnte.

Abergläubisch wie Frau von Lossow waren natürlich die wenigsten, das wurde dann doch als etwas rückständig, wenig hauptstädtisch angesehen, spirituell interessiert hingegen alle. Für Isi eine profitable Erkenntnis, denn wer sich an Bauernweisheiten ausrichtete oder an Geister in der Zwischenwelt glaubte, ließ sich gern billigen Wein verkaufen, solange das Etikett teuren versprach.

Selbstredend akzeptierte man das junge Ding aus der Arbeiterschaft nicht als Gleichgestellte, aber nachdem Frau von Lossow den Damen in ihrem Umfeld die Geschichte ihres Wunders sehr anschaulich beschrieben hatte, behandelte man Isi zwar noch mit Arroganz, aber auch mit einem gewissen Respekt, denn niemand wusste, ob sie nicht vielleicht doch in der Lage wäre, Unglück heraufzubeschwören, um ihnen zu schaden.

Isi gab sich sehr geheimnisvoll.

Und begann ein einträgliches Geschäft.

Dabei war sie recht kreativ im Erfinden von Heilungen diverser Malaisen ihrer Klientel, bemühte Karten, Hexenbretter oder wunderliche Tinkturen. Was aber noch viel entscheidender war: Sie erfuhr viel über die wirklichen Sorgen und Nöte der Damen. All die schmutzigen kleinen Geheimnisse, von denen niemals jemand wissen durfte. Wer Affären hatte, wer geschäftlich betrog, wer politisch engagiert war oder wem das Wasser bis zum Hals stand. Sie kamen wegen Nichtigkeiten und gingen mit dem Gefühl, dass eine große Last von ihnen gefallen war.

Direkt in Isis Schoß.

Und die gab ihr Wissen an Artur weiter.

An jenem ersten Abend der Eierscharade war ich jedenfalls ziemlich froh, als Frau von Lossow verschwand. Ich brachte Hans ins Bett, setzte mich zu ihm, um ihm aus einem Buch vorzulesen, erlebte ihn aber stiller als sonst.

Überhaupt war es schwer, zu ihm durchzudringen, denn er redete kaum. Mir machte das alles große Sorgen. Wie sollte man ein Kind aufziehen, wenn es sich einem nicht anvertraute? Ich wusste, dass Hans Trauer über den Tod seiner Mutter verspürte und wahrscheinlich wahrnahm, dass auch ich zuweilen vollkommen abwesend im Wohnzimmer saß und an sie dachte. Nichts wünschte ich mir mehr, als dass sie da wäre und wir einfach nur eine Familie sein könnten – und glücklich.

Darüber wurde ich selbst sprachlos.

Es gelang mir nicht, frei und unverkrampft mit ihm zu sein. Ihm von den Wundern der Welt zu berichten, von meiner Arbeit oder einfach dem, was draußen so vor sich ging. Es fehlte einfach etwas, das uns ins Gespräch gebracht hätte. Ein gemeinsames Thema oder wenigstens eine gemeinsame Empfindung abseits der Trauer.

Alles, was mir einfiel, war abends bei ihm zu sitzen und ihm vorzulesen.

Kein Dialog, sondern ein Vortrag.

Keine Chance, das Fremde abzulegen, damit wir uns einander öffnen könnten.

An diesem Abend blickte ich irgendwann von dem Buch auf und sah, dass Hans gedankenverloren mit seinen kleinen Fingerchen über das Federbett fuhr und dem, was ich ihm vorgelesen hatte, nicht gefolgt war.

Da legte ich das Buch zur Seite und fragte: »Sorgt dich etwas, Hans?«

Erst glaubte ich, dass er mich gar nicht gehört hatte, dann aber blickte er zu mir auf und fragte: »Muss ich jetzt sterben?«

Der Satz kam für mich wie aus dem Nichts, und er traf mich mit voller Härte.

Weder Isi noch ich waren auf die Idee gekommen, dass Hans die makabren Abgründe ihres Tricks verstehen könnte. Er war so still, dass ich manchmal sogar fürchtete, er könnte, verglichen mit anderen Kindern, kognitiv ein wenig hinterherhinken.

»Aber nein, Hans!«, antwortete ich erschrocken. »Das war nur ein kleiner Scherz, ein Spiel von Tante Isi! Sie hat die alte Dame nur ein wenig aufgezogen.«

»Wirklich?«

»Natürlich! Mach dir keine Sorgen. Es ist alles in Ordnung!«

Eine ganze Weile schwieg er.

Und gerade, als ich schon hoffte, seine Bedenken gänzlich ausgeräumt zu haben, sagte er: »Das wäre nicht schlimm.«

»Was wäre nicht schlimm?«

»Wenn ich sterben würde. Das wäre nicht schlimm.«

Da war kein Bedauern in seiner Stimme, keine Melancholie. Es war nur eine simple Feststellung, als hätte er gesagt: Das Wetter ist heute sehr schön. Oder: Der Himmel ist blau.

Ich spürte einen Kloß im Hals.

Schluckte.

Dann strich ich ihm übers Haar. »Doch, das wäre es, Hans. Es wäre ganz schlimm.«

Er sah mich mit großen leeren Augen an.

31

So lebte ich in zwei Welten.

Der einen, realen, in der ich Hans von meinem Hosenbein zupfte, ihm gut zuredete, dass er wichtig war, dass er zählte und Vertrauen in sich selbst fassen sollte, und doch keinen Weg fand, einen emotionalen Kontakt zu ihm herzustellen. Wo ich abends so müde vorlas, dass ich manchmal vor ihm einschlief.

Und der anderen, irrealen: das Glashaus. In dem unermüdlich neue Welten und spannende Geschichten herangezüchtet wurden. Ein Universum des albernen Gelächters und der melodramatischen Zusammenbrüche, in dem alles groß und nichts echt war außer der puren Lust am Spiel.

Große Teile des Studios gehörten jetzt Madame Dubarry und dem Prunk eines absolutistischen Kosmos: Edelleute, Diener, Perücken, Lüster, Kronleuchter, Silber, Gold. Alles künstlich und doch so authentisch, dass man irritiert zusammenzuckte, wenn man eine Kulissentür in einem Prachtsaal von Versailles öffnete und dahinter, zwischen Kabeln und Wischmob, einen unrasierten Techniker erwischte, der neben Putzzeug hockte und auf einer Stulle herumkaute.

Lubitschs Kameramann Theodor Sparkuhl erwies sich als sehr freundlicher, zurückhaltender Lehrer, mit dem ich mich gut verstand. So gut, dass zuweilen ein Blick zwischen uns reichte, um zu wissen, was der andere dachte. Wenn beispielsweise Jannings über die Kunst im Allgemeinen oder die Kunst und den Künstler (und damit meinte er immer sich selbst) im Besonderen sprach. Oder die Negri sich über das Drehbuch beschwerte (ihre Rolle war stets zu klein), über ihr Kostüm (nicht aufreizend genug) oder ihre Großaufnahmen (grundsätzlich zu wenige). Lubitsch blieb derweil nichts anderes übrig, als die Beteiligten irgendwie zu befrieden und die Bälle wie ein guter Jongleur in der Luft zu halten.

Überhaupt schien er überall gleichzeitig zu sein, um Feuer zu löschen oder sie zu entfachen, ständig stürmte er von einer Ecke in die andere, Zigarrenrauch hinter sich herziehend wie eine kleine Lokomotive. Ich wusste, er hatte kurz vor Madame Dubarry einen Film mit Asta Nielsen gedreht, mit der er unendliche Diskussionen geführt hatte, weil ihr das Drehbuch zu Rausch, einem Stück von Strindberg, viel zu gewöhnlich und Lubitsch das Theaterstück viel zu langweilig war. Lubitsch setzte sich schließlich durch, die Nielsen war sauer und der zänkische Strindberg glücklicherweise schon seit ein paar Jahren tot, sonst hätte ihn wohl der Film umgebracht.

Aber auch Lubitschs Geduld stieß an Grenzen.

Meistens führte ihn die Negri mühelos dorthin.

Manchmal nur, indem sie ihn »Ernie« rief, was niemand sonst wagte.

Eines scheußlich kalten Morgens dann hatten wir Außenaufnahmen. Ich stand frierend da und sah, wie Lubitsch beim Anblick der Negri plötzlich ein kleines Lächeln übers Gesicht huschte. Dann wurde er wieder ganz ernst, trat an sie, die vor Kälte zitterte, heran und zog ihr völlig unerwartet das hauchdünne Seidenkleid hoch.

»Aha!«, rief er.

»Ernie, was zum Teufel …!«, fluchte sie.

»Was ist das?«

Sie blickte an sich herab.

»Unterwäsche.«

»Flanell!«

»Es ist saukalt, Ernie!«

Er sah sie ruhig an und fragte: »Glaubst du, dass die Dubarry Flanellunterwäsche getragen hat?«

Sie war so perplex, dass sie gar nichts sagen konnte, was wirklich nicht sehr oft vorkam.

»Ich … ich weiß nicht …«, stotterte sie schließlich.

»Ich aber«, antwortete Lubitsch. »Sie trug Unterwäsche aus Seide.«

»Aber, Ernie! Man sieht die Unterwäsche doch im Film gar nicht!«

»Sein schafft Bewusstsein, Pola! Du möchtest doch nicht, dass es hinterher heißt, du seist deinem Ruf als beste Schauspielerin Deutschlands nicht gerecht geworden, weil du deine Rolle nicht ernst genug genommen hast. Oder möchtest du das?«

»Natürlich nicht!«

»Dachte ich mir doch!«

Er nickte ihr zu und zog Zigarre paffend und mit einem kleinen triumphierenden Lächeln davon. Die Negri dagegen verschwand ins Glashaus, kehrte mit Seidenunterwäsche zurück und zettelte vorerst keine weiteren Diskussionen an, weil sie schlicht mit Zähneklappern beschäftigt war.

Das war jetzt auch meine Welt.

Und bei allem Unwirklichen und manchmal auch Kindischem: Ich liebte sie.

32

Aber nicht nur ich lebte zuweilen in unwirklichen Welten.

Auch Artur tat das.

Beziehungsweise: Er erschuf sie einfach.

Als ich die seltsamste von ihnen kennenlernen durfte, war ich mir nicht sicher, ob das Glashaus mit seinen schillernden Protagonisten, dem dramatischen Frohsinn und lächerlichen Ernst, dem glockenhellen Gelächter und den schwermütigen Monologen der Realität entrückter war – oder das, was ich dort erlebte.

Im Gegensatz zu Artur oder Isi verhandelte ich nicht in langen Nächten mit zwielichtigen Gestalten oder scheuchte betuchte Fregatten in Angstträume, sondern fand mich zunehmend in meine Rolle als alleinerziehender Vater ein, der seit Wochen, um nicht zu sagen: Monaten, abends keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt hatte.

Isi beschloss, das zu ändern.

Anfang Juli kam ich an einem Samstagabend von der Arbeit zurück, froh darüber, den nächsten Tag freizuhaben, als ich Isi im obersten Stock unseres Hauses die neue Flagge unserer jungen Republik hissen sah: Schwarz-Rot-Gold flatterte sie dort in einer sanften Abendbrise, und Isi rief gut gelaunt aus dem Fenster: »Der Untergang des Kaiserreichs muss gefeiert werden!«

Drinnen teilte sie mir mit, dass sie bereits alles organisiert hatte. Alma übernahm den Kleinen, während sie mir meine Kleidung für die Nacht präsentierte: Frack, Hemd, Weste, Schuhe und einen Zylinder.

»Für mich?«, fragte ich konsterniert.

»Na ja, ich sähe komisch drin aus. Obwohl: Vielleicht ziehe ich mir so was sogar auch mal an!«

»Gehen wir ins Theater?«

»Nein.«

»Ins KaLeu

»Nein.«

»Wo gehen wir dann hin?«

Sie grinste breit und antwortete nur: »Anziehen!«

So warf ich mich in Schale und wartete im Wohnzimmer auf Isi.

Und war sprachlos, als sie wieder eintrat: Sie trug die Kreation meines Vaters. Das Kleid, das sie mir in Thorn abgeluchst hatte, als wir fast noch Kinder waren. Das Kleid, mit dem alles begonnen hatte.

»Du hast es noch?«, staunte ich.

»Natürlich!«

»Es sieht umwerfend aus!«

Ihr Augen verengten sich kurz zu Schlitzen: »Wie schön für das Kleid.«

Ich grinste: Sie war eine Augenweide – und das wusste sie auch. Als sie mir einen Kuss auf die Wange gab und sich bei mir einhakte, klopfte mir das Herz vor lauter Stolz, dass ich sie in die Nacht führen durfte.

»Kommt Artur nicht mit?«, fragte ich.

Sie zwickte mich in die Wange und grinste: »Du bist ja so süß, wenn du absolut keine Ahnung hast.«

Wir verließen das Haus.

Sie nickte zu dem Coupé, das vor unserer Tür stand, und rief: »Würdest du?«

Also wirbelte ich die Anlasserkurbel herum, bis der Wagen ansprang, und als ich wieder aufblickte, sah ich sie hinter dem Steuer sitzen.

»Hast du überhaupt einen Führerschein?«, fragte ich misstrauisch.

»Frag nicht, dann muss ich dich auch nicht anlügen.«

Mehr gab es dazu nicht zu sagen.

Wir fuhren über die Frankfurter Richtung Alexanderplatz.

Ich war neugierig, wohin sie mich bringen würde. An welchem Ort sollte man besser feiern können als im KaLeu? Die neugierige, zahlungskräftige Jugend kam zuverlässig dorthin, um sich in der Verruchtheit der Halbwelt zu vergnügen. Warum dem Ort nicht treu bleiben? Ein Ort, an dem Artur sich auskannte, die Polizei bestach und einen Ruf wie Donnerhall genoss?

»Artur hat einen Plan«, antwortete Isi auf meine Fragen.

»Artur hat immer einen Plan. Hat er dir verraten, was er diesmal vorhat?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Der ist so ein Geheimniskrämer«, maulte ich.

Isi fuhr genauso rasant wie Artur und ignorierte das wütende Pfeifen eines Schutzmanns auf dem Alexanderplatz geflissentlich. Wir passierten das Schloss, stachen mit quietschenden Reifen in die Linden ein.

»Das KaLeu ist toll, aber nicht das, was Arturs neue Klientel braucht!«, rief Isi.

»Was braucht sie denn?«, rief ich zurück.

»Exklusivität!«

»Aha.«

Isi lachte, weil ich nichts verstand.

Dann fragte sie: »Was kann man Menschen bieten, die eigentlich schon alles haben?«

»Etwas, was sie nicht kaufen können?«, rätselte ich.

»Genau.«

»Und das bedeutet?«

»Das bedeutet: einen Ort, wo man keinen Eintritt zahlen muss, aber trotzdem nicht einfach so reinkommt. Nicht mal mit Bestechung. Du musst eingeladen werden. Das ist die einzige Chance.«

Ich runzelte die Stirn: »Und das funktioniert?«

Sie nickte: »Für die wirklich Reichen gibt es keine größere Demütigung als einen Klub, der zwar ihre Freunde und Gegner, nicht aber sie selbst als Mitglied akzeptiert. Und für die, die bereits drin sind, nichts Schlimmeres, als eventuell da wieder rauszufliegen.«

Mit äußerst waghalsigen sechzig Stundenkilometern rasten wir über die Neue Wilhelm auf die Marschallbrücke zu, zur Linken flogen der Reichstag und die direkt davorstehende Siegessäule an uns vorbei, auf der anderen Spreeseite sah ich den Circus Busch, in dem am 10. November die erste revolutionäre Vollversammlung stattgefunden hatte, und die Charité. Isi schien uns in prominente Gefilde zu führen.

Schließlich bogen wir in die Marienstraße ab, und endlich drosselte sie das Tempo. Die Straße war stockfinster, die Beleuchtung, wie in vielen anderen Gassen auch, abgeschaltet.

Sparzwänge des Kriegsverlierers.

Isi spähte durch die Windschutzscheibe die Bürgersteige hoch und runter.

»Es muss hier irgendwo sein …«, murmelte sie.

Dann entdeckte sie im Schatten eines Eingangs die Glut einer Zigarette und parkte unser Auto. Wir stiegen aus: Es gab kein Schild, kein Licht und keinen Hinweis auf ein Lokal. Es gab einfach nichts außer dunklen Wohnhäusern.

Da trat Arnie aus der Finsternis vor und schnippte die Zigarette weg.

»Spieglein, Spieglein an der Wand …«, raunte er anerkennend.

»Du Charmeur!«, lächelte Isi und reichte ihm die Hand zum Kuss.

Arnie küsste sie.

Ich war einigermaßen erstaunt: Ich hatte Arnie bislang eher für ein Raubein als einen Casanova gehalten.

»Wieso lässt Artur dich hier den Spanner machen?«, fragte Isi.

»Hab ihn drum gebeten. Die meisten sind sehr spendabel, wenn ich sie mit Namen begrüße.«

Sie nickte lächelnd.

»Schön, dich in der Nähe zu wissen.«

»Schön, auf dich aufpassen zu dürfen!«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust: »Seid ihr bald fertig, oder soll ich einen Geiger bestellen?«

»Carl ist nur eifersüchtig!«, neckte sie und zog mich, bevor ich dagegen protestieren konnte, in das hübsche Gründerzeithaus, vor dem wir uns begrüßt hatten. Im ersten Stock klopften wir an eine Wohnungstür.

Eine junge, schöne Dame im Abendkleid öffnete und ließ uns ein.

»Guten Abend, die Herrschaften. Darf ich?«

Sie nahm uns unsere Mäntel ab und mir meinen Zylinder.

Dann führte sie uns durch einen schmalen Flur zu einer doppelflügeligen weißen Tür mit Milchglasintarsien im Jugendstilmuster.

»Moment!«, bat Isi.

Sie nahm einen weißen Cachenez aus Seide, den sie in ihren langen ebenfalls weißen Handschuhen versteckt hatte, und band ihn sich vor das Gesicht.

Dann nickte sie der Empfangsdame zu.

Die stellte sich vor die Tür, die daraufhin wie von Zauberhand zu beiden Seiten aufschwang, und ließ uns mit einer einladenden Geste ein: »Willkommen im Eden

Vor uns ein riesiger Salon mit glänzendem Parkett, hohen Stuckdecken und einem glitzernden, aber ausgeschalteten Kristallleuchter an der Decke. Artur musste mehrere Wände aus der herrschaftlichen Wohnung herausgenommen haben, um diese Tiefe zu erreichen. Wertvolle Teppiche und Läufer verbanden spielerisch Tische und Sessel, sparten die Raummitte dabei aber aus. An den Wänden dezente Schirmlampen, mit feinem rotem Stoff überworfen, was das Licht verheißungsvoll schimmern ließ. Vor den Fenstern wellten sich schwere, geschlossene Samtvorhänge.

Es gab Spieltische für Roulette und Baccara. Hängelampen schwebten darüber, die Kegel auf das grüne Velours warfen. Männer in Fräcken standen rauchend in lockeren Gruppen beieinander oder saßen an den Spieltischen. Die anwesenden Damen, alle im Abendkleid, waren den Herren auffällig zugewandt.

Eine von ihnen schwebte jetzt auf uns zu und hielt uns ein Silbertablett entgegen: »Guten Abend! Darf ich Ihnen etwas anbieten? Sekt? Cognac? Kokain?«

»Kokain!«, bestellte Isi gut gelaunt.

Ich schüttelte den Kopf und sagte: »Zwei Sekt, bitte.«

Sie zog eine Schnute, begnügte sich aber mit einer Kaltschale.

Artur trat aus einem der Nebenräume.

Auch er im Frack.

Isi umarmte ihn und sagte: »Artur, das hier ist wirklich ein Garten Eden!«

Bevor er antworten konnte, fragte ich sie: »Du weißt aber schon noch, wo Luxemburg umgebracht worden ist?«

Artur nickte: »Glaub mir, Carl, die, die hierhin kommen, wissen das auch.«

Mehr sagte er nicht, doch in mir regte sich der Verdacht, dass der ein oder andere aus der besseren Gesellschaft den Namen genau aus diesem Grund besonders zu schätzen wusste.

»Das ist also deine neueste Idee?«, fragte ich.

»Ja.«

»Und die kostet keinen Eintritt?«

»Ja.«

»Das heißt, du bezahlst alles?«

»Ja.«

»Und das rechnet sich?«

»Ja.«

»Und du könntest, rein theoretisch, auch in vollständigen Sätzen antworten?«, fragte ich angesäuert.

»Ja«, gab Artur ungerührt zurück.

Isi grinste: »Ich glaube, Carl wüsste gerne, wie sich das alles rechnen kann, wenn du offensichtlich nur Ausgaben hast?«

Artur zuckte mit den Schultern, als wüsste er das selbst nicht.

»Du änderst dich wohl nie«, seufzte ich. »Jedenfalls ist es toll hier! So ein richtiger Klub für Gentlemen, wie der Engländer sagen würde! Nur die Sache mit dem Kokain stört mich.«

Artur und Isi warfen sich einen verstohlenen Blick zu.

»Was?«, fragte ich irritiert.

Isi nickte zur Seite, und wir sahen eine der Türen aufgehen. Eine Gruppe von vier Musikern betrat den Salon: Geige, Bass, Klarinette und Harfe nahmen ihre Position ein.

»Oh, Musik! Wie schön!«, rief ich erfreut.

Es wurden Rauchschalen aufgestellt, die die Luft mit einem Duft nach Honig schwängerten. Die Gäste standen auf oder ließen sich neue Getränke einschenken und bildeten ohne Eile einen Halbkreis um die freie Fläche unter dem Kristalllüster.

Die Lampen über den Spieltischen verloschen.

Dann setzten die Musiker ein: Sanfte Töne wie von fernen Welten schwebten durch den Raum. Eine geheimnisvolle Stimmung durchdrang den Rauch der vielen Zigaretten und Zigarren, Licht funkelte im geschliffenen Glas der Lüsterperlen. Ich beobachtete, wie sich im Hintergrund ein Spalier bildete. Im nächsten Moment durchbrachen zwei Tänzerinnen die Front der Wartenden und traten in die Salonmitte.

Nackt.

»Oh Gott!«, zischte ich leise.

Meine Erfahrungen mit weiblicher Nacktheit beschränkten sich fast ausschließlich auf Marlies und das eine Mal mit Masha, Erfahrungen, die geprägt waren von zögerlicher Neugier, wie beim Betreten eines exotischen Landes, wo man stets auf der Hut vor unbekannten Gefahren sein musste. Vor dem Krieg war, zumindest in der Provinz, und von dort kam ich ja, bereits ein nackter Knöchel ein Skandal. Erotik, obendrein noch öffentlich, ein absolutes Tabu!

Diese Damen hier kannten weder Zaudern noch Scham, präsentierten sich voller Selbstvertrauen, und einzig durchsichtige Schleier, die sie gekonnt um sich herumwirbelten, milderten ein wenig die unmittelbare Blöße. So bewegten sie sich mal träumerisch, mal energisch, sie waren biegsam wie Ballerinas und genauso dünn. Nichts an dem Tanz schien billig oder gar abstoßend, alles bewahrte eine ätherische Würde, und nach dem ersten Schock bewunderte ich die Frauen sogar für ihre mutige Darbietung. Auch Isi betrachtete die Tänzerinnen mit Wohlwollen, wenn auch nicht mit der unverhohlenen Gier, die der eine oder andere männliche Zuschauer hinter gelangweilter Miene zu verbergen suchte, allein: Die Augen verrieten sie doch.

Die Musik verklang, die Künstlerinnen ernteten Applaus und verbeugten sich elegant. Da dachte ich noch, dass sie gleich zurück in einen der abzweigenden Räume huschen würden, aber das taten sie nicht. Sie gesellten sich zu den Herren, ließen sich Sekt reichen und stimmten in eine muntere Plauderei ein.

Immer noch nackt.

»Äh, ziehen die sich nicht an?«, fragte ich unsicher.

»Das könnten sie jederzeit«, antwortete Artur.

»Aber sie tun es nicht!«, staunte ich.

Artur nickte: »Niemand hier ist zu etwas gezwungen, Carl. Ich dulde weder Luden noch schlechtes Benehmen und auch keine offene Prostitution. Die Mädchen entscheiden selbst, wen sie wollen und wen nicht. Und die Herren respektieren das – oder müssen gehen.«

»Aber sie wählen die Frauen aus, oder?«

»Die Herren treffen Arrangements. Und da sie sehr vermögend sind, lohnen sich die Vereinbarungen für die Mädchen.«

»Also doch Prostitution!«

Artur sah mich ruhig an: »Dass gerade du dich so entrüstest, hätte ich nicht gedacht, Carl.«

Er spielte auf Marlies an – ich spürte einen Stich im Herzen.

Und wandte mich Isi zu: »Und was meinst du?«

»Ich urteile nicht, Carl. Du solltest das auch nicht. Unsere Welt ist nicht mehr Thorn. Und das ist auch gut so. Hier ist alles neu, alles dreht sich rasend schnell! Bleib stehen, und du wirst herausgeschleudert. Du musst nicht alles gut finden, Carl, aber finden musst du dich! Sonst bist du verloren.«

Ich nickte zögerlich.

Wahrscheinlich hatte sie recht.

Irgendwie hatte sie ja immer recht.

Genau wie Artur.

Ich dagegen hing immer ein Stück hinterher und war oft froh, wenn ich mich an ihnen orientieren konnte, auch wenn ich wusste, dass ich nie so sein könnte wie sie.

»Komm!«, lächelte sie und hakte sich bei mir unter. »Wir amüsieren uns ein bisschen!«

»Aber … was ist, wenn die da denken, dass du auch … du weißt schon?«, fragte ich zögernd.

Sie seufzte: »Ich trage einen Cachenez, Carl. Die anderen nicht. Manchmal frage ich mich echt, ob du überhaupt was mitbekommst oder nur den lieben langen Tag vor dich hin träumst.«

Sie zog mich mit sich, doch mir wurde es bald langweilig, was daran lag, dass sich die anwesenden Herren allein für Isi interessierten. Und die ließ die alten Gecken gekonnt durch Reifen springen.

Obwohl ich ja eigentlich ihr Kavalier war, schenkten sie mir kaum Beachtung. Ihren spöttischen Mündern aber war anzusehen: Sie hielten mich für einen Trottel, der es verdient hatte, dass man ihm die schönste Dame im Raum ausspannte.

Die Käuflichen, glaube ich, begriffen sehr schnell, dass sie bei mir, einem jungen, nicht gerade betuchten Mann, nichts holen konnten, aber da ich ein Freund Arturs war, ließen sie es mich nicht spüren. Unsere Gespräche waren zwar einigermaßen beschwingt, allein es fehlte mir an Esprit, an Lockerheit im Umgang mit ihnen. Außerdem war mir klar, dass die Tändeleien zu nichts führen würden. Sie sahen alle nicht danach aus, als hätten sie ein gesteigertes Interesse daran, mit mir einen traumatisierten Jungen großzuziehen.

Immerhin erfuhr ich, dass viele von ihnen aus gutbürgerlichen, manchmal sogar prominenten Häusern stammten, alle eine hervorragende Schulausbildung genossen hatten, und bestaunte ihre beinahe schon höfischen Manieren. Die beiden Nackten waren ehemalige Mitglieder des Bolschoi-Theaters, vor dem russischen Bürgerkrieg geflohen und sprachen bereits erstaunlich gutes Deutsch. Sie spotteten, wie einige andere auch, über die Spießigkeit ihrer Familien, betonten ihren Hunger nach Leben und die Tatsache, dass ein guter Name ohne die nötigen Mittel niemandem etwas nutzte.

Eine Weile inspizierte ich die anderen Räume, die ganz unterschiedlich gestaltet waren. Ich betrat nacheinander einen orientalisch anmutenden Raum und ein nüchternes Billardzimmer. In einer Küche wartete ein üppiges Buffet, dem Hunger in der Stadt zum Hohn, und der letzte Raum war ein gewaltiges Schlafkissenland, in dem einige Herrschaften Opium rauchten. Es gab im Eden einfach kein Laster, das nicht bedient worden wäre.

Spät in der Nacht, die Gesellschaft war mittlerweile bei einem Grad von Freizügigkeit angelangt, den ich nicht mehr mitgehen konnte und wollte, suchte ich Isi, um sie zu bitten, mich nach Hause zu begleiten. Ich fand sie bei einem der wenigen jüngeren Herren, einem auffallend gut aussehenden Mann in den frühen Dreißigern mit pomadigem Haar, feurigen Augen und einem Menjoubärtchen, das ihn ein wenig verwegen wirken ließ. Die beiden prosteten sich gut gelaunt zu, wobei mir auffiel, dass der Kerl Isi auffällig tief in die Augen schaute. Alles an ihm war das Gegenteil von mir: weltgewandt, selbstsicher und souverän.

Zu meiner Überraschung fühlte ich fast so etwas wie Eifersucht, wenigstens aber Gefahr. Ich wollte nicht, dass Isi sich mit ihm abgab. Dass sie sich am Ende in einen wie ihn verliebte, der Frauenherzen sicher im Dutzend brach. Ihm würde sie keinen Ball zum Jonglieren auf die Nase heben können! Das war keiner der alten Stutzer, die sich hier rumtrieben und nur glaubten, sie wären unwiderstehlich.

Dieser Mann war es tatsächlich.

Isi zog mich zu sich und stellte mich vor: »Carl: Das ist Aldo.«

Wir schüttelten die Hände.

»Sehr erfreut.« Er nickte mir zu.

»Carl ist Kameramann!«, sagte Isi stolz. »Bei der UFA

Aldo lächelte beeindruckt: »Wie interessant! Kennen Sie vielleicht Lubitsch?«

Ich war überrascht, dass ausgerechnet er nach Lubitsch und nicht nach Pola Negri oder Henny Porten fragte. Oder sonst einem weiblichen Stern des Kinos. Vielleicht hatte ich ihn ja völlig falsch eingeschätzt?

Trotzdem antwortete ich: »Nein, tut mir leid.«

»Zu schade! Ich liebe seine Filme.«

Unentschlossen sah ich ihn an.

Dann wandte ich mich Isi zu: »Ich würde gerne heim.«

Isi seufzte theatralisch, aber sie ließ mich nicht auflaufen, sondern hakte sich bei mir unter: »Mein Kavalier ist müde, Aldo. Ich wünsche eine gute Nacht!«

Natürlich küsste er ihr die Hand und nickte: »Stets Ihr Diener, bezaubernde Luise.«

Auch noch der volle Name.

Blödmann!

Isi aber lächelte.

33

Natürlich war ich sehr neugierig und versuchte, aus Isi herauszukitzeln, wer dieser Kerl gewesen war. Sie aber genoss es sichtlich, sich für meine Wortkargheit bei Marlies zu revanchieren, lächelte nur und schwieg vielsagend.

Wir schliefen bis zum Mittag und trafen uns dann mit Hans zu einem verspäteten Frühstück im Wohnzimmer. Da klopfte es an der Haustür, Alma öffnete für uns.

Kurz darauf marschierten drei Chauffeure in Livree ins Wohnzimmer, jeder mit Blumen bepackt: Rosen, Narzissen, Orchideen. Sie platzierten sie in Vasen überall, wo sie Platz fanden, holten neue, bis das Zimmer wie ein botanischer Garten aussah, dann verabschiedeten sie sich hackenknallend und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.

Nur ein Kärtchen ließen sie für Isi zurück: Wann sehen wir uns wieder? Aldo

Hans schnupperte an allen Blüten, während ich Isi stirnrunzelnd ansah und misstrauisch fragte: »Spucks jetzt endlich aus! Wer ist der Kerl?«

»Aber das weißt du doch: Aldo!«, gab sie sich unschuldig.

»Isi!«

Sie verdrehte die Augen und antwortete: »Gott, bist du quengelig heute. Also, gut: Aldo von Torstayn.«

Ich sah sie überrascht an: »Du meinst jetzt aber nicht die von Torstayns?«

»Es gibt nur eine Familie von Torstayn«, antwortete sie.

»Die Ostpreußen-Hochadel-Torstayns?«

Isi zuckte mit den Schultern: »Kann schon sein …«

»Seit wann gibst du dich mit solchen Leuten ab, Isi?«

»Du meinst, jemand wie ich darf nur mit armen Revolutionären spielen?«

»Jedenfalls nicht mit ostelbischen Gutsherren!«

Isi stemmte die Arme in die Hüften. »Der letzte arme Revolutionär, an dem mir was lag, wurde vor meinen Augen über den Haufen geknallt!«

»Mag sein. Aber warum gleich das Gegenteil von Theo?«

»Weil ich keine halben Sachen mag, Carl! Weil halbe Sachen langweilig sind. Weil Mittelmaß langweilig ist. Deswegen!«

Ich schwieg einen Moment.

Sie war schon früher so gewesen. Ich musste daran denken, wie sie sich die kleine Helene Boysen vorgenommen hatte und letztlich einen hohen Preis dafür hatte zahlen müssen. Etappensiege sind etwas für Stotterer, Carl – es klang mir immer noch im Ohr. Sie ging nun mal stets aufs Ganze.

»Aber warum dann so einen wie Boysen?«, fragte ich.

»Du kennst ihn doch gar nicht, Carl!«

»Aber du?«

Ich konnte sehen, dass sie ernsthaft wütend wurde. Und dann erreichte man bei ihr nichts mehr – außer das Gegenteil dessen, was man sich erhofft hatte. Also hob ich, ohne ihre Antwort abzuwarten, beschwichtigend die Hände: »Lass uns nicht streiten, in Ordnung? Ich möchte nur nicht, dass du verletzt wirst!«

Sie sah mich lange an, dann trat sie zu mir und legte mir eine Hand auf die Wange: »Ach, Carle. Was wäre ein Leben ohne Verletzungen?«

Sie küsste mich und nahm sich einen der großen Sträuße mit auf ihr Zimmer.

Ich verbrachte den Sonntag mit Hans, der aber so still war, dass ich mich in meinen Bemühungen, ihn aufzuheitern, selbst erschöpfte. Am späten Nachmittag übergab ich ihn wieder Alma: Sie hatte auf mütterliche Weise einen emotionalen Zugang zu Hans, den ich noch suchte. Vielleicht hatte der Junge aber auch gespürt, dass meine Gedanken um diesen Aldo kreisten, den ich zwar nicht einschätzen konnte, von dem ich aber doch fest entschlossen war, ihn nicht zu mögen.

Artur wusste sicher Rat.

Das KaLeu öffnete in den frühen Abendstunden, auch wenn es erst nach Mitternacht richtig voll wurde. Bis die Vergnügungssüchtigen kamen, diente es vor allem den Prostituierten als Refugium, weil Zuhälter grundsätzlich Lokalverbot hatten. Die wiederum duldeten zähneknirschend den Aufenthalt ihrer Mädchen in Arturs Laden, weil sich dort Kunden fanden und sie so letztlich keine Umsatzeinbußen hinnehmen mussten.

Artur saß an einem Ecktisch und schrieb Zahlen in ein schwarzes Notizbuch, als ich eintrat und mich zu ihm setzte. Er klappte das Büchlein zu und steckte es in die Innentasche seines Sakkos.

»Was kann ich für dich tun, Carl?«

»Ich hab doch noch gar nichts gesagt«, sagte ich verwundert.

»Du bist hier«, antwortete er. »Also hast du etwas.«

Ich nickte und fragte: »Wer ist dieser Aldo von Torstayn?«

»Ah, daher weht der Wind …«

»Und?«

Er lächelte: »Und? Ich glaube, mein treuer Freund, das geht dich alles gar nichts an, oder?«

»Ihr seid meine Familie, du und Isi. Und ob mich das was angeht.«

Artur seufzte übertrieben: »Also gut. Was willst du wissen?«

»Ich traue ihm nicht!«

Artur nickte: »Musst du auch nicht.«

»Dann ist er ein Windhund?«

»Kann man so sagen. Aldo ist nicht nur ein von Torstayn, er ist sogar die Nummer zwei in der Familienhierarchie, gleich nach seinem Vater Wendell. Der Kronprinz, wenn du so willst.«

Ich nickte: »Und jetzt vergnügt er sich so lange in Berlin, bis er irgendwann eine von Stand heiratet, richtig?«

»Wahrscheinlich.«

»Kommt nicht infrage!«, fauchte ich.

Artur grinste: »Gott, kannst du froh sein, dass Isi dich nicht hört. Die würde dich in Scheibchen schneiden mit deinem chauvinistischen Getue.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust: »Aber, Artur, wir können es doch nicht zulassen, dass sich so einer an ihr vergreift!«

»Wir?«

»Ja, wir!«

Er schien amüsiert, dann aber sagte er: »Also, pass auf: Aldo ist ein Schwerenöter. Ein Lebemann und Tunichtgut, der hier das Geld seines Alten verprasst. Das schwarze Schaf in der Familie. Aber glaubst du, Isi weiß das alles nicht?«

»Nicht?«

»Was glaubst du, wie Aldo ins Eden gekommen ist? Und wenigstens die Hälfte der anderen Affen im Frack auch?«

Ich machte große Augen: »Über Isi?«

»Ganz genau, über Isi. Und Frau von Lossow. Und die vielen kleinen Informationen, die sie mithilfe der Ehefrauen dieser bigotten Burschen gesammelt hat. Damit konnte ich ein Netz spannen und sie alle einfangen. Ich kanns auch kurz machen: ohne Isi kein Eden. So einfach ist das.«

Ich saß da und starrte Artur an.

»Warum sagt mir eigentlich nie einer was?«, meckerte ich los. »Ich erfahre alles als Letzter, und dann stehe ich da wie ein Idiot!«

Artur tätschelte mir die Hand: »Hab ein bisschen Vertrauen. Isi weiß genau, was sie tut. Und Aldo ist nicht wie seine Familie. Die sind in der Tat eine Bande von Arschlöchern.«

»Ihr könntet mich doch ein bisschen mehr einbinden!«, forderte ich.

»Dich?«

»Ja, mich!«

Artur schwieg, während ein junger Mann ins KaLeu eintrat: schicker Anzug, teurer Hut, tückischer Blick. Überheblich grinsend sah er sich um, dann ging er betont lässig zum Tresen und fragte den Budiker laut nach dem »Chef von’t Janze«.

Der nickte rüber zu Artur.

Artur erhob sich langsam, während der Mann auf uns beide zukam und sich vor uns aufbaute.

»Schöna Laden!«, sagte er an Artur gewandt. »Deina?«

Artur sah ihn nur an.

»Reds’ nich’ mit jed’m, wa?«, fragte der andere sauer.

Offensichtlich brachte er sich vorsorglich selbst in aggressive Stimmung, was mich ein wenig einschüchterte, weil der Mann sehr groß war und sein Gesicht nichts Gutes verhieß. Artur dagegen schien es wenig zu beeindrucken.

Der Große pikte ihm mit seinem Zeigefinger auf die Brust: »Ick hab Nachricht von Silba-Kurt for dir …«

Artur schlug derart schnell zu, dass weder Silber-Kurts Bote noch ich den Schlag hatten kommen sehen. Das Knacken des gebrochenen Kiefers war noch an der Theke deutlich zu hören, während der Mann bereits durch die Luft segelte. Schließlich schlug er bewusstlos auf dem Boden auf. Ungerührt stieg Artur über ihn hinweg, ließ sich einen Eimer mit Wasser füllen, kehrte zurück und goss ihn über dem Ohnmächtigen aus.

Stöhnend kam der wieder zu sich, öffnete den Mund, um Artur anzuschreien, und schloss ihn schnell wieder: Schmerz zuckte über sein Gesicht.

Artur packte ihn am Kragen und hob ihn auf die Beine: »Reicht das als Antwort? Oder willst du noch ein PS

Der Mann schüttelte den Kopf und hielt sich gleichzeitig das Kinn.

Artur zerrte ihn zur Tür und trat ihn anschließend hinaus in die Gasse, die das KaLeu mit der Breslauer verband.

Dann kehrte er zurück und fragte ruhig: »Du möchtest also ein bisschen mehr eingebunden werden?«

Ich starrte ihn an.

Dann räusperte ich mich und antwortete: »Ach, weißt du, ich glaube, ihr kriegt das schon allein hin!«

Damit setzte ich meinen Hut auf und ging nach Hause.

34

Ich hatte also einen Rückzieher gemacht, allein es nützte nichts, denn die Dinge entwickelten sich nicht so, als dass Isi und Artur mich hätten verschonen können. Im Gegenteil, die Lage spitzte sich mehr und mehr zu: Was ich für eine harmlose Rauferei hielt, mündete bald schon in eine Situation, in der es um Leben und Tod ging.

Silber-Kurt hatte Arturs Botschaft ziemlich zügig erhalten und sie ganz sicher nicht als sehr konstruktiv gewertet. Und es war kaum anzunehmen, dass sein Mittelsmann dem Vorfall noch etwas Liebenswürdiges über Artur hinzugefügt hatte, zumal er das wahrscheinlich auch hätte aufschreiben müssen, denn nach der Abreibung waren seine Kiefer für die kommenden Wochen sicher verdrahtet: Sprechen kaum möglich, Essen nur als Suppe.

Dass überhaupt Botschaften ausgetauscht wurden, lag in erster Linie an der Machtgier von Silber-Kurt, der sich offenbar in den Kopf gesetzt hatte, den Geltungsbereich seines Männergesangvereins Vergissmeinnicht auszudehnen. Der Zusammenschluss vorgeblich musikbegeisterter Männer unter lieblichem Namen war in Wahrheit ein Ringverein der Berliner Unterwelt.

Oder, um es ganz klar auszudrücken: organisierte Kriminalität.

Denn was oft so harmlos nach Geselligkeit klang, nach Sparvereinen oder Brauchtumspflege, waren Bündnisse von Berufsverbrechern, denen man nur durch Empfehlung und mit Vorstrafe beitreten konnte. Man zahlte Klubbeiträge, trug Siegelringe mit Signum und regelte seine Angelegenheiten selbst, bis hin zu Ganovengerichten, wenn es untereinander Ärger gab. Nur in einer Sache waren sich alle einig: Mit der Polizei oder sonst einer Staatsgewalt kooperierte niemand – außer natürlich, man bestach sie.

Ansonsten taten sie das, was Verbrecher eben so taten: Einbruch, Raub, Hehlerei, Schutzgeld, Erpressung, Körperverletzung oder Totschlag. Sie kontrollierten die Unterwelt, ließen aber Außenseiter zu, solange sie nicht störten. Für echte Ringmitglieder nichts weiter als Rattenjungs.

Silber-Kurt führte also Vergissmeinnicht und hatte Artur eine Weile als eine Art Rattenjungen eingeschätzt, seine Clique als Rattenverein, der die Brotkrumen aufsammelte, während sich Männer von Format, und als solcher sah sich Kurt natürlich, um die großen Dinge kümmerten. Doch bald schon stellte er nicht nur fest, dass das KaLeu ausgezeichnet lief, sondern auch, dass es obendrein noch vom zuständigen Polizeirevier Fünfzig geschützt wurde, was bedeutete, dass Artur nicht nur beste Verbindungen dorthin haben musste, sondern auch gut genug bei Kasse war, um die entscheidenden Beamten mit Zuwendungen bei Laune zu halten. So ging Kurt erstmals auf, dass Artur unmöglich ein Rattenjunge sein konnte, und er beschloss, ihn in sein Vergissmeinnicht einzugliedern.

Da kannte er aber Artur noch nicht.

Zunächst versuchte er es mit sanftem Druck, schickte ein paar seiner Jungs vor, die dem Besitzer des KaLeu bestimmt, aber freundlich besagtes Angebot unterbreiten sollten, doch zu Silber-Kurts Verdruss gehörte Artur offensichtlich zu der Art Eisenschädel, die sich niemandem unterordnen wollte. Gleichzeitig war er nicht bereit, sich Artur selbst vorzustellen, ihm die Ehre seiner offiziellen Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen, also probierte er als Nächstes, mit dem Chef des Polizeireviers Fünfzig ins Gespräch zu kommen, um auszuloten, was es kosten würde, Artur mithilfe des Amts das Leben madig zu machen.

Zu seiner Überraschung ließ sich der Polizeikommandant auf kein Gespräch ein und drohte Silber-Kurt sogar damit, ihm »das Fell über die Ohren zu ziehen«, sollte er ihm noch einmal unter die Augen treten. Es war sehr lange her, dass Kurt eine solche Demütigung hatte hinnehmen müssen, und es feuerte seine Wut nur umso mehr an. Was immer Artur gegen den Kommandanten in der Hand hatte, Kurt musste es ihm unbedingt wegnehmen.

Erst einmal aber schickte er den Langen Eugen mit einer letzten Warnung los.

Und bekam ihn klatschnass und mit mehrfach gebrochenem Kiefer wieder zurück.

War Arturs Mangel an Respekt zuvor nur ein großes Ärgernis gewesen, so brachte die Sache mit dem Langen Eugen das Fass zum Überlaufen. Er musste Artur zur Räson bringen, und zwar ohne Gesichtsverlust, was seine Möglichkeiten allerdings einschränkte, denn sein Widersacher war nicht allein. Eine offene Auseinandersetzung würde er über kurz oder lang zwar gewinnen, doch zu welchem Preis? Gerüchteweise hieß es, dass Artur und seine Männer im Frühjahr sogar die Garde-Kavallerie-Schützen-Division angegriffen und ein Blutbad angerichtet hatten. Wollte man mit so einem eine uneingeschränkte Konfrontation?

Er hätte natürlich die anderen Ringvereine alarmieren und um Beistand bitten können, doch das war nicht nur peinlich, sondern hätte wohl auch zur Folge gehabt, dass er die dann an der Beute beteiligen müsste.

Oder er ignorierte Artur fortan einfach, aber da stand ihm nicht nur sein Ego im Weg, sondern er fürchtete auch um seinen Ruf. Viele wussten mittlerweile, dass er es auf ihn abgesehen hatte. Artur machen zu lassen hieße, vor ihm zu kuschen, womit seine Tage als Anführer gezählt sein könnten, denn wer folgte schon einem Feigling?

Es blieben eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Artur musste zur Vernunft kommen.

Oder weg.

So oder so müsste er ihn isolieren.

Mit Arturs Männern wurde er fertig, soweit die ohne ihn überhaupt noch handlungsfähig waren. Was er aber auf jeden Fall vermeiden musste: die Konfrontation mit dem Polizeirevier Fünfzig. Solange der Kommandant Artur schützte, solange konnte er ihn nicht einfach abknallen.

Einstweilen kündigte er sich bei Artur im KaLeu an und bat um ein Gespräch. Und während ich Hans an diesem Abend eine Gutenachtgeschichte vorlas, ging Isi ebenfalls zu dieser Versammlung – als heimliche Lauscherin. Artur platzierte sie hinter einer extradünnen Wand, auf deren anderer Seite ein Ecktisch stand. Ein vorgeblich konspirativer Ort, eigens eingerichtet für unangenehme Besuche aller Art.

Silber-Kurt traf früh am Abend ein, begleitet von vier seiner Männer: Sie wurden sämtlich von Arturs Leuten auf Waffen untersucht. Durch Gucklöcher, welche im wilden Muster der Tapetenwand nicht weiter auffielen, beobachtete Isi Kurts Auftritt und wusste gleich, mit wem sie es zu tun hatte: einem überheblichen, hinterhältigen Scheißkerl. Der seinen Spitznamen einem einzelnen silbernen Eckzahn zu verdanken hatte, der immer mal wieder aufblitzte, wenn er spöttisch lächelte oder jemanden anschrie.

Drei seiner Leute blieben im Schankraum zurück, während er selbst mit dem wohl wichtigsten Adlatus nach hinten durchging. Der Mann stellte sich Artur als Kino-Paule vor. Für Isi nicht schwer zu erraten, warum: Alles an ihm war Pose. Er imitierte auf geradezu lächerliche Weise Harry Liedtke, trug einen maßgeschneiderten Anzug, schien sehr auf sein Äußeres bedacht, ja, er konnte offensichtlich nicht einmal eine Zigarette rauchen, ohne dass er sich dabei vor einer imaginären Kamera wähnte.

Silber-Kurt, ein fetter Kerl mit Schnauzer, Stiernacken und Handgelenken wie ein Hufschmied, setzte sich Artur gegenüber an den Ecktisch und sah diesen lange an.

»Jibst hier nischt fürn lieben Jast?«, fragte er schließlich harsch.

Artur blickte ihn nur an.

Und es schien den hartgesottenen Kurt zu irritieren, dass er in ein Gesicht blickte, bei dem eine Hälfte aufgemalt und vollkommen ausdruckslos war, während ihn der gesunde Rest kalt taxierte.

Kurt nickte dem neben ihm sitzenden Paule zu.

»Bring ma zwo Mollen!«

Der sah ihn überrascht an.

Isi spürte die Demütigung bis hinter die Wand. Offenbar war er die Nummer zwei in der Organisation, doch Kurt degradierte ihn zum Kellner, weil Artur keine Anstalten machte, gastfreundlicher zu sein.

»Beweech dir jefällichst!«, fauchte Kurt.

Wütend stand Paule auf und ging zur Theke: zwo Mollen.

Dabei waren sie zu dritt.

»Ick jloobe, wir brauchn ’ne Einjung«, begann Kurt nach einer Weile. »Wir wolln doch Freunde bleiben?«

»Wir sind keine Freunde«, antwortete Artur schlicht.

»Abba wir könnten welche sinn!«, erwiderte Kurt. »Bist ’n juter Mann. Dit seh ick sofort!«

Paule kam mit zwei Bier zurück und stellte sie vor die beiden Männer auf den Tisch.

»So ’ne wie dir jibs nich’ oft. Bisten Eisenmann.« Er blickte zu Paule. »Kiek ihn dir an, Paule. Dit is’ echt! Vastehste?«

Paul verschloss den Mund zu einem Strich.

»Pass uff: Ick lass dir in Ruhe, abba dit kostet dir wat.«

»Ach ja?«, fragte Artur.

Die Ironie in seiner Stimme verbesserte nicht gerade die Arbeitsatmosphäre.

»Hast ’n freches Maul, du Aas!«, rief Kurt verärgert. »Valleicht lass ick dir ooch ’n Rest von dein Schädel inschlaren!«

Artur schwieg und sah ihn nur an.

Eine ganze Weile.

Dann rückte er zu ihm heran und sagte: »Wuff!«

Silber-Kurt und Kino-Paule sahen sich irritiert an.

»Wat soll denn dit?«, fragte Kurt gereizt.

Artur antwortete ruhig: »So klingt ein Hund, der bellt, Kurt. Möchtest du rausfinden, wie einer klingt, der beißt?«

»DU DRECKSACK!«, schrie Kurt und fuhr hoch.

Artur stand ebenfalls auf.

Dann trat er nah an Kurt heran und zischte: »Na los! Warum finden wir nicht gleich hier heraus, wie hart du wirklich bist?«

In Silber-Kurts Gesicht spiegelten sich Wut und Überraschung zu gleichen Teilen. Isi war sich sicher, dass so noch nie jemand mit ihm gesprochen hatte.

Da sagte Artur: »Ich sag dir, was du von mir bekommst, Kurt: nichts! Außer, du schickst hier noch mal einen hin. Dann kriegst du seine Einzelteile paketweise mit der Post.« Er nickte zum Abschied: »Genieß deine Molle.«

»ICK MACH DIR ALLE, DU HURENSOHN! ICK SCHNEID DIR IN STÜCKE UND ZÜND DEN REST AN! DIT WIRSTE NOCH BITTA BEREUN!«

Silber-Kurt war förmlich explodiert, schwang die Fäuste durch die Luft, während sich in seinen Mundwinkeln Speichel bildete. Dann aber drängte er sich an Artur vorbei, verließ das KaLeu schnaubend, gefolgt von Kino-Paule und den drei anderen.

Die Türe knallte, endlich war er draußen.

Isi verließ ihr Versteck und schlüpfte zurück in den Schankraum.

Etwas blass ging sie zu Artur.

»Meinst du, das war klug, ihn so zu reizen?«

Artur lächelte: »Warum, glaubst du, war der hier?«

»Um zu verhandeln.«

Er nickte: »Würdest du verhandeln, wenn du dir einfach alles nehmen könntest?«

Einen Moment starrte Isi ihn an.

Dann staunte sie: »Er ist sich nicht sicher.«

Artur nickte: »Aber er baldowert was aus. Da würd ich drauf wetten.«

»Und wenn du ihm … wie soll ich sagen: gar nicht erst die Gelegenheit dazu gibst?«, fragte Isi vorsichtig.

»Ich kann nicht einfach einen Ringchef umbringen, Isi. Die anderen würden kommen und ihn rächen. Nicht nur Vergissmeinnicht. Alle Ringvereine hätte ich dann gegen mich.«

»Hm«, machte sie nachdenklich, dann umarmte sie ihn und flüsterte: »Du musst eine Lösung finden, Artur. Sonst bringen sie dich am Ende noch um. Und Carl und mich vielleicht auch.«

»Ich weiß.«

Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und verließ das KaLeu. Eilte zurück nach Hause, weckte mich und berichtete mir alles bei einem Wein.

Ich war gelinde gesagt entsetzt.

»Und wie will er da wieder rauskommen?«, fragte ich schließlich.

Isi zuckte mit den Schultern: »Keine Ahnung.«

»O Gott, Isi, in was für eine Scheiße sind wir da bloß reingeraten?«

Sie griff meine Hand und antwortete: »Wir kriegen das hin, Carl. Artur fällt was ein! Dem fällt immer was ein!«

Ich nickte.

Dieser Gedanke war das Einzige, das mir Zuversicht gab. Doch wie lange würde das alles noch gut gehen? Im Augenblick schien es wie ein Patt, aber was, wenn Kurt der entscheidende Zug gelang?

Die folgenden Tage lief ich wie aufgescheucht zur Arbeit, drehte mich bei jeder Gelegenheit nach Verfolgern um und betete, dass nicht irgendwann Silber-Kurts Männer hinter mir standen wie Arturs Männer kurz vor Weihnachten.

Dass sie mich packten und mitnahmen auf eine Reise ohne Wiederkehr.

Während Hans zu Hause auf die Wohnungstür starrte und hoffte, ich käme bald wieder zurück.

35

Angst, Sorge oder bange Ahnungen aber waren keine Konstanten, die immer gleich stark auf ein Leben einwirkten. Jeder harmlose Tag war wie ein Hobel, der Späne um Späne von einem Gewicht schnitt, das mir anfangs noch die Luft zum Atmen genommen hatte. Zwar verschwanden die klammen Gefühle nicht, aber sie fielen wie zu einem Haufen hinab, den man vergessen hatte aufzukehren. Eines Tages würde die Sache uns einholen, so viel war sicher, aber jetzt verlor sie nach und nach an Schrecken.

Einstweilen ging Isi, die ohnehin nicht besonders zum Grübeln neigte, mit Aldo aus, und es schien ihr zu gefallen, jeden Tag mit dem Automobil abgeholt zu werden, um sich dann die halbe Nacht lang mit ihm zu vergnügen. Dabei achtete sie sehr genau darauf, dass sich dieses Vergnügen nicht zu einem echten Arrangement verwandelte, denn tatsächlich bekam Aldo für seine Bemühungen nichts weiter als ihre funkelnde Gesellschaft. Natürlich bezahlte er für die Eintritte ins Theater oder in Schauen, für Essen und Getränke, aber das war selbstverständlich in jenen Tagen, denn eine Dame zahlte nie, und Isi hätte es als Beleidigung angesehen, wenn sie selbst die Rechnungen hätte übernehmen müssen, genau wie Aldo übrigens.

Trotzdem versuchte er, sie zu kaufen.

Nicht aus Bosheit oder Machtgier, sondern weil er gewohnt war, auf diesem Wege zu bekommen, was er wollte. Sein Vorgehen war ebenso simpel wie erfolgreich: Er erlaubte seiner Angebeteten einen Blick in eine Welt voller Möglichkeiten, interessanter Menschen und grenzenloser Vergnügungen. Die Skizze eines Lebens ohne Sorgen, Nöte oder Rechtfertigungen. Ein langer Rausch an der Seite eines Mannes, der dazu noch ausnehmend gut aussah. Wie hätte da je eine widerstehen können?

Nun, Isi konnte es.

Bei einer ihrer ersten Verabredungen etwa überreichte Aldo ihr eine sündhaft teure Kette aus Brillanten, die Isi auch trug. Schließlich wollten sie ins Theater, und die Kette passte gut zu ihrem selbst gekauften Kleid. Am Ende des Abends aber gab sie Aldo den Schmuck wieder zurück.

»Es ist ein Geschenk!«, protestierte Aldo.

»Nicht für mich«, antwortete sie und stieg aus dem Auto.

Eigentlich hatte sie angenommen, dass Aldo den Wink verstanden hätte, aber kurze Zeit später probierte er es noch ein zweites Mal, diesmal mit einem Diadem.

»Der Schmuck einer Königin – wie du es bist!«, schmeichelte er, schloss die Augen und beugte sich herüber zu einem Kuss.

Er berührte auch ihre Lippen, aber da sie vollkommen starr blieb, öffnete er die Augen wieder und blickte dabei in das Blau ihrer Iris, das ihn gerade in eine Schicht Gletschereis einfror.

»Waff ift?«, fragte er irritiert und löste sich erst dann von ihrem Mund.

»Hältst du mich für eine Kurtisane?«, fragte sie kalt.

»O Gott, nein!«, rief er überrascht.

»Warum behandelst du mich dann wie eine?«

»Ich würde dich nie …«

Sie rupfte das Diadem aus ihrem Haar, kehrte auf dem Absatz um und lief zurück zum Automobil, wo der Chauffeur bereitstand.

Aldo war ihr gefolgt und hielt sie am Arm fest: »Isi, ich flehe dich an! Ich habe mir dabei nichts gedacht! Wirklich!«

Sie warf ihm den Schmuck zu und zischte: »Das glaube ich dir sogar!«

Dann nickte sie dem Fahrer zu und befahl: »Nach Hause! Der Herr nimmt eine Kraftdroschke.«

Unschlüssig blickte der Chauffeur zu Aldo, als Isi ihn schon anfauchte: »He, guter Mann! Ich rede mit Ihnen! Sehen Sie mich an!«

Er gehorchte.

»Abfahrt! Klar?«

Aldo nickte dem Mann seufzend zu, und so fuhr Isi nach Hause und beschloss, erzieherisch in Aldos Haltung Frauen gegenüber einzugreifen: Sie ignorierte ihn fortan.

Während Isi also Aldo auf kleiner Flamme grillte, ging auch für mich das Leben weiter. Mit Hans, der immer noch wenig sprach und auf wenig reagierte, und natürlich mit dem Glashaus und Lubitsch.

Madame Dubarry war abgedreht worden, befand sich in der Nachbearbeitung und würde im hauseigenen Kopierwerk vervielfältigt werden, das für den ständigen Chemikaliengeruch im Eingang des Glashauses sorgte. Am 18. September würde die große Premiere sein, im neu gebauten Kino, das schon jetzt in aller Munde war: der UFA-Palast am Zoologischen Garten. Diesmal würde ich mir die Vorführung nicht entgehen lassen, und obwohl es noch gut zwei Wochen bis dahin waren, freute ich mich bereits jetzt so sehr darauf, dass ich vor Aufregung schlecht schlief.

Lubitsch dagegen beschäftigte sich bereits mit seinem neuesten Werk, an dem ich nicht mitwirken durfte, weil ich erneut an die Messter-Film ausgeliehen worden war. Wann immer die Arbeit es mir erlaubte, war ich dennoch stiller Beobachter der Entstehung. Lubitsch faszinierte mich. Zu den Gewohnheiten seines nimmermüden Schaffensdrangs gehörte es nicht nur, überall am Filmset gleichzeitig zu sein, Schauspieler zu beflügeln oder zu befrieden, sondern auch, Drehbücher zu schreiben, was er mit seinem besten Freund, dem Autor Hanns Kräly, in den Cafés der Stadt tat.

Wobei jeder Gedanke erlaubt war.

Ganz gleich, wie exotisch oder gar unmöglich eine Idee auch schien, gefiel sie den beiden, so kam sie ins Buch, und war sie im Buch, setzte Lubitsch sie in Szene. Und er hasste es, wenn Schauspieler dann noch versuchten, sich darin einzubringen.

So entstand auch Die Puppe.

Was so harmlos als Märchen daherkam, war gespickt mit Bildern und Szenen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Die noch niemand je zuvor gesehen hatte. Ein Füllhorn verrückter Einfälle.

Allein der Beginn!

Man sah Lubitsch selbst, der eine Märchenwelt aus bemalter Pappe aufbaute: ein Hügel mit einem Weg, ein paar Bäume, ein Häuschen. Dann stellte er vor das Häuschen zwei Puppen, ein Mann und eine Frau, öffnete das Dach des Häuschens und setzte die Figuren dort hinein.

Als Nächstes zeigte die Kamera die Tür des Hauses, die sich plötzlich öffnete, und heraus kamen zwei echte Menschen. Verwandelt spazierten sie durch die Landschaft, die Lubitsch zuvor aufgebaut hatte: der kleine Hügel, die Bäume, das Häuschen.

Die eigentliche Geschichte begann.

Ich war sprachlos!

Wie originell das war! Wie brillant! Überhaupt sprühte der Film vor Ausgelassenheit, vor komischen Figuren, verkörpert etwa durch eine herrlich grimassierende Ossi Oswalda. Und dann war da der verrückte Puppenmacher Hilarius, fantastisch gespielt von Victor Janson. Auch der erst fünfzehnjährige Debütant Gerhard Ritterband in der Rolle seines Gehilfen war zum Schreien: Er lieferte sich wilde Verfolgungsjagden mit seinem Dienstherrn, der ihm, als fortlaufender Witz, ständig eine runterhaute. Ich amüsierte mich königlich, als Hilarius mit einem Male die Haare zu Berge standen und dann vor Schreck nach und nach ergrauten. Was durch geschickte Schnittfolge alles möglich war! Später sah man den Puppenmacher mit einer Traube Ballons wegfliegen, bevor sein frecher Gehilfe Ballon um Ballon abschoss und ihn damit zurück auf den Boden holte.

Lubitsch und Kräly schrieben diese Dinge einfach auf und machten sich keine Gedanken darüber, wie zum Teufel das eigentlich gedreht werden sollte. Aber sie schafften es. Immer.

Doch bei allem liebevollen Klamauk hatte die Inszenierung der Puppe auch ihre Widerhaken. Die katholische Kirche lief Sturm gegen den Film, fühlte sich von Lubitsch verunglimpft, weil die darin vorkommenden Mönche als verfressen und bigott gezeigt wurden. Trotzdem behielten auch die ihren Humor, Lubitsch verriet seine Figuren nicht.

Die Puppe war meiner Meinung nach das Werk eines warmherzigen, witzigen Menschen, der andere gerne zum Lachen und Träumen brachte. Da war nichts Verkopftes, nichts Verkrampftes. Nichts Düsteres, nichts Abgründiges. Und trotz aller Fantasie hatte die Produktion nichts Expressionistisches, kein Bestreben, den Zuschauer intellektuell zu beeindrucken, wie es andere Filme jener Zeit taten und wie es sehr in Mode gekommen war: Eskapismus, aber mit Bedeutungsschwere!

Lubitsch tänzelte federleicht darüber hinweg.

Ich war voller Bewunderung.

Dann, ein paar Tage vor der großen Premiere, saß ich in meiner Pause draußen vor dem Glashaus und aß ein Butterbrot, als Lubitsch mich entdeckte und sich einfach zu mir setzte. Wir plauderten über dies und das, und er fragte mich, was ich von bestimmten Kostümen hielt.

Ich antwortete beschwingt: »Sie sind sehr schön, aber bei meinem Vater, Gott hab ihn selig, wären die Nähte niemals durchgegangen.«

Verblüfft sah er mich an: »Ihr Vater war Schneider? Meiner auch!«

»Wirklich?«, rief ich überrascht.

»Ja, ein Schneider, geboren in Wilna. Eigentlich sind wir jüdische Russen«, grinste er. »Deswegen musste ich auch nicht in den Krieg!«

»Mein Vater kam aus Riga. Aber ich musste in den Krieg.«

Er nickte, zündete sich eine Zigarre an und paffte vor sich hin.

Lubitsch war nur vier Jahre älter als ich, aber während ich in den Zehnerjahren gerade mal die Fotografie entdeckte, spielte er bereits in Kinofilmen mit. Die Firma heiratet und Der Stolz der Firma waren damals gigantische Erfolge. Er war längst berühmt, als ich noch dachte, Thorns Mauern würden für immer meine bleiben.

Aber dann kam der Krieg.

Ich produzierte Falschmeldungen, und er wurde Regisseur.

Vier Jahre älter.

Für mich waren es mindestens vierzig Jahre.

Eine Weile schien er seinen Gedanken nachzuhängen, dann aber sagte er unerwartet: »Wissen Sie, als ich sechzehn Jahre alt war, da habe ich meinem Vater gesagt, dass ich zum Theater will. ›Ich werde Schauspieler! Ich werde ein großer Schauspieler!‹«

Er hatte seine Worte lächelnd mit einer großen Theatergeste untermalt.

»Und ihr Vater?«, fragte ich.

»Mein Vater?«

Er schien nachzudenken, dann antwortete er: »Er hat mich vor einen großen Spiegel gezogen und gesagt: ›Schau dich mal an! Und du willst zum Theater? Ich würde nichts sagen, wenn du ein hübscher Kerl wärst! Aber mit dem Gesicht? Komm zu mir ins Geschäft. Bei mir kannst du mit dem miesen Gesicht Geld verdienen.‹«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Für einen Moment glaubte ich, die Erinnerung würde seine Augen verräterisch schimmern lassen, dann aber lachte er plötzlich los. So laut, als müsste er sich selbst von der Pointe überzeugen, und ich stimmte aus lauter Verlegenheit ein.

Wir lachten.

Aber in seinen Augen sah ich nichts als Schmerz.

Da gab er mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schultern und eilte wieder zurück ins Glashaus.

Vielleicht, dachte ich, war das der Grund, warum er so viel weiter war als ich. So viel ehrgeiziger. Da war ein tief klaffender, nicht verheilter Schnitt, der ihn offensichtlich immer noch quälte. Der ihn Geschichten erfinden ließ, die warm und den Menschen zugewandt waren. Situationen, die mit Humor oder Liebe gelöst wurden. Er verwandelte Realität in Unterhaltung, scheiterte aber bei dem Versuch, aus Unterhaltung Realität zu formen. Ein Mann, der die gemeine Bemerkung seines Vaters nur als Witz aushalten konnte, ein Witz, der ihn dann aber trotzdem noch mehr verletzte als amüsierte. All das machte ihn zwar zu einem großen Regisseur, aber gleichsam zu einem unglücklichen Menschen.

Am Abend eilte ich nach Hause.

Stürmte ins Haus, traf Hans in der guten Stube.

Kniete mich zu ihm herab und nahm ihn fest in die Arme: »Wir wollen einen Weg finden, Hans, hörst du? Wir finden einen!«

Überraschenderweise schien er genau zu wissen, wovon ich sprach.

Mit blassem Gesicht erwiderte er meine Umarmung und flüsterte: »Ja.«

36

Man konnte wirklich nicht behaupten, dass Aldo sich keine Mühe gab, allein in der Wahl seiner Mittel war er reichlich einfallslos: Blumen.

Täglich kamen neue, sodass wir uns bald im zugegebenermaßen herrlich duftenden Haus Wege wie durch einen Dschungel bahnen mussten. Doch je mehr Blumen kamen, desto unwilliger wurde Isi, ihn zu erhören. Irgendwann konnte ich nicht mehr anders, als mich bei ihr zu beschweren. Am Vortag hatte ich Hans tatsächlich eine halbe Stunde in unserem botanischen Garten suchen müssen.

»Was, wenn er eines Tages verhungert, weil wir ihn nicht mehr wiederfinden?«, maulte ich.

»Ich dachte, er spricht wieder?«, fragte Isi zurück.

»Darum geht es nicht, Isi. Wir haben keinen Platz mehr, und Alma sagt, dass uns das Ungeziefer in den Blättern noch irgendwann nachts, wenn wir schlafen, aus dem Haus trägt.«

»Warum meckerst du mich an? Aldo schickt doch die ganzen Blumen!«

»Dann sag ihm, er soll damit aufhören. Sag ihm, er soll auf Konfekt umschwenken oder so etwas.«

»Wo ist da der Unterschied?«

»Sag ihm einfach, was er tun soll. Hast du ja sonst auch keine Probleme mit …«

Sie grinste mich an: »Hör ich da etwa Kritik heraus?«

»Keine Blumen mehr. Bitte!«

Aber Isi schwieg, und Aldo karrte weiter Blumen heran.

Was Hans betraf, hatte sich seit dem Gespräch mit Lubitsch in mir eine Idee entwickelt: Wenn wir, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage waren, richtig zu kommunizieren, so brauchten wir vielleicht einen Mittler, der eine Verbindung zwischen uns schaffen konnte.

Und dieser Mittler sollte die Musik sein.

Papa hatte mir einst beigebracht, ihn auf der Ziehharmonika zu begleiten, wenn er Geige spielte. Vielleicht auch aus dem Grund, weil er nach einem Weg suchte, mir nahe zu sein. Er lebte ständig in der Vergangenheit, trauerte meiner Mutter nach und war mir gegenüber zwar ungeheuer fürsorglich, blieb aber doch immer ein wenig reserviert. Obwohl wir einander sehr liebten, war da stets eine Distanz zwischen uns gewesen, die sich erst aufgehoben hatte, wenn wir in verrückten Improvisationen musikalisch miteinander kommunizierten. Wenn Töne Worte ersetzten und sich Vater und Sohn zu Papa und Carl verwandelt hatten.

Vielleicht würde die Musik auch Hans und mich näher zueinander bringen.

So kramte ich also meine alte Ziehharmonika heraus, die ich seit Monaten nicht mehr gespielt hatte, und begann, Hans nach meiner Arbeit zu unterrichten. Und siehe da! Endlich hatten er und ich ein gemeinsames Thema: Musik. Das machte ihn zwar nicht gerade zu einer Plaudertasche, aber sein Blick war nicht mehr ganz so leer, und nachdem er erste einfache Melodien spielen konnte, schien es, als würden allmählich sein Ehrgeiz und auch sein Lebenswillen geweckt. So saßen wir jeden Tag zwischen Aldos Blumen, redeten immer noch sehr wenig, doch freuten uns an der gemeinsamen Aktivität.

Dann endlich kamen die Einladungen zur Madame Dubarry-Premiere, und ich überreichte Isi und Artur stolz jeweils eine Eintrittskarte. Ich war zuversichtlich, dass selbst Artur die Muße finden würde, sich den Film anzusehen. Seit dem Zwischenfall mit dem Langen Eugen hatten weder er noch wir etwas von Silber-Kurt gehört. Daher hoffte ich, dass der Ganove sich wieder beruhigt und beschlossen hatte, Artur einfach zu ignorieren. Als ich diesen Gedanken aussprach, schüttelte Artur nur den Kopf. »Nein, Carl. Der kommt wieder.«

Isi dagegen wollte nicht weiter über das Thema reden. Stattdessen umarmte und küsste sie mich: »Eine Riesenpremiere! Ich bin so stolz auf dich!«

»Ich hab doch gar nicht viel gemacht«, gab ich bescheiden zurück.

»Du spinnst wohl? Das ist der größte Film aller Zeiten, und du hast ihn gefilmt!«

»Also, eigentlich hat Theodor Spar…«

»Nix da! Du! Jedenfalls werde ich das allen erzählen!«

»Bitte nicht, Isi!«

Sie grinste: »Na gut, Carl Schneiderssohn. Stolz bin ich trotzdem!«

Erleichtert atmete ich durch und gab Isi eine weitere Karte: »Die ist für Aldo. Sag ihm, er soll mit den verdammten Blumen aufhören.«

Sie zupfte sie mir aus der Hand und grinste schelmisch.

Und so kam dann der Tag der Premiere.

Es war erstaunlich, wie schnell das Kino im Reich zu einem gigantischen Geschäft geworden, wie schnell die UFA herangewachsen war, wenn es auch nicht wirklich erstaunte, dass Menschen nach diesem Krieg auf Zerstreuung hofften, nach ein oder zwei Stunden Unterhaltung in ihrem ansonsten sehr oft grauen und entbehrungsreichen Leben lechzten.

Der UFA-Palast lag zwischen Gedächtniskirche und Bahnhof Zoologischer Garten und sah aus wie eine mittelalterliche Trutzburg: dunkler Backstein, hohe Giebel und eckige Wehrtürme. Eine romanische Festung, die mich an meine alte Heimat erinnerte. Sie hätte genauso gut in Thorn stehen können. Ursprünglich war das Gebäude als Ausstellungshalle konzipiert worden, aber die UFA brauchte ein Flaggschiff, einen Filmtempel, der ihren größten Produktionen medienwirksame Heimat werden sollte und in dem Gäste kniefällig Andacht halten könnten. Und so erschuf sie Deutschlands größtes Kino, das eintausendsiebenhundertundvierzig Besuchern Platz bot und mit Madame Dubarry der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde.

Aldo war entzückt, dass Isi ihm eine Karte zukommen ließ, und wertete das als erfreuliches Signal. Endlich schien Tauwetter nach einem für ihn langen, harten Winter einzusetzen. Im Bemühen, dieses zarte Blümchen der Vergebung mit Sonne und Liebe zur vollen Blüte heranwachsen zu lassen, zog er alle Register: Jetzt kamen nicht mehr nur Blumen, jetzt kamen auch Verkäuferinnen mit den exklusivsten Kleidern aus Paris, den verführerischsten Düften und den teuersten Schuhen, weil Aldo Isi zur schönsten Frau der Premiere erheben wollte, schöner als jeder Stern der UFA. Und, so versicherte er in einer beiliegenden Karte, nichts davon sei geschenkt! Sie konnte alles zurückgeben und war zu nichts verpflichtet.

»Er legt sich ins Zeug, Isi, das kann man nicht leugnen«, sagte ich zwischen Pflanzen, wuseligen Verkäuferinnen und Parfümeuren.

»Er versteht einfach nicht, worum es mir geht!«

»Worum geht es dir denn?«, fragte ich neugierig.

»Um Herz. Nicht um Geld.«

»Aber es scheint ihm aufrichtig leidzutun, Isi. Du könntest wirklich etwas gnädiger sein.«

Sie seufzte.

Und suchte sich dann doch ein Kleid aus.

Am frühen Abend wurde Aldo von seinem Chauffeur gebracht.

In Frack und weißem Schal gekleidet, schüttelte er mir, nachdem ich die Haustür geöffnet hatte, erfreut die Hand: »Ich habe noch eine Überraschung!«

»Gott, ich hoffe, es hat nichts mit Blumen zu tun!«

Aldo stutzte: »Nein. Wieso, was ist denn mit den Blumen?«

Da trat Isi in den Hauseingang, präsentierte sich in einem Traum aus Seide und Glitter und nahm anschließend ein Schaumbad in unseren Komplimenten. Vor allem Aldo trumpfte mit schmeichelnden, ja fast schon dichterischen Vergleichen auf und küsste Isi die Hand.

Artur fuhr vor, wir machten uns endlich mit zwei Wagen auf den Weg.

Vor dem Kino staute sich eine große Menschenmenge.

Nicht nur Gäste drängten, sondern auch unzählige Neugierige, die darauf hofften, einmal Pola Negri, Harry Liedtke oder Emil Jannings zu sehen. Es dauerte, bis wir endlich hineinfanden, dann aber staunten wir über die Pracht, die uns erwartete: Das Foyer war in Marmor, Gold und Purpur ausgekleidet, man wähnte sich wahrlich in einem Palast.

Hunderte von fein angezogenen Menschen wuselten darin herum, livrierte Kellner boten Sekt an, in diesem babylonischen Gemurmel und Gelächter musste man beinahe schon Lippen lesen, um sein Gegenüber zu verstehen. Meine Eintrittskarte hielt ich fest umklammert, und gerade als ich mich fragte, wie wir in den Vorführsaal kommen und unsere Plätze finden sollten, rief uns Aldo zu: »Mir nach!«

Ich weiß nicht, wie er es geschafft hatte, aber ich schätze, Menschen wie Aldo hatten Zugang zu allem und jedem, und so saßen wir nicht im Parkett. Das also war seine Überraschung: Aldo hatte eine Loge gemietet. Genauer gesagt eine der wenigen doppelstöckigen Proszeniumslogen mit Balkon, sehr geschmackvoll in Grün und Gold ausgeschlagen.

Von dort blickten wir in einen gewaltigen rechteckigen Raum mit Hunderten von Sitzplätzen und auf den Balkon im rückwärtigen Teil, ganz in Lila und Gold gehalten. Vor uns die gewaltige Leinwand, die gerade noch von einem ebenso gewaltigen grünen Samtvorhang verdeckt war. Und unter uns, direkt vor der Bühne, das Orchester, das den Film musikalisch in Szene setzen würde.

Endlich kehrte Ruhe ein, das Licht erlosch, der Vorhang schwang auf.

Die Musiker setzten mit großer Gewalt ein, Pauken und Trompeten kündigten das aufziehende Drama an und ließen das Publikum bange Unruhe verspüren. Dann nahm uns das Licht des Projektors mit auf eine Reise durch Raum und Zeit zurück ins Paris des achtzehnten Jahrhunderts, immer begleitet von der Musik, die mal vergnügt klimpernd, mal bedrohlich dräuend die Bilder untermalte.

Fast zwei Stunden folgten wir gebannt, ja beinahe atemlos, Pola Negri als Madame Dubarry bis hin zu ihrem tragischen Ende auf der Guillotine und dem schockierenden Schlussbild ihres abgeschlagenen Kopfes.

Die Musik verstummte.

Das Licht verlosch.

Für Sekunden war es still wie in einer Gruft.

Dann aber brandete ein solcher Applaus auf, ein solcher Jubel, dass die Wände wackelten und es beinahe so aussah, als wollten Menschen die Loge, in der Lubitsch und die Negri saßen, vor lauter Enthusiasmus stürmen. Isi war völlig aus dem Häuschen, klatschte, frohlockte und küsste mich. Artur nickte mir lächelnd zu, und ich glaube, ich hatte ihn nie so stolz auf mich gesehen wie in diesem Moment. Auch Aldo schüttelte mir begeistert die Hand und befahl dem Diener vor der Logentür, Sekt zu holen.

Viel Sekt.

Wir waren alle so aufgekratzt!

Diskutierten die besten Szenen des Filmes, während ich mit kleinen Anekdoten zu den Dreharbeiten große Lacherfolge erzielte. Das Kino leerte sich, aber wir saßen weiter in der Loge und erfreuten uns an unserer Gesellschaft, bis Isi schließlich rauswollte: feiern.

Wir fuhren ins KaLeu.

Es wurde eine lange Nacht.

Irgendwann war es mir auch nicht mehr peinlich, dass Isi doch jedem erzählte, ich hätte den größten Film aller Zeiten gedreht, und betrunken wie ich war, genoss ich sogar die vielen Glückwünsche und auch die Bewunderung, die mir entgegenwehten. Wäre doch Marlies jetzt hier! Wir hätten feiern können, wie wir es Silvester getan hatten. Inmitten einer johlenden Menge uns selbst genügend. Ihr Verlust tat immer noch weh, aber der Gedanke an sie bestärkte mich auch in meinem Vorhaben, Hans ins Leben zu helfen.

Irgendwann in den frühen Morgenstunden fand ich Aldo an einer Eckbank sitzend, betrübt in seinen Sektkelch starrend. Isi tobte irgendwo durch den Laden, während ihm offenbar die Luft ausgegangen war.

Ich setzte mich zu ihm.

»Was ist los, Aldo?«

Er zuckte mit den Schultern und murmelte: »Ich weiß nicht, was ich noch machen soll, Carl …«

»Wegen Isi?«

Er nickte.

»Was hast du denn bisher gemacht, Aldo?«

Verwundert sah er mich an: »Na, Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt! Und jetzt sieh sie dir an: tanzt mit Leuten, die ihr nicht einmal den Saum ihres Kleides küssen dürften!«

»Ehrlich gesagt hast du bisher nicht sehr viel zustande gebracht. Eigentlich nur Blumen!«

»Aber …«

Ich schüttelte den Kopf: »Ich vermute mal, du hast dein ganzes Leben lang Menschen gekauft. Das ist ganz schön bequem. Isi ist aber nicht bequem.«

»Wem sagst du das?«, seufzte er.

»Vielleicht bringst du dich mal selbst ein?«, fragte ich.

»Wie denn?«, fragte er ratlos zurück.

»Das weiß ich nicht, Aldo. Aber eins weiß ich: Wenn du auch nur noch ein Gänseblümchen schickst, dann muss ich dich leider umbringen.«

Er lächelte schief.

Ich klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter: »Du hast so viele Möglichkeiten! Nutz sie doch mal sinnvoll. Dann wird Isi dich auch mit anderen Augen sehen.«

Damit stand ich auf, suchte nach Artur, um mich zu verabschieden, und erfuhr von irgendjemandem, dass er bereits vor geraumer Zeit »nach oben« gegangen war. So verließ ich den Schankraum, stieg leise das Treppenhaus hinauf in die Wohnung über dem KaLeu, die er, wie bei vielen Wirten üblich, gleich mitgemietet hatte.

Am Ende eines Flures schimmerte Licht durch den Spalt einer angelehnten Tür. Dort fand ich ihn eingeschlafen über einem Schreibtisch. Ein Grablicht flackerte leise neben seinem Kopf, während unter uns das Leben tobte: Gedämpfte Geräusche von Musik und Stimmen wummerten durch Wände und Decken.

Und doch schien mir, dass es keinen einsameren Ort geben konnte als diesen. Eine fast leere Wohnung mit einem vor Erschöpfung und Schmerz eingeschlafenen Artur, eingesperrt in seinen Erinnerungen an seine Frau und sein Kind. Die er begraben und zurückgelassen hatte und doch jede Sekunde in seinem Herzen trug.

Alles konnte Artur besiegen, alles überwinden.

Nur das nicht.

Sanft streichelte ich seinen Kopf, beugte mich dann vor und löschte das Licht.

37

Einige Zeit war es ruhig geblieben um Silber-Kurt, dann aber meldete er sich zurück, allerdings nicht wie von Artur erwartet mit einem Angriff auf ihn oder seine Männer. Nicht mit roher Gewalt, was seiner Natur entsprochen hätte, sondern mit einem Zug, den man nicht von ihm hatte erwarten dürfen: Silber-Kurt zeigte Artur an!

Wobei er das Polizeirevier Fünfzig umging und sich direkt an die Staatsanwaltschaft wendete. Und die fackelte nicht lange und schloss das Eden wegen Sittlichkeitsdelikten.

So saßen Artur, Isi und ich in den ersten Oktobertagen im KaLeu und besprachen die Lage. Er hatte uns einen Bescheid der Staatsanwaltschaft gezeigt, in dem schwarz auf weiß stand, dass ein gewisser Kurt Malleck Prostitution und Drogenmissbrauch im Eden anprangerte. Bei der anschließenden Razzia konnten zum Glück keine Drogen konfisziert werden, Arturs Leute hatten schnell genug reagiert und alles Verdächtige das Klo heruntergespült, aber der Vorwurf der Prostitution schien unumstößlich, denn einige der Damen waren, wenn überhaupt, nur sehr spärlich bekleidet gewesen.

»So ein Arsch!«, fluchte ich. »Der hat doch selbst Mädchen auf der Lange Straße! Und denen gehts, im Gegensatz zu deinen, wirklich dreckig.«

»Das kann ich ihm aber nicht beweisen«, antwortete Artur.

Isi zuckte mit den Schultern: »Dann mach den Laden eben zu. Was solls? Du kannst woanders ein neues Eden eröffnen!«

Artur seufzte: »Wenn sie mich der Zuhälterei überführen, dann gehe ich ins Zuchthaus.«

»Aber du bist kein Zuhälter!«, rief Isi sauer.

»Da waren nackte junge Mädchen im Eden. Und ältere, sehr solvente Herren. Ich glaube nicht, dass ich vor Gericht damit durchkomme, dass ich kein Zuhälter bin. Und selbst wenn … Ich habe ein ganz anderes Problem …«

»Das wäre?«, fragte ich.

»Es ist kein Zufall, dass Kurt das Eden angreift.«

»Wie meinst du das?«, fragte Isi.

»Einer meiner Gäste ist der Kommandant des Polizeireviers Fünfzig, was Silber-Kurt wohl herausgefunden hat. Wenn ich also wegen Zuhälterei einfahre, dann kann er den Kommandanten bloßstellen. Regelmäßiger Besucher im Bordell eines Verbrechers! Ich muss ja wohl nicht betonen, was das für die Karriere des Mannes bedeutet. Und damit für das KaLeu und mich.«

Wir schwiegen.

Dann sagte Isi: »Diesem Idioten hätte ich so etwas Schlaues wirklich nicht zugetraut!«

»Schlau ist der auch nicht, aber gerissen. Der macht das schon sehr lange und kennt jeden Trick. Er wollte keine offene Auseinandersetzung mit mir, die hätte zu viele Opfer gefordert. Vielleicht sogar ihn selbst. Wenn er jetzt mich und den Kommandanten aus dem Spiel nimmt, dann fällt ihm, ohne dass er einen Kratzer abbekommt, nicht nur alles in den Schoß, sondern es wird auch auf die anderen Gauner großen Eindruck machen. Inklusive seiner eigenen Leute.«

»Und jetzt?«, fragte ich ratlos.

»Ich habe einen Anwalt engagiert«, antwortete Artur ruhig, aber es war ihm anzusehen, wie grotesk er diesen Umstand fand.

Kurze Zeit später trat der Anwalt dann ein, wobei Isi und ich wohl mit vielem gerechnet hatten, aber nicht mit dem Mann, der nun durch das KaLeu schritt, unserem Tisch entgegen. Ich beugte mich sogar zu Artur und flüsterte konsterniert: »Ist das dein Ernst, Artur?«

Der nickte ruhig.

Was uns so irritierte, war nicht nur die relative Jugend des Mannes, er war sicher noch keine dreißig Jahre alt, sondern auch, dass er aussah wie ein Schieber: groß karierte, sündteure Geckenkleidung, funkelnde Manschettenknöpfe, buntes Einstecktuch, blitzende Lackschuhe, das Haar pomadig zurückgekämmt. Fast diametral zu dieser unseriös wirkenden Lässigkeit stand ein Monokel, das er sich ins Auge geklemmt hatte und das seine Züge konzentriert, um nicht zu sagen unfreundlich aussehen ließ.

Artur stand auf, begrüßte ihn und machte uns miteinander bekannt: Dr. Friedemann Fromm nickte freundlich und setzte sich dann.

Artur fasste für ihn die Situation zusammen, wobei Fromm scheinbar unberührt blieb, sich nicht überrascht oder gar empört zeigte. Stattdessen machte er sich stichwortartig Notizen und stellte dann, als Artur geendet hatte, seine Fragen.

Fromm: »Wie viele Nackte gab es?«

Artur: »Zwei.«

Fromm: »Und knapp Angezogene?«

Artur: »Drei oder vier. Je nachdem, was man als knapp empfindet.«

Fromm: »Die Nackten sind Tänzerinnen?«

Artur: »Ja. Vom Bolschoi-Theater.«

Fromm: »Ausgezeichnet! Sehr schön.«

Ein Ausrufzeichen auf seinem Blatt unterstrich seine Worte.

Fromm: »Wurde Geld bezahlt? Oder Geldwertes?«

Artur: »Nein.«

Fromm: »Es wurde auch nichts bei den Damen gefunden?«

Artur: »Nein.«

Fromm: »Sind Sie vorbestraft?«

Artur: »Nein.«

Fromm: »Die Damen?«

Artur. »Nicht, dass ich wüsste.«

Fromm: »Haben die Mädchen Sie der Zuhälterei beschuldigt?«

Artur: »Nein.«

Fromm nickte und tippte mit dem Bleistift, mit dem er sich Notizen gemacht hatte, auf seinem Schreibblock herum.

Dachte nach.

»Ich glaube nicht, dass die Staatsanwaltschaft Ihnen etwas beweisen kann, aber es braucht nur eines der Mädchen umzufallen, dann haben wir ein massives Problem.«

Isi sagte: »Die halten sicher zu Artur!«

Fromm sah sie an und fragte: »Würden sie das auch noch, wenn Kurt Malleck ihnen eine Scherbe ins Gesicht drückt und droht, sie aufzuschlitzen?«

Isi schluckte.

»Aber selbst wenn er das nicht tut: Das Ganze bleibt Erregung öffentlichen Ärgernisses, Unzucht oder Anstiftung dazu sowie Kuppelei. Ein Strafbestand allein reicht da schon für eine Gefängnisstrafe. Und wenn ich das richtig verstanden habe, ist Herr Burwitz hier absolut unabkömmlich?«

Eine elegante Umschreibung des Umstandes, dass Artur nicht mal für einen Tag eingelocht werden durfte, weil seine Männer ohne seine Führung verloren waren. Artur nickte, genauso wie auf Fromms nächste Frage: »Und der Kläger Malleck ist vernünftigen Argumenten gegenüber unempfindlich?«

Wieder eine elegante Umschreibung, diesmal für Bestechung oder Nötigung. Vielleicht hatte ich den jungen Mann unterschätzt: Er sah wirklich nicht aus wie ein Anwalt, aber er verstand nicht nur genau, worum es ging, er schien auch zu wissen, was außergerichtlich möglich sein konnte. Dass das meiste nicht gerade vom Strafgesetzbuch gedeckt war, sprach er nicht aus.

Erneut trommelte er mit dem Bleistift auf dem Block herum, dann aber lächelte er, ließ das Monokel geschickt in seine offene Hand fallen und steckte es in die Brusttasche seines Jacketts.

»Es gibt nur eine Möglichkeit, wie wir Sie und die Mädchen da rauskriegen …«

Wir sahen uns neugierig an.

»Die wäre?«, fragte Artur.

Fromm nickte: »Der Beweis der Phryne.«

38

Wie klug die Idee war, zeigte sich wenige Wochen später vor der sechsten Strafkammer des Landgerichts II in Moabit. Denn in dem Prozess gegen Artur ging es neben den ganz konkreten Vorwürfen– Zuhälterei, Erregung öffentlichen Ärgernisses, Unzucht und Kuppelei – im gleichen Maß um Moral und Werte in einer vom Krieg durchgeschüttelten Gesellschaft.

Fromm hatte uns von dem antiken Vorbild erzählt, an dem er sich in diesem Fall ein Beispiel nehmen wollte. Auch die Hetäre Phryne, die vor über zweitausend Jahren in Griechenland ihren Lebensunterhalt ganz ähnlich verdient hatte wie die Damen des Eden, war angeklagt worden, weil man in ihr eine Gefahr für Sitte und Anstand sah. Im Prozess geriet sie bald in Bedrängnis, und noch vor dem Schlussplädoyer musste sie befürchten, verurteilt zu werden. Da wagte ihr Verteidiger, und ganz nebenbei auch Liebhaber, Hypereides eine letzte, verzweifelte Aktion: Er riss der schönen Phryne die Kleidung herunter, sodass sie nackt vor den altehrwürdigen Richtern stand. Die, von so viel Schönheit geblendet, sprachen sie frei, denn eine solche Anmut, so ihr Urteil, könne niemals unsittlich sein.

In diesem Sinne argumentierte auch Anwalt Fromm vor Richter Kurt Meixner, der wie die Gussform eines humorlosen, trockenen Juristen wirkte und, so mein Eindruck, diesen Prozess wohl in Rekordgeschwindigkeit beendet hätte, wenn er der Kleidung Fromms unter dessen Robe gewahr geworden wäre. Fromm aber ließ sich von Meixner nicht einschüchtern und blieb auf bewundernswerte Weise selbstbewusst, ja manchmal geradezu verwegen. Er verwies auf die mannigfaltige Darstellung von Nacktheit seit der Antike: Mit Aphrodite, Apollon, Laokoon hatte es begonnen, und die Künstler im Mittelalter knüpften an diese Art körperlicher Veranschaulichung an. Ganz zu schweigen von Michelangelo, Botticelli oder Rubens später. Wer hatte sie je der Unzucht bezichtigt?

Der Staatsanwalt protestierte scharf: Weder Michelangelo noch Rubens noch Botticelli stünden vor Gericht und schon gar nicht wegen Zuhälterei, Kuppelei oder Erregung öffentlichen Ärgernisses. Fromm erwiderte schlicht, dass die drei zu ihrer Zeit sehr wohl wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses angegangen worden waren, was nur zeige, wie Engstirnigkeit und falsch verstandene Moral Kunst und Fortschritt schon seit Jahrhunderten bedrängten. Reaktionäres Philistertum, in dem sich der Staatsanwalt offensichtlich auch pudelwohl fühle.

Das trug ihm eine Verwarnung des Gerichts ein.

Dennoch blieb Fromm in der Offensive und rief, wobei er sein Monokel dramatisch herabfallen ließ und geschickt wieder auffing: »Nacktheit an sich kann niemals unzüchtig sein!«

Isi und ich hockten auf den Zuschauerbänken, während Artur vorn neben Fromm saß und sich zur Sache nicht äußern wollte. Das hatte Fromm für ihn übernommen, der jetzt darauf hoffte, seinen einzigen wirklichen Trumpf ausspielen zu können.

Und er hatte Glück.

Meixner sah Fromm an und fragte: »Meinen Sie etwa den Beweis der Phryne?«

Der nickte und antwortete: »Jawohl, Herr Vorsitzender, den meine ich! Und daher fordere ich das Gericht auf, sich selbst ein Bild zu machen, um über die Vorwürfe ein angemessenes Urteil fällen zu können. Ich beantrage daher einen Lokaltermin im Eden

Der Staatsanwalt tobte und widersprach energisch, allein der Antrag war rechtskonform. Richter Meixner nahm ihn an und legte den Termin auf die folgende Woche vormittags fest.

Damit war die Sitzung geschlossen.

Tatsächlich trafen sich eine gute Woche später Richter, Staatsanwalt, Friedemann Fromm und Artur vormittags gegen elf Uhr im Eden zu einer Sondervorführung, auch unter den strengen Augen der Berliner Polizei, die prüfen sollte, dass sich alles so verhielt, wie sie es bei ihrer Razzia vorgefunden hatte.

Dem Richter hatte man einen Tisch und einen Stuhl bereitgestellt – alle anderen standen hinter ihm und sahen zu, wie die Lichter gedimmt, duftende Kräuter und Harze in Schalen entzündet wurden. Schließlich traten die Musiker herein und bezogen Position.

Dann begann die Vorführung der Tänzerinnen.

Und wie schon bei meinem Besuch zuvor war ihre Darbietung verführerisch, aber dank ihrer klassischen Ballettausbildung geschmackvoll und gekonnt. Immer wieder wirbelten die Schleier um ihre makellosen Körper, die eins mit der Musik waren, sich sinnlich im Takt wiegten. Als die Damen schließlich endeten, hätte nicht viel gefehlt und man hätte ihnen applaudiert. Sie verbeugten sich kurz und entschwanden dann wieder in den hinteren Räumen.

Der Richter erhob sich, nickte den Anwesenden zu und legte den Termin für die Urteilsverkündung auf die darauffolgende Woche.

Und so saßen wir bald wieder im Gerichtssaal: Artur auf der Anklagebank, Isi und ich im Zuschauerraum.

Auch Richter Meixner nahm seinen Platz ein, setzte sein samtenes Barett auf den Kopf und verkündete das Urteil.

»Im Namen des Volkes werden der Angeklagte Artur Burwitz und die mit ihm angeklagten Nadja Kommarenko und Tatjana Nestowa in allen Punkten freigesprochen!«

Isi sprang jubelnd auf.

Der Richter sah sie tadelnd an.

Sie setzte sich schnell wieder mit einer entschuldigenden Geste.

Meixner fuhr fort: »Der Anklage gelang es nicht, die Vorwürfe der Kuppelei, Prostitution und Erregung öffentlichen Ärgernisses zu beweisen. Letzteres musste scheitern, da die Veranstaltungen im Eden keine öffentlichen sind. Somit sind die Treffen dort als geschlossene Gesellschaften zu werten.

Zudem konnte sich das Gericht bei einem Ortstermin davon überzeugen, dass die Vorführungen zwar von großer Nacktheit geprägt, aber nicht pornografischer oder unsittlicher Natur sind. Die Tänzerinnen wurden im berühmtesten und besten Ballett der Welt ausgebildet. Eine Gefahr der sittlichen Gefährdung von Jugend ist mangels Öffentlichkeit nicht gegeben.

Auch konnte die Staatsanwaltschaft keine Beweise für Prostitution oder Kuppelei anführen. Es gibt keine Aussage, keinen Geldtransfer und keine geldwerten Zahlungen, die diese Vorwürfe untermauern würden. Und ein bloßer Verdacht, und sei er noch so wahrscheinlich, zählt vor Gericht nicht. Damit sind die Angeklagten freizusprechen, das Verbot zur Öffnung des Eden ist aufzuheben. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.«

Der Fall war geschlossen.

Artur, Isi und ich umarmten uns noch im Gerichtssaal.

Und ich stellte wieder mal fest, wie sehr man sich doch irren konnte: Anwalt Fromm sah aus wie eine Komödienfigur von Lubitsch und Richter Meixner wie ein verstaubtes Buch, das nur noch zum Pressen von Blumen taugte. Ich hatte gemeint, spüren zu können, was sie voneinander hielten, aber als ich nun zur Richterbank blickte, konnte ich sehen, wie Meixner aufstand, sich abdrehte und dabei lächelte.

Und in diesem Moment wusste ich, dass er nicht nur Freude an dem Fall an sich gehabt hatte, sondern auch an Fromms Wagnis, mit dem Beweis der Phryne zu argumentieren. Eine Idee, die so unkonventionell war, dass sie seine ganze Arbeit in ein neues Licht gerückt hatte. Dazu dieser Lokaltermin!

Meixner war amüsiert.

Er hielt Fromm vermutlich immer noch für einen Clown.

Aber einen, der Staub von Büchern pusten konnte.

39

Der Sieg wurde gefeiert.

Und es zeigte sich, dass Anwalt Fromm nicht nur ein brillanter Jurist war, sondern auch ein den Genüssen des Lebens äußerst zugetaner Lebemann. Am Abend nach Verkündung des Urteils jedenfalls sah ich ihn im KaLeu umringt von diversen Damen, käuflicher oder nichtkäuflicher Natur, und er schien dabei von wenigen Berührungsängsten geplagt. Was den Prozess betraf, hätte er mit dem Beweis der Phryne eigentlich großes Aufsehen erregen müssen, allein er hatte Pech, dass er von der Öffentlichkeit nicht beachtet wurde, weil etwas anderes die vollständige Aufmerksamkeit des Reiches beanspruchte: der parlamentarische Untersuchungsausschuss zur Klärung des Kriegsausbruchs, seiner Verlängerung und Niederlage. Hauptzeugen, wobei es um einiges treffender gewesen wäre, sie Angeklagte zu nennen: Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg.

Um zu ermessen, wie dreist, wie unverschämt und uneinsichtig der Auftritt der beiden hauptverantwortlichen Generäle in diesem Ausschuss war, will ich zunächst zu dem zurückspringen, was das Reich nach den Märzunruhen in seinen Grundfesten erschütterte: der Friedensvertrag von Versailles. Wobei ich wohl noch etwas weiter zurückgreifen muss, denn schon die Unterzeichnung des Waffenstillstands am 11. November in einem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne warf ein Licht auf die infame Durchtriebenheit dieser beiden Männer. Ihnen war es gelungen, die Schuld an der Niederlage einem anderen in die Schuhe zu schieben: Staatssekretär Matthias Erzberger.

Denn der musste den Waffenstillstand unterschreiben.

Weder Ludendorff noch Hindenburg wollten damit in Verbindung gebracht werden, sodass sich schon bald der Hass der Rechten auf Erzberger konzentrierte, der als Überbringer der Waffenstillstandsbedingungen gleichsam für sie verantwortlich gemacht wurde.

Dabei wusste ich: Es war Ludendorff selbst, der Anfang Oktober völlig überraschend um Verhandlungen zum Waffenstillstand gebeten und damit der Entente signalisiert hatte, dass Deutschland geschlagen war. Ein Umstand, den er später übrigens leugnete.

Als im Mai die Bedingungen für den Frieden bekannt wurden, durchliefen Schockwellen das Reich. Es verlor ein Siebtel seines Territoriums, ein Zehntel seiner Bevölkerung, ein Drittel seiner Kohle- und drei Viertel seiner Erzvorkommen. Dazu alle Kolonien, seine Marine und große Teile seines Heeres. Obendrein hatte es eine noch festzulegende Kompensationszahlung für die verursachten Schäden zu zahlen. Was die Menschen jedoch mehr als alles andere aufbrachte, ganz gleich welcher politischen Couleur, war Artikel 231 des Vertrags: Er sah in Deutschland den alleinigen Kriegsschuldigen.

Zu Hunderttausenden gingen sie auf die Straßen und protestierten gegen die Annahme dieses Friedens. Hindenburg freute es. Der Alte war auf geradezu absurde Weise im Volk beliebt, er, der edle Junker aus dem Osten, der zwar ganze Schlachten verschlief, während seine Soldaten dort im Trommelfeuer starben, sich aber im Fall eines Sieges den Zeitungen gern als Held aufdrängte. Er liebte die öffentliche Auszeichnung. Am Ende hatte er sich selbst so viele Orden verliehen, dass man eigens für ihn einen weiteren erfinden musste, weil ihnen alle anderen ausgegangen waren: den Hindenburgstern.

Unheimlicher noch war mir Ludendorff, der verglichen mit Hindenburg zwar frei von vorgeblicher aristokratischer Noblesse war und oft etwas blass blieb, tatsächlich aber die treibende Kraft unter allen Falken des Militärs darstellte, mit diktatorischen Befugnissen und einem äußerst angespannten Verhältnis zur Redlichkeit ausgestattet. Es hieß, dass er kurz vor der Kapitulation noch Soldaten hatte hinrichten lassen, die seine Befehle zwar nicht verweigert, sie aber nicht mit der nötigen Begeisterung entgegengenommen hatten. Davon gekränkt, ließ er an ihnen ein Exempel statuieren.

Fast schon müßig zu erwähnen, dass keiner der beiden und auch sonst kein wirklich Verantwortlicher in Versailles anwesend war. Wie schon in Compiègne glänzten sie alle durch Abwesenheit, lenkten die Aufmerksamkeit auf andere und wuschen sich selbst rein von Schuld.

Und mit genau dieser Haltung traten sie dann auch im Ausschuss auf.

Schon vor Wochen an die Messter-Film ausgeliehen, hatte ich selbst das zweifelhafte Vergnügen, diesem monarchistisch anmutenden Spektakel beizuwohnen. Ein Sonderzug führte die beiden Herren in die Stadt, wo sie eine Ehrenwache der Reichswehr begrüßte. Dem betagten Hindenburg stellte man zwei Adjutanten zur Verfügung. So wurden sie in den Sitzungssaal geleitet, wo Hindenburgs Platz mit weißen Chrysanthemen und einem schwarz-rot-weißen Band geschmückt war. Wie allen anderen war mir direkt klar, dass hier keinerlei Selbstkritik, geschweige denn das Eingeständnis eines Fehlers zu erwarten war.

Von einer Befragung konnte dann auch keine Rede sein. Beide Männer lasen eine vorbereitete Erklärung ab, während Einsprüche oder Fragen weder erwünscht waren noch beantwortet wurden. So nutzte Hindenburg die Gelegenheit und präsentierte der Öffentlichkeit die größte aller Lügen, nämlich dass die deutsche Armee von hinten erdolcht worden wäre! Flotte und Heer wären planmäßig zersetzt worden, die Revolution der Matrosen habe das Schicksal dann besiegelt. Und um seiner Aussage einen glaubwürdigeren Anstrich zu verpassen, legte er diese Behauptung dreisterweise einem nicht näher benannten englischen General in den Mund.

Letztlich stützten sie ihre Argumentation auf verdrehte Fakten: Erzberger hatte die Kapitulation unterschrieben, die SPD-geführte Regierung um Reichskanzler Scheidemann den Schandfrieden von Versailles Ende Juni angenommen, womit weder Militär noch Rechtsnationale noch Monarchisten schuld am Ausgang des Krieges und seinen Folgen waren, sondern allein die anderen.

Die Dolchstoßlegende war geboren!

Hindenburg hatte den Ausschuss genutzt, um sich vom Befragten zum Ankläger aufzuschwingen, und es verfehlte seine Wirkung in der Öffentlichkeit nicht. Die Aufklärung der Umstände des Ersten Weltkrieges liefen noch Jahre weiter, aber das Gift war bereits verspritzt worden, und es lähmte nicht nur die junge Republik, es führte auch zu der Verschwörung, in die Isi noch verwickelt werden sollte.

Einstweilen war ich beauftragt worden, das unwürdige Spektakel im Ausschuss zu filmen, was ich widerwillig tat. Um dann, eingedenk der Macht, die Bilder haben konnten, den Film in einem inszenierten Unfall zu zerstören. Ich kam daher ohne brauchbares Material zur Messter-Film zurück, sehr zum Unmut der Verantwortlichen dort, die mich danach nie wieder von der UFA ausliehen.

Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich das Filmmaterial hätte zerstören dürfen, damals aber war ich davon überzeugt, dass ein heroischer Auftritt der beiden in der Wochenschau den Hass auf die Demokratie nur weiter befeuert hätte.

Denn da war ja noch der 21. August.

Und das Bild, das sich zu einem Skandal ausgeweitet hatte.

An diesem Tag war Ebert zum Reichspräsidenten vereidigt worden, doch darüber sprach bald niemand mehr, sondern nur über die Fotografie in der Berliner Illustrirten Zeitung, die Friedrich Ebert und Gustav Noske in Badehosen zeigte. Der große und der kleine Dicke im seichten Wasser der Lübecker Bucht. Ein Schnappschuss, der den Rechten bald Futter gab für eine Dauerkampagne gegen die Republik, denn fortan firmierte das Bild unter: Die Demokratie geht baden.

Die beiden SPD-Männer hätten in ihren albernen Badehosen kaum lächerlicher aussehen können. Diesem Bild wollte ich keines von Hindenburg und Ludendorff anfügen.

Allein: Genutzt hat es nichts.

Die harten Bedingungen des Versailler Vertrags, das große Leid der Verstümmelten und Hungrigen in Verbindung mit einer politisch gespaltenen Republik waren der Humus, auf dem der Hass gedeihen konnte.

Unaufhaltsam.

40

Aldo schickte keine Blumen mehr, was zur Folge hatte, dass sich der Dschungel in unserem Haus langsam lichtete und Isi sich schließlich fragte, ob sie ihn wohl endgültig verschreckt hatte. Denn mochte man solcherlei Gefälligkeiten auch vollkommen überzeugt ablehnen, blieben sie erst einmal aus, begann man sie doch zu vermissen. Das galt für Isi, die zwar vorgab, dass es ihr einerlei wäre, ob sich das Haus weiter mit Grünzeug füllte, das galt aber auch für mich, der ich zwar inständig drum gebeten hatte, dass dieser Irrsinn endlich aufhören mochte, dem das Ganze dann aber doch auf seltsame Art und Weise fehlte. Wonach Isi sich meiner Meinung nach aber vor allem sehnte, war die Aufmerksamkeit, das Gefühl, Mittelpunkt der Gedankenwelt eines anderen zu sein, und so reagierte sie zuweilen gereizt, wenn ich mich nach Aldo erkundigte, und antwortete schnippisch, dass sie keine Ahnung habe, worauf ich da anspiele.

Aber Aldo hatte nicht aufgegeben, sondern nur im Stillen nachgedacht.

Und es war ihm tatsächlich etwas eingefallen, wie er mehr aus seinen Möglichkeiten machen konnte, als einfach nur Dinge zu kaufen. Es ging ihm jetzt nur noch darum, wie er sein neues Ich präsentieren sollte. Denn auch das hatte er mittlerweile begriffen: Sein unbekümmertes Zurschaustellen von Reichtum und Sorglosigkeit verfing bei Isi nicht.

Dann eröffnete am Nikolaustag eine Suppenküche in der Dolziger Straße.

Das war ein Grund zur Freude, denn die meisten Arbeiter, Kriegswitwen und Frontheimkehrer im Osten und Norden der Stadt hungerten, was für diejenigen, die in der Eldenaer oder eben in der Dolziger Straße wohnten, von besonders beißender Ironie war, lebten sie doch gleich neben den Schlachthöfen, wo sie Tag für Tag anstanden, um Fleisch zu bekommen, das man eigentlich nicht mehr essen konnte. Eine Suppenküche schickte da praktisch der Himmel, aber ungewöhnlich war die Eröffnung schon, denn es gab hier weit und breit niemanden, der durch Mildtätigkeit auffiel – außer gelegentlich Isi, Artur und mir. Und jetzt aus dem Nichts eine Armenspeisung.

Gleich um die Ecke.

Das machte uns neugierig. Weil Samstag war und ich freihatte, spazierten wir mit Hans hin, um uns das Ganze anzusehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Armenspeisungen stand hier nicht nur eine Gulaschkanone in der Gegend herum. Das Erdgeschoss eines ziemlich in die Jahre gekommenen Backsteinhauses war zu einer Art Kantine umgebaut worden, mit eigener Küche und Aufenthaltsraum, wo die Bedürftigen an Tischen sitzen und sich gleichzeitig aufwärmen konnten. Die Schlange war lang, aber das Essen schien der Küche nicht auszugehen, offenbar sollte jeder eine Portion bekommen, der eine haben wollte.

Isi erkundigte sich bei den Köchinnen, wer die Küche eingerichtet habe und wer sie betreibe, bekam aber nur zur Antwort, dass sie darüber nicht sprechen durften. Nur so viel konnten sie sagen: Staat und Stadt waren es nicht. Die Armenspeisung war die milde Tat eines Gönners, der aber nicht genannt werden wollte.

»’n juter Mensch issa!«, sagte die Köchin, die mit uns sprach. »Sone jibts heut jar nich’ mehr!«

»Ein Mann also?«, schloss Isi.

»Darf ick nich’ sarjen, Frollein, abba falsch is’ dit nich’.«

Isi grinste: »Siehtajutaus?«

»Ick würd ’n sofort heiraten«, grinste die andere zurück. »Er müsst mir bloß ma fraren.«

Dann wandte Isi sich mir zu: »Was hast du Aldo gesagt?«

Ich zuckte mit den Schultern: »Nur dass er mal in sich gehen soll.«

»Du hast ihm nicht gesagt, was er machen soll?«

»Nein.« Und um ehrlich zu sein: Ich staunte nicht schlecht. Aldo hatte ein wirklich gutes Werk getan – nicht nur für sich, sondern auch für die Allgemeinheit.

Isi sah sich um und nickte amüsiert.

Sie war nicht leicht zu beeindrucken, auch diesmal nicht, aber was sie sah, gefiel ihr. Sie wusste zu schätzen, dass Aldo nicht in öffentlichkeitswirksamer Selbstbeweihräucherung den geläuterten Saulus gegeben hatte, wenn sie sich insgeheim doch, wie sie mir später gestand, etwas mehr Finesse gewünscht hätte. Etwas mehr Rätselspaß. Dennoch erkannte sie Aldos Bemühen an und beschloss ihrerseits, ihm ein wenig entgegenzukommen.

»Ruf ihn an, Carl«, sagte sie munter. »Sag ihm, die Königin gewährt ihm eine Audienz.«

»Gehts auch ’ne Nummer kleiner?«, fragte ich zurück.

»Versteht er schon!«, erwiderte sie schelmisch.

Damit kehrte sie vergnügt nach Hause zurück, um Aldo am Abend auch eine entsprechende Monarchin zu präsentieren.

Und uns natürlich auch.

Genau ein Jahr war es her, dass Isi und ich uns inmitten eines Massakers wiedergefunden hatten. Seitdem war so viel passiert! Entsprechend nahmen wir uns vor, an diesem Abend nicht nur unser einjähriges Wiedersehen zu feiern, sondern auch Nikolaus zu unserem Tag zu machen, möglichst jedes Jahr am 6. Dezember zusammen zu sein, und wenn das nicht möglich war, wenigstens an den jeweils anderen zu denken, einer Flasche Rotwein mit dem Daumen den Korken einzudrücken, um sie dann auszutrinken.

So trafen wir im KaLeu ein.

In dem Aldo bereits auf Isi wartete.

Zunächst stritt er energisch ab, etwas mit der Suppenküche zu tun zu haben, aber er hielt Isi nicht lange stand und gab schließlich zu, dass ihm die Idee gekommen war, als er darüber nachgedacht hatte, vielleicht einmal etwas Sinnvolles mit seinem Vermögen anzustellen. Ganz dem Gebot der Nächstenliebe folgend hatte er die Suppenküche im Stillen finanziert, damit die edle Spende nicht an ideellem Wert verlor.

»Ich wette, dass dir das am schwersten gefallen ist!«, grinste Isi.

»Ja«, gab er zu, »Ich bin es gewohnt, dass alles, was ich mache, auch bemerkt wird. Aber jetzt will ich die richtigen Dinge tun.«

»So, willst du das?«, fragte Isi amüsiert zurück.

»Komm schon, ich gebe mir wirklich Mühe!«

»Du bist ein Heiliger, Aldo!«, kicherte Isi. »Ich werde dem Papst deine Wunder vermelden!«

»Danke, das fände ich sehr schön.«

Damit stießen sie auf Aldos neuen Altruismus an.

Die ungezügelte Meute um sie herum interessierte der Friedensschluss zwischen den beiden nicht weiter. Offenbar hatten sehr viele Lust, den Nikolaustag eher unchristlich zu verbringen, und die kleine Musikkapelle, die sich wie Silvester im hinteren Teil der Schänke aufgebaut hatte, gab ihr Bestes, die Feierwütigen bei Laune zu halten. Die Mollen gingen im Dutzend über die Theke, dazu gab es jede Menge Wein und Schnaps.

Bald schon tanzten und knutschten die Pärchen überall im Raum, während ich am Tisch bei Artur saß und dem wilden Fest mit bittersüßer Schwermut zusah. Letztes Jahr Silvester hatte ich Marlies hier kennengelernt, jetzt war sie fort, und ich sah um mich herum nur Menschen, die scheinbar glücklich waren.

»Bereit für jemand Neues?«, fragte mich Artur plötzlich.

Ich sah ihn ebenso überrascht wie fragend an.

»Es gibt da jemand, den ich dir vorstellen möchte!«, rief er mir gegen die Musik und das Gelächter zu.

»Lieber nicht, Artur.«

»Du brauchst jemanden, Carl!«

»Du nicht?«, rief ich zurück.

Er zuckte mit den Schultern: »Ich komme zurecht.«

»Und ich nicht?«

Er zögerte mit der Antwort: »Hans braucht eine Mutter.«

»Ich schaffe das auch so!«, rief ich zurück.

»Ja, aber schafft Hans das auch?«

Um uns tobte das Leben, während wir ganz ruhig dasaßen wie Felsen im Wasser eines schäumenden Bergflusses.

Eine Weile sagte ich nichts.

Dann aber beugte ich mich zu ihm herüber und rief: »Wen willst du mir vorstellen?«

Er nickte, stand auf und zog mich mit sich.

Wir wühlten uns durch die Leiber, bis wir weiter vorn wie durch eine Mauer brachen und zwischen sich lichtenden Reihen schneller vorankamen, ohne dass wir dabei Schultern aus dem Weg drücken mussten. An einem der vordersten Tische saß eine Gruppe von schon reichlich angetrunkenen Männern, die sich mit zwei Damen unterhielten, dabei grölend lachten und sich eifrig selbst zuprosteten.

Artur rief: »Anna?«

Die dunkelhaarige der beiden blickte auf und kam dann zu uns herüber. Sie sah hübsch aus, dunkle Augen, voller Mund, üppiges Dekolleté. Eine attraktive Frau, vielleicht drei, vier Jahre älter als ich.

Sie lächelte und gab mir die Hand: »Hallo, Carl!«

Vollkommen irritiert starrte ich sie an: Sie kam mir bekannt vor. Aber woher?

Sie lachte, wohl über meinen Gesichtsausdruck, dann sah sie an sich herab: »Das Kleid ist schön, nicht?«

»Ja«, antwortete ich verwirrt.

»Wenn ich die Kluft eines Dienstmädchens tragen würde, dazu ungeschminkt wäre, würdest du mich dann erkennen?«

Eine Sekunde.

Zwei.

Dann klappte mir der Mund auf: »Anna! Vom Boysenhof!«

Sie nickte.

Ich blickte zu Artur: »Wie …?«

Mehr brachte ich in meiner Überraschung gar nicht hervor.

»Das ist Berlin, Carl! Alle kommen hierhin.«

Ich nickte, als würde ich verstehen, dann wandte ich mich wieder Anna zu. Als Artur und ich fast noch Kinder waren, hatte sie auf dem Gut des alten Boysen gedient. Ich hatte sie während einer Festivität, auf der Papa und ich die Musiker waren, kennengelernt. Damals war ich spontan verliebt in sie, auf kindliche, unschuldige Art, hatte sie heimlich bewundert, war aber auch voller Schrecken Zeuge dessen geworden, was ihr in jener Nacht widerfahren war. Sie war vergewaltigt worden – und der alte Boysen hatte sie dafür vom Hof gejagt. Gedemütigt und geächtet von allen, die in ihr, dem Opfer, die sittenlose Täterin sahen.

Artur sagte: »Ich lass euch mal alleine. Ihr habt euch sicher viel zu erzählen!«

Das hatten wir.

So erfuhr ich, dass sie, nachdem ihre Familie sich ihrer Schande wegen geweigert hatte, sie wieder aufzunehmen, nach Berlin gefahren war und bis Kriegsbeginn als Verkäuferin gearbeitet hatte. Mit Fortschreiten der Kämpfe wechselte sie, wie die meisten anderen auch, in einen Rüstungsbetrieb und versuchte, mit dem bisschen Lohn, den man ihr zugestand, irgendwie zurechtzukommen. Dann kam der Hungerwinter 1917, und die Menschen in Berlin starben wie die Fliegen.

»Nur eine Branche lief immer noch gut …«, sagte sie und sah mich an.

Es war nicht schwer zu erraten, was eine alleinstehende, mittellose Frau ohne nennenswertes Einkommen damals tun musste, wenn sie überleben wollte.

Anna sprach es aus: »So wurde ich zu dem, was die Thorner schon längst aus mir gemacht hatten: eine Hure.«

»Das tut mir leid.«

Sie lächelte: »Nicht so schlimm, Carl. Das Einzige, was es schwer macht, ist das Urteil der Anständigen, die jeden Tag an meiner Tür kratzen.«

»Und wie hast du Artur gefunden?«, fragte ich.

»Ist noch nicht lange her, da bin ich abends ins KaLeu, um mich aufzuwärmen. Artur hat mich angesprochen und schnell herausgefunden, wer ich bin. Der Rest war dann nur noch eine Verhandlung zwischen meinem Luden und ihm.«

»Er hat dich ihm abgekauft?!«

Sie zuckte mit den Schultern: »Er hat mir nichts gesagt.«

»Das tut er nie«, seufzte ich.

»Jedenfalls bin ich seitdem frei. Und ich kann immer zu ihm, wenn es Probleme gibt. Ich habe ihm viel zu verdanken.«

Ich lächelte schwach: »Haben wir das nicht alle?«

So unterhielten wir uns noch eine lange Zeit.

Anna war intelligent und witzig, und ich sah aus den Augenwinkeln viele neidische Blicke von Männern, die sich fragten, warum sich ein Prachtweib wie sie mit einem kümmerlichen Gesellen wie mir so angeregt unterhielt, und doch war da keine Magie zwischen uns. Jedenfalls fühlte ich keine. Kein Herzklopfen wie bei unserem ersten Treffen, und ich fragte mich, woran es lag. War ich wirklich ein solcher Spießbürger, dass ich ihren Beruf nicht aushalten konnte?

Oder war es, weil Artur sie gekauft hatte und sie somit verpflichtet war zu tun, was er wollte? Und wenn nicht: dass sie sich ihm aus lauter Dankbarkeit wahrscheinlich verpflichtet fühlte?

Oder waren es doch die knapp zehn Jahre und der Weltkrieg, die zwischen der Verliebtheit eines Jungen und der Realität eines Erwachsenen lagen?

Ich war sicher, dass Anna fast alles sein konnte, was ein Mann sich wünschte, aber Marlies konnte sie nicht sein. Oder Masha. Die wenigen Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht hatten mich doch eines über mich selbst gelehrt: Ich liebte sofort oder gar nicht.

Ob sie das spürte?

Jedenfalls machte sie keine Anstalten, mich bei sich zu halten, als ich irgendwann wieder zurück ins Gewühl tauchte und die nächsten Stunden bei einem amüsanten Gespräch zwischen Aldo und Isi stand. Eigentlich, dachte ich nicht zum ersten Mal, gaben die beiden ein wirklich hübsches Paar ab, und wahrscheinlich wäre Isi längst Hals über Kopf verliebt, wenn Aldo ein ambitionierter Künstler oder ehrgeiziger Musiker oder aufstrebender Bursche mit einer mitreißenden Geschäftsidee gewesen wäre, so aber schien sie sich selbst zurückzuhalten, als ob sie dem Braten nicht trauen würde.

Dennoch schien sie glücklich zu sein.

Oder wenigstens bestens gelaunt.

Es wurde spät.

Das KaLeu war immer noch recht voll, aber der Druck auf die Theke hatte deutlich nachgelassen, und die Tänzer waren langsam erschöpft.

Ich rupfte an meiner Krawatte und zischte: »Wieso ist das hier eigentlich so heiß?«

Ich sah, wie Isi sich neben mir mit einer Serviette den Schweiß von der Stirn tupfte, und Aldo, dem kleine Rinnsale an den Schläfen hinabliefen. Auch andere schienen sich jetzt immer öfter mit den Händen Luft zuzuwedeln, und die Ersten verlangten an der Theke einfach nur nach Wasser.

Die Kapelle schien ermattet zu sein, der Trompeter wischte sich mit hochrotem Kopf über das Gesicht, dann drehte er sich um, berührte mit der Hand die Wand hinter sich und zuckte zurück: Offensichtlich war die heiß.

Ich suchte Artur, fand seinen Blick und ging zu ihm.

»Da stimmt was nicht, Artur!«, rief ich ihm zu und zeigte auf die Wand hinter den Musikern.

Isi hatte als heimliche Lauscherin dahinter gestanden, als Silber-Kurt seinen Tobsuchtsanfall bekommen hatte. Jetzt bemerkten wir beide, dass die Tapete mit dem wilden Muster an einigen Stellen begonnen hatte, Blasen zu werfen. Dann sahen wir einen der Kellner auf die seitliche Tür zugehen, einen Beutel leere Flaschen in der Hand, um im Keller Nachschub zu holen.

Artur schrie: »NICHT!«

Es drehten sich einige nach uns um, nicht aber der Kellner, der nach der heißen Klinke griff und die Tür öffnete: Im nächsten Moment flog das Türblatt ins Innere, Flammen schossen in den Raum, gleichzeitig rollte schwarzer Qualm über die Zimmerdecke und entzündete sich selbst zu einer Feuerwalze.

Schreie!

Panik!

Wie eine Herde wild gewordener Tiere versuchten alle, dem KaLeu zu entkommen. Doch schon vor der Theke waren die Ersten gestürzt, während die hinter ihnen über sie hinwegtrampelten. Artur packte sich den Trompeter, dessen Haar Feuer gefangen hatte und der zu Boden gegangen war, ich stürzte mit den anderen hinaus, riss irgendjemanden mit mir und bemerkte, dass es Aldo war.

»Wo ist Isi?«, schrie ich.

Der Rauch war jetzt überall, alles verschwamm in Schwaden, wir husteten unentwegt.

Aldo warf sich auf den Boden und tastete über die dort Liegenden. Er entdeckte Isi, packte sie, riss sie an seine Brust, und zusammen stolperten wir dem Ausgang entgegen, den wir hustend und mit tränenverquollenen Augen erreichten.

Hinter uns fauchte der Brand.

Rasch eilten wir über die schmale Gasse auf die Breslauer, wo bereits einige Dutzend Gäste geschockt, manche weinend, beieinanderstanden. Dann brach plötzlich das Dach des KaLeu ein, und ein Funkengewitter stob in den Himmel, gefolgt von rot-gelben züngelnden Flammen, die den ganzen Hinterhof in beinahe taghelles Licht tauchten.

Wo war Artur?

Ich rannte zurück und entdeckte ihn vor dem Eingang liegend, den Musiker immer noch im Arm. Es war dort mittlerweile heiß wie in der Hölle, das Gesicht mit den Armen abdeckend lief ich zu den beiden, packte sie an ihren Krägen und zerrte sie in die Gasse.

Draußen auf der Breslauer schlug ich Artur so lange gegen die Wange, starrte auf das durch die Hitze verlaufene Gesicht der Maske, bis er endlich mit flatterndem Lid zu sich kam.

Gerettet!

Wir waren gerettet!

Für fünf aber kam jede Hilfe zu spät.

Sie verbrannten praktisch zu Asche, sodass wir von vieren nicht einmal mehr den Namen erfuhren.

Der fünfte war Arturs Kellner.

41

Man hielt Brandstiftung für möglich, wenn die Untersuchungsergebnisse auch vage blieben. Letztlich wussten wir drei aber natürlich, dass es eine war, und vor allem, wer dahinterstecken musste: Silber-Kurt. Nach seiner Pleite vor Gericht hatte er offenbar wieder zu bewährten Methoden gegriffen und wollte zerstören, was er nicht hatte an sich bringen können. Damit war auch klar, dass er nicht länger gewillt war, sich von Artur auf der Nase rumtanzen zu lassen. Ein kleines Feuerchen hatte zwischen den Männern endgültig den Krieg eröffnet.

Die Polizisten vom Fünfzigsten gingen– auf Arturs Hinweis hin – Vergissmeinnicht und auch Silber-Kurt persönlich hart an, verhörten alle und filzten ihre Lokale. Für nicht wenige gab es auf der Wache wohl ziemlich Dresche, aber sie hielten dicht. Es war unmöglich, Silber-Kurt oder sonst jemandem den Brand nachzuweisen, alle hatten für die Tatzeit ein lückenloses Alibi.

So keimte in immer mehr Leuten zögernd die Überzeugung auf, dass der Brand vielleicht doch nur ein tragisches Unglück war. Die Sensationslettern verwandelten sich allmählich in unspektakuläre Meldungen, um schließlich ganz aus den Zeitungen zu verschwinden.

Die Ermittlungen verliefen im Sand.

Für Artur wurde es ernst.

Oder für Kurt – je nachdem, wer den anderen zuerst erwischte, wobei Silber-Kurt alle Trümpfe in der Hand hielt, denn ihn schützten eben nicht nur Vergissmeinnicht mit seinen vielleicht dreißig Mitgliedern, sondern auch die großen Ringvereine wie Immertreu oder Norden 1891.

Für einige Wochen sah es so aus, als würde Artur die Sache auf sich beruhen lassen, obwohl er eigentlich nicht der Typ war, der einem Konflikt aus dem Weg ging. Er sah sich nach anderen Lokalen um, die er zu einem neuen Szenetreff machen konnte. Aber es stellte sich heraus, dass die Budiker, die dafür infrage kamen, nicht verkaufen wollten, selbst die, denen finanziell das Wasser bis zum Hals stand und die Arturs Geld dringend nötig gehabt hätten. Da wurde Artur klar, dass die Sache mit Kurt noch nicht zu Ende war. Offensichtlich hatte der seine Leute in jede Spelunke geschickt und den Besitzern gedroht, dass sie, wenn sie an Artur verkauften, nicht glücklich werden würden mit ihrem schönen Geld.

Eine Weile dachte Artur darüber nach, in ein anderes Viertel auszuweichen, aber auch das erwies sich als schwierig, denn mittlerweile wusste halb Berlin von dem Brand, und obwohl irgendwann nur noch über ein Unglück spekuliert wurde, war bei vielen ein ungutes Gefühl geblieben. Irgendetwas an der Sache schien nicht koscher gewesen zu sein, und Artur war es schon gar nicht.

Es war eindeutig: Artur konnte nur wieder ein Lokal erwerben und es zum Erfolg führen, wenn es zwischen den Kontrahenten eine Lösung gab.

Eine endgültige Lösung.

»Du musst mit Silber-Kurt verhandeln«, riet ich Artur.

»Was genau verhandeln?«, fragte Artur zurück.

Ich zögerte mit der Antwort, denn im Grunde wusste ich, dass eine Verhandlung nur darauf hinauslaufen konnte, dass sich Artur Vergissmeinnicht anschließen musste, um dann von Silber-Kurt auf ähnliche Weise behandelt zu werden wie Kino-Paule und vermutlich alle anderen, die dieser Bandit befehligte. Außerdem würde Artur ihn finanziell teilhaben lassen und sich damit arrangieren müssen, dass der Kerl fürs Nichtstun kassierte.

»Und wenn du nur das Eden behältst?«, fragte ich schließlich.

»Ist eher was fürs Prestige. Und wie lange wird es dauern, bis Kurt da anklopft?«

»Und was willst du jetzt tun?«

Artur zuckte mit den Schultern: Er war wirklich ratlos.

Isi wusste ebenfalls keinen Ausweg, verkündete aber, dass sie Artur höchstpersönlich dabei assistieren wollte, Silber-Kurt ins Jenseits zu befördern, schließlich sei sie beim Brand im KaLeu selbigem nur knapp entkommen. So warteten wir alle ab, ob sich das Glück noch einmal wendete, wenn Isi ihres auch gefunden zu haben schien: Aldo und sie wurden ein Paar.

Sie rechnete ihm hoch an, dass er sie aus den Flammen gerettet und Gefallen daran gefunden hatte, unter ihrem Einfluss Gutes zu tun. Und dabei auf großkotzige Auftritte verzichtete. Außer natürlich im Theater, bei Schauen oder Diners. Was Isi vermutlich ebenso gefiel, auch wenn sie es natürlich nicht zugeben wollte.

Für mich dagegen endete das Jahr mit lieb gewordener Routine.

In unseren täglichen Musikstunden brachte ich Hans die Grundlagen der Ziehharmonika bei und konnte sehen, wie sich sein Gesicht aufhellte, wenn ich mit wilden Soli glänzte, um ihn zu unterhalten. Manchmal konnte ich ihn damit sogar zum Lachen bringen, und ich fühlte mich zurückversetzt in die Zeit, als ich mit Papa ständig so enthusiastisch mit Melodien herumgealbert hatte, dass wir beide darüber in wildes Gekicher ausgebrochen waren.

Auch das Glashaus genoss ich mit all seinen Verrücktheiten, seiner Fantasie und den unermüdlichen Bemühungen, die Welt mit Filmen zu schmücken. Nach meinem letzten Ausflug zur Messter-Film durfte ich sogar bei kleineren Produktionen Kamera führen, und ich glaube, ich habe meine Sache gut gemacht, denn ich blieb im Geschäft. Was übrigens das einzig sichere Zeichen dafür war, dass man wirklich geschätzt wurde. Ansonsten machte man einander zwar viele Komplimente, meinte sie aber nicht immer so. In der Schauwelt waren nicht nur die Kulissen unecht, manches Lächeln war es auch. Trotzdem liebte ich sie.

Madame Dubarry wurde übrigens ein rauschender Publikumserfolg.

Und es machten Gerüchte die Runde, dass die Amerikaner auf Lubitsch aufmerksam geworden waren, was insofern unglaublich schien, weil der Krieg gerade einmal ein Jahr vorbei war und die Welt keine besonders hohe Meinung von Deutschland hatte. Zu viele waren gestorben, als dass auch nur im Ansatz über eine Versöhnung nachgedacht werden konnte. Was sich auch gut an den Friedensbedingungen des Versailler Vertrags ablesen ließ. Dennoch schien Lubitsch ein Tor aufstoßen zu können, das für andere noch lange verschlossen bleiben würde.

Silvester verbrachten wir alle zusammen bei uns.

Ohne Aldo, ohne das Eden, ohne das Glashaus, aber mit gutem Essen und Musik aus dem kleinen Grammofon. Nach der Nikolauskatastrophe war keinem von uns nach einem wilden Fest, und so wurde es ein ruhiger, sehr harmonischer Abend, an dem wir tanzten, lachten und alle Themen vermieden, die einen Missklang heraufbeschwören konnten. Hans war früh eingeschlafen, und ihn so friedlich auf dem Sofa schlummern zu sehen stimmte Isi und Artur milde. Sie ließen sich sogar dazu herab, mir zu versichern, dass die Idee, ihm eine Heimat zu geben, möglicherweise doch ganz in Ordnung gewesen war.

Ein paar Tage später verließ ich in den frühen Abendstunden die UFA und trat in dichten Schneefall. Das Licht des Glasdachs ließ vor dunklen Wolkenwänden Flocken tanzen. Ein Wintermärchenland, in dem die Geräusche der Ringbahn und des Verkehrs bald zugedeckt wurden von weißer Stille und der einzige Ton der des eigenen Tritts im Schnee war.

Mein Heimweg führte mich über die Belle-Alliance-Straße vorbei am kalt zugedeckten Tempelhofer Feld. Dann und wann knatterte ein Automobil an mir vorbei, dessen Scheinwerfer Kreise über eine geschlossene Schneedecke vor sich herschoben. Plötzlich aber knirschten Schritte hinter mir, und ich drehte mich um: Ein Mann kam auf mich zu, den Mantelkragen hochgeschlagen, den Hut tief ins Gesicht gezogen.

Panik stieg in mir auf: War das vielleicht einer von Silber-Kurts Männern? Hier draußen war absolut niemand, hier hätte ich sogar schreien können, ohne dass es wer mitbekam, es sei denn, es wäre zufällig jemand vorbeigefahren. Aber hinter dem Mann sah ich keine Scheinwerfer. Bis der nächste Wagen auf meiner Höhe war, hätte er mich längst erledigt.

Ich lief los.

Drehte mich um und sah, dass der Mann hinter mir jetzt auch lief.

Ich drückte mit einer Hand meinen Hut tiefer auf meinen Kopf, beschleunigte noch einmal, geriet unversehens ins Schlittern, und Momente später schon schlug ich lang hin.

Der Mann holte mich ein und trat über mich.

»Carl Friedländer?«

»Ja?«, fragte ich ängstlich.

Er hielt mir die Hand hin und zog mich auf die Füße: »Entschuldigung, dass ich Sie so erschreckt habe. Dies war nicht meine Absicht!«

Der Kerl sah eigentlich nicht aus wie einer von Silber-Kurts Schlägern: ein schmaler Mann mit spitzer Nase, dunklen Augen und ausgemergeltem Gesicht. Vielleicht in den Fünfzigern. So einen schickte man nicht, um anderen wehzutun, dachte ich erleichtert.

»Wer sind Sie?«, fragte ich.

»Verzeihung, mein Name ist Curecken. Phillip Curecken.«

Er bot mir die Hand und lüftete gleichzeitig mit einer kleinen Verbeugung den Hut. Seltsamer Akzent, dachte ich. Und ein seltsamer Kauz. Auf altmodische Art verbindlich in seinem Auftreten.

»Was kann ich denn für Sie tun?«, fragte ich.

»Sind Sie Carl Friedländer aus Thorn? Sohn des Schneiders Carl Friedländer?«

»Ja.«

Er deutete ein Lächeln an: »Ich freue mich, Sie endlich kennenzulernen, Herr Friedländer.«

»Warum?«, fragte ich verwirrt.

»Weil ich Ihr Onkel bin!«

Wieder schüttelte er mir die Hand, während ich ihn nur erstaunt anstarrte.

42

Dass er mich überhaupt gefunden hatte, lag am überragenden Erfolg von Madame Dubarry. Nicht dass mein Name auf den Plakaten zu lesen gewesen wäre, aber irgendwann hatte ein Artikel über den Film in einer Zeitung gestanden, in dem die Kameraarbeit von Theodor Sparkuhl gelobt und erwähnt worden war, dass ein gewisser Carl Friedländer ihm assistiert hatte.

Phillip wusste, dass ich in Berlin war, weil er nach Kriegsende Nachforschungen in Thorn angestellt hatte. Auf die Frage nach dem Schneider Friedländer habe es geheißen, der Senior sei gestorben und der Junior nach Berlin verzogen.

»Viele kannten dich, Carl«, nickte Phillip mir zu. »Du hattest wohl vor dem Krieg zusammen mit Freunden ein erfolgreiches Fuhrunternehmen.«

»Ja.«

»Die Leute konnten sich daran erinnern, dass du dauernd mit einem Fotoapparat unterwegs warst.«

Ich nickte und trank einen Schluck Kaffee.

Wir saßen in einem Café am Belle-Alliance-Platz mit Blick auf den spärlich beleuchteten, aber gewaltigen Kreisverkehr, der durch einen Boulevard, Grünflächen und die neunzehn Meter hohe Friedenssäule mit der geflügelten Viktoria in der Mitte geteilt wurde.

»Jetzt heißt es Toruń«, antwortete ich müde. »Und Kopernikus ist endgültig Pole.«

Phillip sah mich fragend an, ich aber winkte ab: »Ein ewiger Streit zwischen Polen und Deutschen. Vor dem Krieg. Jeder wollte den berühmtesten Sohn der Stadt für sich haben.«

»Hm«, machte Phillip. »Es ist so viel passiert.«

»Erzähl mir etwas über meine Mutter, Phillip. Deine Schwester. Wie war sie?«, fragte ich.

»Hat dein Vater nie über sie gesprochen?«

Ich lächelte und dachte an Papas verschmitztes Gesicht, wenn er sich an Mutter erinnerte, und das Kleid, das er mal für sie gemacht hatte. Das burgundrote. Mit acht Reihen Volants und dem kecken Cul de Paris. Und dass man ihre Taille mit den bloßen Händen umgreifen konnte.

Sie war sehr schön, nicht wahr, Vater?

Ach, Junge, was du wieder redest! Sie war unbeschreiblich schön! Alle haben sie bewundert. Einmal hat ihr ein Graf den Hof gemacht! Ein echter Graf! Kannst du dir das vorstellen?

Aber sie hätte dich doch nie verlassen, oder?

Natürlich nicht, mein Junge. Natürlich nicht.

Da war seine Stimme in meinem Kopf und all die Liebe in meinem Herzen. Mein Hals wurde rau, ich schluckte schwer und sah rasch wieder raus auf den Platz, der weiß und pudrig dalag.

Seine Geschichten fehlten mir.

Er fehlte mir.

Dann räusperte ich mich und antwortete: »Er hat immerzu über sie gesprochen, doch das war wohl eher ein Minnegesang.«

Phillip lachte, dann antwortete er: »Verstehe. Aber sie war auch in Wirklichkeit etwas Besonderes. Wunderschön und warmherzig. Alle wollten sie heiraten. Alle! Sie aber wollte nur deinen Vater, niemanden sonst. Nur ihn!«

Wie schön das war!

Alles war offensichtlich ganz genau so, wie Papa es in seinen Erinnerungen bewahrt hatte. So sehr hatte er sich in seinem Gedenken verloren, dass es in seinem Herzen nur Platz für zwei Personen gab: mich und Mama. Wir waren seine Welt – bis zum Schluss.

Carl?

Ja?

Ich habe geträumt, Carl!

Was hast du geträumt?

Ich habe von Riga geträumt!

War es ein schöner Traum?

Ja, du warst da. Und Mutter! Ihr beiden. Auf dem Domplatz!

Die letzten Worte auf seinem Sterbebett. Ich hatte ihn da das erste Mal Papa genannt, nicht Vater. Es war das letzte Mal, dass ich ihn lächeln sah.

Ich bin sehr stolz auf dich, mein Junge …

Seine Abschiedsworte.

Verstohlen rieb ich mir eine Träne aus dem Auge.

Er war auch meine Welt gewesen.

Und würde es für immer bleiben.

Phillip hielt inne, ließ mir Zeit, mich wieder zu sammeln.

Dann fragte ich: »Was ich nicht verstehe, ist, dass Papa nie über euch gesprochen hat. Also, über deine Familie. Die Cureckens. Ich kannte nicht einmal euren Namen!«

Er schwieg betreten, fuhr sich dann verlegen durch das angegraute Haar: »Kann ich ihm nicht verdenken.«

»Was ist passiert?«

Phillip starrte in seine leere Kaffeetasse, dann sagte er zögernd: »Meine Familie war einmal sehr bedeutend, weißt du?«

»Und?«

Er schien nach den richtigen Worten zu suchen: »Es ist … ein wenig schwierig, es in Worte zu fassen.«

»Sag einfach, wie es war. Das ist alles lange her«, half ich.

»Mein alter Herr war nicht nur das Oberhaupt der Familie, er war auch sehr standesbewusst. Als dein Vater um die Hand seiner Tochter anhielt, da kam es zu einer sehr unschönen Szene. Er hat ihm schlicht verboten, Amelie zu heiraten.«

»Warum?«

Ein Moment des Schweigens.

Dann antwortete er: »Weil er nur ein Schneider war.«

»Mein Vater war doch sehr erfolgreich?«, rief ich aufgebracht.

Phillip wagte kaum, mich anzusehen: »Ja, das stimmt. Aber eben doch nur ein Schneider. Ein jüdischer Schneider.«

Wut brannte plötzlich heiß in meinem Bauch.

Meine Hände ballten sich zu Fäusten.

Da legte Phillip seine Hand auf meinen Unterarm und sagte schnell: »Es tut mir sehr leid, Carl. Nur bitte: Verurteile mich nicht für die Fehler meines Vaters.«

»Hast du ihm denn beigestanden? Oder deiner Schwester?«

Er schluckte: »Ich habe es versucht, Carl. Wirklich. Aber mein Vater war ein sehr schwieriger Mensch. Er wollte, dass seine Tochter in den Adel einheiratete. Wer in Russland damals Teil des Adels war, dem gehörte praktisch das Land! Und es gab auch jemanden, der sie heiraten wollte …«

»Lass mich raten: ein Graf?«

Phillip sah mich verdutzt an: »Ja, woher weißt du das?«

»Nicht so wichtig.«

»Aber Amelie weigerte sich. Ein unerhörter Vorgang damals. Mein Vater war so wütend, dass er sie verstoßen hat. In seinen Augen hatte Amelie die ganze Familie verraten. Ihr den Weg zu einem besseren Leben verwehrt.«

»Ich dachte, ihr wäret so bedeutend gewesen?«, fragte ich gereizt.

»Wir waren sehr wohlhabende Deutschbalten, ja. Aber eben nicht adlig. In seiner Wut hat mein Vater Amelie enterbt, ihr die Mitgift verweigert und sie dann aus dem Haus geworfen.«

»Wie konntet ihr das nur zulassen!«, rief ich wütend.

Phillip blickte auf die Tischdecke und antwortete: »Die Zeiten waren so, Carl. Man gehorchte. Widerspruch war nicht vorgesehen. War es denn in Thorn anders?«

Isis Vater tauchte in meiner Erinnerung auf und dessen Ehrgeiz, es ganz nach oben zu schaffen. Jedes Mittel war ihm recht gewesen, er wollte ein Mann mit Titel sein in einer nach Titeln süchtigen Gesellschaft. Dann dachte ich an die Frauen in der Metzgerei, die »Jude« getuschelt hatten und nur mich als Schuldigen sahen, nachdem wir alle drei, Artur, Isi und ich, sie mit den halleyschen Masken übers Ohr gehauen hatten. Der alte Wassili erschien vor meinem inneren Auge, den ein schneidiger Leutnant bei Kriegsbeginn standrechtlich hatte erschießen lassen, einfach nur, weil er Russe war.

Willkür.

Gehorsam.

Schwelender Antisemitismus.

Nein, in Thorn war es nicht anders gewesen.

Ganz und gar nicht.

»Ich habe nicht gewagt, mich gegen meinen Vater aufzulehnen. Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst.«

Ich nickte langsam.

»Und du hast mich extra gesucht, um mir das zu sagen?«

Er strich mit dem Zeigefinger über den Rand der Kaffeetasse.

Spinnenfinger.

So knochig waren sie.

»Die Sache hat mich immer bedrückt, ja.«

»Die, die es wirklich angeht, sind tot, Phillip. Du kommst zu spät.«

Er nickte und schluckte.

»Ich wünschte, es wäre alles anders gekommen. Es tut mir sehr leid.«

Er winkte der Kellnerin zu, und wir zahlten.

Dann stand er auf und zog sich Mantel und Hut an. »Es hat mich sehr gefreut, Carl. Ich kann verstehen, wenn du nichts mit mir zu tun haben willst. Alles, was ich dir anbieten kann, ist meine offene Hand. Du bist mir immer willkommen!«

Ich starrte darauf.

Dann nahm ich an und schüttelte sie.

Und sah ihm nach, wie er das Café verließ und im Dunkel der Nacht verschwand.

43

Es wäre gelogen zu behaupten, dass die Begegnung mit Phillip mich nicht berührt hätte. Zwar war er ein vollkommen Fremder für mich, aber die Geschichte, die er mir erzählt hatte, war meine Geschichte. Dennoch blieb ein unbestimmtes Gefühl, nicht alles erfahren zu haben. Da waren noch Fragen offen, wenn eine auch beantwortet schien, nämlich, warum mein Vater nie über die Familie meiner Mutter gesprochen hatte. Andere dagegen drängten sich auf: Warum hatten sie Riga verlassen? Alles nur, weil Amelie mit ihrer Familie nicht klarkam? Weil die beiden einen Neuanfang woanders wagen wollten? Ohne das Geschäft? Ohne Geld?

Isi stimmte mir zu: »Ja, das ist seltsam. Aber vielleicht hat dein Vater sein Erspartes schnell aufbrauchen müssen? Kinder sind teuer, und eine Schneiderei bringt in einer Stadt wie Thorn nichts ein.«

Ich zuckte mit den Schultern: »Kann sein.«

Es war spät am Abend.

Wir saßen in unserer Wohnstube, tranken Wein und hörten Musik aus dem Grammofon. Artur hatte gerade eine zweite Flasche geöffnet und den ganzen Abend noch nichts gesagt, nur zugehört.

Er reichte mir ein neu gefülltes Glas: »Seltsam, dass er dich überhaupt gesucht hat.«

»Na ja, ich gehöre zu seiner Familie«, antwortete ich. »Und es war ihm wichtig, sich bei mir zu entschuldigen.«

»Das ist ja das Seltsame: Wofür entschuldigt er sich denn?«

»Für seine Familie.«

Artur schüttelte den Kopf: »Da stimmt was nicht.«

»Wie kann man nur so misstrauisch sein?«, neckte Isi ihn.

»Ich bin nicht misstrauisch!«, verteidigte sich Artur. »Nur realistisch.«

»Und ob du misstrauisch bist!«

Er füllte auch Isis Glas und antwortete mild: »Dann bin ich eben misstrauisch.«

Isi wandte sich mir wieder zu: »Und? Was willst du jetzt machen?«

Ich zuckte mit den Schultern: »Nichts.«

»Nichts?!«, rief Isi. »Kommt nicht infrage!«

»Was soll ich machen? Ich wüsste nicht, wo ich ihn finden könnte.«

Artur sagte: »Ich kann mich mal umhören …«

Ich runzelte die Stirn: »Umhören? Wo?«

»Hinterm Ku’damm gibt es eine große russische Gemeinde. Fast alles Flüchtlinge. Vielleicht kommt da einer aus Riga und kennt die Cureckens.«

Ich nickte zustimmend: »In Ordnung. Ist vielleicht eine gute Idee.«

Dann wechselte ich das Thema: »Ich möchte übrigens nach Thorn. Zu Papa ans Grab.«

»Lieber nicht!«, entgegnete Artur.

»Warum nicht?«

»Im Moment ist keiner gut auf Deutsche zu sprechen. Schon gar nicht im Osten. Im Baltikum, Oberschlesien: Überall hat es Enteignungen und Kämpfe gegeben. Das ist zwar alles weit weg von Thorn, aber auch da fliehen die Deutschen. Vielleicht ist es nächstes Jahr ruhiger. Oder übernächstes.«

Ich seufzte: »Ich hab nur so viel an ihn denken müssen …«

Isi legte ihre Hand auf meine: »Ich weiß auch nicht, was aus meiner Schwester Gerda geworden ist. Eva hat die Spanische Grippe mitgenommen, aber Gerda … Ich wünschte, es gäbe eine Möglichkeit, herauszufinden, wie es ihr geht.«

»Bei mir lebt nur noch meine älteste Schwester, Martha«, sagte Artur. »Wenn die Zeit dafür gekommen ist, werde ich sie suchen. Aber nicht jetzt.«

»Er hat recht, Carl. Wir haben hier gerade ein paar andere Probleme …«

»Du meinst Silber-Kurt?«

Sie nickte.

»Gibt es denn etwas Neues?«, fragte ich.

Artur sah zum Fenster hinaus und antwortete: »Nein.«

»Das ist doch gut, oder?«, fragte ich.

Artur schwieg.

Tatsächlich hatte sich Silber-Kurt schon eine ganze Weile ruhig verhalten.

Wenn auch nicht ganz freiwillig.

Solange das Fünfzigste ermittelte, ihn und seine Leute mit Argusaugen beobachtete, gab er sich als Musterbürger, der Schutzmänner auf der Straße freundlich grüßte. Ich glaube nicht, dass er vorgehabt hatte, Menschen bei dem Brand zu töten, aber er hatte die Opfer billigend in Kauf genommen. Und das hatte auch Beamte in Marsch gesetzt, die nicht dafür von Artur belohnt wurden.

So sah Silber-Kurt sich zunehmend Anfeindungen ausgesetzt, die seine Geschäfte störten. Fast im Zwei-Tages-Rhythmus wurde er auf die Wache beordert, nicht wegen des Brandes, da hatten die Beamten vorerst aufgegeben, aber sie versuchten, ihm alles anzuhängen, was im Viertel so ablief: Raub, Einbruch, Betrug, Erpressung, Nötigung, Körperverletzung. Eine Gelegenheit, die vor allem die Rattenjungs zu nutzen wussten – sie verdienten sich nicht nur über die Weihnachtstage, sondern auch bis ins Frühjahr hinein ordentlich etwas dazu, weil sie ja wussten, dass die Polizisten immer zuerst bei Silber-Kurt vorstellig wurden und sie selbst daher wenig Verfolgung befürchten mussten.

Das alles machte Silber-Kurt reizbar.

Mitte Februar sah Isi zufällig Kino-Paule auf der Straße – mit einem Veilchen. Artur hörte sich daraufhin im Viertel um und erfuhr so, dass es zu einem massiven Streit innerhalb von Vergissmeinnicht gekommen war, da die Mitglieder ungehalten darüber waren, nicht mehr ihren Geschäften nachgehen zu können. Sie gaben Silber-Kurt dafür die Schuld, denn erst seit dem Brand sahen sie sich dieser Situation ausgesetzt, und viele waren, so hieß es, außerdem wütend darüber, dass es Tote gegeben hatte. Unschuldige Opfer. Denn bei allem Misstrauen gegenüber Gesetz und Ordnung gab es doch den ungeschriebenen Kodex, dass Unschuldige niemals Teil eines Konfliktes sein durften. Keine Kinder, keine Frauen, keine Wehrlosen. Die Brandstiftung aber hatte diesen Kodex verletzt, und so wurden plötzlich erste Risse innerhalb von Vergissmeinnicht sichtbar.

Silber-Kurts Position war mit einem Mal infrage gestellt.

Die Aussprache verlief wohl so hitzig, dass sie zwischen Silber-Kurt und Kino-Paule mit Fäusten ausgetragen wurde. Kurt obsiegte und festigte vorerst seinen Führungsanspruch. Aber er war sichtbar für alle angezählt.

Für Artur waren das ausnehmend gute Nachrichten.

Zwar wäre nicht garantiert, dass eine Kooperation mit einem möglichen Nachfolger funktionierte, aber ohne Silber-Kurt würde es in jedem Fall leichter werden. Alles, was Artur jetzt noch zu tun hatte, war, dafür zu sorgen, dass die Situation bei Vergissmeinnicht weiter eskalierte. Und so lud Artur den Kommandanten des Fünfzigsten immer öfter ins Eden ein, sorgte dafür, dass er stets beim Roulette oder Baccara gewann, und bat zwei seiner Mädchen, mit dem vergnügungssüchtigen Staatsdiener ein Arrangement einzugehen, für das er nichts zu zahlen hatte.

Das übernahm Artur.

Im Gegenzug erhöhte der Polizist den Druck auf Vergissmeinnicht.

Jetzt musste Artur nur noch warten.

So weit war das ein brillanter Plan, nur dass sich das wahre Leben nicht an Pläne hielt und Volten schlug, mit denen man nicht rechnen konnte. In Arturs Fall waren es die beiden Mädchen, die ihren Verpflichtungen derart gut nachgekommen waren, dass sie den Kommandanten beim gemeinsamen Liebesspiel ins Jenseits beförderten: Der Mann erlag einem Herzinfarkt.

Mit einem Schlag war alles vorbei.

Der Druck auf Vergissmeinnicht verpuffte.

Silber-Kurt war wieder im Spiel.

Und hatte endlich die Chance, sich alles zu holen.

44

So ganz konnte Aldo dann doch nicht aus seiner Haut.

An einem milden Frühlingstag Ende Februar präsentierte er uns mit dem unschuldig stolzen Gesicht eines Kindes, für das sich Weihnachten mal wieder so richtig gelohnt hatte, seine neueste Errungenschaft: einen Sechszylinder-Benz mit sieben Litern Hubraum, siebzig Pferdestärken und sagenhaften fünfundneunzig Kilometern Höchstgeschwindigkeit. Ein Monstrum von einem Automobil mit geschwungen Kotflügeln und breiten Trittbrettern, Abgasrohren, die seitlich aus dem Motorblock herausragten, und einer chrompolierten Tröte, die man zwei Blocks weiter noch hören konnte. Natürlich fuhr er nicht selbst, sein livrierter Chauffeur saß hinterm Lenkrad, während für ihn und einen weiteren Gast zwei geschützte Plätze in erhöhter Position im hinteren Teil vorgesehen waren.

Von dort winkte er Isi, mir und Hans zu.

»Ist es nicht großartig?«

Isi verschränkte die Arme vor der Brust.

»Bevor du etwas sagst!«, rief Aldo schnell. »Ich habe auch etwas für die Suppenküche!« Er griff neben sich und hielt eine eingerollte Architektenzeichnung in die Höhe. »Wir bauen an!«

»Was?«, fragte Isi irritiert.

»Na, wir vergrößern die Küche! Alles schon geplant! Zur Belohnung hab ich mir vor Weihnachten den Benz bestellt und ihn eben geholt. Na, was sagst du jetzt?«

Bevor Isi ihm das auf ihre eher undiplomatische Art und Weise mitteilen konnte, beugte ich mich zu ihr hinüber und flüsterte: »Er gibt sich Mühe, Isi.«

»Hm«, machte sie mürrisch.

Ein paar Momente schien sie unschlüssig, während Aldos Strahlen langsam einfror, dann aber gab sie sich einen Ruck und sagte: »Gut, machen wir eine Spritztour. Wollt ihr mit?«

Ich warf einen Blick auf das beeindruckende Auto und nickte: »Auf jeden Fall!«

Wir passten sogar zu viert auf die Rückbank. Die Fahrt wurde allerdings eine sehr, sehr kurze.

Denn kaum war der Benz mit tiefem, grollendem Motor losgefahren, hielten wir auch schon ein paar Hundert Meter weiter an der Suppenküche, wo Aldo den Chauffeur anwies, erneut zu hupen. Die lange Reihe der Hungrigen drehte sich zu uns herum, was mich vor Scham fast im Fußraum des Sitzes versinken ließ.

Aldo dagegen stieg beschwingt aus, half einer wegen des indiskreten Auftritts etwas mürrischen Isi galant auf den Bürgersteig, bevor er sich den grauen Menschen zuwandte und gut gelaunt grüßte.

»Wir bauen an!«, rief er und wedelte mit der Zeichnung.

Die Wartenden sagten nichts, was hätten sie auch antworten sollen? Aber eine der Köchinnen kam heraus und begrüßte Aldo und Isi überschwänglich, ja beinahe schon auf höfische Art: mit Knicks und Durchlaucht in der Anrede.

»Bitte, bitte, gute Frau. Kein Durchlaucht! Ich bin doch kein heiliges Relikt!«, gab Aldo bescheiden zurück und erntete dafür einen erneuten Knicks.

Mit der neuen Reichsverfassung waren zwar alle Privilegien für den Adel abgeschafft worden, die Titel aber durften getragen werden, wobei Aldo großzügig darauf verzichtete, Aldo Herzog von Torstayn oder eben Durchlaucht genannt zu werden. Sein Vater dagegen bestand als Familienoberhaupt auf den vollständigen Titel und die Anrede als Hoheit, weil er, wie Aldo uns einmal verraten hatte, nicht nur ein dünkelhafter alter Knochen, sondern ein reaktionärer Verfechter der Monarchie war und in Ostpreußen über seine Ländereien immer noch so regierte, als hätte es den Krieg nie gegeben.

Mittlerweile hatten sich die Hungrigen wieder umgewandt, tuschelten zwar noch über Aldo und Isi, aber beachteten uns ansonsten nicht weiter, sodass auch ich wagte, mit Hans auszusteigen. Die Schlange war lang, und es duftete appetitlich aus der geöffneten Tür die Straße hinab. Da blinzelte ich, weil ich meinen Augen kaum traute: Stand da nicht Phillip?

Ich war sicher, dass er mich gesehen haben musste, wenn er auch schnell den Kopf gesenkt hatte und sein Gesicht unter seinem Hut versteckte.

»Phillip?«, fragte ich vorsichtig, als ich bis auf zwei Schritt an ihn herangetreten war.

Er blickte auf und lächelte entschuldigend.

»Oh, hallo, Carl?«

»Was machst du hier?«, fragte ich.

Seit unserem Treffen waren etwa sechs Wochen vergangen, und ich hatte das Gefühl, dass sein Gesicht in der Zeit noch knochiger geworden war.

»Ich … also, ich … stehe an …«

Es war ihm sichtbar peinlich.

»Ich verstehe nicht …«, begann ich zögerlich.

Phillip blickte zu Hans hinab, der sich an meiner Hand festhielt: »Na? Wie heißt du denn?«

Hans sah erst zu ihm, dann zu mir, schwieg aber.

Phillip beugte sich zu ihm herab: »Hallo, ich bin Onkel Phillip. Und du?«

»Er heißt Hans«, half ich.

»Dein Sohn?«

Einen winzigen Moment zögerte ich, dann aber sagte ich: »Ja.«

Es fühlte sich gut an.

»Bist du verheiratet? Ich habe das letzte Mal gar keinen Ring an deiner Hand gesehen?«

»Meine … Frau … ist gestorben.«

Er nickte betrübt: »Das tut mir leid.«

»Du bist aber verheiratet, wie ich sehe?«, sagte ich daraufhin.

Er rieb sich den goldenen Ring an seinem linken Ringfinger und nickte nachdenklich.

»Also, wie kommt es, dass du hier bist, Phillip?«

Er räusperte sich: »Wir mussten aus Riga fliehen. Es gab so viele wütende Angriffe gegen Deutschbalten, dazu Enteignungen. Wir haben eingepackt, was wir tragen konnten, und sind los, damit sie uns nicht umbringen …«

»Ihr habt also alles verloren?«, rief ich erstaunt.

»Ich fürchte, ja.«

Ich kämpfte gegen ein Gefühl der Schadenfreude an. Es sah ganz so aus, als wären die bedeutenden Cureckens dorthin hinabgestoßen worden, wo gewöhnlicherweise jüdische Schneider ihr Leben fristen mussten. Gleichzeitig bedauerte ich Phillip, der sich mir gegenüber bisher tadellos verhalten hatte. Schließlich rang ich mich zu einer Kondolenz durch: »Das tut mir leid, Phillip.«

Er schnaubte ein wenig und antwortete: »Das Leben ist lächerlich.«

»Wohnst du hier in der Nähe?«, fragte ich, um Ablenkung bemüht.

Er nickte zögerlich: »In Lichtenberg.«

Bevor ich dazu kam, ihn nach seiner Familie zu fragen, hörte ich einen scharfen Pfiff ähnlich dem der Luden. Arnie hastete auf die Suppenküche zu, und das beunruhigte mich. Es gab eine Menge Leute, die vor ihm wegrannten, er selbst aber hatte es nie eilig. Auch Isi und Aldo, die mit der Köchin den Anbauplan studierten, sahen auf.

»Ich wohne hier in der Nähe, Voigtstraße fünfzig«, sagte ich schnell. »Besuch uns doch mal, wenn du Lust hast!«

Er nickte, wir schüttelten die Hände, dann nahm ich Hans auf den Arm und lief mit ihm zu Isi und Aldo, die Arnie gerade begrüßten. Der blickte erst zu Isi, dann zu mir und sagte: »Ihr müsst sofort mitkommen.«

»Ist was passiert?«, fragte ich aufgeschreckt.

Arnie sah kurz zu Aldo.

»Sag schon!«, forderte Isi.

Arnie nickte: »Sie haben Artur erwischt!«

45

Ich war wie gelähmt vor Schock, saß neben Aldos Chauffeur und starrte auf die Straße, über die ein rasender Benz hinwegflog, überholte, hupte, rechts wie links einscherte – ohne Rücksicht auf Verluste.

Es konnte nicht sein!

Es durfte nicht sein!

Artur war der Fels, der allem trotzte und uns vor dem Wüten der Welt beschützte. Seine Ruhe war unsere Heimat, seine Ideen hielten unser Schiff. Ohne ihn konnten wir nicht sein!

Isi lehnte in Aldos Arm und weinte, schrie den Chauffeur an, warum er nicht schneller fuhr, um schließlich ihr Gesicht hinter ihrem Unterarm zu verbergen und laut zu schluchzen.

Wir erreichten die Landsberger Allee in nur wenigen Minuten nach absolut halsbrecherischer Fahrt und hielten mit quietschenden Reifen vor dem Städtischen Krankenhaus. Ich sprang bereits aus dem Wagen, als der noch rollte, Isi tat es mir nach, sodass wir zusammen durch den Haupteingang rannten und auf der Suche nach Artur den Rezeptionisten bestürmten. Der verwies uns in die Chirurgie, wo wir erfuhren, dass Artur gerade operiert wurde.

Es blieb uns nichts anderes übrig, als dort, in einem kahlen Flur, auf einer harten Holzbank, auf ihn zu warten. Aldo kam nach, auch sein Chauffeur, der Hans an der Hand hielt. Ich bat ihn, den Jungen, meinen Jungen, dem Kindermädchen zu bringen, was er auch tat.

Zwei Stunden sprach niemand.

Isi und ich waren beide gleichermaßen totenbleich und hielten uns an unseren eisigen Händen, während Aldo rauchte und irgendwann Isi wieder in den Arm nahm.

»Ich hatte eigentlich noch eine Überraschung für dich«, flüsterte er ihr zu.

»Für heute habe ich wirklich genug Überraschungen gehabt!«, erwiderte Isi müde.

»Ich weiß.«

»Ein anderes Mal?«, fragte Isi und legte ihm ihre Hand an die Wange.

Aldo nahm und küsste sie.

»Natürlich!«

Sie schlang ihre Arme um ihn.

Vermutlich genoss jeder Mann diese Momente, wo er Fels sein durfte, wo er einfach nur da sein musste und Halt gab. Aldo machte es sichtbar glücklich. Er war wirklich sehr verliebt in Isi.

Endlich schwang eine doppelflügelige Tür auf: Artur wurde in einem Bett aus dem Operationssaal gerollt. Zwei Schwestern schoben ihn, dahinter folgte ein Arzt mit blutverschmiertem Kittel. Isi stürzte zu Artur ans Bett, fand ihn dort aber bewusstlos und ohne Maske vor, was seinen Zustand nur umso grauenvoller erscheinen ließ: Das, was in seinem Gesicht nicht geschwollen, verpflastert oder blutunterlaufen war, klaffte als Loch in seinem Kopf. Man mochte kaum glauben, dass er noch lebte, wenn man ihn so sah.

Isi entfuhr ein wilder Fluch, halb aus Angst, halb aus Wut, und sie packte die erste Schwester am Arm: »Wo ist seine Maske?!«

Die reagierte verdattert: »Ich … ich weiß es nicht.«

Mittlerweile stand ich beim Arzt: »Wie geht es ihm, Herr Doktor?«

»Er hatte innere Blutungen, die konnten wir stillen. Einige Rippen sind gebrochen, die Nase, mehrere Finger und Zehen.«

Ich nickte schluckend.

»Dazu eine Gehirnerschütterung, unzählige Prellungen und Stauchungen.«

»Wird er wieder, Herr Doktor?«

»Er ist in sehr guter körperlicher Verfassung. Wenn sich seine Wunden nicht entzünden, dann überlebt er es.«

»Danke, Herr Doktor.«

Isi und ich liefen neben Artur in seinem Rollbett her, bis wir in einen weiteren Flur gelangten, wo sie ihn in ein Krankenzimmer schoben und vor dem Fenster haltmachten.

»Er braucht jetzt viel Ruhe. Und Pflege.« Der Arzt blickte zu Isi, die bereits am Fußende des Bettes saß und Arturs bandagierte Hand hielt. »Ich lasse die Maske gleich bringen, Fräulein.«

Isi achtete nicht auf ihn.

Saß nur da und weinte still.

Als alle endlich draußen waren, setzte ich mich auf einen Stuhl gleich an Arturs Bett und dachte nur: Lass uns nicht allein, Artur. Bitte, lass uns nicht allein.

Später kamen auch die anderen.

Arnie, Harry und der Rest von Arturs Leuten: das verschworene Dutzend. Sie legten einen Wachplan fest, sodass immer mindestens zwei Männer bei Artur waren. Natürlich wich Isi ihm auch keine Sekunde von der Seite und hielt die Schwester auf Trab, verlangte ständig Verbandswechsel und Desinfizierungen, denn alles, wirklich alles musste getan werden, damit sich die Wunden nicht entzündeten.

Ich nahm mir zwei freie Tage im Glashaus.

Artur erwachte am nächsten Tag mit Schmerzen, auch wenn er nicht klagte, und konnte uns mit schwerer Zunge mitteilen, was passiert war: Silber-Kurt und fünf oder sechs seiner Männer hatten ihn abgepasst und nach kurzer, aber heftiger Gegenwehr überwältigt. Sie waren dann mit ihm in ein Haus gefahren und hatten ihn dort im Keller bearbeitet. Kurt hoffte, dass sich Artur ihm unterwerfen würde, wenn er ihm so seine Grenzen aufzeigte. Schließlich machte er ihm ein überraschendes Angebot.

»Eenen wie dir jibt et nur alle zehn Jahre!«, hatte er ihm gesagt. »Arbeite for mir, Artur. Führ an! Nur mir biste unterstellt! Sonst keen’m!«

Offenbar hatte er Kino-Paule seinen Aufstand so übel genommen, dass er mehr als bereit war, ihn zu degradieren.

Silber-Kurt gehörte zu denen, die niemals vergaßen. Und vor allem: niemals verziehen.

Artur, mittlerweile schon sehr mitgenommen und nur noch halb bei Bewusstsein, hatte ihm bedeutet, näher zu kommen. Aber nur, um ihm dann Blut und Speichel ins Gesicht zu spucken.

Silber-Kurt tobte vor Wut, ließ sich einen Hammer geben und zertrümmerte damit vier von Arturs Zehen. Und als der nicht genügend schrie, auch noch drei seiner Finger.

Dann hatte er abgelassen und gesagt: »Ick lass dir frei, Artur. Abba ick warn dir: Wenn de wieder rauskommst ausm Hospital, dann will ick een Ja hörn. Und wenn ick dit nich’ höre, dann ha’ ick jenuch von dir. Dann ha’ ick keene Verwendung mehr for dir. Vastehste mir?«

Das war nicht allzu schwer zu verstehen.

Zwei Männer von Vergissmeinnicht hatten daraufhin Artur gepackt und auf die Straße geworfen.

Und jetzt waren wir hier.

Nach drei Tagen schien Artur langsam wieder der Alte zu werden. Die Operationswunde heilte vorbildlich, eine Entzündung war nicht mehr wahrscheinlich. Der linke Fuß und die linke Hand waren eingegipst, die Rippen bandagiert und die vielen Platzwunden und offenen Beulen verpflastert worden. Es würde Wochen dauern, bis alles verheilt wäre, aber Artur war außer Gefahr.

Das änderte nichts daran, dass Silber-Kurt draußen auf eine Antwort wartete.

»Ich nehme nicht an, dass du klein beigeben wirst?«, fragte ich ihn eines Nachmittags, während Isi gerade einen Verband wechselte.

»Nein.«

»Aber du weißt, was passieren wird, wenn du es nicht tust?«

Artur nickte: »Klar.«

»Und trotzdem gibst du nicht nach?«

Artur nickte: »Das Geschäft ist, wie es ist, Carl. Ich erwarte nicht, dass du das verstehst.«

Isi klatschte ihm einen feuchten Lappen in die Visage: »Oh, Verzeihung, ist mir aus der Hand gerutscht!«

Artur zog ihn sich seufzend aus dem Gesicht.

»Ich sag dir nur eines, Artur«, fauchte sie. »Wenn Kurt dich umbringt, werde ich ihn umbringen.«

»Halt dich da raus, Isi!«, brummte Artur.

»Nein.«

»Artur!«, mahnte ich. »Bitte gib nach. Du weißt, dass sie das ernst meint. Und du weißt, dass wir beide dann die Nächsten sind.«

Artur schob sich aus der Matratze hoch und lehnte sich an die Rückwand seines Bettes. Ruhig sagte er: »Niemand von uns wird sterben.«

Wir sahen ihn neugierig an.

Da lächelte Isi: »Du hast doch einen Plan, oder?«

Artur nickte: »Ja, aber ich brauche dazu eure Hilfe.«

46

Wie üblich verlor Artur sich nicht gerade in Details, sodass wir nur ahnen konnten, was er vorhatte. Auch hielt er meinem Genörgel darüber mit großer Ruhe stand, dass das, was wir da für ihn vorbereiten sollten, seltsam und vor allem so wacklig anmutete, dass dagegen der letzte Plan mit dem Polizeikommandanten und den beiden Mädchen aus dem Eden solide, um nicht zu sagen genial gewirkt hatte.

»Und trotzdem ist er krachend gescheitert, und du liegst hier im Gips!«

Isi hatte mich gegen die Schulter gestupst: »Halt die Klappe!«

Und sich dann Artur zugewandt: »Verlass dich auf uns! Was immer du vorhast, wir werden unseren Teil beitragen!«

Erst später begriff ich, wie gut Artur seinen Gegenschlag vorbereitet hatte, auch wenn vieles von Unwägbarkeiten abhing. Wie schon bei seinem Coup im Stadtschloss am 9. November hatte er kühl seine Schlüsse aus dem politischen Geschehen gezogen, um daraus seinen Plan zu gießen.

Womit wir noch einmal zum Versailler Vertrag zurückkehren müssen.

Eine seiner vielen Bedingungen war, das Heer von etwa vierhunderttausend auf eine Sollstärke von hunderttausend Mann zu reduzieren. Als der Vertrag am 10. Januar in Kraft trat, wurde schnell klar, dass weder Offiziere noch Freikorps Interesse daran hatten, sich aus der Truppe werfen zu lassen. Die Regierung jedoch hatte keine Wahl, und so eskalierte die Situation am 29. Februar mit einer Anordnung von Reichswehrminister Gustav Noske, die Marine-Brigade Ehrhardt unter dem Befehl des charismatischen Korvettenkapitäns Hermann Ehrhardt aufzulösen.

Ehrhardt aber verweigerte den Befehl.

Und hielt Ausschau nach Verbündeten seiner Truppe, die nach der Auflösung der Garde-Kavallerie-Schützen-Division im Sommer jetzt den zweifelhaften Ruf hatte, das bedeutendste und vielleicht auch reaktionärste Freikorps des Reiches zu sein.

Lange musste er nicht suchen: General Walther von Lüttwitz, kommandierender Offizier der Berliner Reichswehr, dachte nicht im Traum daran, ausgerechnet die Freikorps gehen zu lassen, die sich als eiserne Faust der Macht bestens bewährt hatten. So forderte Lüttwitz seinerseits Reichspräsident Ebert am 10. März per Ultimatum auf, den Auflösungsbefehl zurückzunehmen. Und wurde daraufhin von Gustav Noske am 11. März wegen Insubordination in den einstweiligen Ruhestand versetzt.

Das waren die Fakten.

Das war, was jedermann wusste.

Artur setzte das Bild zusammen: Ein Putsch drohte!

Sogar in den Berliner Abendzeitungen wurde darüber spekuliert, auch wenn viele nicht daran glauben wollten. Für Isi und mich bedeutete das Ganze jedenfalls, dass wir uns an einen genauen Ablauf zu halten hatten und erst loslegen durften, wenn Artur dazu das Signal gab.

Das tat er dann am frühen Morgen des 13. März 1920.

Auch wir hatten in der Zwischenzeit die nötigen Vorbereitungen getroffen: Isi flanierte an diesem Morgen in ihrem schönsten Kleid in der Nähe des Schlesischen Bahnhofs über die Andreasstraße und sah so bezaubernd aus, dass sich alle Männer nach ihr umdrehten. Sie trat in die Conditorei Witt, ein im Vergleich zu den anderen Örtlichkeiten der Gegend recht ansehnliches Lokal, setzte sich dort an eines der Tischchen, bestellte Kaffee und wartete.

Es war nicht allzu viel Betrieb. Sie sonnte sich in der Aufmerksamkeit der Besucher, bis ein paar Minuten später der eintrat, dem sie mit kecken Blicken zu verstehen geben würde, dass sie nichts gegen eine kleine kitzelige Konversation hätte: Kino-Paule.

Sie gab ihm ein paar Minuten Zeit, mit den weiblichen Angestellten zu poussieren, all seine erlernten Posen durchzuspielen, bis er sich endlich an seinen Stammplatz setzte, um wie jeden Tag dort genüsslich zu frühstücken.

Nach einem ausgiebigen Blick in einen der Spiegel, entdeckte er Isi, und da die nicht abgeneigt schien, wähnte Kino-Paule sich förmlich im Glück: Das hier würde sein Tag werden! Und in gewisser Weise sollte er recht behalten. Diesen Tag würde er für den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen.

Seinen Hut lässig in den Händen drehend trat er an Isis Tisch und sagte galant: »Will meinen, dit Sie die schönste Frau sin’, die ick je in mei’m Leben jesehen hab!«

Isi lächelte. »Ich wette, das sagen Sie jeder, Sie Charmeur!«

»In Ihrem Fall isset abba die blanke Wahrheit!«

Isi lachte: »Immer ehrlich, was?«

»Darf ick Sie zu ein’m Jetränk einlad’n, Frollein?«

Isi gab ihm mit einer Geste zu verstehen, dass er das durfte.

»Mit wem ha’ ick denn die Ehre?«, fragte er.

Sie hielt ihm die Hand zum Kuss hin: »Lotte.«

Wieder Lotte, wie auch am 9. November schon.

Er beugte sich zu ihr hinab und hauchte einen Kuss auf ihren weißen Handschuh: »Paule.«

Er setzte sich und winkte eine Bedienung heran: »He! Mä’chen! Sekt for die Dame!«

Die Bedienung eilte mit einer Flasche in einem Kühler heran, dazu zwei Gläser. Paule öffnete, vergaß auch nicht, den Korken ordentlich knallen und durch die Gegend fliegen zu lassen, dann schenkte er ein.

Man prostete sich zu.

»Se sind neu inna Stadt?«, fragte Paule.

Isi nickte. »Ja, tatsächlich.«

»Janz alleene?«

Isi kicherte: »Na, Sie gehen aber ran!«

»Ick kann jar nich’ anders, Frollein. Se verwirren mir so!«

Wieder prosteten sie einander zu.

»Sie gefallen mir, Paule!«, begann Isi. »In meiner Branche wäre jemand wie Sie sehr gefragt!«

»In welche Brangsche sin’ Se denn?«

»Raten Sie!«

Paule sah sie lange an, dann sagte er: »Schauspielerin!«

Isi nickte beeindruckt: »Donnerwetter! Sie haben aber ein Auge!«

»Dit war nich’ schwer! Jemand, der so schön is’, wär für allet andere vaschwendet! Ha’ ick Sie vielleicht schomma in ein Film jesehen?«

»Vielleicht …«

»Se müssen wissen: Film is’ meen Steckenpferd!«

»Wirklich? Na, so ein Zufall! Da haben sich ja die Richtigen gefunden, was?«

»Jawoll, Frollein. Als wennwer foreinander jemacht wär’n!«

»Wer weiß«, gurrte Isi. »Vielleicht sind wir das ja.«

Da lächelte Paule und fragte: »Wo könnt’ ick Sie denn schomma jesehen ham?«

»Sie werden mich bald sehen. Ich habe gerade erst einen Kontrakt bei der UFA unterschrieben.«

Diesmal war Paule wirklich beeindruckt und murmelte fast schon ehrfürchtig: »UFA …«

Isi lächelte: »Sie sollten es auch versuchen, mein Lieber! Nach einem Mann, der so unverschämt gut aussieht, leckt man sich dort die Finger!«

»Mein’n Se?«, fragte Paule geschmeichelt.

»Das meine ich nicht, das weiß ich.«

Paule trank einen Schluck und gab dann seine beste Version des versonnenen In-die-Ferne-Guckers: »Ick hab da auch schon dran jedacht, abba et jeht nich’. Ick bin eenfach zu … beschäfticht.«

»Ein Jammer!«, seufzte Isi. »Ich hätte Sie Lubitsch vorgestellt.«

Isi konnte sehen, wie der Satz bei Paule einschlug, der aber weiterhin tapfer die Pose hielt. Dann aber wandte er sich ihr doch zu und fragte betont lässig: »Sie kenn’n Lubitsch?«

»Nun, ich kenne einen Freund von Lubitsch. Jemanden, der großen Einfluss auf ihn hat.«

»Tatsächlich?«

Isi zuckte mit den Schultern: »Aber Sie sind ja zu beschäftigt, um ihn zu treffen.«

Paule räusperte sich: »Nu, so beschäftigt nu ooch wieder nich’ …«

»Na, sieh mal einer an!«

»Also, Frollein, wenn Sie ’n Treffen arrangieren täten: Ick wär Ihnen schwer vapflichtet!«

»Wären Sie das?«

»Jeder Wunsch wär mir Befehl!«

Isi sah ihn ruhig an und sagte dann: »Sie sehen wie jemand aus, der Wünsche erfüllen kann. Oder irre ich mich?«

»Wie meinen?«, fragte Paule irritiert zurück.

Isi sah sich verstohlen um, dann flüsterte sie: »Ich glaube, dass Sie … gewisse Dinge besorgen können. Sehe ich das richtig?«

Paule nickte: »Vollkomm’n richtig.«

Wieder tat Isi, als ob sie nachdachte, und murmelte vor sich hin: »Ein Schieber in der Familie kann nicht verkehrt …« Dann klatschte sie in die Hände: »Gut! Dann machen wir es! Ich bringe Sie mit Lubitsch zusammen, und Sie sind mir dafür einen Gefallen schuldig, abgemacht?«

»Abjemacht, schönet Frollein!«

Isi erhob sich: »Na, dann mal los!«

Paule sah sie erstaunt an: »Wat denn? Jetzt gleich?«

»Warum nicht? Ich bin ohnehin mit meinem Freund verabredet. Da bring ich Sie einfach mit. Ich nehme an, Sie haben ein Automobil?«

Paule sprang auf und sagte: »Ick besorg eens. Warten Se nur een Momang!«

Er zahlte, verließ die Conditorei Witt und kehrte wenige Minuten später zurück.

Isi stieg in ein Ford T-Modell, das, verglichen mit den Automobilen, die Aldo oder Artur fuhren, furchtbar war, aber sie lächelte Paule an, als hätte der sie mit einer von zwölf Schimmeln gezogenen goldenen Kutsche abgeholt.

So tuckerten sie in die Innenstadt, bis in die Friedrichstraße, wo ich die beiden trotz des wüsten Verkehrs und der vielen Passanten gleich entdeckte und Isi ein kleines Zeichen gab.

Sie stiegen aus, und Isi stellte mich ihrem neuen Freund vor.

»Sie sin’ also der Kameramann?«, fragte mich Paule neugierig.

Ich nickte bescheiden.

»Und Sie hab’n ooch bei Madame Dubarry mitjewirkt?«

»Ja.«

»Ich habe ihm versprochen, dass er Lubitsch kennenlernt, Carl!«

Ich sah sie empört an: »Bist du verrückt geworden? Alle wollen Lubitsch kennenlernen! Ich kann ihm doch nicht jeden deiner Freunde vorstellen!«

»Aber, Carl, mein Freund Paule ist ein großes Nachwuchstalent! Und du hast doch immer gesagt, Lubitsch sucht Männer wie ihn!«

»Das schon …«

»Na, siehst du! Ich schwöre dir, er wird begeistert sein! Sie sollen sich nur einmal die Hände schütteln, damit er ihn ansieht!«

»Ich weiß nicht …«

»Ich wäre dir auf das Äußerste verbunden, Carl!«, lockte Isi.

Vermutlich hätte ich an diesem Punkt, wenn ich Isi nicht gekannt hätte, auch ohne unser abgesprochenes und zudem furchtbares Bauerntheater zugestimmt.

Ich blickte Paule in sein flehendes Gesicht. Entgegen meiner Befürchtungen bekam er offenbar nicht viel von unserem Schauspiel mit, sondern hoffte nur, ich würde zustimmen.

Nach einer angemessenen Pause nickte ich: »Na gut. Meinetwegen.«

Paule ballte erfreut die Fäuste: »Toll!«

»Aber!«, mahnte ich. »Nur ein kurzes Kennenlernen! Sie bedrängen ihn nicht, Sie sagen nichts Dummes, verstanden? Wenn er Sie mag, wird er es mich wissen lassen, und ich werde Ihnen dann sagen, wo Sie sich offiziell bewerben können. Einverstanden?«

»Absolut! Danke!«

Ich seufzte pathetisch.

Dann drohte ich Isi mit dem Finger: »Und du hörst damit auf, verstanden? Der junge Mann hier ist der erste und der letzte, den du mir anschleppst!«

»Versprochen!«

Isi hob die Finger zum Schwur.

Ich lud Paule mit einer Geste ein, mir zu folgen.

»Ich warte hier auf dich!«, flötete Isi Paule nach.

Die Friedrichstraße war wie ein Spiegel der Stadt. Auf der einen Seite hektische Betriebsamkeit, Automobile, Männer in eleganten Mänteln, Frauen mit kapriziösen Hüten, auf der anderen die Bettler und Kriegskrüppel, die hier auf Barmherzigkeit hofften: verlorene Gestalten, Männer ohne Arme oder Beine, zerstörte Gesichter. Wie der Mann mit dem zerschossenen Gesicht, der eine Büchse Münzen klimpern ließ und immer nur »blind, blind« sagte.

Immer wieder: »Blind, blind.«

Sonst nichts.

Den ganzen Tag.

Zwischen den Extremen der Rest: die Angestellten, das Personal, die Arbeiter. Immer in Eile. Angetrieben von ihren Dienstherren und der Angst vor der Arbeitslosigkeit. Dem Hunger. Der Straße der Bettler, die ihnen stetige Warnung war, was passierte, wenn sie nicht alles taten, was man von ihnen verlangte.

Wir bogen in die Wilhelmstraße und traten ins Peltzer.

Der Laden war so teuer, dass sich nur wenige Privilegierte den Aufenthalt leisten konnten. Lubitsch arbeitete hier und in ähnlichen Cafés mit seinem Freund und Co-Autor Hanns Kräly, weil es in solchen Lokalitäten schön ruhig war. Weil ihn hier niemand bestürmte, während sie an neuen Drehbüchern arbeiteten.

Ich fand sie an einem großen Ecktisch im hinteren Teil über Papiere gebeugt, der eine schrieb, der andere gestikulierte wild.

Tief durchatmend näherte ich mich sehr langsam mit Paule im Schlepptau und hoffte, dass Lubitsch aufsah und mich vielleicht grüßte. Das tat er glücklicherweise auch. Rasch nahm ich Kurs auf ihn und streckte ihm meine Hand zum Gruß: »Hallo, Herr Lubitsch! Schön, Sie zu sehen!«

»Hallo, Carl!«

Ich gab auch Kräly die Hand, der mir freundlich zunickte.

Lubitsch grinste: »Zahlen wir dir so viel, dass du dir das hier leisten kannst?«

»Leider nein, Herr Lubitsch. Ich wollte nur meinem Freund hier mal das Peltzer zeigen!«

Und schon schob ich Paule vor: »Darf ich vorstellen: Ernst Lubitsch! Paul Bott! Ein großer Verehrer Ihrer Kunst!«

Paule sprang vor und schüttelte Lubitsch aufgeregt die Hand, während mir der Schweiß ausbrach: Ich hatte Paule mit vollem Namen vorgestellt! Einem Namen, den ich offiziell gar nicht kannte! Ich war ein solcher Idiot! Am liebsten hätte ich mich selbst geohrfeigt.

Kino-Paule schien meinen Fauxpas nicht bemerkt zu haben und versicherte Lubitsch nur, dass er alle seine Filme kennen würde. Lubitsch war aufgestanden und nickte freundlich: Er war viel zu höflich, als dass er uns weggescheucht hätte, obwohl ich wusste, dass er Situationen wie diese hasste.

»Ernie!«

Hinter uns flog eine Frauenstimme durch den Raum.

Paule drehte sich um und starrte in das Gesicht Pola Negris.

Erstaunt.

Entzückt.

Dann nahm er auch ihre Hand und verbeugte sich zum Handkuss: »Frau Negri! Se sin’ noch schöna als in Ihre Filme!«

Pola war entzückt, sie war immer entzückt, wenn man ihr Komplimente machte, und ihrem Blick nach zu urteilen gefiel ihr außerdem, was sie da vor sich sah.

»Vielen Dank, junger Mann!«

Dann sah sie zu Lubitsch rüber und fragte: »Was gibt es so Dringendes, Ernie?«

Lubitsch verkniff sich eine Bemerkung zu seinem Spitznamen und fragte nur zurück: »Was meinst du?«

»Nun, ich sollte un-be-dingt vorbeikommen!«

»Davon weiß ich nichts, Pola.«

»Man ließ es mir ausrichten, Ernie. Und jetzt bin ich da!«

»Ich habe nichts ausrichten lassen, Pola!«, entschuldigte sich Lubitsch.

Ich schluckte: Natürlich hatte er das nicht.

Das war ich gewesen.

»Was hast du denn da?«, fragte sie und nickte zu dem Drehbuchentwurf auf dem Tisch. »Eine neue Rolle für mich?«

Ich fasste Pauls Arm und nickte allen zu: »Die Herrschaften, Frau Negri? Wir ziehen weiter!«

Pola sah kurz zu mir herüber, dann erst schien sie zu bemerken, dass Paul nach wie vor ihre Hand hielt: »Sieh mal an, der hübsche junge Mann ist ja immer noch hier?«

Paul verbeugte sich zu einem weiteren Handkuss.

Dann schob ich ihn raus, während er sich kaum von Pola Negris dunklen Augen losreißen konnte.

»Das reicht jetzt!«, zischte ich leise und führte ihn hinaus.

Draußen atmete ich tief durch.

Nicht zu fassen!

Alles hatte geklappt.

Paule war völlig aus dem Häuschen: »Unjlaublich! Die Negri! Un’ ham Se jesehn, wie die mir anjekiekt hat! Diese Augen!«

»Ja«, bestätigte ich. »Sie haben ihr gefallen.«

»Nich’ wahr! Nich’ wahr!«, rief Paule. »Sie müssen da was for mir arrangiern, Carl! Sie müssn! Ick besorch Ihnen allet, wat Se wolln.«

»Mal sehen!«

»Ick beschwör Ihnen, Carl. Icke und die Negri! Een Wahnsinn!«

Drei riesige Männer traten an uns heran – ich kannte sie alle drei, wenn auch einen besser als die anderen beiden: Arnie.

Ein paar Momente brauchte Paule, um zu begreifen, dass sie wegen ihm da waren, dann sah er mich wütend an: »Paul Bott! Du wusstest die janze Zeit, wer ick bin.«

Ich nickte: »Es ist Zeit für den Gefallen, Paule.«

»Dit Frollein natürlich ooch!«, zischte Paule sauer. »Ick bin so blöd!«

Seinem Gesicht sah ich an, dass er, noch während er sprach, auszuloten versuchte, ob er entkommen konnte. Da legte ich ihm schnell die Hand auf den Arm: »Wenn die Männer dich hätten umbringen wollen, dann hätten sie das längst getan, Paule.«

»Wat wollt ihr?«, fauchte er.

Arnie nickte zu Arturs Wagen, der am Bürgersteig parkte: »Steig ein!«

»Und denn?«

»Du musst dich jetzt entscheiden …«

Paule blickte von einem zum anderen.

Was sollte er tun?

Sein Leben hing davon ab.

47

Es ist der Tag der Entscheidungen.

Stürzt die Republik?

Gerüchte überall: Die Marine-Brigade Ehrhardt ist einmarschiert. Fünftausend Mann soll sie stark sein. Dazu noch andere Freikorps und deren Offiziere. Die Menschen auf der Straße flüstern sich zu, dass die Regierung geflohen ist. Angeblich nach Dresden, aber nichts Genaues weiß man nicht.

Ich gehe die Wilhelmstraße hinauf bis zur Leipziger – dort haben Soldaten die Straße gesperrt: Ab hier weht wieder die schwarz-weiß-rote Reichsflagge. Das Regierungsviertel ist auch gesperrt. Ich werde von Passanten geschubst, von Soldaten angeschnauzt, irre weiter, versuche, die Barrikaden zu umgehen.

An anderer Stelle gelingt es mir voranzukommen, und ich staune: Zeitungsschlagzeilen verkünden den Putsch. Zum neuen Reichskanzler soll sich ein gewisser Wolfgang Kapp ernannt haben, und ich frage mich, wer das sein soll. Ich habe den Namen nie gehört, auch andere, die ich frage, kennen den Mann nicht oder kaum. Angeblich ist er ein Generallandschaftsdirektor aus Ostpreußen.

Ein Landschaftsdirektor?

Jemand drückt mir ein Flugblatt der SPD in die Hand, die zum Generalstreik aufruft, und ich denke: Wieso sind die nicht hier? Wieso fliehen die, jedes Mal wenn es ernst wird? Wieso wenden die sich immer erst dann an die Arbeiter, wenn die für sie kämpfen sollen?

Mittlerweile bin ich am Brandenburger Tor angekommen.

Die Linden sind schwarz vor Menschen.

Reichsflaggen überall.

Und Soldaten der Marine-Brigade Ehrhardt.

Man erkennt sie gut, denn sie haben sich ein Zeichen gegeben, das ich an diesem 13. März das erste Mal in meinem Leben sehe: das Hakenkreuz.

Mit Kreide oder weißer Farbe haben sie es auf ihre Helme gemalt.

Auf die Lastkraftwagen.

Auf die Geschütze.

Hakenkreuze überall.

Dann plötzlich höre ich Musik: Eine Militärkapelle spielt auf.

Menschen stehen davor und lauschen. Ein Putsch wie ein Rummel! Das ist einfach nur noch lächerlich! Wie kann man jetzt Musik zuhören? Aber viele tun es. Erbauliches von Musikern, die ebenfalls das Hakenkreuz aus Kreide tragen.

Da teilt sich plötzlich die Menge: Ein Wagen ohne Verdeck fährt langsam vor.

Einer neben mir zeigt auf den Mann auf dem Rücksitz und ruft: »Das ist er! Das ist Ehrhardt!«

Der Wagen hält – ich sehe ihn vor mir.

Ein gut aussehender Mann in Uniform mit Kinnbärtchen und gestutztem Schnauzbart auf dem Rücksitz. Fast wie ein Musketier sieht er aus. Die Schirmmütze lässig in die Stirn gezogen, umspielt ein überlegenes Lächeln sein Gesicht. Er zieht die Blicke auf sich, auch meinen. Dieser Mann ist es gewohnt, dass man ihm folgt, ihm gehorcht. Sein Charisma ist bis in die dritte Reihe spürbar, wo ich stehe.

Plötzlich taucht eine junge Frau an der hinteren Wagentür auf.

Und ich denke verwirrt: Das kann nicht sein!

Das ist unmöglich!

Sie hebt ein Kind in die Höhe und hält es Ehrhardt hin, als wäre er der Papst, der es segnen soll. Ehrhardt lächelt und kneift dem Jungen zart in die Wange. Die Frau, die den Jungen hält, lacht und ruft: »Ein treuer Soldat, Exzellenz! So treu wie wir alle!«

Ich starre die Frau an.

Das ist Alma.

Unser Kindermädchen.

Sie hält Hans.

Meinen Sohn!

Paule sitzt zwischen Arnie und einem der anderen eingekeilt und befürchtet, dass er jetzt sterben wird. Er wusste vorher schon, dass man Artur besser keinen Anlass geben sollte, sich an einem zu rächen, aber Silber-Kurt hat förmlich einen Narren an dem Halbgesicht gefressen.

Und jetzt wird er deswegen sterben.

Sie fahren Richtung Lichtenberg, Paule bekommt gar nicht richtig mit, wo er sich gerade befindet, es ist aber auch egal: Er kommt hier nicht raus. Er ist nicht einmal wütend auf Artur, denn welche Wahl hat der schon gehabt? Aber er ist wütend auf Silber-Kurt, denn diese ganze Eskalation ist seine Schuld, und nun zahlt er, Paule, die Zeche für etwas, das er gar nicht bestellt hat.

Sie halten.

Paule sieht sich um, aber es ist niemand auf den Straßen.

Wohnkasernen.

Wahrscheinlich befinden sie sich ganz in der Nähe von Arturs Zuhause.

Das hier ist sein Land.

Paule ist sich sicher, dass niemand etwas gesehen haben wird, sollten vielleicht irgendwann Schutzpolizisten herumstreunern und nach ihm fragen. Niemand wird Artur verraten, die Menschen hier schätzen ihn. Im Gegensatz zu Silber-Kurt behandelt er sie gut und hilft sogar den Schwächsten. So hört man jedenfalls.

Sie steigen aus. Er könnte einen Fluchtversuch wagen, aber wie weit würde er kommen? Oder soll er flehen, schreien wie ein Mädchen? Nein, nicht so! Niemand soll später behaupten, er hätte um sein Leben gebettelt!

Niemals!

Sie geleiten ihn zu einem der wenigen Einfamilienhäuser, schubsen ihn dort hinab in den Keller: Es ist dunkel hier, kalt und feucht. Die Luft riecht modrig, vor ihnen eine Tür, unter deren Spalt Licht hervorkriecht.

Arnie drückt die Klinke hinunter, sie treten ein.

Paule zuckt zurück.

Was ist hier los?

Vor ihm sitzt Silber-Kurt an einen Stuhl gefesselt.

Er sieht übel aus.

Die Augen zugeschwollen, die Lippen geplatzt, Bläschen aus Blut und Speichel vor seinem Mund. Die Hände sind hinter der Lehne zusammengebunden, sein Hemd zerrissen. Überall blaue Flecken, Kratzer, Beulen.

Da nimmt er eine Bewegung wahr: Aus dem Schatten des mit einer Petroleumlampe nur schwach ausgeleuchteten Raumes tritt Artur hervor. Er sieht auch nicht gut aus, aber seine Wunden sind verbunden, Hand und Fuß eingegipst. Die Knöchel seiner rechten Hand bluten: Damit hat er offensichtlich Silber-Kurt bearbeitet.

Hinter ihm stehen noch zwei seiner Leute im Dunkel.

Nur die Silhouetten sieht man.

»Schön, dass du es einrichten konntest!«, sagt Artur und greift mit der gesunden Hand hinter seinen Rücken.

Er zieht einen Revolver hervor und hält ihn in die Höhe.

»Es ist Zeit, ein paar Rechnungen zu begleichen«, sagt er ruhig.

Paule schluckt und nickt.

Auch Isi wird vom Putsch überrascht, kommt aber gar nicht erst dazu, sich ins Gewühl zu stürzen, um möglicherweise etwas furchtbar Dummes zu tun. Aldo holt sie mit diesem monströsen Benz ab, diesmal fährt er sogar selbst. Er ruft ihr zu, dass sie einsteigen soll. Sie ist ein wenig hin- und hergerissen: In der Stadt spielt sich gerade Historisches ab, und da soll sie mit Aldo spazieren fahren? Der spürt ihr Zögern und lächelt. »Bitte! Es ist sehr wichtig!«

Es interessiert sie natürlich, was er vorhat, neugierig, wie sie von Natur aus ist. Sie denkt, dieser Putsch wird sicher noch dauern, und dann kann sie ja immer noch sehen, ob sie etwas dagegen unternimmt. Und was.

Sie setzt sich neben Aldo auf den Beifahrersitz, zusammen röhren sie raus aus der Innenstadt.

»Was ist denn so wichtig?«, fragt sie.

»Gleich«, antwortet Aldo.

Sie fahren in den Westen.

In den Grunewald, wo seine Villa steht.

Da, wo es schön ist.

Nicht so abgerissen wie der Norden oder Osten.

Er hält und bittet sie galant aus dem Auto.

Führt sie in die schneeweiße Gründerzeitvilla, in der livrierte Diener und Dienstmädchen natürlich alles längst vorbereitet haben.

»Du erinnerst dich, dass ich dir schon letzte Woche etwas sagen wollte …«

»Du meinst, als Artur überfallen wurde?«

»Ja.«

»Und das holst du jetzt nach?«

»Ja.«

Sie sind durchs Haus gegangen. Er öffnet die Terrassentür zum Garten. Dort steht ein festlich gedeckter Tisch mit silbernen Speiseglocken über zwei Porzellantellern, offensichtlich ein frühes Mittagessen.

Isi lächelt: Sie hat sogar Hunger. Lässt sich von Aldo den Stuhl zurechtrücken, bevor auch der sich setzt und auf die Glocken zeigt.

»Guten Appetit!«

Sie heben sie zusammen hoch und blicken auf zwei Buletten.

Mehr nicht.

Isi lacht und sagt: »Nicht dass du dich an so einfachem Essen noch vergiftest, Aldo.«

Er hat gehofft, dass sein Scherz gut bei ihr ankommen würde. Jetzt steht er auf und kniet sich vor sie.

»Isi … Luise Beese. Die letzten Wochen und Monate mit dir haben mir eines gezeigt: Ich möchte, nein, ich kann nicht mehr ohne dich sein! Du machst mich zu einem besseren Menschen, und jetzt hoffe ich, dass ich gut genug für dich bin. Daher …«

Er greift in eine Tasche seines Jacketts.

Zieht ein Schmuckkästchen hervor.

Öffnet es.

»Möchtest du meine Frau werden?«

Ein Ring, besetzt mit einem mittelgroßen Diamanten, funkelt Isi an. Nicht protzig, aber auch nicht so, dass es gleichgültig wirkte. Etwas, das man einem geliebten Menschen schenkt, ohne ihn damit kaufen oder blenden zu wollen.

Isi nimmt ihn hoch und sieht ihn an: Er ist wunderschön.

Sekunden vergehen, bis ich endlich meine Stimme finde und laut »ALMA!« rufe. Sie hört es, sieht sich irritiert um, bis sie mich erkennt. Sie hält Hans immer noch im Arm und zieht ihn jetzt schnell von Ehrhardt zurück.

Ich sehe, wie sie erst rot wird, dann totenbleich.

Die stille Alma.

Die Theo gepflegt und sich dann liebevoll um Hans gekümmert hat.

Die einem kaum in die Augen sehen kann, die zu jeder Bitte einen zustimmenden Knicks macht. Das Hausmädchen, das immer da war und doch niemand sah.

Da steht sie.

Gleich neben Hermann Ehrhardt, einem der gefährlichsten Männer des Reiches. Einem, an dessen Händen Blut klebt. Und hält ihm meinen Sohn zum Segen hin.

Endlich löst sich meine Erstarrung.

Wütend springe ich nach rechts, schiebe rücksichtslos Schaulustige zur Seite, während sie Hans rasch auf den Boden stellt und blitzschnell in der Menge verschwindet.

Überall stehen diese Idioten mir im Weg, ich ramme sie, schubse, fluche. Gerate mit einem in Streit, der mich am Kragen packt und mir eine reinhauen will.

»Mein Junge!«, schreie ich ihn an. »Da vorne!«

Zu sehen ist in dem Gewühl natürlich nichts mehr.

Der Kerl lässt mich los, und mit großer Mühe kämpfe ich mich um Ehrhardts Auto herum und gelange an die Stelle, an der ich Alma und den Kleinen das letzte Mal gesehen habe.

Hans ist weg.

Ich suche den Boden ab, aber sehe nur Hosenbeine und Rockschöße.

»HANS!«

Ich schiebe mich vor wie ein Schiff im Packeis, den Blick auf den Boden gesenkt, aber da sind nur Füße, Schuhe und über mir Stimmen, die sich über mich beschweren.

»HANS! HANS!«

Wie konnte ich mich nur so in Alma täuschen? Und wie sehr muss sie geschauspielert haben, denn wo wir politisch stehen, hat sie von Anfang an gewusst. Aber sie ist geblieben, weil sie sonst nichts hatte. Weil Nationalismus nicht satt macht und keine Miete zahlt. Da kann man sich dann ja auch von den Demokraten durchfüttern lassen. Und ich denke wütend: Wieso haben wir denn einfach angenommen, dass wer Arbeiter oder Magd ist, kein Monarchist sein kann? Kein Reaktionär?

Und jetzt ist der Junge fort, allein gelassen, wieder einmal. All die kleinen Fortschritte, die wir gemacht haben, mit einem Mal zunichtegemacht. Was passiert jetzt mit ihm?

Die Menge lichtet sich.

Im nächsten Moment ist Platz.

Ich sehe hektisch nach rechts, nach links.

Will wieder nach ihm rufen.

Da entdecke ich ihn.

Jemand hat ihn auf den Arm gehoben.

Phillip.

Artur und Paule sehen sich an.

»Was glaubst du, warum du hier bist?«, fragt Artur.

»Weil du dir rächen willst«, antwortet Paule.

»Nein.«

»Nee?«, fragt Paule erstaunt zurück.

Artur schüttelt den Kopf, tritt näher an ihn heran.

»Du bist hier, weil ich dir ein Angebot machen will.«

Paule runzelt die Stirn: »Wat forn Anjebot?«

»Wat redste denn da?!«, flucht Silber-Kurt auf seinem Stuhl. »Nischt kannste Paule bieten, jar nischt!«

Eben noch schien Silber-Kurt bewusstlos, jetzt aber hebt er den Kopf und sieht mit zugeschwollenen Augen in ihre Richtung.

»Mach mir los, du Hund!«, schreit er.

Der Silberzahn fehlt.

Paule entdeckt ihn auf dem Boden. Mit zwei anderen Zähnen.

Artur sieht Paule in die Augen: »Hör jetzt genau zu, Paule. Diese Sache wird hier und heute enden. Die Frage ist nur: Wie?«

»Wat haste denn anzubieten?«

Artur entgegnet ruhig: »Vergissmeinnicht!«

»Dit kannste nischt!«, antwortet Paule überzeugt.

»Ich tu es gerade. Wenn du einschlägst, lassen wir Silber-Kurt verschwinden, und du bist die neue Nummer eins.«

»Dreckijer Scheißkerl!«, schreit Silber-Kurt.

Artur tippt Paule auf die Brust: »Ich will, dass wir beide ein neues Kapitel aufschlagen.«

Paule blickt zu Kurt, der da jämmerlich auf seinem Stuhl sitzt.

Artur kann sehen, wie Paule in seinem Kopf die Möglichkeiten durchrattert.

»Denk mal an die UFA, Paule. Hast du nicht heute jemand sehr Interessantes kennengelernt?«

Paule nickt langsam.

»Lubitsch, die Negri?«

Artur kommt noch etwas näher an ihn heran und hebt Zeigefinger und Daumen vor sein Gesicht. »So ein kleines Stück bist du noch davon entfernt, so ein kleines Stückchen. Ich kann all deine Träume wahr werden lassen: Dinner mit der Negri. Filme mit Lubitsch. Partys mit Harry Liedtke und Emil Jannings.«

Paule sieht auf den winzigen Spalt zwischen Arturs Zeigefinger und Daumen.

»Die Tür ist offen, Paule. Oder …«

Artur schnippst Zeigefinger und Daumen gegeneinander, dreht die Innenfläche seiner Hand nach oben und pustet hinein: »Ich nehme dir alles weg. Für immer! Deine Entscheidung.«

Paule schluckt.

Dann fragt er vorsichtig: »Und Kurt?«

»Kurt ist tot, Paule. Und ich will nur eines wissen: Folgst du ihm, oder nimmst du seinen Platz ein?«

»Wir könn’n … Du kannst ’n nicht einfach abmurksen, Artur! Die anderen werden kommen!«

»Nein. Und weißt du, warum? Weil wir einen Putsch haben. Weil die Rechten wieder rumballern. Und die Linken auch. Weil es viele Tote geben wird. Und Kurt wird einer davon sein.«

Deswegen hatten wir warten müssen.

Auf Unruhen.

Auf Gewalt.

Auf die Gelegenheit, jemanden loszuwerden, ohne dass es irgendwen interessiert.

»Du bist selbst Zeuge, Paule. Du warst dabei, als die Freikorps auf euch geschossen haben. Als sie sich Kurt geschnappt, ihn verprügelt und dann umgelegt haben. Und schließlich, Paule, wirst du aufrücken. Die neue Nummer eins sein.«

Silber-Kurt spuckt aus: »Ick werd dir umbringen, Artur! Ick schneid dir in Stücke, du Schwein!«

Artur konzentriert sich nur auf Paule: »Weißt du, dass er mir deinen Posten angeboten hat, Paule?«

»Dit stimmt nich, Paule. Dit is’ nich’ real!«

Artur steht direkt vor Paule: »Sieh mich an. Und sag mir, ob ich dich gerade angelogen habe.«

Paule starrt ihn an.

Woran denkt er jetzt? An die Demütigungen, die er durch Kurt hat hinnehmen müssen? An den Brand und an die Probleme, die sich daraus ergeben haben? An die Schlägerei? An das, was ihm die anderen vielleicht schon geflüstert haben, nachdem sie Artur verschleppt hatten?

Dann nickt er.

Er weiß, dass Artur ihm die Wahrheit gesagt hat.

»Dir lej ick ooch um, du Varräta!«, schreit Silber-Kurt.

Artur drückt Paule den Revolver in die Hand.

Die anderen Männer im Raum ziehen ihre Waffen und zielen auf Paule.

»Entscheide dich jetzt!«

Artur tritt zur Seite und gibt den Weg frei.

Zögernd stellt sich Paule vor den sitzenden Kurt, während Artur nahe hinter ihm steht.

»Wer willst du sein, Paule?«, flüstert er ihm zu. »Was willst du sein?«

Silber-Kurt sieht zu ihnen hinauf: Ein Bild des Jammers ist er.

Paule feuert ihm dreimal in die Brust.

Kurt ist tot.

Artur greift nach dem Revolver und windet ihn Paule langsam aus den Fingern.

Dann geben sie sich die Hände.

Aldo schiebt Isi den Ring auf den Finger und wiederholt seine Frage.

Da lächelt sie und antwortet: »Ja.«

Aldo strahlt.

Ich stürze zu Phillip und hebe ihm Hans vom Arm.

»Danke!«, sage ich. Und noch einmal: »Danke.«

Aber ich habe Fragen.